{"id":49017,"date":"2019-02-04T12:31:30","date_gmt":"2019-02-04T11:31:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49017"},"modified":"2019-02-05T07:37:43","modified_gmt":"2019-02-05T06:37:43","slug":"adenauer-ruine-verkauf-an-unbekannten-grossunternehmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49017","title":{"rendered":"Adenauer-Ruine: Verkauf an unbekannten Gro\u00dfunternehmer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Werner R&uuml;gemer<\/strong> berichtet von Adenauers Regierungssitzgewohnheiten und den erkennbaren Abh&auml;ngigkeiten. Wenn man das liest, k&ouml;nnte man fast auf die Idee kommen, die Zeiten seien schon mal schlimmer gewesen als heute. Noch schlimmer. Das geht eigentlich nicht. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Von Werner R&uuml;gemer<\/em><\/p><p>Bundesdeutsche Industrielle bauten 1955 f&uuml;r Adenauer auf einem einsamen H&uuml;gel in der S&uuml;deifel heimlich einen Neben-Regierungssitz. Doch das drohte zum Skandal zu werden. Seit 1956 verrottet die dreist&ouml;ckige 600 Quadratmeter-Luxusvilla vor sich hin. Adenauers Neben-Regierungssitz wurde schnell nach Cadenabbia in Italien verlegt. Jetzt, &uuml;ber sechs Jahrzehnte sp&auml;ter, im Januar 2019, wurde die Eifel-Ruine verh&ouml;kert &ndash; Symbol f&uuml;r das politische Erbe des Gr&uuml;ndungskanzlers.<\/p><p><strong>AEG-Konzernchef stellt Bauantrag<\/strong><\/p><p>Am 11. Juli 1955 stellte Dr. Friedrich Spennrath aus Berlin beim Landratsamt Pr&uuml;m den Bauantrag f&uuml;r ein Jagd-, Wochenend- und G&auml;stehaus. Es sollte auf einem einsamen, 605 Meter hohen Berg zwischen den D&ouml;rfchen Steffeln und Duppach errichtet werden. Es sollte auf einem von Spennrath bereits gekauften Grundst&uuml;ck von 2040 Quadratmetern drei Stockwerke mit 600 Quadratmetern f&uuml;r zahlreiche Zimmer, auch f&uuml;r Bedienstete, den Hausmeister und drei Chauffeure umfassen. Eine &uuml;berdachte Terrasse und stockwerkshohe Gro&szlig;fenster, die weiten Blick &uuml;ber die Landschaft erm&ouml;glichen sollten, geh&ouml;rten ebenso dazu wie ein gro&szlig;er Innen- und ein Au&szlig;enkamin. In einem stattlichen Blockhaus sollte des Kanzlers Leibwache ihre Schichten schieben. Auch ein atombombensicherer Bunker und ein Hubschrauberlandeplatz waren vorgesehen, berichtete jetzt das ZDF.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Der Bauantrag war bereits nach 12 Tagen genehmigt, obwohl es keinerlei Stra&szlig;en-, Wasser-, Abwasser- und Elektroanschl&uuml;sse gab. Sofort r&uuml;ckten Baufirmen und Handwerker an.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Antragsteller Spennrath war nicht irgendwer. Er war als Mitglied des katholischen Zentrums Beigeordneter im Leitungsgremium des K&ouml;lner Oberb&uuml;rgermeisters Adenauer gewesen. Die beiden verband eine lebenslange Freundschaft. 1931 war Spennrath in den Vorstand des Elektrokonzerns AEG aufgestiegen. Dort verschaffte er 1934 Adenauers &auml;ltestem Sohn Konrad einen Managerposten. Adenauer und Spennrath blieben w&auml;hrend der Nazizeit in Verbindung. Nach dem Krieg wurde der Freund AEG-Vorstandschef, Aufsichtsratsmitglied in zahlreichen Unternehmen, Pr&auml;sidialmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und Pr&auml;sident der Berliner IHK. In Berlin war er Kontaktmann zu den westlichen Alliierten.