{"id":48489,"date":"2019-01-17T13:00:21","date_gmt":"2019-01-17T12:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48489"},"modified":"2019-04-25T15:11:31","modified_gmt":"2019-04-25T13:11:31","slug":"warum-moralisieren-der-linken-nicht-weiterhilft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48489","title":{"rendered":"Warum Moralisieren der Linken nicht weiterhilft"},"content":{"rendered":"<p>Bernd Stegemann, Professor an der Berliner Hochschule f&uuml;r Schauspielkunst &bdquo;Ernst Busch&ldquo; und Dramaturg am Berliner Ensemble sowie Mitinitiator der Bewegung &bdquo;Aufstehen&ldquo;, hat ein neues Buch vorgelegt: <em>Die Moralfalle. F&uuml;r eine Befreiung linker Politik.<\/em> <strong>Udo Brandes<\/strong> hat das Buch f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen. Er h&auml;lt es f&uuml;r lesenswert. Ich w&uuml;rde &uuml;ber die vielen Wortkonstruktionen stolpern. Das f&auml;ngt schon beim Doppelbegriff &bdquo;Moralpopulismus&ldquo; an. Pr&uuml;fen Sie selbst. Die Buchbesprechung soll dabei helfen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDieses Buch wird vielen Linksliberalen und Linken, die gerne moralisch argumentieren, ganz und gar nicht gefallen. Denn es entlarvt die blinden Flecke ihrer Moral und deren argumentative Methode: die Paradoxie. Und nat&uuml;rlich auch die Scheinheiligkeit eines (oft) gutsituierten b&uuml;rgerlichen Milieus, das immer wieder gerne die von Armut betroffenen Schichten moralisch belehrt. Stegemann spricht deshalb in seinem Buch von &bdquo;Moralpopulismus&ldquo;. Ein Begriff, der insofern aus linker Perspektive problematisch ist, weil der Begriff &bdquo;Populismus&ldquo; von neoliberalen Medien und Politikern als politischer Kampfbegriff eingesetzt wird, um vom Mainstream abweichende Meinungen zu denunzieren und von der &ouml;ffentlichen Debatte auszuschlie&szlig;en. Und das, ohne inhaltlich argumentieren zu m&uuml;ssen. Au&szlig;erdem ist Politik, und zwar jede Art von Politik, erst recht demokratische Politik, notwendigerweise &bdquo;populistisch&ldquo;, also zuspitzend und emotionalisierend. Insofern ist der Begriff eigentlich nichtssagend. Aber vor allem sollte er gemieden werden, weil er aus der Waffenkammer der Neoliberalen stammt und deren reaktion&auml;rer Politik n&uuml;tzt. <\/p><p>So viel kann ich schon gleich sagen: Stegemanns Buch ist eine lesenswerte Analyse, die aber nicht immer ganz einfach zu verstehen ist. Ich gebe deshalb zu: Am meisten Spa&szlig; gemacht hat mir das Kapitel, in dem Stegemann polemisch mit viel Ironie und Sarkasmus Harald Welzer (&bdquo;Der Gemeinschaftskundelehrer&ldquo;) und sein Buch <em>Wir sind die Mehrheit<\/em> sowie Carolin Ehmcke (&bdquo;Die Predigerin&ldquo;) und ihr Buch <em>Gegen den Hass<\/em> nach allen Regeln der Kunst auseinandernimmt. Dazu weiter unten mehr. <\/p><p>Stegemann erl&auml;utert seine zentrale These am Beispiel der Fabel vom Hasen und Igel, die ein Wettrennen in zwei nebeneinander liegenden Ackerfurchen verabredet haben. Immer gewinnt der Igel das Wettrennen, wie oft sie es auch wiederholen. Der Grund daf&uuml;r: Am anderen Ende des Ackers wartet bereits die Frau des Igels, die genauso aussieht wie er und sich f&uuml;r ihn ausgibt. Wenn sie den Kopf hebt und sagt &bdquo;Ich bin schon da&ldquo;, duckt sich der Igel und ist nicht mehr zu sehen. So verliert der Hase Mal auf Mal das Wettrennen, bis er schlie&szlig;lich vor Ersch&ouml;pfung tot umf&auml;llt. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mit der Fabel vom Wettlauf zwischen Hase und Igel l&auml;sst sich gut beschreiben, in welcher Form die meisten gesellschaftlichen Widerspr&uuml;che heute verhandelt werden. Indem die eine Seite ihre Position verdoppelt, kann die andere den Wettlauf nicht mehr gewinnen. Die Verdoppelung des Standpunktes ist die Folge einer raffinierten Denkbewegung, die man seit der Antike Paradoxie nennt. In ihr werden zwei Positionen zugleich eingenommen, die sich jedoch gegenseitig ausschlie&szlig;en. Reckt der eine Igel seinen Kopf hervor, duckt sich der andere in die Furche. Gilt das eine, so gilt das andere gerade nicht. Wer nun versuchen will, die eine Position zu widerlegen, der wird sofort mit der anderen konfrontiert&ldquo; (S. 7).\n<\/p><\/blockquote><p>Stegemann veranschaulicht diese Vorgehensweise mit einer Paradoxie, der wir alle in den Medien, der Werbung und vor allem in der Ideologie von Motivations- und Erfolgstrainern regelm&auml;&szlig;ig begegnen: N&auml;mlich in der Aufforderung, man m&ouml;ge sich doch frei entfalten und ganz man selbst sein. Diese Aufforderung sei jedoch faktisch ein Paradox, weil sie mit der zus&auml;tzlichen Bedingung von Marktkonformit&auml;t einhergehe:  <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sei ganz du selbst, aber genauso wie es der Arbeitsmarkt von dir verlangt&ldquo; (S. 15).\n<\/p><\/blockquote><p>Die Konsequenz dieses gesellschaftlichen Drucks zur Selbstentfaltung, die in der realen Welt aber immer marktkonform ausgerichtet sein muss, seien ersch&ouml;pfte Menschen, denen die Sorge um ihre materielle Existenz das Leben verg&auml;llt, und einsame, isolierte Menschen ohne Halt in der Gesellschaft. Trotz dieser sozialen Verwerfungen habe linke Politik ein ganz anderes Bet&auml;tigungsfeld f&uuml;r sich entdeckt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Besch&auml;ftigung mit allen ethnischen und sexuellen Minderheiten verspricht seit Jahren mehr &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit als die uncoole Klasse der Armen. So hat sich die Linke in einen identit&auml;tspolitischen und einen sozialpolitischen Fl&uuml;gel gespalten. Beide haben sich inzwischen so weit voneinander entfernt, dass die Bezeichnung &sbquo;links&rsquo; auseinanderzubrechen droht. W&auml;hrend die sozialpolitische Linke weiterhin an die solidarische Verabredung des Wohlfahrtsstaates glaubt, hat sich die identit&auml;tspolitische Linke immer &ouml;fter von den Strategien und Zielen des Neoliberalismus vereinnahmen lassen&ldquo; (S. 15).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Links und Rechts haben sich verdoppelt<\/strong><\/p><p>Deshalb, so Stegemann, bestehe das Problem heute darin, dass sich sowohl Rechts als auch Links verdoppelt haben:<\/p><blockquote><p>\nEs gibt das Rechts des Ressentiments und Nationalismus und es gibt das Rechts des Neoliberalismus, das sich mit den Attit&uuml;den der Weltoffenheit und Diversit&auml;t schm&uuml;ckt. Es gibt das Links der sozialen Frage und es gibt das Links der Identit&auml;tspolitik, das sich vor allem mit Fragen der Anerkennung und Diversit&auml;t verbindet. Die komplizierten Verbindungen, die Rechts und Links in Gestalt von neoliberaler Politik und Identit&auml;tspolitik eingehen, f&uuml;hren im politischen Feld zu gr&ouml;&szlig;ten Orientierungsproblemen. Die parteipolitische Antwort besteht darin, dass CDU und Gr&uuml;nen zusammen regieren wollen&ldquo; (S. 10).