{"id":49138,"date":"2019-02-07T09:00:07","date_gmt":"2019-02-07T08:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49138"},"modified":"2019-02-15T13:19:08","modified_gmt":"2019-02-15T12:19:08","slug":"auf-dem-weg-zu-einem-neuen-sozialstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49138","title":{"rendered":"Auf dem Weg zu einem neuen Sozialstaat?"},"content":{"rendered":"<p>Was die SPD &auml;ndern muss, wenn sie Hartz IV tats&auml;chlich hinter sich lassen will. Mit den sog. Hartz-Gesetzen wurden zahlreiche Verschlechterungen f&uuml;r Langzeiterwerbslose, Geringverdiener\/innen und Arbeitsuchende eingef&uuml;hrt. Folgende neun Regelungen m&uuml;ssten zur&uuml;ckgenommen, abgeschafft bzw. ge&auml;ndert werden, wenn man &bdquo;Hartz IV hinter sich lassen&ldquo; m&ouml;chte, was sowohl Andrea Nahles wie auch Robert Habeck als Vorsitzende der SPD und der B&uuml;ndnisgr&uuml;nen f&uuml;r ihre Parteien seit Kurzem in Anspruch nehmen. Nahles m&ouml;chte Hartz IV in ein &bdquo;B&uuml;rgergeld&ldquo; (so nennt die FDP ihr Konzept eines Grundeinkommens, das nicht bedingungslos ist) umwandeln und schl&auml;gt mehrere &Auml;nderungen vor, die zur Belebung der Diskussion &uuml;ber eine Erneuerung des Sozialstaates beitragen, jedoch nicht befriedigen k&ouml;nnen. Von <strong>Christoph Butterwegge<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49138#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Die H&ouml;chstbezugsdauer des Arbeitslosengeldes (I) wurde auf h&ouml;chstens 18 Monate verringert; die Anwartschaftszeit, w&auml;hrend der man Beitr&auml;ge in die Arbeitslosenversicherung gezahlt haben musste, um Leistungsanspr&uuml;che zu erwerben, verl&auml;ngert; die Rahmenfrist, in der das geschehen sein musste, von drei Jahren auf zwei Jahre verk&uuml;rzt.\n<p>Mehr als zwei Drittel aller Erwerbslosen befinden sich heute im Hartz-IV-Bezug und blo&szlig; noch ein knappes Drittel im Versicherungssystem. Immer mehr Erwerbslose erhalten nie Arbeitslosengeld (I), sondern fallen gleich in Hartz IV.<\/p>\n<p>Deshalb m&uuml;ssen die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes (I) und die Rahmenfrist &uuml;ber die ab 1. Januar 2020 geltenden 30 Monate verl&auml;ngert werden, w&auml;hrend die Anwartschaftszeit von zw&ouml;lf (bzw. unter bestimmten Voraussetzungen sechs Monaten) verk&uuml;rzt werden sollte, um bei einer gr&ouml;&szlig;eren Zahl der Erwerbslosen den sofortigen Fall in die Grundsicherung zu verhindern. <\/p><\/li>\n<li>In seiner ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten &bdquo;Agenda&ldquo;-Rede hat Gerhard Schr&ouml;der mit der Forderung nach einer &bdquo;Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe&ldquo; am 14. M&auml;rz 2003 die zentrale Legitimationsformel f&uuml;r Hartz IV pr&auml;sentiert. Dabei wurde am 1. Januar 2005 gar nichts zusammengelegt, sondern mit der Arbeitslosenhilfe zum ersten Mal seit 1945 eine den Lebensstandard von Millionen Erwerbslosen (noch halbwegs) sichernde Lohn<em>ersatz<\/em>leistung abgeschafft. An deren Stelle trat mit dem Arbeitslosengeld II eine h&ouml;chstens noch das soziokulturelle Existenzminimum sichernde <em>F&uuml;rsorge<\/em>leistung, die als Lohn<em>erg&auml;nzungs<\/em>leistung gedacht war.