{"id":492,"date":"2005-03-16T18:02:18","date_gmt":"2005-03-16T16:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=492"},"modified":"2016-03-17T14:17:58","modified_gmt":"2016-03-17T13:17:58","slug":"der-bundesprasident-der-arbeitgeber-abgesang-zur-sozialen-marktwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=492","title":{"rendered":"Der Bundespr\u00e4sident der Arbeitgeber. Abgesang zur sozialen Marktwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Auflagen&ldquo;, &bdquo;Regulierungen&ldquo;, &bdquo;B&uuml;rokratie&ldquo;, &bdquo;Tarifvertr&auml;ge&ldquo;, &bdquo;immer neue Wohltaten und Geschenke&ldquo;, &bdquo;hohe Abgaben&ldquo;, &bdquo;hohe L&ouml;hne&ldquo;, &bdquo;hohe Lohnnebenkosten&ldquo;, &bdquo;abschreckendes Steuersystem&ldquo;: &bdquo;Deshalb ist die Arbeitslosigkeit &uuml;ber Jahrzehnte immer weiter gestiegen.&ldquo; K&ouml;hler dekliniert den gesamten Kanon der Miesmacherei der Wirtschaftsverb&auml;nde durch; seine L&ouml;sungsvorschl&auml;ge h&auml;tte auch einer der anwesenden Arbeitgeber aufsagen k&ouml;nnen, so einseitig und so orthodox wirtschaftsliberal sind seine Vorschl&auml;ge.<br>\n<!--more--><br>\nDie Rede von Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler vor dem Arbeitgeberforum in Berlin am 15. M&auml;rz 2005 zum Thema &bdquo;Wirtschaft und Gesellschaft&ldquo; ist ein Musterbeispiel daf&uuml;r, was der Altvater der &Ouml;konomen John Kenneth Galbraith &bdquo;die &Ouml;konomie des unschuldigen Betrugs&ldquo; nennen w&uuml;rde.<br>\nOder ist K&ouml;hler doch nicht ganz so unschuldig? Zu seiner Entschuldigung kann man allenfalls anf&uuml;hren, dass er auch vorher nie etwas anderes &uuml;ber Wirtschaft gedacht oder gesagt hat, ob als Abteilungsleiter unter Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff, ob als Staatssekret&auml;r unter Finanzminister Waigel, ob als &bdquo;Sherpa&ldquo; von Bundeskanzler Kohl auf den Weltwirtschaftsgipfeln oder als Direktor des Internationalen W&auml;hrungsfonds. <\/p><p>Kein kritisches Wort an die Adresse der Wirtschaft. Das Arbeitgeberforum bedankt sich mit stehenden Ovationen. Der Bundespr&auml;sident will offenbar ein neues Grundgesetz: &bdquo;Eine Ordnung der Freiheit&ldquo; deren Regeln lauten: &bdquo;Privateigentum, Wettbewerb und offene M&auml;rkte, freie Preisbildung und ein stabiles Geldwesen, eine Sicherung vor den gro&szlig;en Lebensrisiken f&uuml;r jeden und Haftung aller f&uuml;r ihr Tun und Lassen.&ldquo;<br>\nNichts von Sozialstaat oder sozialer Gerechtigkeit, nichts von Teilhabe, nichts von Mitbestimmung, nichts von Chancengleichheit, nichts von sozialer Marktwirtschaft und Wohlstand f&uuml;r alle. <\/p><p>Das angebotsorientierte &ouml;konomische Denken ist sein Credo und dem ordnet er alles unter, angefangen vom Grundgesetz, &uuml;ber die parlamentarische Demokratie und nat&uuml;rlich die ganze Gesellschaft. &bdquo;Demokratie und Marktwirtschaft&ldquo; sind f&uuml;r ihn synonym. &Uuml;ber allem steht der Wettbewerb, der &bdquo;neue globale Wettbewerb um Arbeit und Wohlstand&ldquo;.<br>\nDieser globale Wettbewerb verlange mehr als die &bdquo;Agenda 2010&ldquo;. Wir brauchten einen noch moderneren Sozialstaat und dieser &bdquo;moderne Sozialstaat&ldquo; sch&uuml;tze eben nur noch &bdquo;vor Not&ldquo; und das auch nur so weit, wie das &bdquo;mit einer nachhaltigen Finanzwirtschaft vereinbar ist.