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die Machtstrategie der Paradoxie funktioniert auch als informelle Koalition<\/strong><\/p><p>Stegemann veranschaulicht diesen Zusammenhang an einem aktuellen Beispiel aus der politischen Debatte. Dieses Beispiel zeigt sehr sch&ouml;n, wie die Machtstrategie der Paradoxie auch als informelle, partei&uuml;bergreifende Koalition funktioniert und ein h&ouml;chst effektives Werkzeug f&uuml;r konservative, rechte Politik ist:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es gibt offensichtlich zu wenige Menschen, die f&uuml;r das geringe Gehalt den Beruf des Altenpflegers oder der Altenpflegerin aus&uuml;ben wollen. Der Vorschlag des CDU-Gesundheitsministers besteht nun darin, Menschen aus L&auml;ndern mit niedrigeren L&ouml;hnen anzuwerben. Eine linke Politik m&uuml;sste diesen Vorschlag kritisieren, weil er dazu f&uuml;hrt, dass die L&ouml;hne niedrig bleiben oder sogar noch niedriger werden. Wie aber reagiert die Partei der Gr&uuml;nen? Sie begr&uuml;&szlig;t diesen Vorschlag als ein fremdenfreundliches Zeichen und unterstellt zugleich der sozialen linken Kritik Fremdenfeindlichkeit. Die moralische Forderung nach Einwanderung dominiert demnach die soziale Frage nach den Auswirkungen auf die Geh&auml;lter. So ergeben CDU-Vorschlag und Reaktionen der Gr&uuml;nen ein gemeinsames Bollwerk, bei dem die Globalisierung des Arbeitsmarktes die Gewinnchancen des Kapitals steigert. Der CDU-Minister spielt also zusammen mit den Gr&uuml;nen die beiden Igel, zwischen denen der einsame Hase einer sozialen linken Politik ausgetrickst wird. Hiermit hat man das erste Beispiel f&uuml;r eine Moralfalle, in der eine unliebsame Position stillgestellt wird&ldquo; (S. 8).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Der Begriff &bdquo;Moralfalle&ldquo; meint nicht die Doppelmoral<\/strong><\/p><p>Diese Moralfalle, so Stegemann, beschreibe also nicht den Vorgang, den konservative Kritiker meinen, wenn sie gen&uuml;sslich feststellen, dass jemand seinen eigenen moralischen Anspr&uuml;chen nicht gerecht geworden ist. Die alkoholisiert Auto fahrende Bisch&ouml;fin, der Steuern hinterziehende Politiker oder der Bonusmeilen nutzende Abgeordnete seien damit also nicht gemeint. Die Moralfalle bezeichne vielmehr, dass moralisch anstatt interessenbezogen argumentiert wird. Oberfl&auml;chlich betrachtet n&uuml;tze diese Art der Argumentation der moralisierenden Seite und st&uuml;tze deren Werte. Tats&auml;chlich jedoch bewirke sie am Ende das Gegenteil und schw&auml;che die verfochtenen Werte. <\/p><p>Um dies mal anhand der Migrationsfrage zu konkretisieren: Je &ouml;fter Linke und Linksliberale die Moraltrompete tuten und alle offensichtlichen Probleme und Konflikte, die mit Einwanderung zusammenh&auml;ngen (und unter denen vor allem die unteren Klassen zu leiden haben) ignorieren und verleugnen, und jeden Kritiker der Einwanderung als Rassisten, Nazi oder Rechten moralisch an den Pranger stellen, desto mehr f&uuml;hrt dies letztlich dazu, dass Werte wie Weltoffenheit, Toleranz, Liberalit&auml;t und Solidarit&auml;t in der Gesellschaft geschw&auml;cht werden. Eine These, die in den letzten Jahren durch die Wirklichkeit, sprich die Wahlerfolge der AFD, eindrucksvoll bewiesen wurde.<\/p><p><strong>Das Moralisieren zerst&ouml;rt demokratische Kultur<\/strong><\/p><p>Stegemann sieht im Moralisieren eine Selbstzerst&ouml;rung der politischen &Ouml;ffentlichkeit. Ich habe ihn so verstanden, dass er damit meint, Moralisieren in der Politik zerst&ouml;re die demokratische Kultur einer Gesellschaft, weil abweichende Meinungen gnadenlos verfolgt und ausgegrenzt werden. Er beschreibt dies am Beispiel der USA:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine ganze Generation von Studierenden (in den USA; UB), die wegen ihrer zur Schau gestellten Zerbrechlichkeit als &sbquo;Schneeflocken&rsquo; oder &sbquo;Tumbler-Liberale&rsquo; bezeichnet wird, dominiert gerade das linke Spektrum der &Ouml;ffentlichkeit. Ihr Kennzeichen ist eine Hypersensibilit&auml;t in allen Fragen der Identit&auml;t, eine Blindheit gegen&uuml;ber &ouml;konomischen Fragen und das unbedingte Verlangen, die eigene Verletzlichkeit absolut zu setzen. (&hellip;.) Das immer wieder zu beobachtende moralische Paradox tritt hier in einer besonders drastischen Weise auf. Die eigene Fragilit&auml;t und Opfermentalit&auml;t geht &uuml;bergangslos zu boshaften Gruppenattacken &uuml;ber und endet nicht selten in dem Versuch, den Ruf und das Leben anderer im gleichen politischen Milieu zu zerst&ouml;ren&ldquo; (S. 105).