\n<p>Dies war der harte, materielle Kern von Hartz IV, dem heute &ouml;ffentlich kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es gab im Jahr 2004 ca. 2,2 Millionen Bezieher\/innen von Arbeitslosenhilfe, die f&uuml;r Kinderlose 53 Prozent und f&uuml;r Eltern mit unterhaltsberechtigten Kindern 57 Prozent ihres letzten Nettogehalts vor der Entlassung betrug. Dass sich die Kinderarmut seit 2004 fast verdoppelt hat, ist wesentlich auf die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und den Bruch mit dem Lebensstandardsicherungsprinzip des bundesrepublikanischen Sozialstaates zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. <\/p>\n<p>Andrea Nahles hat die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe in der FAZ (v. 17.11.2018) zwar zu Recht als den &bdquo;Urfehler von Hartz IV&ldquo; bezeichnet, zieht daraus aber keine Konsequenzen, sondern bietet als Scheinl&ouml;sung nur die Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeld-I-Bezugs f&uuml;r 50-J&auml;hrige und &Auml;ltere sowie die Einf&uuml;hrung des &bdquo;Arbeitslosengeldes Q&ldquo; (Leistungsverl&auml;ngerung im Falle einer beruflichen Weiterbildung oder Umschulung) an. Will man &bdquo;nicht hinter Hartz IV zur&uuml;ck&ldquo;, also keine Lohnersatzleistung wie die Arbeitslosenhilfe einf&uuml;hren, kann man den Lebensstandard von Langzeiterwerbslosen auch durch ein im Extremfall bis zur Rente gezahltes Arbeitslosengeld (I) sichern, dessen H&ouml;he sich gleichfalls nach dem letzten Nettoentgelt richtet. Wie bei der fr&uuml;heren Anschluss-Arbeitslosenhilfe im Prinzip unbefristet anspruchsberechtigt m&uuml;sste sein, wer nicht ein h&ouml;heres Lebensalter, sondern nur eine bestimmte Mindestversicherungsdauer aufweist. Denn warum soll jemand, der Ende 40 ist, jahrzehntelang besch&auml;ftigt war und Beitr&auml;ge gezahlt hat, nach kurzem Bezug von Arbeitslosengeld (I) genauso wenig Unterst&uuml;tzung erhalten wie jemand, der noch nie berufst&auml;tig war?<\/p><\/li>\n<li>Mit der Einf&uuml;hrung von Hartz IV war eine Pauschalierung der Regels&auml;tze verbunden, die inzwischen Regelbedarfe hei&szlig;en und zu niedrig sind, um in W&uuml;rde leben, sich gesund ern&auml;hren und ordentlich kleiden zu k&ouml;nnen. Dies gilt nicht blo&szlig;, aber insbesondere f&uuml;r Kinder: W&auml;hrend der Regelbedarf von (alleinstehenden) Erwachsenen 424 Euro betr&auml;gt, erhalten Kleinkinder 245 Euro, Schulkinder 302 Euro und Jugendliche 322 Euro.\n<p>Besonders kinderreiche Familien leiden darunter, dass mit dem Inkrafttreten von Hartz IV die wiederkehrenden einmaligen Leistungen, etwa f&uuml;r die Reparatur einer Waschmaschine und die Anschaffung eines Fahrrades oder eines neuen Wintermantels f&uuml;r schnell gewachsene Kinder, weggefallen sind.