{"id":48461,"date":"2019-01-14T15:51:57","date_gmt":"2019-01-14T14:51:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48461"},"modified":"2019-01-14T15:56:45","modified_gmt":"2019-01-14T14:56:45","slug":"venezuela-die-zweite-amtszeit-nicolas-maduros-und-die-delegitimierungs-maschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48461","title":{"rendered":"Venezuela \u2013 Die zweite Amtszeit Nicol\u00e1s Maduros und die \u201eDelegitimierungs\u201d-Maschine"},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenen 10. Januar leistete Nicol&aacute;s Maduro vor dem regierungsnahen Obersten Gerichtshof einen Amtseid auf seine zweite, sechsj&auml;hrige Amtszeit als Pr&auml;sident Venezuelas. &Uuml;ber <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44033\">die Pr&auml;sidentschaftswahlen<\/a>, die Maduro im Mai 2018 mit 68 Prozent der Stimmen gewann, herrschen heftige Kontroversen. Ein Artikel von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZum einen wurden sie vom profiliertesten Wahlb&uuml;ndnis der Opposition, &ldquo;Tisch der Demokratischen Einheit&rdquo; (MUD), boykottiert, von einzelnen Oppositionskandidaten wie dem besiegten Henry Falc&oacute;n zun&auml;chst als legitim empfunden und mitgetragen, jedoch nachtr&auml;glich vom zerstrittenen Oppositionsblock, den USA, der Organisation der Amerikanischen Staaten (Spanisch: OEA), der Europ&auml;ischen Union sowie von der Mehrheit des medialen Mainstreams von &bdquo;illegitim&ldquo; bis &bdquo;betr&uuml;gerisch&ldquo; verrufen.<\/p><p>Seit Monaten erg&auml;nzen sich Pr&auml;sident Donald Trumps Sicherheitsberater <a href=\"https:\/\/www.brasil247.com\/pt\/247\/mundo\/373910\/Conselheiro-de-Trump-declara-guerra-contra-Cuba-Venezuela-e-Nicar%C3%A1gua.htm\">John Bolton<\/a> und der Au&szlig;enminister und ehemalige CIA-Direktor <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2019\/01\/12\/americas\/pompeo-venezuela\/index.html\">Mike Pompeo<\/a> in der Beschw&ouml;rung ihrer konservativen B&uuml;ndnispartner unter den lateinamerikanischen Regierungen &ndash; allen voran die sogenannte <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lima_Group\">Lima-Gruppe<\/a> &ndash; zu h&auml;rteren Sanktionen und der endg&uuml;ltigen Destabilisierung der Regierung Nicol&aacute;s Maduro.<\/p><p><strong>Offensive der &bdquo;Parallelm&auml;chte&ldquo;<\/strong><\/p><p>Noch w&auml;hrend Maduro seinen Amtseid leistete, verabschiedete der St&auml;ndige Rat der OEA eine Resolution, die die Rechtm&auml;&szlig;igkeit der bis 2025 ausgedehnten Amtszeit des gew&auml;hlten venezolanischen Pr&auml;sidenten nicht anerkennt und die &bdquo;Durchf&uuml;hrung von Neuwahlen in enger Abstimmung mit internationalen Beobachtern&ldquo; fordert. In der zweiten Januarwoche hatten 13 der 14 Mitglieder der Lima-Gruppe au&szlig;erdem einer Erkl&auml;rung zugestimmt, in der die Rede von &bdquo;illegitimen&rdquo; Wahlen und Nicht-Anerkennung von Maduros neuem Mandat ist. Als einziges Mitglied verweigerte die neue mexikanische Regierung Andr&eacute;s M. L&oacute;pez Obrador ihre Unterschrift unter das Dokument und bot sich als &bdquo;Br&uuml;cke des Dialogs&ldquo; an.<\/p><p>Zur Radikalisierung des Schlachtrufs gegen die Regierung Nicol&aacute;s Maduro werden s&auml;mtliche Register gezogen. Von der au&szlig;enpolitischen Isolierung &ndash; wie der von Paraguay vollzogene Abbruch diplomatischer Beziehungen &ndash; &uuml;ber Instruktionen an die erzkonservative venezolanische Opposition, bis hin zu Treffen der US-Geheimdienste mit abtr&uuml;nnigen Milit&auml;rs, &uuml;ber die im vergangenen Jahr zum ersten Mal <a href=\"https:\/\/www.elnuevoherald.com\/noticias\/mundo\/america-latina\/venezuela-es\/article218058900.html\">berichtet wurde<\/a>.