\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Beschreibung l&auml;sst sich auch auf deutsche Verh&auml;ltnisse &uuml;bertragen. Auch daf&uuml;r hat Stegemann ein gutes Beispiel. Die Wochenzeitung Die Zeit musste feststellen, dass man in ihrem liberalen Lesermilieu bestimmte Fragen nicht stellen darf. In ihrer Ausgabe vom 12. Juli 2018 stellte die Redaktion mit einem Artikel die Frage zur Diskussion, ob die privat organisierte Seenotrettung im Mittelmeer wirklich sinnvoll sei oder ob diese sich nicht zum unfreiwilligen Helfer von kriminellen Schlepperbanden mache. Sofort nach dem Erscheinen habe sich ein Shitstorm &uuml;ber die Autorin des Artikels und den stellvertretenden Herausgeber Bernd Ulrich ergossen. Letzterer publizierte dann nach wenigen Stunden auf Twitter die folgende Einsicht: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe heute am eigenen Leib mitbekommen, wie es ist, wenn die fl&uuml;chtlingsfreundliche Gemeinde ins Gefecht zieht. &sbquo;Arsch offen, Zeit-Redakteure t&ouml;ten? Zivilisationsbruch, die Zeit aus dem Diskurs raus, mit Kaffee verbr&uuml;hen, ma&szlig;lose Entt&auml;uschung.&rsquo; Ich kann jetzt besser ersp&uuml;ren, warum Leute aus Trotz weiter nach rechts gehen. Ich bin kein fragiles Gem&uuml;t, bei mir wird das nicht passieren. Aber man sollte schon mal &uuml;berlegen, ob Humanismus mit nichthumanen Sprechen erreicht werden kann. Gute Nacht Freunde&ldquo; (S. 199-200).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Der Gemeinschaftskundelehrer und die Predigerin<\/strong><\/p><p>Nun zu meinem Lieblungskapitel in Stegemanns Buch, das Kapitel &uuml;ber <em>Die Moralisten<\/em>, in dem Harald Welzer und Carolin Emcke aufs Korn genommen werden. Stegemann &uuml;ber Welzers Buch:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das schmale B&auml;ndchen <em>Wir sind die Mehrheit<\/em> liest sich wie der Vortrag eines Gemeinschaftskundekehrers, dem eines Morgens der Geduldsfaden gerissen ist. Schon beim Fr&uuml;hst&uuml;ck hat er seiner Frau mit verschmitzten L&auml;cheln angek&uuml;ndigt, dass er heute auf den Tisch hauen wird. Als er endlich vor seinen Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern steht, str&ouml;men die vorbereiteten S&auml;tze aus dem Baukasten f&uuml;r Ermutigung und Ermahnung in flotter Folge aus ihm heraus. Doch Harald Welzer ist kein Gemeinschaftskundelehrer, sondern Deutschlands erster Moralapostel, und so h&auml;lt er nicht nur einigen Sch&uuml;lern eine lange Moralpredigt, sondern gleich der ganzen Nation. Hier muss sich niemand Sorgen machen, er k&ouml;nne etwas nicht verstehen oder geriete gar in eine Situation, wo ihm etwas in der Welt fragw&uuml;rdig vorkommen k&ouml;nnte. Welzers Welt ist sauber eingeteilt in die Guten und die B&ouml;sen. Aber Vorsicht, die B&ouml;sen sind gerade dabei, die Welt der Guten kaputt zu machen&ldquo; (S. 123).