{"id":493,"date":"2005-03-17T18:03:55","date_gmt":"2005-03-17T16:03:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=493"},"modified":"2016-03-17T14:13:04","modified_gmt":"2016-03-17T13:13:04","slug":"was-kohler-vergessen-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=493","title":{"rendered":"Was K\u00f6hler vergessen hat"},"content":{"rendered":"<p>Die K&ouml;hler-Rede wird uns noch ein bisschen besch&auml;ftigen. Aus meiner Sicht zeigt sie ein bedenkliches Ma&szlig; an Verlogenheit und auch Flucht aus der Verantwortung. K&ouml;hler flieht aus seiner Mitverantwortung dadurch, dass er bew&auml;hrte und durch das Grundgesetz garantierte Errungenschaften wie die Sozialstaatlichkeit unseres Landes f&uuml;r die heutigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich macht. Das ist &ndash; alltagssprachlich ausgedr&uuml;ckt &ndash; eine miese Tour. Wie sehr Horst K&ouml;hler in die heutige Misere verwoben ist, zeigen die folgenden Anmerkungen eines unserer Leser.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Damals&rdquo;, sagt Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler, &bdquo;galt in der Bundesrepublik eine Ordnung , die Leistung ermutigte und sozialen Fortschritt brachte&rdquo;. Und er f&auml;hrt fort: &bdquo;Diese Ordnung, ist im Niedergang, weil immer neue Eingriffe sie schleichend zersetzt haben, selbst wenn sie gut gemeint waren&rdquo;. <\/p><p>Wenn es um &bdquo;Eingriffe&rdquo; geht, die &bdquo;schleichend zersetzt haben&rdquo;, hat auch Horst K&ouml;hler bei entscheidenden Weichenstellung der deutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik in Richtung &bdquo;Niedergang&rdquo; den Komplizen gespielt. <\/p><p>Wenn er heute als oberster Schulmeister der Nation unter Hinweis auf die &bdquo;zu hohen Lohnnebenkosten&rdquo; empfiehlt, zur Senkung der Sozialbeitr&auml;ge &bdquo;die Kosten der sozialen Sicherung v&ouml;llig vom Arbeitsverh&auml;ltnis abzukoppeln&rdquo; muss sich Horst K&ouml;hler bei aller Achtung vor dem h&ouml;chsten Amt im Staate an das eigene Wirken und Handeln &ndash; auch seine Fehler und S&uuml;ndenf&auml;lle &ndash; erinnern lassen. <\/p><p>Der Bundespr&auml;sident, der heute die Kosten der sozialen Sicherung v&ouml;llig vom Arbeitsverh&auml;ltnis abkoppeln will, muss sich fragen lassen: <\/p><ul>\n<li>Warum haben Sie damals, als es um die Entscheidungen &uuml;ber die Finanzierung der deutschen Einheit ging, als Finanzstaatssekret&auml;r von Theo Waigel den &bdquo;Eingriff&rdquo; in die westdeutschen beitragsfinanzierten Renten- Krankenkassen- und Arbeitslosenversicherungskassen gutgehei&szlig;en?<\/li>\n<li>Warum haben Sie nicht jene unterst&uuml;tzt, die selbst in ihrer eigenen Partei, der CDU, die damals richtig und weitblickend argumentierten: die Schlie&szlig;ung der Beitragsl&uuml;cke, die durch die Aufnahme der ostdeutschen Br&uuml;der und Schwester in den sozialen Sicherungssystemen aufgerissen wird, ist eine nationale Aufgabe des vereinten Deutschlands und muss von allen Steuerzahlern getragen werden &ndash; auch wenn das politisch auf manchen Widerstand m&auml;chtiger Interessen st&ouml;&szlig;t.