<\/p><p>Pompeo versch&auml;rfte die Attacke der innenpolitisch krisengesch&uuml;ttelten Trump-Administration und <a href=\"https:\/\/mundo.sputniknews.com\/politica\/201901121084694036-pompeo-eeuu-trabaja-para-democracia-nuevo-gobierno-venezuela\/\">rief zur Bildung einer &bdquo;neuen Regierung&ldquo; auf<\/a>. Dem folgte per Twitter eine <a href=\"https:\/\/twitter.com\/TSJ_Legitimo\/status\/1083755547889942528\">Aufforderung des &bdquo;Legitimen Obersten Gerichtshofs im Exil&ldquo;<\/a> an den Vorsitzenden der von der Opposition seit 2015 mehrheitlich kontrollierten Nationalversammlung, Juan Guaid&oacute;, &bdquo;Artikel 233 der Verfassung keine Folge zu leisten&ldquo; und sich umgehend zum neuen Staatschef zu erkl&auml;ren.<\/p><p>Der 36-j&auml;hrige Guaid&oacute; nutzte die Gunst der Stunde und deklarierte sich einen Tag nach Maduros Amtseid tats&auml;chlich zum neuen &bdquo;Pr&auml;sidenten Venezuelas&ldquo;. Als einzige Regierungen auf dem amerikanischen Kontinent &uuml;berst&uuml;rzten sich Donald Trump und das brasilianische Bolsonaro-Regime mit der sofortigen Anerkennung Guaid&oacute;s.<\/p><p>Zwei Tage sp&auml;ter wurde Guaid&oacute; am Nachmittag des Sonntags, 13. Januar, von Agenten des venezolanischen Geheimdienstes SEBIN <a href=\"https:\/\/www.perfil.com\/noticias\/internacional\/denuncian-que-el-temible-sebin-chavista-habria-detenido-al-opositor-juan-guaido.phtml\">verhaftet<\/a>, jedoch wenige Stunden sp&auml;ter wieder auf freien Fu&szlig; gesetzt. Pr&auml;sident Maduro ordnete die Untersuchung mit umgehender Entlassung der involvierten Agenten an, derem Einsatzleiter &bdquo;&uuml;bereilige Amtshandlung und Kontakte zur rechtsextremen Szene&ldquo; vorgeworfen wurde. Der Staatschef unterstellte, eine gestellte Festnahme habe die &bdquo;Inszenierung einer Medienshow&ldquo; zur Absicht gehabt.<\/p><p>W&auml;hrend das kritische Internet-Portal <em>Maduradas<\/em> eine weitere hemds&auml;rmelig inszenierte &bdquo;Kom&ouml;die&ldquo; des Pr&auml;sidenten <a href=\"https:\/\/maduradas.com\/dan-risa-gobierno-responsabiliza-este-comisario-del-sebin-detencion-guaido-dicen-lo-investigaban-nexos-la-derecha-foto\/\">belachte<\/a>, goss umgekehrt Kolumbiens neuer, ultrakonservativer Pr&auml;sident Iv&aacute;n Duque Benzin ins lodernde Feuer und rief dazu auf, &bdquo;Venezuela von der Diktatur zu befreien&ldquo;.<\/p><p><strong>Die Destabilisierungs-Maschine: der &bdquo;Legitime Oberste Gerichtshof&ldquo; im US-Exil<\/strong><\/p><p>Nicht wenige Journalisten und Experten r&auml;tseln seit geraumer Zeit dar&uuml;ber, woher die OEA, ihr rechtsextremer Vorsitzender Luis Almagro und die USA ihre Argumente im Feldzug gegen die Regierung Venezuelas beziehen.<\/p><p>Man mag die Regierung Nicol&aacute;s Maduro bewerten, wie man will. Man sollte seine dilettantischen wirtschaftspolitischen Vers&auml;umnisse, institutionellen Grabenk&auml;mpfe und die daraus resultierende soziale Katastrophe mit der Massenauswanderung von rund 3 Millionen Venezolanern &ndash; einem Zehntel der Gesamtbev&ouml;lkerung &ndash; nicht kleinreden und verharmlosen. Doch weder hat der venezolanische Regierungschef die Macht &bdquo;usurpiert&ldquo;, noch herrscht in Venezuela eine &bdquo;Diktatur&ldquo;.