\n<\/p><\/blockquote><p>Dieses Kapitel ist Stegemann wirklich gut gelungen. Ich h&auml;tte daraus gerne noch mehr zitiert, aber das verbietet sich schon aus Platzgr&uuml;nden. Und es soll ja auch nicht schon alles aus dem Buch verraten werden. Aber kurz m&ouml;chte ich Stegemann noch einmal in Bezug auf Welzer zu Wort kommen lassen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der erste Moralist des hellen Deutschland lehnt die Beobachtung, dass der Lebensstil der Weltoffenheit nicht bei allen gut ankommt und vor allem bei denen Abwehr ausl&ouml;st, die Globalisierung nur in Form von Sozialabbau und verwahrlosten Stadtteilen kennen, als geistige Brandstiftung ab. Jeder, der es wagt, die f&uuml;r die verschiedenen Milieus unterschiedlichen Auswirkungen von Grenzenlosigkeit zu kritisieren, wird darum gleich in die rechte Ecke gestellt. Selten werden die Interessen der Eigent&uuml;mer so moralisch aggressiv vertreten wie bei Harald Welzer&ldquo; (S. 126).\n<\/p><\/blockquote><p>Auch Carolin Emckes Buch <em>Gegen den Hass<\/em> wird von Stegemann nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen und ihre Doppelmoral herausgearbeitet. Aus dieser Kritik an Emcke nur ein kurzes Beispiel: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Immer wenn von Fl&uuml;chtlingen oder Minderheiten (&hellip;.) berichtet wird, wird diese sensible und um Verst&auml;ndnis heischende Sprache verwendet. Wenn hingegen von den Hassenden die Rede ist, so sind sie eine amorphe Masse, die keinerlei Verst&auml;ndnis erwarten darf. Dieser Doppelstandard der moralischen Bewertung wird sogar dann noch angewendet, wenn es um den Antisemitismus von arabischen Einwanderern geht. Dann ist zu lesen, dass &sbquo;mit den syrischen Gefl&uuml;chteten auch andere Erfahrungen und andere Perspektiven auf den Staat Israel zu uns&rsquo; kommen. Um die Dimension der Verharmlosung zu begreifen, stelle man sich diese Aussage &uuml;ber eine andere Gruppe vor. Das kl&auml;nge dann zum Beispiel so: Mit den Neonazis aus Ostdeutschland kommen eben andere Erfahrungen und andere Perspektiven auf den Staat Israel zu uns, da die DDR eine antizionistische Tradition hatte&ldquo; (S. 133).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Stegemanns Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Im Nachwort zu seinem Buch res&uuml;miert Stegemann:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Vom Populismus kann man lernen, dass er durch die einfache Grenzziehung von Wir und Sie wirkungsvoll gemeinsame Erfahrungen herbeif&uuml;hren kann. Jede politische Kraft, die Mehrheiten f&uuml;r sich gewinnen will, braucht diese gemeinsamen Erfahrungen. Wenn sie dabei zu populistischen Mitteln greifen will, m&uuml;sste ein reflektierter linker Umgang darin bestehen, diese Grenze entlang der sozialen Ungerechtigkeit zu ziehen. Genau diese Reflektion wird von der moralischen Kommunikation nicht aufgebracht. Sie zieht, indem sie sich von ihrem b&ouml;sen Gegner den Kampf bestimmen l&auml;sst, quer durch alle sozialen Klassen immer neue Grenzen und behauptet zugleich, dass sie mit Grenzen und Populismus nichts zu tun hat. Der moralische Populismus sieht sich dabei als Verteidiger einer offenen Gesellschaft. Seine Mittel produzieren jedoch das Gegenteil seiner eigentlichen Absicht. (&hellip;.) Eine soziale Linke ist hingegen weniger forsch in ihrer moralischen Verurteilung und versucht stattdessen, sich um die Bereiche des Lebens zu k&uuml;mmern, die durch politische Entscheidungen verbessert werden k&ouml;nnen. Meine Sympathien liegen eindeutig auf dieser Seite. (&hellip;.) Ich sehe in der Selbstgewissheit, sich zu den Guten zu z&auml;hlen, vor allem eine bequeme L&uuml;ge. Es kostet halt nichts, moralisch zu sein, und es gibt einem das gute Gef&uuml;hl, selbst nichts an seinem Leben &auml;ndern zu m&uuml;ssen&ldquo; (S. 190-191).