<\/li>\n<\/ul><p>Es gibt nach Ansicht hochkar&auml;tiger deutscher und internationaler &Ouml;konomen kaum eine Fehlentscheidung nach dem Fall der Berliner Mauer, die in den nachfolgenden eineinhalb Jahrzehnten im vereinten Deutschland so gro&szlig;en volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet hat wie die damals von den Verantwortlichen in Bonn betriebene &bdquo;Pl&uuml;nderung&rdquo; der beitragsfinanzierten Systeme der sozialen Sicherung. Diese Systeme sind ein Kernst&uuml;ck des deutschen Sozialstaats und wurden &uuml;ber Jahrzehnte von westdeutschen Arbeitnehmern und Arbeitgebern durch ihre Beitr&auml;ge aufgebaut. Wohlgemerkt wurden jene f&uuml;r Millionen von Beitragspflichtigen folgenschweren &ldquo;Eingriffe&rdquo; in ihre Anwartschaftsrechte Anfang der 1990er Jahre von Politikern und Ministerialbeamten wie K&ouml;hler gemacht, die sich um ihre Alterssicherung dank hoher &Uuml;bergangsgelder und hoher staatlicher Pensionen keine Sorgen machen brauchten. <\/p><p>H&auml;tte der Bundespr&auml;sident in seiner Rede eine gr&uuml;ndlichen Analyse der wirklichen Ursachen f&uuml;r die hohen Lohnnebenkosten in der deutschen Wirtschaft geliefert, h&auml;tte er die folgenschweren falschen Weichenstellungen bei der Finanzierung der deutschen Einheit nicht verschweigen d&uuml;rfen. Das schadet seiner Glaubw&uuml;rdigkeit. <\/p><p>Eigentlich h&auml;tte K&ouml;hler als jemand, der &uuml;ber dem Parteiengez&auml;nk die Zukunft des Landes im Auge haben sollte, die ganze Wahrheit sagen sollen. Das jedoch k&ouml;nnte f&uuml;r den fr&uuml;heren Finanzstaatssekret&auml;r und Kohl-Berater peinlich werden: Weil die Regierung Kohl damals &ndash; mit K&ouml;hlers Hilfe &ndash; den politisch einfacheren Weg der Pl&uuml;nderung der Beitragssysteme ging, ist nach den Zahlen des Deutschen Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) beispielsweise in den Jahren 1991 bis 1997 in der Rentenversicherung durch Auszahlungen an B&uuml;rger in den neuen Bundesl&auml;ndern eine Unterdeckung von 75 Milliarden DM entstanden. H&auml;tten westdeutsche Beitragszahler &ndash; Arbeitnehmer und Arbeitgeber &ndash; in den obengenannten Jahren nicht Renten f&uuml;r ihre ostdeutschen Br&uuml;der und Schwestern mit finanzieren m&uuml;ssen, so die Rechnung des DIW, h&auml;tten die Rentenversicherungstr&auml;ger in jedem Jahr, also von 1991 bis 1997, bei gegebenen Beitragss&auml;tzen und Besch&auml;ftigungsentwicklung einen &Uuml;berschuss erzielt. Damals zog das DIW den denkw&uuml;rdigen Schluss: &bdquo;In keiner Versicherung ist es m&ouml;glich, nach Eintritt des Schadens Mitglied einer Schadensgemeinschaft zu werden. Genau das ist der Sozialversicherung nach der Vereinigung zugemutet worden und hat sie in finanzielle Engp&auml;sse gebracht. Das System der sozialen Absicherung deshalb in Frage zu stellen, stellt den Sachverhalt auf den Kopf&rdquo;. <\/p><p>K&ouml;hlers Amtsnachfolger konnten nach seinem Ausscheiden im Jahre 1993 den &bdquo;Niedergang&rdquo; der beitragsbasierten Rentenversicherung begleiten. Die Verm&ouml;gensreserve der Rentenversicherung wurde in den Jahren 1992 bis 1996 von immerhin noch 50 Milliarden DM auf unter 20 Milliarden DM abgebaut, um auch den ostdeutschen B&uuml;rgern ohne entsprechende Beitragszahlungen ihre Renten auszuzahlen. &bdquo;Ohne Transfers (in die neuen Bundesl&auml;nder) h&auml;tte