<\/p>\n<p>Einerseits m&uuml;ssten die Regelbedarfe deutlich erh&ouml;ht werden, was Andrea Nahles ablehnt; andererseits sollten jene Beihilfen wiedereingef&uuml;hrt werden, die geeignet sind, bed&uuml;rftigen Eltern und ihren Kindern in besonderen F&auml;llen zu helfen. Wenig sinnvoll w&auml;re eine Kindergrundsicherung, deren Konzept Nahles bis zum Ende 2019 vorlegen will, zumindest dann, wenn sie nicht einkommensunabh&auml;ngig gezahlt w&uuml;rde. Denn eine Familien- und Sozialpolitik nach dem Gie&szlig;kannenprinzip, die Kinder unabh&auml;ngig von der materiellen Situation ihres Elternhauses besserstellen will, w&uuml;rde noch mehr Geld kosten als eine zielgenaue Untersch&uuml;tzung von Leistungsbed&uuml;rftigen. Nahles suggeriert mit S&auml;tzen wie &bdquo;Der Umbau des Hartz-IV-Systems in ein B&uuml;rgergeld kostet nicht viel&ldquo; (K&ouml;lner Stadt-Anzeiger v. 6.2.2019), dass ein neues, partnerschaftliches, solidarischeres und menschlicheres Sozialstaatsmodell, wie die SPD es propagiert, beinahe zum Nulltarif zu haben ist. Mehr soziale Gerechtigkeit und einen besseren Zusammenhalt muss sich eine reiche Gesellschaft wie die deutsche jedoch schon etwas kosten lassen.<\/p><\/li>\n<li>Einen Berufs- und Qualifikationsschutz gibt es bei Hartz IV nicht mehr, weil CDU\/CSU und FDP im Vermittlungsausschuss jene Teilverbesserungen, die Ottmar Schreiner und andere linke Sozialdemokrat(inn)en Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der nach harten innerparteilichen K&auml;mpfen abgerungen hatten, im Vermittlungsausschuss wieder aus dem Gesetzentwurf hinausverhandelt haben.\n<p>Wenn das Jobcenter darauf besteht, muss eine medizinisch-technische Assistentin deshalb jetzt im Getr&auml;nkemarkt und ein Betriebstechniker als Pf&ouml;rtner arbeiten, wenn sie nicht ihren Anspruch auf Unterst&uuml;tzung einb&uuml;&szlig;en wollen. M&ouml;glich wurde es auch, dem mehr als ein Jahr arbeitslosen Diplomingenieur einen 1-Euro-Job aufzudr&auml;ngen, um seine Arbeitswilligkeit zu testen. Warum soll dieser, wenn er staatliche Transferleistungen erh&auml;lt, eigentlich nicht &ndash; dem Motto &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo; gem&auml;&szlig; &ndash; einen &ouml;ffentlichen Park fegen oder in einer Schule bei der Essensausgabe helfen? Nun, ganz einfach deshalb, weil das nicht seiner Ausbildung entspricht, f&uuml;r ihn entw&uuml;rdigend ist und oft dazu f&uuml;hrt, dass ein f&uuml;r die entsprechenden T&auml;tigkeiten besser geeigneter Arbeitnehmer seine Stelle verliert.<\/p>\n<p>Aus diesen Gr&uuml;nden muss der Berufs- und Qualifikationsschutz wieder im Sozialgesetzbuch verankert werden.<\/p><\/li>\n<li>Hartz IV ist mit versch&auml;rften Zumutbarkeitsregelungen f&uuml;r die Arbeitsaufnahme verbunden. Arbeitslosengeld-II-Bezieher\/innen m&uuml;ssen jeden Job annehmen, auch wenn er weder nach Tarif noch orts&uuml;blich entlohnt wird. Auch dies haben CDU\/CSU und FDP, denen die Hartz-Gesetze nicht weit genug gingen, im Vermittlungsausschuss durchgesetzt.\n<p>Von den immer noch 4 Millionen erwerbsf&auml;higen Hartz-IV-Bezieher(inne)n sind 1,2 Millionen gar nicht arbeitslos, sondern &bdquo;Aufstocker\/innen&ldquo;, die so wenig verdienen, dass sie von ihrem Lohn nicht leben k&ouml;nnen. Nicht zuletzt wegen dieser Bestimmungen hat Hartz IV hierzulande den gr&ouml;&szlig;ten Niedriglohnsektor Europas geschaffen, in dem fast ein Viertel aller Besch&auml;ftigten t&auml;tig sind und der mittlerweile das Haupteinfallstor f&uuml;r Erwerbs-, Familien- und Kinderarmut sowie f&uuml;r sp&auml;tere Altersarmut bildet. Mehr als 100 Milliarden Euro hat der Staat seit 2005 an Erwerbsaufstocker\/innen gezahlt und damit letztlich Unternehmen subventioniert, die Lohndumping betreiben.