{"id":49049,"date":"2019-02-05T11:22:40","date_gmt":"2019-02-05T10:22:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49049"},"modified":"2019-02-05T14:07:08","modified_gmt":"2019-02-05T13:07:08","slug":"opfer-werden-durch-gewalt-ein-stiller-alptraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49049","title":{"rendered":"Opfer werden durch Gewalt \u2013 ein stiller Alptraum!"},"content":{"rendered":"<p>Ein Appell von <strong>Rudolf H&auml;nsel<\/strong>. Der Erziehungswissenschaftler und Psychologe mahnt schon seit l&auml;ngerem an, sich um die Gewalt an Schulen zu k&uuml;mmern. Seine Mahnungen wurden durch die Selbstt&ouml;tung einer Elfj&auml;hrigen noch einmal besonders dringlich.<br>\n<!--more--><br>\nLiebe Eltern und Lehrkr&auml;fte, wie lange noch tolerieren Sie die Gewalt an Schulen?<br>\nWie viele Kinder- bzw. Sch&uuml;ler-Selbstmorde vertr&auml;gt eine Gesellschaft, bevor sich betroffene Eltern und Lehrkr&auml;fte dazu aufraffen, das Opferwerden durch Gewalt &ndash; diesen &bdquo;stillen Alptraum&ldquo; &ndash; nicht mehr zu tolerieren, sondern zu stoppen? Wissen Sie nicht, dass von der Politik, den vorgesetzten Schulbeh&ouml;rden wie auch von Eltern- und Lehrerorganisationen keinerlei Unterst&uuml;tzung zu erwarten ist? In Nordnorwegen f&uuml;hrten Anfang der 1980-er Jahre drei Sch&uuml;ler-Selbstmorde als Folge schwerer Gewaltt&auml;tigkeiten durch Gleichaltrige dazu, dass der Psychologe Dan Olweus im Auftrag des norwegischen Erziehungsministeriums im ganzen Land eine Anti-Tyrannisierungs-Kampagne (&bdquo;Antibullying Campaign&ldquo;) durchf&uuml;hrte. Im Laufe von nur zwei Jahren verringerte dieses Interventionsprogramm die unmittelbaren und mittelbaren Gewaltaus&uuml;bungen um 50 Prozent.<\/p><p><strong>Zunehmende Angst und Aggressivit&auml;t an deutschen Schulen<\/strong><\/p><p>In meinem Offenen Brief &bdquo;J&lsquo;accuse&hellip;!&ldquo; an den Bundespr&auml;sidenten Dr. Frank-Walter Steinmeier vor genau einem Jahr, in dem ich ihn (ohne Erfolg!) um Unterst&uuml;tzung bat, schrieb ich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Gewalt in unserem Land nimmt epidemische Ausma&szlig;e an. Es vergeht kein Tag, an dem die Medien nicht &uuml;ber Gewalttaten an Schulen berichten. Schwere k&ouml;rperliche &Uuml;bergriffe, Messer und andere Waffen spielen dabei eine immer gr&ouml;&szlig;ere Rolle. Die Brutalit&auml;t nimmt zu und zugleich nehmen Hemmschwellen f&uuml;r aggressives Verhalten ab. An vielen Schulen herrscht ein Klima der Angst und Aggressivit&auml;t. (&hellip;).<\/p>\n<p>Die Not der Lehrerinnen und Lehrer ist inzwischen so gro&szlig;, dass sie f&uuml;r ihre Schulen Sicherheitsdienste einstellen und sich in Brand-Briefen Hilfe suchend an die &Ouml;ffentlichkeit wenden. Doch sie werden in der Regel im Stich gelassen. Wenn es uns nicht gelingt, diese Gewalt zu stoppen, wird sie sich weiter ausbreiten und nur noch schwer einzud&auml;mmen sein.&ldquo; &nbsp;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p>Am 18. Dezember 2018 befasste sich auch die ARD-Sendung &bdquo;<em>Report Mainz<\/em>&ldquo; mit dem Thema &bdquo;<em>Kinder brutal: die zunehmende Gewalt von Minderj&auml;hrigen &uuml;berfordert Schule<\/em>&ldquo;. Berichtet wurde vom &bdquo;<em>Tatort Schule<\/em>&ldquo;, von einer &bdquo;<em>beunruhigenden Statistik<\/em>&ldquo; sowie von einem &bdquo;<em>dramatischen Anstieg<\/em>&ldquo; und einem &bdquo;<em>neuen Ausma&szlig; schwerer und gef&auml;hrlicher K&ouml;rperverletzungen<\/em>&ldquo; unter Schulkindern. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Inzwischen hat sich an einer Berliner Grundschule ein elfj&auml;hriges M&auml;dchen das Leben genommen. Der &bdquo;Tagesspiegel&ldquo; zitiert am 3. Februar 2019 unter der &Uuml;berschrift: &bdquo;T&ouml;dliches Mobbing an Berliner Grundschule. Eltern berichten &uuml;ber Gewalt an ihrer Schule &ndash; und Beschwichtigungen&ldquo; einen Vater mit der Aussage:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Seit mehr als einem Jahr gibt es massive Mobbingf&auml;lle an der Schule. Es wurde immer wieder den Lehrern und der Schulleitung gegen&uuml;ber angesprochen, vom Elternbeirat, aber auch von M&uuml;ttern und V&auml;tern, deren Kinder betroffen waren. Doch man hat alle F&auml;lle einfach abgetan &ndash; nach dem Motto, das sei doch alles nicht so tragisch, oder die gemobbten Kinder seien ja auch nicht gerade Engel.&ldquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;Peer Victimization&ldquo; &ndash; ein &bdquo;stiller Alptraum&ldquo; f&uuml;r immer mehr Sch&uuml;ler<\/strong><\/p><p>Der renommierte Kriminologe und Psychologe Professor H. J. Schneider bezeichnete die Gewalt in der Schule als verborgene und tolerierte Gewalt. Das Kernproblem der Gewalt in der Schule sei das Problem des Tyrannisierens (Bullying) von Sch&uuml;lern oder Sch&uuml;lerinnen durch Sch&uuml;ler oder Sch&uuml;lerinnen. Bei dieser Viktimisierung durch Gleichaltrige (Peer Victimization) handele es sich um ein verstecktes, verborgenes Opferwerden durch Gewalt, um einen &bdquo;stillen Alptraum&ldquo; vieler Kinder. Ihr Selbstkonzept werde dadurch nachhaltig gesch&auml;digt und ihr Selbstwertgef&uuml;hl geschw&auml;cht. Instabile und unbeh&uuml;tete Sch&uuml;ler liefen zudem Gefahr, die vermeintlich mutigen Schl&auml;ger, die in Wirklichkeit Feiglinge sind, als Vorbilder zu glorifizieren und nachzuahmen. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p>&Uuml;ber die Opfer und deren Lehrer schreibt er:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Auf dem kindlichen und jugendlichen Opfer lastet ein enormer gesellschaftlicher Druck, seine Viktimisierung nicht aufzudecken. (&hellip;) Das Opfer verneint seine Viktimisierung. (&hellip;) Die meisten Lehrer bemerken das Tyrannisieren nicht oder wollen es nicht wahrnehmen. Sie unternehmen wenig, um ihm Einhalt zu gebieten. Meist schauen sie weg, um sich Schwierigkeiten und Belastungen zu ersparen.&ldquo; [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Fatales Versagen von Politik und Gesellschaft<\/strong><\/p><p>Am 19. Dezember 2018 schrieb ich in einem Artikel in der NRhZ <em>&bdquo;Gewalt in der Schule &ndash; ein fatales Versagen unserer Gesellschaft!&ldquo;<\/em>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Warum bringen wir in unserem Land nicht den Willen auf, die ausufernde Gewalt einzud&auml;mmen, wo wir doch das n&ouml;tige Wissen besitzen? Wir weichen immer wieder vor der Gewalt zur&uuml;ck und ermutigen damit die Gewaltt&auml;ter &ndash; anstatt ein entschiedenes Stoppzeichen gegen jede Form der Gewalt zu setzen. Warum f&uuml;hren wir keine breite gesellschaftliche Werte-Diskussion? Sie m&uuml;sste gef&uuml;hrt werden ohne Tabuisierung und Abstempelung anderer Meinungen und sich an den einschl&auml;gigen internationalen Forschungsergebnissen orientieren.&nbsp;<\/p>\n<p>Oder wollen wir dieses Problem in Wahrheit nicht l&ouml;sen, weil die herrschenden Akteure in der Politik eine aggressive Jugend f&uuml;r zuk&uuml;nftige politische Entwicklungen im In- und Ausland gut gebrauchen k&ouml;nnen? Die psychologische Kriegsf&uuml;hrung l&auml;uft ja bereits auf Hochtouren!&ldquo; [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p>Auf meinen bereits erw&auml;hnten Offenen Brief an den deutschen Bundespr&auml;sidenten und von den zirka einhundert anderen Adressaten &ndash; Gewerkschaften, Kultusminister, Lehrer- und Elternverb&auml;nde &ndash;, denen ich den Brandbrief zur Kenntnisnahme und mit der Bitte um Unterst&uuml;tzung weiterleitete, erhielt ich keine einzige Antwort.