<\/p><p>Spennrath handelte im Projekt der Eifel-Villa in Absprache mit anderen Industriellen, die seit den 1920er Jahren und dann auch wieder nach 1945 ihren politischen Liebling Adenauer und die neuen christlichen Parteien auf vielf&auml;ltige Weise unterst&uuml;tzten. Das barmherzige christliche M&auml;ntelchen, zun&auml;chst mit dem katholischen Zentrum, dann mit der &uuml;berkonfessionellen CDU, war ideal f&uuml;r unbarmherzige Kapital-Interessen.<\/p><p>So war Spennrath auch Mitglied im Pr&auml;sidium der Staatsb&uuml;rgerlichen Vereinigung von 1954 e.V., zusammen mit Adenauers Finanzberater Robert Pferdmenges von der Bank Sal. Oppenheim: &Uuml;ber diese Vereinigung wurden durch illegale, aber steuerbeg&uuml;nstigte Spenden von Bayer, Bosch, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Siemens, Unilever, Henkel, Mannesmann, Reemtsma, VEBA, Otto Wolff von Amerongen, Zentis usw. die offiziellen wie schwarzen Kassen der CDU und die pers&ouml;nlichen des Bundeskanzlers gef&uuml;llt, &uuml;ber Stiftungen und Nummernkonten in Liechtenstein und der Schweiz. Man wollte (wieder) viel erreichen. Deshalb war Spennrath auch im Forschungsbeirat f&uuml;r Fragen der Wiedervereinigung, zusammen mit Dr. Ernst, Hitlers Reichskommissar f&uuml;r Osteuropa.<\/p><p><strong>Skandalgefahr: Projekt wird fluchtartig fallengelassen<\/strong><\/p><p>Nach wenigen Monaten im M&auml;rz 1956 war der Rohbau fertig. Heizungen und ein &Ouml;ltank im Keller waren eingebaut. Ein Teil der Elektroleitungen, Lichtschalter und Steckdosen war vergipst. Aber dann stellten zun&auml;chst regionale Medien wie der <em>Trierische Volksfreund<\/em> Fragen zu dem geheimnisvollen Bau. Sobald die Namen Adenauer und Spennrath fielen, wurde es brenzlig. Das Ansehen der mit Altnazis besetzten Regierung und der wieder f&uuml;hrenden Ex-Wehrwirtschaftsf&uuml;hrer in den Unternehmen war noch auf Kante gen&auml;ht. Die Beteiligten waren d&uuml;nnh&auml;utig, &uuml;berall drohten Skandale. Adenauer &uuml;berzog damals zahlreiche Journalisten mit Strafanzeigen, sogar den harmlosen K&ouml;lner Karnevalisten Karl K&uuml;pper verklagte er.<\/p><p>Das Projekt &bdquo;Camp Konrad&ldquo;, wie es nach dem Vorbild &bdquo;Camp David&ldquo; von US-Pr&auml;sident Eisenhower bald genannt wurde, wurde fluchtartig aufgegeben. Adenauer wollte vom Eifel-Projekt nichts gewusst haben: Er, der das Volk als &bdquo;strohdumm&ldquo; bezeichnete, hatte sich hier versch&auml;tzt. Die Handwerker wurden gro&szlig;z&uuml;gig ausgezahlt und verschwanden so pl&ouml;tzlich, wie sie gekommen waren.<\/p><p>Adenauer wusste sehr wohl Bescheid. Er traf sich mit dem engen Kreis der Industriellen, zu denen Spennrath wie der Chef der Deutschen Bank, Abs, der BDI-Vorsitzende Fritz Berg, der Kl&ouml;ckner-Chef G&uuml;nter Henle und Pferdmenges geh&ouml;rten, ohnehin h&auml;ufiger als mit seinen Ministern. 1954 wohnte Adenauer bei einem Berlin-Besuch in der Grunewald-Villa von Spennrath, wie der Spiegel damals sofort berichtete. Zudem hie&szlig; der Architekt der Villenanlage Heribert Multhaupt und war mit Adenauers Tochter Lotte verheiratet. Ein Forstamtsrat aus Duppach berichtete sp&auml;ter, er habe mit Adenauer und Tochter Lotte vor Ort den Bauplatz ausgesucht und mit W&uuml;nschelrute die n&auml;chste ergiebige Quelle aufgesp&uuml;rt.