<\/p>\n<p>Deshalb m&uuml;ssen die Zumutbarkeitsregelungen entsch&auml;rft, d&uuml;rfen Hungerl&ouml;hne vom Staat nicht mehr gesetzlich legitimiert und die Kosten daf&uuml;r sozialisiert werden. <\/p><\/li>\n<li>Ein wesentlicher Bestandteil von Hartz IV sind harte Sanktionen, die n&ouml;tig sind, um Zwangsma&szlig;nahmen der Jobcenter wie die oben genannten durchsetzen zu k&ouml;nnen. Bei der ersten Pflichtverletzung, die darin bestehen kann, dass man einen (der eigenen Qualifikation nicht entsprechenden) Job ablehnt, ein (vielleicht bereits schon einmal absolviertes) Bewerbungstraining nicht antritt oder eine (ungeeignet erscheinende) Weiterbildung abbricht, wird der Regelbedarf um 30 Prozent gek&uuml;rzt; bei der zweiten Pflichtverletzung um 60 Prozent; bei der dritten Pflichtverletzung droht eine Totalsanktionierung, bei der das Jobcenter die Mittel f&uuml;r den Lebensunterhalt streicht, aber auch die Miet- und Heizkosten nicht mehr &uuml;bernimmt. Noch h&auml;rter trifft es Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene unter 25 Jahren, die schon bei der zweiten Pflichtverletzung riskieren, ihre Wohnung zu verlieren.\n<p>Die rigide Sanktionspraxis der Jobcenter hat sich ebenso wenig bew&auml;hrt wie die den Leistungsberechtigten oktroyierte Eingliederungsvereinbarung. Schon durch eine Sanktionsdrohung wird massiver Druck auf die Betroffenen ausge&uuml;bt, der sie teilweise in die Resignation und in die Depression treibt. Indem man junge Menschen im Extremfall zur Obdachlosigkeit verurteilt, f&uuml;hrt man sie nicht etwa &bdquo;auf den rechten Weg&ldquo; zur&uuml;ck, sondern veranlasst sie h&ouml;chstens, sich auf ungesetzliche Weise durchs Leben zu schlagen. <\/p>\n<p>Die uns&auml;gliche Rohrstock-P&auml;dagogik l&auml;ngst vergangener Zeiten hat in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts nicht zu suchen, denn mit alttestamentarischer Strenge bewirkt man keine Verhaltens&auml;nderung im positiven Sinne, sondern oft genug das Gegenteil. Sanktionen sind nicht blo&szlig; inhuman und verfassungswidrig, sondern auch kontraproduktiv. Sie m&uuml;ssen von den politisch Verantwortlichen so schnell wie m&ouml;glich beseitigt werden, falls das Bundesverfassungsgericht diese nicht durch sein in K&uuml;rze anstehendes Urteil dazu zwingt. Der bisherige, sanktionsbewehrte Zwang zur Erwerbst&auml;tigkeit f&uuml;r alle Bewohner\/innen sollte entfallen, aber durch eine moralische Pflicht zur Erwerbst&auml;tigkeit f&uuml;r jene Menschen ersetzt werden, die dazu aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation, gesundheitlichen Verfassung und psychischen Konstitution f&auml;hig sind. Sanktionen sind entbehrlich, weil die Menschen unter den genannten Voraussetzungen arbeiten, um sich selbst zu verwirklichen, sich n&uuml;tzlich zu machen und\/oder der Gesellschaft etwas zur&uuml;ckzugeben. Andrea Nahles lehnt nur die h&auml;rtere Sanktionierung von Unter-25-J&auml;hrigen und die Verweigerung der &Uuml;bernahme von Wohnkosten, aber nicht Sanktionen als solche ab.