<\/p><p><strong>Erweitertes Interventions- und Pr&auml;ventionsprogramm nach Dan Olweus<\/strong><\/p><p>Der norwegische Psychologe Professor Dan Olweus, der als Gr&uuml;ndervater der Gewaltpr&auml;vention in der Schule gilt, macht in der Zusammenfassung seines bereits 1993 erschienenen Buches &bdquo;<em>Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollen &ndash; und tun k&ouml;nnen<\/em>&ldquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] deutlich, dass wir im Besitz des Wissens sind, was zu tun sei. N&ouml;tig sei aber der Wille, einem Zustand entgegenzuwirken, der so viel Leid und Elend (und in Extremf&auml;llen sogar Suizid) f&uuml;r viele junge Menschen bedeute.<\/p><p>Auf der Grundlage einer Reihe von Grundprinzipien, die bei Kindern die Entwicklung positiven &ndash; also prosozialen &ndash; Verhaltens anstatt aggressiven Verhaltens beg&uuml;nstigen, entwickelte Olweus eine Reihe spezieller Ma&szlig;nahmen, die auf Schul-, Klassen- und individueller Ebene angewendet werden k&ouml;nnen und bei der alle Lehrkr&auml;fte, Eltern und Sch&uuml;ler aktiv beteiligt sind.<\/p><p>Die Ma&szlig;nahmen seines Interventionsprogramms f&uuml;hrten in Norwegen zu einer Verringerung der unmittelbaren und auch der mittelbaren Gewaltaus&uuml;bung &ndash; und zwar in der Schule, in den jeweiligen Familien und auch in der Umgebung der Schule. Im Laufe von zwei Jahren ging nicht nur das Tyrannisieren um 50 Prozent zur&uuml;ck; auch Diebst&auml;hle, Vandalismus, Schl&auml;gereien und das Schuleschw&auml;nzen verminderten sich &ndash; und die Zufriedenheit der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler mit dem Schulleben nahm zu.<\/p><p>Das Interventions- und Pr&auml;ventionsprogramm von Dan Olweus sollte jedoch um einige p&auml;dagogisch-psychologische Elemente erweitert werden, damit Kinder prosoziale Verhaltensalternativen nicht nur lernen und &uuml;ben, sondern auch internalisieren. Dann ist die Chance gegeben, dass sie im sp&auml;teren Leben in pers&ouml;nlichen und gesellschaftlichen Konfliktsituationen auf gewaltfreie L&ouml;sungen zur&uuml;ckgreifen. Gewaltpr&auml;vention in der Schule leistet schlie&szlig;lich einen Beitrag zur Friedenserziehung. Die Stichworte lauten: Ein deutliches Stoppzeichen gegen Gewalt setzen, Wiedergutmachung statt Strafe, geduldige Anleitung zu friedlichen Konfliktl&ouml;sungen, Aufbau positiver Werte und Schulerfolg als Schutzfaktor gegen Gewalt. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p><em>Dr. <strong>Rudolf H&auml;nsel<\/strong> ist Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] NRhZ Nr. 651 vom 21.03.2018<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] A.a.O.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] tagesspiegel.de &ndash; <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/tragischer-vorfall-toedliches-mobbing-an-berliner-grundschule\/23940174.html\">T&ouml;dliches Mobbing an Berliner Grundschule<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Schneider, H. J. (2001) Kriminologie f&uuml;r das 21. Jahrhundert. M&uuml;nster-Hamburg-London, S. 234f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] A.a.O.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] NRhZ Nr. 687 vom 19.12.2018<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Bern; G&ouml;ttingen; Toronto; Seattle<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] H&auml;nsel, R. und R. Gewaltpr&auml;vention in der Schule als Beitrag zur Friedenserziehung. In: Krebs, U. \/ Forster, J. (Hrsg.) (2003). Vom Opfer zum T&auml;ter? Gewalt in Schule und Erziehung von den Sumerern bis zur Gegenwart, S. 219-235<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Appell von <strong>Rudolf H&auml;nsel<\/strong>. Der Erziehungswissenschaftler und Psychologe mahnt schon seit l&auml;ngerem an, sich um die Gewalt an Schulen zu k&uuml;mmern. 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