<\/p><p>Spennrath hatte in der N&auml;he des 300-Einwohner-D&ouml;rfchens Duppach schon fr&uuml;her ein Jagdrevier gepachtet. Schon da ging es in kleiner Runde um wichtige Regierungsentscheidungen. Die Jagdfreunde und Ex-Nazis wie der Atom-Minister Franz-Josef Strau&szlig; und Bundestagspr&auml;sident Eugen Gerstenmaier waren hier eingeladen. Aber die Jagdh&uuml;tte war ein bisschen klein und ungem&uuml;tlich. So entwickelten die Geheimniskr&auml;mer das Projekt des gr&ouml;&szlig;eren Neben-Regierungssitzes, der auch f&uuml;r einen gr&ouml;&szlig;eren Kreis und die Hauptfigur attraktiv sein w&uuml;rde.<\/p><p>Adenauer war mit seinem wichtigsten Intimus Pferdmenges noch drei Jahre sp&auml;ter intensiv damit befasst, die Sache endlich ger&auml;uschlos verschwinden zu lassen. Pferdmenges mahnte in einem Brief vom 6.8.1958 an Adenauer zu Geduld und Vorsicht: Man werde &bdquo;noch eine gewisse Zeit ben&ouml;tigen, um eine vern&uuml;nftige Bereinigung zu erm&ouml;glichen&ldquo;.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Nur gelegentlich und verharmlosend kam die Provinzpresse darauf zur&uuml;ck. So fabulierte die klerikale K&ouml;lnische Rundschau am 10.1.2009 von einem &bdquo;Schildb&uuml;rgerstreich aus den fr&uuml;hen Tagen unserer Demokratie&ldquo;.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p><strong>Erfolgreicher Arisierer als neuer Eigent&uuml;mer<\/strong><\/p><p>Die dann allm&auml;hlich br&ouml;ckelnde Ruine wurde von Einheimischen und Touristen immer wieder staunend aufgesucht. Doch das Landratsamt behandelte das Haus, das bis heute keine Hausnummer hat, jahrzehntelang wie ein extraterritoriales Flugger&auml;t &ndash; nur z&ouml;gerlich wurden in den letzten Jahren Sicherungsma&szlig;nahmen angeordnet. Das hing auch mit den unklaren Eigentumsverh&auml;ltnissen zusammen.<\/p><p>Zun&auml;chst kaufte der rheinische Kaufhausmillion&auml;r Dr. Hubert Kogge die Immobilie. Das NSDAP-Mitglied hatte 1938 durch die Arisierung des j&uuml;dischen Kaufhauses Carsch in Gelsenkirchen den Grundstein f&uuml;r seinen Aufstieg zum Gro&szlig;unternehmer  gelegt. Ab 1939 kamen weitere arisierte Kaufh&auml;user im Rheinland dazu. Sie bestanden auch in der Bundesrepublik bis in die 1970er Jahre unter dem Namen Kogge, bevor sie an die gr&ouml;&szlig;eren Kaufhausketten verkauft wurden.<\/p><p>Kogge kaufte einen Mischkonzern zusammen. Ihm geh&ouml;rte eine Textilfirma, eine H&uuml;hnerfarm, eine Destillation mit Weinkellerei und ein Bauunternehmen. Er agierte als Generalkonsul von Zypern. Er wurde Gro&szlig;aktion&auml;r und Aufsichtsratschef der neu gegr&uuml;ndeten Fluggesellschaft Atlantis. Die sollte u.a. die vielen damals in der Bundesrepublik, vor allem in der Eifel stationierten US-Soldaten zum Urlaub in die Heimat und zur&uuml;ck fliegen. Das Unternehmen ging pleite. Kogge verkaufte 1980 die br&ouml;ckelnde Adenauer-Immobilie und seine nahegelegene Jagdpacht mit 270.000 Quadratmetern. Er gr&uuml;ndete die Kogge-Stiftung, die seitdem veterin&auml;rmedizinische Forschung finanziert.