{"id":49304,"date":"2019-02-14T10:30:11","date_gmt":"2019-02-14T09:30:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49304"},"modified":"2019-03-01T11:17:14","modified_gmt":"2019-03-01T10:17:14","slug":"man-mische-drei-denkfehler-ruehre-kraeftig-und-heraus-kommt-ein-jaehrlicher-zuwanderungsbedarf-von-mehr-als-einer-viertelmillion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49304","title":{"rendered":"Man mische drei Denkfehler, r\u00fchre kr\u00e4ftig und heraus kommt ein j\u00e4hrlicher Zuwanderungsbedarf von mehr als einer Viertelmillion"},"content":{"rendered":"<p>M&uuml;ssen wir wegen der <strong>Digitalisierung<\/strong> schon bald mit Millionen Erwerbslosen rechnen? Oder sorgen <strong>Fachkr&auml;ftemangel<\/strong> und <strong>demographischer Wandel<\/strong> daf&uuml;r, dass Erwerbslosigkeit schon bald ein Fremdwort ist und unsere Volkswirtschaft h&auml;nderingend Arbeitskr&auml;fte aus dem Ausland anwerben muss? Diesen Fragen ist die Bertelsmann Stiftung <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/publikationen\/publikation\/did\/zuwanderung-und-digitalisierung\/\">nachgegangen<\/a> und kam zum &bdquo;Ergebnis&ldquo;, dass Deutschland bis 2060 pro Jahr eine Nettozuwanderung von 260.000 Arbeitskr&auml;ften <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/arbeitsmarkt-studie-deutschland-braucht-260-000-zuwanderer-pro-jahr-a-1252801.html\">br&auml;uchte<\/a>, um &bdquo;den Arbeitskr&auml;ftebedarf der Wirtschaft angesichts der alternden Gesellschaft&ldquo; zu decken &ndash; ein sorgf&auml;ltig konstruiertes Wunschergebnis der arbeitgebernahen Stiftung, bei dem die Autoren zahlreiche kreative Kunstgriffe benutzten, um der Politik Empfehlungen zu geben, die ganz und gar nicht im Interesse der Mehrheit sind. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_305\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-49304-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190214_Drei_Denkfehler_zum_%20jaehrlichen_Zuwanderungsbedarf_von_einer_Viertelmillion_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190214_Drei_Denkfehler_zum_%20jaehrlichen_Zuwanderungsbedarf_von_einer_Viertelmillion_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190214_Drei_Denkfehler_zum_%20jaehrlichen_Zuwanderungsbedarf_von_einer_Viertelmillion_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190214_Drei_Denkfehler_zum_%20jaehrlichen_Zuwanderungsbedarf_von_einer_Viertelmillion_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=49304-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190214_Drei_Denkfehler_zum_%20jaehrlichen_Zuwanderungsbedarf_von_einer_Viertelmillion_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190214_Drei_Denkfehler_zum_ jaehrlichen_Zuwanderungsbedarf_von_einer_Viertelmillion_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Zutat 1: Die Digitalisierung<\/strong><\/p><p>Technische Entwicklungen, die eine Rationalisierung mit sich bringen, als kommende Arbeitsplatzkiller epischen Ausma&szlig;es zu propagieren, ist weder neu noch originell. Prognostizierten 1850 die Stadtplaner New Yorks noch, dass die Stra&szlig;en wegen der Zunahme an Kutschen bis zum Jahr 1910 in meterhohem Pferdemist ersticken w&uuml;rden, hatte man 1910 Angst vor dem drohenden Verschwinden ganzer Berufsbilder wie Kutscher, Pferdeschmied oder Stallbursche durch den Siegeszug des Automobils. 