&ldquo; Da ist kein Raum mehr f&uuml;r soziale Gerechtigkeit, F&ouml;rderung der Chancengleichheit, Solidarit&auml;t und all dem was bisher unter dem Sozialstaat im Sinne des Grundgesetzes verstanden wurde. Das ist schon ein denkw&uuml;rdiges Verfassungsverst&auml;ndnis unseres Staatsoberhauptes. <\/p><p>Massenarbeitslosigkeit kann f&uuml;r solches &ouml;konomisches Denken &bdquo;kein konjunkturelles sondern vorwiegend ein strukturelles Problem&ldquo; sein und die strukturellen &Auml;nderungen haben eben ausschlie&szlig;lich die Verbesserung der Angebotsseite, sprich der Unternehmerseite zum Ziel: Deshalb Privateigentum &uuml;ber alles, Vertragsfreiheit &uuml;ber alles, Wettbewerb und offene M&auml;rkte, freie Preisbildung und ein stabiles Geldwesen &uuml;ber alles, &uuml;ber die Meinung der B&uuml;rger, &uuml;ber Gewerkschaften, &uuml;ber das Parlament, &uuml;ber die Politik. Deshalb m&uuml;ssen die Gewerkschaften den &bdquo;Pfad&ldquo; der &bdquo;Lohnzur&uuml;ckhaltung&ldquo; fortsetzen, deshalb m&uuml;ssen die &bdquo;zu hohen Lohnnebenkosten&ldquo; gesenkt und deshalb w&uuml;rden die Unternehmen &bdquo;am wirkungsvollsten&ldquo; entlastet, wenn &bdquo;die Kosten der sozialen Sicherung v&ouml;llig vom Arbeitsverh&auml;ltnis&ldquo; abgekoppelt w&uuml;rde, so dass die &bdquo;Menschen ihr Gl&uuml;ck nach ihren eigenen Vorstellungen machen&ldquo; k&ouml;nnen. Deshalb weg mit den Tarifvertr&auml;gen &bdquo;zu Lasten Dritter&ldquo;, deshalb mehr &bdquo;Flexibilit&auml;t&ldquo; durch &bdquo;betriebliche Besch&auml;ftigungsb&uuml;ndnisse&ldquo;. Deshalb m&uuml;ssen &bdquo;alle Regelungen f&uuml;r den Arbeitsmarkt , ob gesetzlich oder tariflich, &hellip;darauf &uuml;berpr&uuml;ft werden, ob sie Besch&auml;ftigung f&ouml;rdern&ldquo; und &ndash; damit mit der Tarifautonomie und dem parlamentarische System gleich mit aufger&auml;umt wird &ndash; &uuml;berl&auml;sst man die &Uuml;berpr&uuml;fung am besten &bdquo;unabh&auml;ngigen Experten&ldquo;. Selbst f&uuml;r die Forderung nach Erprobung &bdquo;der aktivierenden Sozialhilfe&ldquo; &ndash; eine These die auf der Annahme beruht, das es sich f&uuml;r die Arbeitslosen gar nicht lohne zu arbeiten &ndash; ist sich der Bundespr&auml;sident nicht zu schade.<br>\nIch &uuml;bertreibe nicht, man kann das alles nachlesen.<br>\nEs muss schon einen Heidenspa&szlig; machen, vor dem Arbeitgeberforum s&auml;mtliche Kernforderungen und Rechte der Gewerkschaften in den Orkus zu verdammen.<br>\nWeil die Unternehmen immer noch nicht genug Gewinne machen &bdquo;brauchen wir eine umfassende Steuerreform&ldquo;, und im &bdquo;Vorgriff&ldquo; eine &bdquo;Verbesserung der Unternehmensbesteuerung&ldquo;, die &bdquo;Leistung belohnt&ldquo;. <\/p><p>Und das alles unter der &bdquo;Vorfahrtsregel f&uuml;r Arbeit&ldquo;: &bdquo;Was der Schaffung und Sicherung wettbewerbsf&auml;higer (!) Arbeitspl&auml;tze dient, muss getan werden.