{"id":48743,"date":"2019-01-28T08:41:06","date_gmt":"2019-01-28T07:41:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48743"},"modified":"2026-01-27T11:31:50","modified_gmt":"2026-01-27T10:31:50","slug":"spahns-gesetzentwurf-eine-diskriminierung-von-seelisch-erkrankten-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48743","title":{"rendered":"&#8220;Spahns Gesetzentwurf: Eine Diskriminierung von seelisch erkrankten Menschen&#8221;"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190118_rudyk.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Menschen mit psychischen Erkrankungen sollen sich, wenn sie einen Therapeuten besuchen m&ouml;chten, zun&auml;chst begutachten lassen. So sieht es ein Gesetzesentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor. Dagegen laufen Psychotherapeuten Sturm. Innerhalb eines Monats haben gut 160.000 Personen <a href=\"https:\/\/epetitionen.bundestag.de\/content\/petitionen\/_2018\/_10\/_25\/Petition_85363.html\">eine Petition<\/a> gegen den Gesetzentwurf unterzeichnet und die Psychotherapeutenkammer Niedersachsen (PKN) hat eine <a href=\"https:\/\/www.pknds.de\/fileadmin\/4.Aktuelles\/20181103_TSVG.pdf\">Resolution<\/a> verfasst, in der es hei&szlig;t, der Vorsto&szlig; von Spahn f&uuml;hre zu &bdquo;einer Art Vorselektion von psychischen St&ouml;rungsbildern&ldquo;. Die PKN spricht von einer &bdquo;unglaublichen Diskriminierung.&ldquo; Im NachDenkSeiten-Interview schildert <strong>Roman Rudyk<\/strong>, der Pr&auml;sident der PKN, wo das Problem bei dem Gesetzentwurf liegt und erkl&auml;rt, was eigentlich getan werden m&uuml;sste, um Menschen, die rasch eine Psychotherapie ben&ouml;tigen, zu helfen. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Rudyk, die Psychotherapeutenkammer Niedersachsen wendet sich in einer Resolution scharf gegen das Terminservice- und Versorgungsgesetz von Jens Spahn. Worum geht es? <\/strong><\/p><p>Der Gesetzesentwurf zum TSVG ist ein sehr komplexes Gebilde, durch das eigentlich die Versorgung der Patientinnen und Patienten in Deutschland verbessert werden soll. Es enth&auml;lt solche Regelungen wie die durchg&auml;ngige (24\/7) Erreichbarkeit der Terminservicestellen &uuml;ber die Rufnummer 116117, wie die Erh&ouml;hung der Mindestsprechstundenzeit von 20 auf 25 Stunden, aber dar&uuml;ber hinaus noch viel Weiteres. Die &Auml;rzte sprechen davon, dass es von einem gro&szlig;en Misstrauen gegen&uuml;ber ihrer Berufsgruppe gepr&auml;gt ist und deutlich zu kleinteilig reguliert. Es k&ouml;nnte dazu f&uuml;hren, dass so manche &Auml;rztin oder mancher Arzt aus dem System aussteigt, womit das Vorhaben das Gegenteil des Gew&uuml;nschten bewirken w&uuml;rde. <\/p><p>Wir Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten teilen diese Kritik in weiten Teilen, sind aber insbesondere &uuml;ber einen Satz alarmiert, der erst im letzten Moment in den Gesetzentwurf kam. Es ist der &sect;92 Abs. 6a, in dem festgelegt w&uuml;rde, dass im Bereich der Psychotherapie eine &bdquo;gestufte und gesteuerte Versorgung&ldquo; eingerichtet werden soll, was den Wegfall des Erstzugangsrechts der Patientinnen und Patienten zum Psychotherapeuten bedeuten w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Warum ist es ein Problem, wenn Patienten sich zuerst begutachten lassen sollen?<\/strong><\/p><p>Zum einen stellt dies eine Diskriminierung von seelisch erkrankten Menschen gegen&uuml;ber somatisch erkrankten dar. Es ist kaum vorstellbar, dass, wenn jemand zum Augenarzt muss, er zuerst zu einem Gutachter muss, der dann dar&uuml;ber entscheidet, ob er dies darf. Es bl&auml;ht das System auf und verursacht zus&auml;tzliche Kosten.<\/p><p>F&uuml;r seelisch Erkrankte ist es aber eine besondere Herausforderung. Gerade f&uuml;r sie ist es oft eine gro&szlig;e H&uuml;rde, sich &uuml;berhaupt einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. Wenn sie sich dann dazu durchgerungen haben und dies zu tun, dann entsteht in diesem Moment bereits eine wichtige Bindung, die f&uuml;r den weiteren Behandlungserfolg relevant ist. Hier jemandem zuzumuten, sich einem Menschen gegen&uuml;ber zu &ouml;ffnen, der nicht weiterhilft, sondern nur weiterschickt oder eben eine entsprechende Behandlung ablehnt, ist nicht zumutbar. <\/p><p>Wie bei jedem anderen Arztbesuch findet nat&uuml;rlich auch heute schon beim Psychotherapeuten zun&auml;chst eine Diagnostik statt, bevor mit den Patienten besprochen wird, ob und, wenn ja, welche Behandlung f&uuml;r ihn oder sie notwendig ist. Diese &bdquo;Begutachtung&ldquo; gibt es also bereits, aber eben dort, wo dann ggf. auch die Behandlung stattfinden kann, wenn sie indiziert ist.<\/p><p><strong>Was w&uuml;rden Sie denn vorschlagen? Wie kann man psychisch kranken Menschen helfen, dass sie schneller in eine Therapie kommen?