1995 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=640\">prognostizierte der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin<\/a> gar &bdquo;Das Ende der Arbeit&ldquo; und sorgte damit f&uuml;r den Beginn einer bis heute andauernden Debatte voller Denkfehler. Es geht grob darum, dass Rationalisierung und technischer Fortschritt in vielen Bereichen die Menschen &uuml;berfl&uuml;ssig machen und dadurch ein Gro&szlig;teil der menschlichen Arbeit verschwinden wird.<\/p><p>&Auml;rgerlicherweise wurden seine Thesen viel zu selten kritisch &uuml;berpr&uuml;ft und stattdessen bis heute unreflektiert nachgeplappert. Da Rifkins Buch nun auch schon 23 Jahre alt ist, kann man gl&uuml;cklicherweise jedoch heute bereits einordnen, ob der Zukunftsforscher die Zukunft korrekt vorhergesagt hat. Eben dies ist n&auml;mlich nicht der Fall. Seine Kernthese vom Ende der Arbeit belegt Rifkin mit der Prognose, dass im Jahre 2010 (also 15 Jahre nach Erscheinen des Buches) der weltweite Anteil der Menschen, die im industriellen Sektor arbeiten, auf 12% und bis 2020 gar auf 2% gesunken sein soll. Laut aktuellen Zahlen der ILO betrug der Anteil 2017 jedoch 21,5% und damit sogar mehr als im Jahre 1995 (20,9%), in dem Rifkin das Ende der Arbeit prognostizierte. Rifkins 2% wirken da wie ein schlechter Scherz, werden aber in stets neuen Variationen auch heute noch unter das Volk gebracht. Der &ndash; auch bei anderen Fehlprognosen beliebte &ndash; Trick: Man verschiebt den Vorhersagehorizont einfach ins Unendliche. Jetzt soll die Arbeit halt nicht 2020, sondern erst 2050 zu Ende gehen. <\/p><p>Die neueste Variante dieser Erz&auml;hlung ist die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40498\">&bdquo;Digitalisierung&ldquo;<\/a>  &ndash; gerne in Kombination mit dem Modewort &bdquo;Wirtschaft 4.0&ldquo; &ndash; die der kommende Jobkiller sein soll. Der Rifkin unserer Tage ist dabei der fesche Fernseh-Philosoph Richard David Precht, der j&uuml;ngst in seinem p&uuml;nktlich zur Debatte erschienenen Bestseller &bdquo;J&auml;ger, Hirten, Kritiker&ldquo; zwar nicht das Ende der Arbeit, daf&uuml;r aber wortgewaltig und argumentschwach das &bdquo;Ende der Leistungsgesellschaft&ldquo; prophezeit. Es ist jedoch egal, welchen Namen man dem Kind gibt &ndash; Rifkins Thesen lassen sich auch in ihrer neuesten Spielart weder empirisch noch logisch nachvollziehen.<\/p><p><em>Lesen Sie dazu auch: Albrecht M&uuml;ller &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=640\">&bdquo;Die Produktivit&auml;t ist zu hoch; die Arbeit geht aus; jeder bekommt ein Grundeinkommen&rdquo; &hellip; Abstrus<\/a> <\/em><\/p><p>Dabei liefert das Thema durchaus Elemente, die vor allem f&uuml;r die Debatte um den k&uuml;nftigen Arbeitsmarkt von gro&szlig;em Interesse sind. Denn die Digitalisierung ist abseits der Schwanenges&auml;nge vom Aussterben der Arbeit ja Fakt und sorgt in jedem Fall f&uuml;r eine Ver&auml;nderung des Anforderungsprofils auf dem Arbeitsmarkt. K&uuml;nftig werden immer mehr einfache T&auml;tigkeiten durch Robotik oder Computer ersetzt, daf&uuml;r schafft die Digitalisierung neue Jobs vor allem im Dienstleistungsbereich, die weitaus anspruchsvoller als die durch die Technik verdr&auml;ngten Jobs sind. Das ist unstrittig. F&uuml;r die Frage, in welcher Form die Digitalisierung den Arbeitsmarkt ver&auml;ndert, w&auml;re also die Frage, wie das deutsche Bildungs- und Weiterbildungssystem auf diesen Wandel reagiert, von zentraler Bedeutung. <strong>Schafft es das Bildungssystem, die Abg&auml;nger bis 2060 &bdquo;fit&ldquo; f&uuml;r die digitale Arbeitswelt zu machen? Schaffen es die Unternehmen, Mitarbeiter, die in eher anspruchslosen Jobs t&auml;tig sind, die durch die Digitalisierung wegfallen, durch Fortbildung in die Jobs zu bringen, die in einer digitalisierten Welt entstehen?