&ldquo; Merken eigentlich die Redenschreiber von K&ouml;hler schon gar nicht mehr, in welche N&auml;he sie sich mit solchen Formeln begeben: So &auml;hnlich hat Hugenberg schon vor &uuml;ber 70 Jahren get&ouml;nt und dass die Union und die Agenda die Losung ausgegeben haben, &bdquo;Sozial ist was Arbeit schafft&ldquo;, entlastet den Bundespr&auml;sidenten nicht. <\/p><p>Man k&ouml;nnte angesichts der L&ouml;sungsvorschl&auml;ge diese &bdquo;Vorfahrtsregel&ldquo; auch so &uuml;bersetzen:<br>\nWir m&uuml;ssen die Sozialhilfen so niedrig setzen, dass die Menschen Arbeit f&uuml;r jeden Lohn annehmen m&uuml;ssen. Wir m&uuml;ssen die Arbeit so niedrig entlohnen, dass sie zwar wettbewerbsf&auml;hig wird, aber nicht mehr zum &Uuml;berleben reicht. Wir m&uuml;ssen alle Arbeitnehmer und Arbeitnehmerschutzrechte dem Gesetzgeber und den Tarifparteien entziehen und ihre &Uuml;berpr&uuml;fung &bdquo;unabh&auml;ngigen Experten&ldquo; &uuml;berlassen. Wir m&uuml;ssen alle politischen und vor allem die nationalen Rahmenbedingungen f&uuml;r den Markt dem globalen Wettbewerb opfern. Weg mit Gewerkschaften und Politik, weg mit B&uuml;rokratie und Auflagen! Freiheit f&uuml;r das Unternehmertum! &bdquo;In Deutschland gilt es zuweilen als moralisch verd&auml;chtig, Gewinn zu machen. Das ist falsch&hellip;nur wer Gewinne erwirtschaftet, kann den Fortbestand seines Unternehmens durch Investitionen sichern, seine Mitarbeiter weiterbesch&auml;ftigen und zus&auml;tzliche Arbeitspl&auml;tze schaffen&ldquo;.<br>\nH&auml;tte der Bundespr&auml;sident die Unternehmer auf dem Forum aber nicht vielleicht wenigstens mal fragen, k&ouml;nnen, warum sie zwar explodierende Gewinne erzielen und dennoch keine Arbeitspl&auml;tze schaffen, sondern umgekehrt die Gewinne ein Ergebnis des Arbeitsplatzabbaus sind?<br>\nH&auml;tte der Bundespr&auml;sident die anwesenden Unternehmer nicht wenigstens mal fragen k&ouml;nnen, wo ihre Investitionen nach dem 60-Milliardensteuergeschenk allein der letzten drei Jahre geblieben sind?<br>\nH&auml;tte der Bundespr&auml;sident nicht wenigstens andeuten k&ouml;nnen, dass Gewinne nicht etwa dazu da sind, die Managergeh&auml;lter ins Unvorstellbare steigen zu lassen?<br>\nH&auml;tte zur &bdquo;Vorfahrtsregel&ldquo; f&uuml;r Arbeit nicht auch geh&ouml;rt, ein Steuersystem anzumahnen, dass Betriebsverlagerungen ins Ausland nicht l&auml;nger steuerlich privilegiert?<br>\nHat der Bundespr&auml;sident bei seinem Lamento &uuml;ber unsere &bdquo;Ordnung im Niedergang&ldquo; einfach vergessen, dass wir Exportweltmeister sind? Hat er v&ouml;llig au&szlig;er acht gelassen, dass das gr&ouml;&szlig;te Problem der deutschen Wirtschaft die fehlende Binnennachfrage ist? &bdquo;Strukturelle Probleme&ldquo; hin oder her, kann er an den seit zehn Jahren schwachen Wachstumsraten nicht sehen, dass wir zumindest auch ein konjunkturelles Problem haben?<br>\nHat er v&ouml;llig vergessen, dass ein Gro&szlig;teil der Schulden der &ouml;ffentlichen Haushalte und der Probleme bei der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme durch die deutsche Einheit verursacht wurde? (Daran wollte er wohl nicht denken, denn sonst w&auml;ren im vielleicht noch seine Fehler als damals verantwortlicher Finanzstaatssekret&auml;r bei der Finanzierung der Einheit aufgesto&szlig;en und vielleicht h&auml;tte gar jemand auf seine pers&ouml;nliche Verantwortung an dem