{"id":48902,"date":"2019-01-30T15:15:01","date_gmt":"2019-01-30T14:15:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48902"},"modified":"2019-01-31T07:17:47","modified_gmt":"2019-01-31T06:17:47","slug":"die-sprachlosigkeit-der-intellektuellen-zum-sozialen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48902","title":{"rendered":"Die Sprachlosigkeit der Intellektuellen zum Sozialen"},"content":{"rendered":"<p>Mit einem aktuellen &bdquo;Manifest europ&auml;ischer Patrioten&ldquo; ruft der franz&ouml;sische Intellektuelle Bernard-Henri L&eacute;vy zur &bdquo;Verteidigung der europ&auml;ischen Idee&ldquo; auf. Es ist &ndash; gerade angesichts der Rebellion der Gelbwesten &ndash; ein Dokument der Sprachlosigkeit: Wie bereits die &bdquo;Erkl&auml;rung der Vielen&ldquo; des deutschen Kulturbetriebs und andere Appelle verschweigt auch dieser Aufruf die soziale Grundlage der EU-Skepsis. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7861\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-48902-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190130_Die_Sprachlosigkeit_der_Intellektuellen_zum_Sozialen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190130_Die_Sprachlosigkeit_der_Intellektuellen_zum_Sozialen_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190130_Die_Sprachlosigkeit_der_Intellektuellen_zum_Sozialen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190130_Die_Sprachlosigkeit_der_Intellektuellen_zum_Sozialen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=48902-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190130_Die_Sprachlosigkeit_der_Intellektuellen_zum_Sozialen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190130_Die_Sprachlosigkeit_der_Intellektuellen_zum_Sozialen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Zur &bdquo;Verteidigung der europ&auml;ischen Idee&ldquo; ruft der franz&ouml;sische Publizist Bernard-Henri L&eacute;vy in einem &bdquo;Manifest europ&auml;ischer Patrioten&ldquo; auf, das k&uuml;rzlich in der franz&ouml;sischen Zeitung &bdquo;Lib&eacute;ration&ldquo; erschienen ist und das unter anderem <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/article187740664\/Das-Haus-Europa-brennt.html\">die &bdquo;Welt&ldquo; dokumentiert hat<\/a>. Zahlreiche prominente Intellektuelle haben unterzeichnet, etwa Salman Rushdie und Orhan Pamuk. Mit donnernder Sprache und einer geh&ouml;rigen Portion Pathos fordern die Unterzeichner, &bdquo;die Fackel eines vereinten Europas brennend zu halten&ldquo;. Andernfalls w&uuml;rde das Projekt zwischen populistischen &bdquo;Propheten des Untergangs&ldquo; und den &bdquo;immer weniger verh&uuml;llten Man&ouml;vern des Kremlmeisters&ldquo; zerrieben werden. Einmal mehr werden in dem Aufruf die Symptome Rechtsruck, Spaltung und EU-Skepsis unredlich zur Ursache erkl&auml;rt, w&auml;hrend die sozialen Wurzeln der Ph&auml;nomene verschwiegen werden.<\/p><p><strong>Die bekannten S&uuml;ndenb&ouml;cke: Populisten und Putin<\/strong><\/p><p>Interessanter als die Angriffe des Aufrufs auf die bekannten S&uuml;ndenb&ouml;cke &bdquo;Populist&ldquo; und &bdquo;Putin&ldquo; sind darum die Aspekte, die im &bdquo;Manifest&ldquo; nicht angesprochen werden: Es f&auml;llt kein Wort zur sozialen Ungleichheit als Vorbedingung der gesellschaftlichen Spaltung und zum Beitrag der EU-Politik daran. Gerade angesichts der aktuellen Rebellion der Gelbwesten beweisen die Unterzeichner durch diesen emotionalen und verzerrenden Charakter des Appells ihre eigene Irrelevanz. Und sie sch&uuml;ren mit der Ver&ouml;ffentlichung m&ouml;glicherweise das, was in dem Aufruf kritisiert wird: Die Dominanz der Rechten in zahlreichen gesellschaftlichen Debatten. Denn wer, wie die Unterzeichner, die sozialen N&ouml;te der B&uuml;rger und das von der EU gest&uuml;tzte wirtschaftsliberale System ignoriert, der muss sich &uuml;ber die &Uuml;bernahme dieser Felder durch die Rechten nicht wundern. <\/p><p>Der Aufruf findet zus&auml;tzlich keine angemessene Sprache, die jene EU-skeptischen B&uuml;rger noch erreichen k&ouml;nnte, die man angeblich umwerben m&ouml;chte. Selbst wenn das &bdquo;Manifest&ldquo; als Gegenentwurf zum Aktionismus der Gelbwesten gedacht ist, und die B&uuml;rger damit ins Lager der EU-Verteidiger zur&uuml;ckgelockt werden sollen, versagt es: Es trifft weder die Herzen noch die Hirne dieser Demonstranten, da es die Dringlichkeit der Sorgen der Menschen bestreitet, indem es sie verschweigt. Es ist darum ein Dokument der Selbstvergewisserung, das mutma&szlig;lich nur in den Kreisen der Unterzeichner Wirkung entfalten wird. Diese Wirkung richtet sich als sichtbares Bekenntnis auch nach au&szlig;en &ndash; das aktuelle Modewort f&uuml;r diese Haltung ist wohl <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Virtue_signalling\">&bdquo;Virtue Signaling&ldquo;<\/a>.