Westdeutschland eine Schwankungsreserve in H&ouml;he einer vierfachen Monatsausgabe angespart. Mit diesem Polster h&auml;tte Anfang 1997 keine Notwendigkeit bestanden, die Beitragss&auml;tze anzuheben&rdquo;, schrieb das DIW. <\/p><p>Auch die Arbeitslosenversicherung in Westdeutschland, so die damalige DIW-Zwischenbilanz, wies trotz hoher Arbeitslosigkeit seit 1991 hohe &Uuml;bersch&uuml;sse aus. Selbst 1997 &uuml;bertrafen die Einnahmen die Ausgaben um jeweils 10 Milliarden DM. Von 1991 bis 1997 h&auml;uften sich die N&uuml;rnberger &Uuml;bersch&uuml;sse auf 116 Milliarden DM an. Nach der Differenzierung von Einnahmen und Ausgaben nach alten und neuen Bundesl&auml;ndern kommt das DIW zum Schluss, &bdquo;dass auch die Defizite der (damaligen) Bundesanstalt f&uuml;r Arbeit vor allem durch die Vereinigungsfolgen bestimmt waren und nicht durch grunds&auml;tzliche Schw&auml;chen des Sozialversicherungssystems&rdquo;. <\/p><p>Seither hat sich der vom Bundespr&auml;sidenten angesprochene &bdquo;Niedergang&rdquo; in den Systemen der sozialen Sicherung &ndash; unter den weiterhin hohen Transferlasten von West nach Ost &ndash; fortgesetzt. Neuere Studien setzen den einheitsbedingten j&auml;hrlichen Transfer von West nach Ost in allen Systemen sozialer Sicherheit &ndash; Renten- Arbeitslosenversicherung und Krankenkassen &ndash; mit 20 Milliarden Euro bis 30 Milliarden Euro an. <\/p><p>Doch es ist eine Zumutung f&uuml;r Millionen durch den Transfer der letzten eineinhalb Jahrzehnte in ihren k&uuml;nftigen Anspr&uuml;chen gesch&auml;digter Beitragszahlern, wenn K&ouml;hler diese Ursachen f&uuml;r immer h&ouml;here Sozialbeitr&auml;ge und &bdquo;zu hohen Lohnnebenkosten&rdquo; ignoriert. Wenn er feststellt: &bdquo;Sie haben Arbeit in Deutschland so teuer gemacht, dass viele Menschen kaum noch eine Chance auf einen Arbeitsplatz haben&rdquo;, muss man ihn daran erinnern, dass er als Finanzstaatssekret&auml;r und wichtiger Wirtschaftsberater des &bdquo;Kanzlers der Einheit&rdquo; an einer entscheidenden Wegscheide der deutschen Wirtschaftsentwicklung nach dem Fall der Mauer als &Ouml;konom und Wirtschaftsberater versagt und dadurch seinem Land und den von Arbeitspl&auml;tzen und Wirtschaftswachstum abh&auml;ngigen Menschen bis heute erheblichen Schaden zugef&uuml;gt hat. <\/p><p>Das ist der Grund, warum Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler bei manchen in diesem Lande ein Problem der Glaubw&uuml;rdigkeit hat. W&uuml;rde er auch &uuml;ber seine folgenschweren Fehler in der Vergangenheit sprechen, k&ouml;nnte er auch jene, die sein Wirken &uuml;ber viele Jahren verfolgen, etwas mehr &uuml;berzeugen von dem, was er heute dem Volke als neuer Hoffnungstr&auml;ger predigt.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die K&ouml;hler-Rede wird uns noch ein bisschen besch&auml;ftigen. Aus meiner Sicht zeigt sie ein bedenkliches Ma&szlig; an Verlogenheit und auch Flucht aus der Verantwortung. K&ouml;hler flieht aus seiner Mitverantwortung dadurch, dass er bew&auml;hrte und durch das Grundgesetz garantierte Errungenschaften wie die Sozialstaatlichkeit unseres Landes f&uuml;r die heutigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich macht. 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