<\/p><\/li>\n<li>Hartz IV &uuml;bernahm das wie viele andere Bestandteile dieses Gesetzespaketes aus der Weimarer Republik (dort hie&szlig; ein Reformer mit ganz &auml;hnlichen Vorstellungen, wie sie die von dem damaligen VW-Manager Peter Hartz entwickelt wurden, &uuml;brigens Gustav Hartz) stammende Konstrukt der Bedarfsgemeinschaft &ndash; damals hie&szlig; es noch &bdquo;Familiennotgemeinschaft&ldquo; &ndash; aus dem F&uuml;rsorgerecht. Hierdurch wurden selbst Personen, die weder mit Leistungsbed&uuml;rftigen verwandt noch ihnen gegen&uuml;ber unterhaltspflichtig waren, als Teil einer &bdquo;Verantwortungs- und Einstehensgemeinschaft&ldquo; zur Kosten&uuml;bernahme angehalten, um die Zahlungen der Jobcenter zu minimieren.\n<p>Damit verbunden waren teilweise bis in den Intimbereich von Hartz-IV-Bezieher(inne)n hineinreichende Auskunftsersuchen, Kontrollma&szlig;nahmen und &Uuml;berwachungspraktiken von Sozialdetektiven der Jobcenter, zu denen sich Andrea Nahles bisher ebenso wenig &auml;u&szlig;ert wie zu der sp&auml;ter erfolgten Beweistlastumkehr f&uuml;r zusammenwohnende Personen.<\/p>\n<p>Eine ausgeweitete Sippenhaft darf es nicht geben, weshalb die Bedarfsgemeinschaft aus dem Sozialgesetzbuch zu streichen ist. Auch m&uuml;ssen Vollj&auml;hrige einen eigenen Haushalt gr&uuml;nden k&ouml;nnen, ohne die Erlaubnis des Jobcenters einzuholen.<\/p><\/li>\n<li>Mit den ersten Hartz-Gesetzen wurden die H&uuml;rden jener Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung schrittweise erh&ouml;ht, der sich alle Transferleistungsempf&auml;nger\/innen unterziehen m&uuml;ssen. Gegen&uuml;ber der urspr&uuml;nglichen Regelung bei der Arbeitslosenhilfe verringerte sich das Schonverm&ouml;gen.\n<p>Langzeiterwerbslose mussten selbst eine der Altersvorsorge dienende Kapitallebensversicherung und\/oder eine selbstgenutzte Immobilie, die sie besa&szlig;en, ver&auml;u&szlig;ern, bevor sie Arbeitslosengeld II erhalten konnten. Sp&auml;ter wurde das Altersvorsorge-Schonverm&ouml;gen f&uuml;r Arbeitslosengeld-II-Bezieher\/innen von 250 Euro auf 750 Euro pro Lebensjahr verdreifacht und auch der Besitz einer selbstgenutzten Eigentumswohnung bzw. eines Eigenheims erm&ouml;glicht.<\/p>\n<p>Andrea Nahles und die SPD wollen das Schonverm&ouml;gen weiter erh&ouml;hen. Dies erscheint zweckm&auml;&szlig;ig, obwohl davon eher besser situierte Leistungsberechtigte profitieren, w&auml;hrend vor allem in den ostdeutschen Bundesl&auml;ndern viele Antragsteller\/innen &uuml;berhaupt kein Verm&ouml;gen besitzen, das geschont werden k&ouml;nnte. Robert Habeck schl&auml;gt vor, dass 100.000 Euro, der Altersvorsorge dienende und staatlicherseits gef&ouml;rderte Versicherungsanspr&uuml;che sowie selbstgenutztes Wohneigentum anrechnungsfrei bleiben. Aufgrund der b&uuml;rgerlichen W&auml;hlerklientel von B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen ist Habeck an dieser Stelle &auml;u&szlig;erst gro&szlig;z&uuml;gig und schie&szlig;t bei der Anhebung des Schonverm&ouml;gens &uuml;ber das Ziel eines auch die Mittelschicht vor Standardlebensrisiken sch&uuml;tzenden Sozialstaates hinaus.