<\/p><p><strong>Keine Forderung nach einer anderen Politik<\/strong><\/p><p>Eine Abkehr von der staats- und b&uuml;rgerfeindlichen K&uuml;rzungspolitik fordert der Aufruf als Reaktion auf Extremismus nicht &ndash; statt dessen wird beklagt, dass die Feinde der &bdquo;liberalen Demokratie&ldquo; jenes politische Konstrukt zerst&ouml;ren wollten, &bdquo;dem wir unseren Wohlstand verdanken&ldquo;. So wird im Appell die problematische Wirtschaftspolitik der EU gegen Kritik abgeschirmt und es werden h&ouml;chst unterschiedliche soziale Gruppen unter dem Wort &bdquo;wir&ldquo; summiert. <\/p><p>Der Text sch&uuml;rt &Auml;ngste: Wenn &bdquo;wir&ldquo; uns nicht &bdquo;auf dem ganzen Kontinent mit neuem Elan zu Widerstand aufraffen&ldquo;, dann drohe ein &bdquo;Sieg der zerst&ouml;rerischen Kr&auml;fte, Niederlage all derer, die sich dem Erbe des Erasmus, Goethe und Comenius verpflichtet f&uuml;hlen, Verachtung von Intelligenz und Kultur; Eruptionen von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Ein Horror&ldquo;. Vor dieser d&uuml;steren Entwicklung m&ouml;chte man sich gerne sch&uuml;tzen &ndash; aber wie sollte er aussehen, dieser &bdquo;Widerstand&ldquo;, wenn die Sozialpolitik nicht als Ursache, ja nicht einmal als Problem thematisiert wird? Und wenn zus&auml;tzlich diffamiert wird, dass &bdquo;Regierungen sich immer mehr auf ihre staatliche Souver&auml;nit&auml;t versteifen&ldquo; w&uuml;rden?<\/p><p>Bernard-Henri L&eacute;vy wurde auch k&uuml;rzlich vom DGB eine Plattform geboten f&uuml;r einen <a href=\"https:\/\/gegenblende.dgb.de\/artikel\/++co++d264d840-f95d-11e8-aae0-52540088cada\">Artikel<\/a>, der die Gelbwesten &bdquo;im Zwielicht&ldquo; verortet. <\/p><p><strong>Was die &bdquo;Erkl&auml;rung der Vielen&ldquo; nicht erkl&auml;rt<\/strong><\/p><p>Eine &auml;hnliche Wirkung wie L&eacute;vys aktueller Appell zur EU erzielte Ende des Jahres die von Berliner Kulturschaffenden angesto&szlig;ene <a href=\"https:\/\/www.dievielen.de\/erklaerung-der-vielen\">&bdquo;Erkl&auml;rung der Vielen&ldquo;<\/a>. Zwar stehen in der Erkl&auml;rung viele Forderungen, die man sofort unterschreiben kann: Etwa, dass die Unterzeichner in ihren Kulturinstitutionen den Austausch &uuml;ber rechte Strategien f&ouml;rdern wollen. Oder, dass die beteiligten H&auml;user &bdquo;den Auftrag haben, unsere Gesellschaft als eine demokratische fortzuentwickeln&ldquo; und &bdquo;kein Podium f&uuml;r v&ouml;lkisch-nationalistische Propaganda&ldquo; bieten d&uuml;rften. Interessanter und problematischer sind aber auch hier jene Aspekte, die nicht thematisiert werden: Die soziale K&uuml;rzungspolitik als eine wichtige Ursache des Rechtsrucks wird nicht skandalisiert und damit indirekt besch&uuml;tzt.<\/p><p>Das Problem an dem regional variierenden Aufruf sind die dort festgemachten Grenzen des kritischen Dialogs. Wer die Sozialpolitik als Ursache und Vorbedingung des bedrohlichen Rechtsrucks nicht thematisiert, raubt der ganzen Debatte um den neuen furchtbaren Nationalismus die Basis. Ohne eine Abkehr von sozialen K&uuml;rzungen und anderen Schw&auml;chungen des Staates wird die Rechtsentwicklung aber kaum zu stoppen sein. Eine Vorbedingung dieser Abkehr ist die Markierung der wirtschaftsliberalen K&uuml;rzungspolitik als eine der Ursachen. Diese Positionierung wird von den Kulturschaffenden weitgehend verweigert und auch von dem aktuellen Appell aus Frankreich. <\/p><p>Dadurch st&uuml;tzen deutsche und europ&auml;ische Intellektuelle die Strategie der etablierten Parteien, die hinter den Nazis die eigene Verantwortung f&uuml;r deren Erstarken verstecken wollen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem aktuellen &bdquo;Manifest europ&auml;ischer Patrioten&ldquo; ruft der franz&ouml;sische Intellektuelle Bernard-Henri L&eacute;vy zur &bdquo;Verteidigung der europ&auml;ischen Idee&ldquo; auf. Es ist &ndash; gerade angesichts der Rebellion der Gelbwesten &ndash; ein Dokument der Sprachlosigkeit: Wie bereits die &bdquo;Erkl&auml;rung der Vielen&ldquo; des deutschen Kulturbetriebs und andere Appelle verschweigt auch dieser Aufruf die soziale Grundlage der EU-Skepsis. Von <strong>Tobias<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48902\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,181,125,146,11],"tags":[423,1101,1657,1352,291],"class_list":["post-48902","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-europapolitik","category-rechte-gefahr","category-soziale-gerechtigkeit","category-strategien-der-meinungsmache","tag-austeritaetspolitik","tag-europaeischer-gedanke","tag-euroskeptizismus","tag-rechtsruck","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48902","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=48902"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48902\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48912,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48902\/revisions\/48912"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=48902"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=48902"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=48902"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}