<\/strong><\/p><p>Durch die uns seit eineinhalb Jahren zur Verf&uuml;gung stehenden M&ouml;glichkeiten einer sog. Sprechstunde und einer Akutbehandlung k&ouml;nnen wir schon schneller einen Erstkontakt sowie, wo n&ouml;tig, schnelle dar&uuml;berhinausgehende Hilfe anbieten. In den F&auml;llen, in denen eine weiterf&uuml;hrende ambulante psychotherapeutische Behandlung notwendig ist, bestehen allerdings in vielen Regionen noch immer deutlich zu lange Wartezeiten.<\/p><p>Um hier eine Ver&auml;nderung herbeizuf&uuml;hren, sind ein B&uuml;ndel von Ma&szlig;nahmen notwendig. Das Zentrale dabei ist die Zulassung von weiteren Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten f&uuml;r die ambulante Versorgung. Dazu muss die Bedarfsplanung &uuml;berarbeitet werden. Das ist die Berechnungsmethode, mit der festgelegt wird, in welchem Bereich sich wie viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten niederlassen k&ouml;nnen. Gegenw&auml;rtig hat sie zwei wesentliche Schw&auml;chen.<\/p><p><strong>Welche?<\/strong><\/p><p>Zum einen ist sie abgeleitet aus einer sogenannten &bdquo;Stichtagsregelung&ldquo;. Das bedeutet, es wurde an einem Stichtag festgehalten, wie viele niedergelassene Psychotherapeuten gibt es und das wurde dann einfach als &bdquo;ausreichend versorgt&ldquo; festgelegt. Es wurde aber nie geschaut, wie viel psychisch kranke Menschen gibt es und wie viele Psychotherapeutinnen m&uuml;ssen von diesen Zahlen abgeleitet zugelassen werden, um diese Menschen nach den heutigen wissenschaftlichen Standards zu behandeln. <\/p><p>Zum anderen gibt es je nach  &bdquo;Kreistyp&ldquo; sehr unterschiedliche Verh&auml;ltniszahlen. Sie schwanken zwischen 3000 und 9000 Menschen auf einen Behandler. Daf&uuml;r gibt es keinerlei fachliche Begr&uuml;ndung. Dies f&uuml;hrt insbesondere in l&auml;ndlichen Regionen und in den Regionen, die an Gro&szlig;st&auml;dte grenzen, zu einer deutlichen Mangelversorgung.  <\/p><p><strong>Aber dagegen str&auml;uben sich die Krankenkassen &ndash; wegen der Kosten, oder?<\/strong><\/p><p>Wenn Menschen notwendige Behandlungen bekommen, dann verursacht das Kosten. Punkt.<\/p><p>F&uuml;r die Krankenkassen kommt aus meiner Wahrnehmung hinzu, dass sie sich mit der Finanzierung von notwendigen Psychotherapien auch deswegen schwertun, weil f&uuml;r sie wenig einsch&auml;tzbar ist, was in den Behandlungen passiert. Das h&auml;ngt auch damit zusammen, dass die Erkrankungen oft sehr komplexer Art sind. H&auml;ufig besteht eine sogenannte Komorbidit&auml;t, also das Auftreten von verschiedenen Krankheitssymptomen gleichzeitig. Auch sind Entstehungsgeschichte sowie Verlauf der Erkrankung und Verlauf der Behandlung von sehr vielen individuellen Faktoren abh&auml;ngig. Krankenkassen m&ouml;gen es verst&auml;ndlicherweise m&ouml;glichst berechenbar.<\/p><p><strong>Kann es sein, dass heute mehr Menschen bereit sind, einen Psychotherapeuten aufzusuchen? Und: Womit hat das zu tun?<\/strong><\/p><p>Untersuchungen zeigen, dass die H&auml;ufigkeit psychischer Erkrankungen nicht oder nur wenig zugenommen haben. Aber sie sind viel deutlicher in unser aller Bewusstsein und die Menschen, die an ihnen leiden, sind heute nicht mehr so stigmatisiert wie noch vor zwanzig Jahren, auch wenn hier noch viel zu tun ist. Zudem hat sich das Wissen darum, dass Psychotherapie bei psychischen Erkrankungen hilft, deutlich mehr verbreitet. Schlie&szlig;lich sind die Zusammenh&auml;nge zwischen psychischen und k&ouml;rperlichen Erkrankungen heute mehr bekannt und besser belegt. Zum Beispiel bei R&uuml;ckenschmerzen wurde fr&uuml;her nur beim Orthop&auml;den Hilfe gesucht. Heute wird eher schon genauer geschaut und manchmal ist dann die Psychotherapie die Behandlungsmethode, die mehr am Kern der Erkrankung ansetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190118_rudyk.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Menschen mit psychischen Erkrankungen sollen sich, wenn sie einen Therapeuten besuchen m&ouml;chten, zun&auml;chst begutachten lassen. So sieht es ein Gesetzesentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor. Dagegen laufen Psychotherapeuten Sturm. Innerhalb eines Monats haben gut 160.000 Personen <a href=\"https:\/\/epetitionen.bundestag.de\/content\/petitionen\/_2018\/_10\/_25\/Petition_85363.html\">eine Petition<\/a> gegen den Gesetzentwurf unterzeichnet<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48743\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,209],"tags":[1073,1379,929,1798],"class_list":["post-48743","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesundheitspolitik","category-interviews","tag-aerzte","tag-krankenkassen","tag-krankheiten","tag-spahn-jens"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=48743"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48743\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82544,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48743\/revisions\/82544"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=48743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=48743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=48743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}