<\/p><p>&Uuml;ber den neuen Eigent&uuml;mer, einen Landwirt und Unternehmer namens Thurner, ist wenig bekannt. Er bekam Auflagen zur Sicherung des verfallenden Hauses, beachtete sie aber nicht. Das hatte m&ouml;glicherweise damit zu tun, dass Thurner seinen Wohnsitz nach Diekirch, in die nahe Finanzoase Luxemburg verlegt hatte.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Als Thurner im Fr&uuml;hjahr 2018 starb, erbte Tochter Lissa Thurner das Objekt. Die Unternehmensberaterin, die deutsche &Auml;rzte in die besser zahlende Schweiz vermittelt,  wollte es m&ouml;glichst schnell loswerden. Der Makler platzierte es bei ebay und verlangte keine Provision. Geboten werden konnte ab 1 Euro. Ein Prinz aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der 35.000 Euro bot, galt als unpassender K&auml;ufer. So kam schlie&szlig;lich, so die Erbin, mit geringem Aufschlag ein &bdquo;Gro&szlig;unternehmer aus K&ouml;ln&ldquo; zum Zuge, der gleichzeitig gro&szlig;er &bdquo;Adenauer-Fan&ldquo; sei. Seinen Namen wolle er aber geheimhalten.<\/p><p><strong>Die bessere L&ouml;sung: Cadenabbia am Comer See<\/strong><\/p><p>Adenauer hatte schon in seiner Zeit als K&ouml;lner Oberb&uuml;rgermeister die Gewohnheit, w&auml;hrend vier- bis sechsw&ouml;chiger &bdquo;Urlaube&ldquo; im elit&auml;ren Grandhotel Chandolin in den Schweizer Bergen mit gro&szlig;er Begleitung abseits der &Ouml;ffentlichkeit wichtige Entscheidungen vorzubereiten.<\/p><p>So fand Adenauer sehr schnell nach dem Eifel-Desaster seinen definitiven Neben-Regierungssitz au&szlig;erhalb der Hauptstadt Bonn, n&auml;mlich im Ausland, im ebenso christlich-korrupt regierten Italien. Vermittler war Heinrich von Brentano.<\/p><p>Brentano war der zweitwichtigste Intimus Adenauers beim Aufbau des bundesrepublikanischen Regierungssystems. Er war der CDU\/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag von 1949 bis 1955. Nachdem zuerst Adenauer nach westalliierter Erlaubnis selbst das Amt des Au&szlig;enministers &uuml;bernommen hatte (1951) und das Amt wieder abgab, wurde Brentano Au&szlig;enminister (1955-61). Als dieses Amt nach innen und au&szlig;en stabilisiert war, wurde Brentano sofort wieder CDU\/CSU-Fraktionsvorsitzender (1961 bis 1964).<\/p><p>Brentano stammte aus dem uralten oberitalienischen Adelsgeschlecht der Brentanos. Der vollst&auml;ndige Name des nach Pferdmenges wichtigsten Adenauer-Intimus lautete Heinrich Joseph Maximilian Maria von Brentano di Tremezzo. Am Ufer des Comer Sees, im Friedhof von Griante, ragt das monumentale Grabmal der Familie &uuml;ber alle anderen. Der Vater Brentanos war wie Adenauer w&auml;hrend des Kaiserreichs Mitglied des rechten Fl&uuml;gels der Zentrumspartei und nach dem 1. Weltkrieg zun&auml;chst rheinischer Separatist, passte sich dann wie Adenauer an die Weimarer Republik an, war hessischer Justiz- und Innenminister und Reichstagsabgeordneter.<\/p><p>In Cadenabbia, einem Ortsteil von Griante, hielt sich Adenauer seit 1957 zweimal j&auml;hrlich vier bis f&uuml;nf Wochen auf, insgesamt 18 Mal, seit 1959 in der Villa Collina.  Die &bdquo;Villa auf dem H&uuml;gel&ldquo; mit 34 Zimmern, zwei Appartments, Konferenzr&auml;umen, Restaurant, Swimming Pool und 27.000 Quadratmeter-Park geh&ouml;rt seit 1977 der Konrad Adenauer-Stiftung und dient als aufwendiges internationales Begegnungszentrum.