von ihm nun als Schreckbild aufgebauten Schuldenstand hingewiesen.) <\/p><p>&Uuml;brigens: Dass der Bundespr&auml;sident zur Staatsverschuldung auch noch die Summe der Anwartschaften aus den Sozialversicherungen als k&uuml;nftige Last von insgesamt 7,1 Billionen Euro addiert und damit die Menschen in Angst und Schrecken versetzen will, ist schon mehr als ein &bdquo;unschuldiger Betrug&ldquo;: Wenigstens das sollte unser Bundes- Ober&ouml;konom doch wohl wissen: Die erworbenen Leistungsversprechungen sind keine Schulden. Sie sind in einem einigerma&szlig;en intakten System von Sozialversicherungen wie von privaten Versicherungen Anspr&uuml;che, die die sp&auml;teren Leistungsempf&auml;nger in der Regel durch Pr&auml;mien- beziehungsweise Beitragszahlungen erworben haben. <\/p><p>Seit seinem Eintritt in die Bundesregierung im Jahre 1976 kennt K&ouml;hler nur ein Rezept und sp&auml;testens mit der Kohlregierung wurde sein Rezept in wachsenden Dosen verabreicht und jetzt als Bundespr&auml;sident dreht er die Gebetsm&uuml;hle weiter. Den Misserfolg dieser Rezeptur kann und will er offenbar nicht wahrnehmen. Soviel Realit&auml;tsverlust &uuml;ber Wirtschaft und Gesellschaft hat kaum einen fr&uuml;heren Bundespr&auml;sidenten ausgezeichnet und so einseitig hat noch kaum einer Partei ergriffen. <\/p><p>Wenn sich der Bundeskanzler gefallen l&auml;sst, dass der Bundespr&auml;sident so einseitig in die Politik einmischt, kann er auf seine Regierungserkl&auml;rung am kommenden Donnerstag am besten gleich verzichten und die Pr&auml;sidialdemokratie f&uuml;r Deutschland ausrufen. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/bundespraesident.de\/-,2.622835\/Rede-von-Bundespraesident-Hors.htm\" title=\"Externer Link zu http:\/\/bundespraesident.de\/-,2.622835\/Rede-von-Bundespraesident-Hors.htm\">Rede des Bundespr&auml;sidenten &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Auflagen&ldquo;, &bdquo;Regulierungen&ldquo;, &bdquo;B&uuml;rokratie&ldquo;, &bdquo;Tarifvertr&auml;ge&ldquo;, &bdquo;immer neue Wohltaten und Geschenke&ldquo;, &bdquo;hohe Abgaben&ldquo;, &bdquo;hohe L&ouml;hne&ldquo;, &bdquo;hohe Lohnnebenkosten&ldquo;, &bdquo;abschreckendes Steuersystem&ldquo;: &bdquo;Deshalb ist die Arbeitslosigkeit &uuml;ber Jahrzehnte immer weiter gestiegen.&ldquo; K&ouml;hler dekliniert den gesamten Kanon der Miesmacherei der Wirtschaftsverb&auml;nde durch; seine L&ouml;sungsvorschl&auml;ge h&auml;tte auch einer der anwesenden Arbeitgeber aufsagen k&ouml;nnen, so einseitig und so orthodox wirtschaftsliberal sind seine Vorschl&auml;ge.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,129,145,30],"tags":[531,233,312],"class_list":["post-492","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-sozialstaat","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-koehler-horst","tag-marktliberalismus","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/492","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=492"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/492\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32221,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/492\/revisions\/32221"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}