<\/p><p>Vielmehr bildete sich im Kontext der erwiesenen Dialogunf&auml;higkeit von Regierung und Opposition eine erzreaktion&auml;re Schattenregierung heraus, wovon der &bdquo;Oberste Gerichtshof Venezuelas im Exil&ldquo; die treibende programmatische Kraft ist. Dessen drakonischen wie lachhaften Urteile der vergangenen zwei Jahre verdeutlichen allerdings, in welchem Ausma&szlig; die explosive Machtaufsplitterung die au&szlig;enpolitische Offensive befeuert, die weder ernsthaften Dialog noch Demokratie, sondern die Konfrontation zum Ziel hat.<\/p><p>Der &bdquo;Legitime Oberste Gerichtshof von Venezuela im Exil&ldquo; setzt sich aus 33 Richtern zusammen, die im Juli 2017 von der konservativen Nationalversammlung w&auml;hrend der institutionellen Krise und den Stra&szlig;enschlachten als &bdquo;Ersatz&ldquo; f&uuml;r die im Dezember 2015 von der scheidenden Nationalversammlung ernannten &bdquo;chavistischen&ldquo; Richter gew&auml;hlt wurden. Juristen und die NGO &bdquo;Access to Justice&ldquo; hatten Unregelm&auml;&szlig;igkeiten angeprangert, auch Generalstaatsanw&auml;ltin Luisa Ortega D&iacute;az kritisierte die Benennung, die ihrer Ansicht nach die &bdquo;institutionelle Unordnung&ldquo; s&auml;te.<\/p><p>Nach Konfrontationen mit der Regierung Maduro flohen die Richter allesamt ins Exil, darunter nach Panama, Chile, Kolumbien und in die USA. Ihre verschiedenen Fachkammern arbeiten t&auml;glich an eingehenden Klagen, die sie auf <a href=\"http:\/\/tsjlegitimo.org\/\">ihrer Webseite<\/a> per E-Mail erhalten. Ihre Entscheidungen treffen sie jede Woche per Konferenzschaltung im Internet.<\/p><p>Im August 2017 trafen sich sieben Hohe Richter in Washington DC mit hochrangigen US-Funktion&auml;ren, darunter Vizepr&auml;sident Mike Pence, der Organisation politisch verfolgter und exilierter Venezolaner (Veppex) in Miami sowie mit OEA-Generalsekret&auml;r Luis Almagro und dem rechtsextremen kolumbianischen Ex-Pr&auml;sidenten Andres Pastrana. Im Oktober 2017 erhielt die Gruppe der exilierten Richter am Sitz der OEA in Washington DC ihr B&uuml;ro und ernannte Miguel &Aacute;ngel Mart&iacute;n zum Vorsitzenden. Im gleichen Monat trafen sechs Richter in Santiago de Chile ein, nachdem sie bei der chilenischen Botschaft in Caracas Schutz beantragt hatten.<\/p><p>Zu den hirnrissigen, militanten Urteilen des &bdquo;Legitimen Obersten Gerichtshofs Venezuelas&ldquo;, vor und w&auml;hrend des Exils seiner Mitglieder, geh&ouml;ren folgende Beschl&uuml;sse:<\/p><ul>\n<li>Nach einer Beschwerde der Oppositionsf&uuml;hrer Diego Arria, Maria Corina Machado, Antonio Ledezma und Cecilia Sosa erkl&auml;rte die Verfassungskammer am 25. Oktober 2017 die Wahl der Verfassungsgebenden Versammlung f&uuml;r null und nichtig und forderte deren Nicht-Anerkennung und Aufl&ouml;sung.<\/li>\n<li>Am 13. November 2017 erlie&szlig; die Verfassungskammer des Gerichts eine Anweisung an die Regierung Maduro, innerhalb von 5 Tagen f&uuml;r die Einrichtung eines sogenannten &bdquo;humanit&auml;ren Kanals&ldquo; zu sorgen, der die Zusammenarbeit u.a. zwischen der OEA, den Vereinten Nationen und dem Europ&auml;ischen Parlament sicherstelle, und drohte f&uuml;r den Fall, dass die Regierung sich weigere, dem Folge zu leisten, mit dem &bdquo;Eingriff der internationalen Gemeinschaft&ldquo;.<\/li>\n<li>Am 18. November 2017 erlie&szlig; die Politische Verwaltungskammer eine vorbeugende Ma&szlig;nahme zur Aussetzung des Regierungsdekrets zur Schaffung des sogenannten Orinoco-Bergbau-Bogens, mit dem Ziel der erweiterten einheimischen und internationalen &Ouml;l- und Bergbau-Exploration und erh&ouml;hter staatlicher Einnahmen.