<\/p><p><strong>Ersatzkanzleramt in sch&ouml;ner Landschaft<\/strong><\/p><p>Laut Hans-Gert P&ouml;ttering, Vorsitzender der Adenauer-Stiftung, war die Villa Collina &bdquo;Ersatzkanzleramt&ldquo;.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] St&auml;ndig waren 3 Amts- und 17 Nebenleitungen nach Bonn freigeschaltet.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Die Bundesbahn stellte das K&uuml;chenpersonal und transportierte mit Sonderz&uuml;gen Nachschub und G&auml;ste. Geheime Kanzlerpost wurde per Boten &uuml;berbracht.<\/p><p><em>Kabinettsmitglieder werden einbestellt<\/em><br>\nAdenauers Finanzberater und Kassenf&uuml;ller Pferdmenges hat als Abgeordneter im Bundestag nie etwas gesagt &ndash; aber er war der Einzige, der in Cadenabbia immer anwesend war. Hier fanden Kabinettssitzungen statt. Hierhin wurden einzelne Minister zum Rapport einbestellt, allen voran Brentano; (im Folgenden werden die Ex-NSDAP-Mitgliedschaften nicht erw&auml;hnt, es w&auml;re etwas langweilig) Herbert Blankenhorn, pers&ouml;nlicher Referent Adenauers und sp&auml;ter zust&auml;ndig f&uuml;r Milit&auml;rfragen; Heinrich Krone, Vorsitzender der CDU\/CSU-Fraktion, w&auml;hrend Brentano Au&szlig;enminister war, danach &bdquo;Minister f&uuml;r besondere Angelegenheiten&ldquo; (=Bundeswehr); Kanzleramtschef und Geheimdienstkoordinator Hans Globke.<\/p><p>Ebenso einbestellt, aber weniger h&auml;ufig, wurden Wirtschaftsminister Ludwig Erhard; Innenminister Gerhard Schr&ouml;der; der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Heinz Starke; der Bauminister und katholische Funktion&auml;r Paul L&uuml;cke, Ritter vom Heiligen Grab, Pr&auml;sident des Deutschen Katholikentages; CDU-Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer bzw. dann CDU-Generalsekret&auml;r Bruno Heck, der mit der CIA die psychologische Kriegsf&uuml;hrung gegen die DDR koordinierte (Ost-B&uuml;ro der CDU); Karl Carstens, Staatssekret&auml;r im Ausw&auml;rtigen Amt und zust&auml;ndig f&uuml;r Westeuropa; Walter Scheel\/FDP, Minister f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strau&szlig;, der vielverwendbare Minister f&uuml;r besondere Aufgaben, f&uuml;r Atomr&uuml;stung und f&uuml;r die Bundeswehr.<\/p><p><em>NATO und Au&szlig;enpolitik<\/em><br>\nAm Comer See empfing der Bundeskanzler die wichtigsten Politiker aus den USA und Westeuropa. Au&szlig;enpolitik, sprich Westbindung und NATO, war das wichtigste Thema, das Adenauer weitestgehend aus dem Bundestag und der deutschen &Ouml;ffentlichkeit fernhielt. So kamen in die Villa Collina der US-Au&szlig;enminister Dean Rusk; McGeorge Bundy, der au&szlig;enpolitische Berater von US-Pr&auml;sident Johnson;  Jean Monnet, der US-Banker, der als erster Chef der Europ&auml;ischen Gemeinschaft f&uuml;r Kohle und Stahl den Grundstein f&uuml;r die Europ&auml;ische Kommission und die Wirtschaftsintegration Westeuropas legte. Besonders gut verstand sich der Hausherr mit Amintore Fanfani: der mehrmalige Ministerpr&auml;sident, Au&szlig;enminister und Vorsitzende der mindestens genauso korrupten Democrazia Christiana hatte seine antisemitischen und faschistischen Positionen w&auml;hrend der Mussolini-Zeit wendig hinter sich gelassen und hatte in den Scho&szlig; des Polit-Katholizismus zur&uuml;ckgefunden. Mit ihm organisierte Adenauer die NATO-Zustimmung in Westeuropa.