<\/p><\/li>\n<li>Ausgerechnet im Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung, das Europa 2010 beging, fassten die damaligen Regierungsparteien CDU, CSU und FDP den Entschluss, den Arbeitslosengeld-II-Bezieher(inne)n das Elterngeld ab 1. Januar 2011 auf die Transferleistung anzurechnen (und davon abzuziehen), den Zuschlag zu streichen, der bis dahin beim &Uuml;bergang vom Bezug des Arbeitslosengeldes (I) zum Bezug von Arbeitslosengeld II zwei Jahre lang gezahlt wurde, und f&uuml;r Hartz-IV-Bezieher\/innen auch keine Beitr&auml;ge mehr in die Gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Ma&szlig;nahmen der beruflichen Weiterbildung f&uuml;r Erwerbslose, die bisher Pflichtleistungen waren, wurden gestrichen oder zu blo&szlig;en Ermessensleistungen der Jobcenter.\n<p>Alle diese Verschlechterungen, zu denen sich Andrea Nahles nicht ge&auml;u&szlig;ert hat, m&uuml;ssen r&uuml;ckabgewickelt werden, um Hartz IV &uuml;berwinden und ein neues Sozialstaatsmodell begr&uuml;nden zu k&ouml;nnen. Ziel muss eine soziale Grundsicherung sein, die den Namen im Unterschied zu Hartz IV wirklich verdient, weil sie armutsfest, bedarfsdeckend und repressionsfrei ist. Armutsfest w&auml;re eine solche Mindestsicherung unter der Voraussetzung, dass ihr Zahlbetrag zusammen mit den Miet- und Heizkosten, die nicht pauschaliert werden d&uuml;rfen, zumindest im Bundesdurchschnitt &uuml;ber der Armuts(risiko)schwelle der Europ&auml;ischen Union l&auml;ge: Das sind laut dem Mikrozensus 2017, der umfassendsten Sozialstatistik der Bundesrepublik, f&uuml;r einen Alleinstehenden 1.000 Euro. Bedarfsdeckend zu sein hei&szlig;t bei der sozialen Mindestsicherung, dass spezifische Bedarfe, etwa im Fall einer Behinderung, geltend gemacht werden k&ouml;nnen. Schlie&szlig;lich sollte die soziale Mindestsicherung ohne Sanktionen auskommen, wenngleich eine moralische Verpflichtung fortbesteht, dass seinen Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit selbst sicherstellt, wer dazu gesundheitlich, psychisch und aufgrund seiner beruflichen Qualifikation in der Lage ist.<\/p><\/li>\n<\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Prof. Dr. <strong>Christoph Butterwegge<\/strong> lehrte bis 2016 Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. K&uuml;rzlich hat er sein Buch &bdquo;Armut&ldquo; in einer aktualisierten Neuauflage bei PapyRossa (K&ouml;ln 2019) ver&ouml;ffentlicht. 2018 sind seine B&uuml;cher &bdquo;Hartz IV und die Folgen&ldquo;, &bdquo;Grundeinkommen kontrovers&ldquo; sowie &bdquo;Krise und Zukunft des Sozialstaates&ldquo; erschienen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was die SPD &auml;ndern muss, wenn sie Hartz IV tats&auml;chlich hinter sich lassen will. Mit den sog. Hartz-Gesetzen wurden zahlreiche Verschlechterungen f&uuml;r Langzeiterwerbslose, Geringverdiener\/innen und Arbeitsuchende eingef&uuml;hrt. 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