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Mein Res&uuml;mee<\/strong><br>\nIch kann Stegemanns Buch jedem empfehlen, der Political Correctness und das Moralisieren in der Politik kritisch sieht und sich eine realit&auml;tsgerechtere, an den materiellen Interessen und Verteilungskonflikten orientierte linke Politik w&uuml;nscht. Eine Politik, die sich pragmatisch f&uuml;r konkrete Verbesserungen stark macht, anstatt moralisierend die Menschheit zu belehren und in Gut und B&ouml;se aufzuteilen. <\/p><p>Der Politologe Herfried M&uuml;nkler sagte mal in einem Interview des Deutschlandfunks sinngem&auml;&szlig; mit Bezug auf den 30-j&auml;hrigen Krieg: &bdquo;Interessen sind verhandelbar und kompromissf&auml;hig. Moral nicht, denn sie erhebt den absoluten Wahrheitsanspruch.&ldquo; Genauso ist es. Und deshalb ist das Moralisieren in der Politik nicht die L&ouml;sung, sondern das Problem. Dies zeigt Bernd Stegemann in seinem Buch mit guten Argumenten. An der einen oder anderen Stelle h&auml;tte er allerdings f&uuml;r meinen Geschmack etwas konkreter werden und expliziter erkl&auml;ren k&ouml;nnen, was er meint. Denn bisweilen setzt er zu viel voraus. Popul&auml;r zu schreiben, das ist nicht unbedingt seine St&auml;rke.<\/p><p>Bei der Rezension eines Buches muss immer eine Auswahl wichtiger Inhalte getroffen werden, da der Text ansonsten unendlich lang w&uuml;rde. So eine Auswahl ist aber zwangsl&auml;ufig immer auch etwas subjektiv. Deshalb hier noch als Service f&uuml;r den Leser ein ausf&uuml;hrliches Inhaltsverzeichnis. So kann sich jeder Leser ein eigenes Bild vom Inhalt machen. <\/p><p><strong>Inhalt<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Prolog: Der Wettlauf der Erz&auml;hlungen<\/strong><\/li>\n<li><strong>Was ist moralisch?<\/strong><br>\nDer blinde Fleck der Moral<br>\nDer Moralismus der Heuchler und der sch&ouml;nen Seelen<br>\nMoral und Hypermoral<br>\nWarum &uuml;berhaupt Moral?<\/li>\n<li><strong>Moralische Paradoxien unserer Zeit<\/strong><br>\nVom Widerspruch zum Paradox<br>\nBeispiele paradoxer Konstruktionen\n<ul>\n<li>Double Bind<\/li>\n<li>Das postmoderne Paradox<\/li>\n<li>Antidiskriminierung<\/li>\n<li>Der Widerspruch von Kapital und Arbeit<\/li>\n<li>Radical Chic<\/li>\n<li>Das Deutschland-Paradox<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><strong>Die Wege der Freiheit<\/strong><br>\nPolitischer Liberalismus<br>\n&Ouml;konomischer Liberalismus<br>\nPolitische Folgen<\/li>\n<li><strong>Linke Diskurse und die Moral<\/strong><br>\nIdentit&auml;tspolitik<br>\nPolitical Correctness und Kr&auml;nkung<\/li>\n<li><strong>Das Theater der &ouml;ffentlichen Stimmen<\/strong><br>\nDie Moralisten\n<ul>\n<li>Der Gemeinschaftskundelehrer<\/li>\n<li>Die Predigerin<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Realisten<\/p>\n<ul>\n<li>Die Migrationsdebatte<\/li>\n<li>Europa<\/li>\n<li>Die Sprache der Subalternen<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><strong>Das Talkshow-Paradox<\/strong><br>\nDer Streit als Improvisation<br>\nMoralisten treffen Realisten<br>\nDie Rahmenanalyse<\/li>\n<li><strong>F&uuml;r eine neue Aufkl&auml;rung<\/strong><\/li>\n<li><strong>Nachwort: Zur Sammlungsbewegung <em>Aufstehen<\/em><\/strong><\/li>\n<\/ul><p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p><p><strong>Bernd Stegemann: Die Moralfalle, F&uuml;r eine Befreiung linker Politik, Verlag Matthes &amp; Seitz Berlin,  1. Auflage 2018, 205 Seiten, 18 Euro.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Stegemann, Professor an der Berliner Hochschule f&uuml;r Schauspielkunst &bdquo;Ernst Busch&ldquo; und Dramaturg am Berliner Ensemble sowie Mitinitiator der Bewegung &bdquo;Aufstehen&ldquo;, hat ein neues Buch vorgelegt: <em>Die Moralfalle. F&uuml;r eine Befreiung linker Politik.<\/em> <strong>Udo Brandes<\/strong> hat das Buch f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen. Er h&auml;lt es f&uuml;r lesenswert. Ich w&uuml;rde &uuml;ber die vielen Wortkonstruktionen stolpern. 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