<\/p><p>So konferierten im September 1960 in der Villa Collina auch wichtige andere westeurop&auml;ische NATO-Politiker: Paul-Henri Spaak (Belgien), Dirk Stikker (Niederlande, NATO-Generalsekret&auml;r ab 1961), Herbert Blankenhorn (pers&ouml;nlicher Referent Adenauers, dann st&auml;ndiger Vertreter der Bundesregierung bei der NATO, dann Botschafter in den wichtigsten europ&auml;ischen NATO-Mitgliedsstaaten Frankreich, Italien und Gro&szlig;britannien), wobei auch der NATO-Oberbefehlshaber, US-General Lauris Norstadt, nicht fehlte.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p><em>Vatikan und BILD<\/em><br>\nAuch die Kontakte zum Vatikan und zur italienischen katholischen Kirche nahmen breiten Raum ein. Die Kardin&auml;le Testa und Wendel sowie Erzbischof Bafile durften oder mussten schon mal sich als Boccia-Mitspieler fotografieren lassen. Der  Mail&auml;nder Erzbischof Montini kam zu Besuch, bevor er zum Papst Paul VI. gew&auml;hlt wurde. Von Cadenabbia nach Rom &ndash; das war ein kurzer Weg.<\/p><p>Auch BILD- und Welt-Herausgeber Axel Springer kam zusammen mit seinem Moskau-Korrespondenten zu Besuch, um etwa &uuml;ber den Handelsboykott gegen die Sowjetunion zu beraten. Das Gossenblatt BILD regierte im Adenauer-Staat mit. Springer war es, an den der vielbesch&auml;ftigte Urlauber aus Cadenabbia die meisten Briefe schrieb.<\/p><p><em>Fake reports in bundesdeutschen Zeitungen<\/em><br>\nDie Aufenthalte des CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlers wurden f&uuml;r die  bundesdeutsche Bev&ouml;lkerung als gem&uuml;tliche Urlaube inszeniert. In den Leitmedien wurden jedesmal dieselben <em>fake reports<\/em> mit wiederkehrenden Fotos gezeigt: Adenauer mit Sonnenbrille und Tochter in der Touristenf&auml;hre auf dem Comer See. Adenauer mit Tochter beim Boccia-Spiel. Adenauer mit Tochter beim sonnt&auml;glichen Kirchgang in Griante. Adenauer auf der Terrasse bei der Lekt&uuml;re der <em>Frankfurter Allgemeinen<\/em>, immer jeweils mit der gut sichtbaren Titelseite und dem vertrauten Schriftzug. Dabei durfte auf Adenauers Kopf nie das Pepitah&uuml;tchen fehlen, das ihm sein langj&auml;hriger Freund, der US-Unternehmer Dannie Heineman geschenkt hatte.<\/p><p>Nur christlich lackierte Lieblingszeitungen durften nach sorgsam arrangierten &bdquo;Plauderstunden&ldquo; in der Villa Collina exklusiv-harmlose Reportagen ver&ouml;ffentlichen, so <em>Christ und Welt, Die Welt, Schw&auml;bische Donauzeitung, die Rhein-Zeitung, der M&uuml;hldorfer Anzeiger, Bonner und K&ouml;lnische Rundschau<\/em> und <em>FAZ<\/em> mit den vom Bonner Bundespresseamt geh&auml;tschelten Hofschreibern wie Max Schulze-Vorberg und Walter Henkels.<\/p><p>Der Historiker Golo Mann durfte in Cadenabbia Empfehlungen mitnehmen, wie das Bild Adenauers mit wissenschaftlicher Weihe verbreitet werden konnte. So r&uuml;hmte der Historiker, dessen Ressource in wenig anderem bestand, als Sohn des Schriftstellers Thomas Mann zu sein, dann: &bdquo;Einer nach Millionen z&auml;hlenden Schar von Menschen hat er nachweislich Gutes getan&hellip; die 28.000 in Ru&szlig;land Gefangenen, die er aus Sklaverei befreite&hellip;&ldquo;[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Aus &bdquo;Sklaverei&ldquo; befreit: Wehrmachtsoffiziere, die den m&ouml;rderischen &Uuml;berfall auf die Sowjetunion angef&uuml;hrt hatten&hellip;<\/p><p><em>Ewig dankbar<\/em><br>\nZum 40. Todestag des Nebenregierers wurde am Ufer von Cadenabbia ein Bronze-Adenauer aufgestellt: Der Kanzler mit Pepitahut beim Boccia-Spiel. Finanziert vom Arbeitgeberverband Metall NRW.