<\/li>\n<li>Am 21. November 2017 leitete die Berufungskammer eine Klage des abtr&uuml;nnigen Generalmajors Hebert Garc&iacute;a Plaza an die Staatsanwaltschaft des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH) weiter, in der 60 Regierungsbeamte &ndash; darunter Nicol&aacute;s Maduro, Tarek El Aissami, Nestor Reverol, Vladimir Padrino L&oacute;pez, Diosdado Cabello und Antonio Benavides Torres &ndash; der &bdquo;Teilnahme an Verbrechen gegen die Menschlichkeit&ldquo; beschuldigt wurden. Kammervorsitzender Jos&eacute; Troconis begr&uuml;ndete die Entscheidung, den IStGH anzurufen, mit der &bdquo;Unf&auml;higkeit&ldquo; der Kammer, private Anliegen zu behandeln.<\/li>\n<li>Am 4. Dezember 2017 hob das Gericht den von der Regierung Nicol&aacute;s Maduro beschlossenen Austritt Venezuelas aus der OEA und dem Interamerikanischen Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte (CIDH) mit der Begr&uuml;ndung auf, &bdquo;diese Entscheidungen versto&szlig;en unmittelbar gegen die Verfassung und die von der Verfassung garantierten Rechte aller Venezolaner&ldquo;.<\/li>\n<li>Mit f&uuml;nfj&auml;hriger R&uuml;ckwirkung ordnete das Gericht am 11. Januar 2018 die Annullierung der Pr&auml;sidentschaftswahlen von 2013 an, nachdem Anwalt Enrique Aristeguita Gramcko angebliche Beweise f&uuml;r die Unw&auml;hlbarkeit Nicolas Maduros vorgelegt hatte. In seiner skurrilen Klage argumentierte Aristeguieta, dass nach Artikel 96 Absatz b der Verfassung Kolumbiens Nicolas Maduro Moros bis dahin nicht bewiesen habe, in Venezuela geboren zu sein, und als Sohn einer kolumbianischen Mutter und seiner in Kolumbien verbrachten Jugend im Grunde &bdquo;geb&uuml;rtiger Kolumbianer&ldquo; sei.<\/li>\n<li>Am 7. Mai 2018 setzte der Oberste Gerichtshof den Nationalen Wahlrat (CNE) davon in Kenntnis, das Gerichtsplenum habe Nicol&aacute;s Maduro vom Amt suspendiert und seine Qualifizierung f&uuml;r &ouml;ffentliche &Auml;mter annulliert, und forderte den CNE dazu auf, Maduros Wahlbeteiligung bis zum Urteil in einer Bestechungsklage im Zusammenhang mit der Firma Odebrecht zu verhindern. Der Vorwurf angeblicher Bestechung wurde niemals bewiesen.<\/li>\n<li>Am 15. Mai 2018 erkl&auml;rte die Wahlkammer des Gerichts die f&uuml;r 2018 einberufenen Pr&auml;sidentschaftswahlen f&uuml;r &bdquo;gesetzwidrig&ldquo; und annullierte das von der Verfassungsgebenden Versammlung erlassene Dekret Nr. 6361 vom 23. Januar 2018 sowie den Aufruf des Wahlrats CNE.<\/li>\n<li>Am 3. Mai 2018 erkl&auml;rte der Oberste Gerichtshof die Suspendierung von Maduros Pr&auml;sidentschaft und ordnete ein Bewerbungsverbot des Pr&auml;sidenten f&uuml;r s&auml;mtliche &ouml;ffentlichen &Auml;mter an. OEA-Generalsekret&auml;r Luis Almagro schloss sich dem Suspendierungsurteil an und verh&auml;ngte auf Kontinental-Ebene die Nicht-Anerkennung von Maduros Pr&auml;sidentschaft.<\/li>\n<li>Am 15. August 2018 verurteilte der Oberste Gerichtshof Nicol&aacute;s Maduro einstimmig zu 18 Jahren und 3 Monaten Gef&auml;ngnis im Ramo-Verde-Gef&auml;ngnis wegen der gegen ihn erhobenen Korruptionsvorw&uuml;rfe sowie zur Zahlung einer 35-Milliarden-Dollar-Strafe <em>(sic!)<\/em> zur Entsch&auml;digung des &ouml;ffentlichen Verm&ouml;gens.<\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: Marcos Salgado\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen 10. Januar leistete Nicol&aacute;s Maduro vor dem regierungsnahen Obersten Gerichtshof einen Amtseid auf seine zweite, sechsj&auml;hrige Amtszeit als Pr&auml;sident Venezuelas. &Uuml;ber <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44033\">die Pr&auml;sidentschaftswahlen<\/a>, die Maduro im Mai 2018 mit 68 Prozent der Stimmen gewann, herrschen heftige Kontroversen. 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