<\/p><p><strong>Nachbemerkung: Wo trifft sich die Regierung mit BlackRock?<\/strong><br>\nHeimlich neben der eigenen Regierung und neben dem Parlament regieren &ndash; das k&ouml;nnen auch die Nachfolger. Erst auf die ohnehin etwas defensive Anfrage der Linkspartei im Bundestag antwortete die Bundesregierung im Januar 2019: Seit 2015 trafen sich Staatssekret&auml;re und Minister mit Vertretern von BlackRock, dem gr&ouml;&szlig;ten Kapitalorganisator des US-gef&uuml;hrten Westens: Finanzstaatssekret&auml;r Meister mit BlackRock-Vizechefin Barbara Novick; Finanzminister Wolfgang Sch&auml;uble mit Chef Lawrence Fink; Finanzstaatssekret&auml;r J&ouml;rg Kukies mit ungenannten Blackrock-Vertretern. Ebenfalls trafen sich, unter gleichzeitiger Anwesenheit des BlackRock-Deutschland-Vorstandschefs Friedrich Merz, der Chef des Bundeskanzleramts Helge Braun und Finanzminister Scholz mit Fink. Und auch Au&szlig;enminister Sigmar Gabriel traf sich mit Merz und Fink zweimal zum &bdquo;Gespr&auml;ch&ldquo; &ndash; aha, auch f&uuml;r die deutsche Au&szlig;enpolitik ist der gr&ouml;&szlig;te Briefkastenorganisator der Welt aus den USA wichtig.<\/p><p>&Uuml;brigens: Die Bundesregierung teilte nicht mit, um welche Themen es ging und wo man sich getroffen hat. Vermutlich ja nicht in Cadenabbia, wo die Residenz auf Steuerzahlerkosten luxuri&ouml;s und legendenhaft dahind&auml;mmert.<\/p><p><em>Letzte Buchver&ouml;ffentlichung von Werner R&uuml;gemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Papyrossa-Verlag K&ouml;ln 2018. 357 Seiten, 19,10 Euro.<\/em><\/p><p>Titelbild: Wolkenkratzer [CC BY-SA 4.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0)], von Wikimedia Commons<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\">Neuer Besitzer f&uuml;r Adenauers &bdquo;Bruchbude&ldquo;<\/a>,  23.1.2019<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.volksfreund.de\">Die Ruine im Wald und der Kanzler<\/a>, 18.11.2016<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Adenauers Skandal-Villa, Der Spiegel 19.4.2017<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Godehard Schramm: Der Kanzler und der See. Hamburg 2012, S. 82<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Walter Schmidt: Adenauers Bruchbude, neues deutschland 24.10.2011<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Schramm, S. 8<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Schramm S. 82<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Hans Dollinger \/ Thilo Vogelsang: Die Bundesrepublik in der &Auml;ra Adenauer, M&uuml;nchen 1966, S. 220<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Zitiert nach Schramm S. 101<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Werner R&uuml;gemer<\/strong> berichtet von Adenauers Regierungssitzgewohnheiten und den erkennbaren Abh&auml;ngigkeiten. Wenn man das liest, k&ouml;nnte man fast auf die Idee kommen, die Zeiten seien schon mal schlimmer gewesen als heute. Noch schlimmer. 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