<\/strong> Diese beiden Fragen sind vor allem dann zentral, wenn man Aussagen dar&uuml;ber machen will, ob es durch die Digitalisierung einen &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo;, eine verst&auml;rkte Erwerbslosigkeit im niedrig qualifizierten Bereich und einen Bedarf an ausl&auml;ndischen Fachkr&auml;ften geben wird oder ob eine kluge, vorausschauende Bildungs- und Ausbildungspolitik hilft, den Bedarf zu decken, ohne all zu viele Menschen in die Erwerbslosigkeit zu schicken.<\/p><p>Die von der Bertelsmann Stiftung in der Studie verwendeten Modelle klammern derlei zentrale Fragen allerdings aus. Anstatt mehrere Szenarien durchzurechnen, wie sich die Nachfrage und das Angebot spezieller Qualifikationsprofile auf dem Arbeitsmarkt abh&auml;ngig von den Anstrengungen des Bildungs- und Fortbildungssystems entwickeln wird, verwendet man lieber ein Modell, das sich auf intransparente Annahmen st&uuml;tzt. Damit verliert die Studie jedoch bereits an dieser Stelle jegliche Aussagekraft, da diese Faktoren einen massiven Einfluss auf das Ergebnis haben. Oder um es klarer auszudr&uuml;cken: <strong>H&auml;tte man f&uuml;r die Studie verschiedene bildungspolitische Szenarien kalkuliert, w&auml;re man unter Umst&auml;nden zu dem Ergebnis gekommen, dass nicht prim&auml;r Zuwanderung, sondern eine Steigerung der Investitionen ins Bildungssystem die zu erwartenden Entwicklungen am Arbeitsmarkt wom&ouml;glich abpuffern k&ouml;nnte.<\/strong> Doch diese Alternative war im Studiendesign offenbar gar nicht vorgesehen. Das ist im besten Fall fahrl&auml;ssig, im schlimmsten Fall manipulativ. Immerhin geht es ja um einen Zeithorizont bis 2060 &ndash; selbst die graduierten Uniabg&auml;nger von 2060 sind heute noch gar nicht geboren und daher spielt das Bildungssystem eine Schl&uuml;sselrolle f&uuml;r deren Qualifikation. Hinzu kommt, dass heute doch &uuml;berhaupt noch nicht absehbar ist, welche Qualifikationen 2060 &ndash; also in 41 Jahren &ndash; von Belang sind. <strong>H&auml;tte man 1978 eine Studie aufgestellt, welche Qualifikationen 2019 am Arbeitsmarkt gefragt sind, h&auml;tte man auch komplett danebenliegen m&uuml;ssen, da damals niemand die Auswirkungen der Globalisierung, der Vernetzung, des eCommerce oder der Digitalisierung &ndash; die ja schon seit Jahrzehnten in vollem Gang ist &ndash; h&auml;tte vorhersagen k&ouml;nnen. <\/strong><\/p><p><strong>Zutat 2: Der Fachkr&auml;ftemangel<\/strong><\/p><p>Ein weiterer &ndash; sehr popul&auml;rer &ndash; Modebegriff, der zu Manipulationen f&ouml;rmlich einl&auml;dt, ist der Fachkr&auml;ftemangel. Dass es in bestimmten Berufsfeldern eine Nachfrage nach Arbeitskr&auml;ften gibt, die der Arbeitsmarkt nicht decken kann, ist ja nun keine ungew&ouml;hnliche Situation, sondern sollte eher der Normalfall sein. Von einem fl&auml;chendeckenden, branchen&uuml;bergreifenden Mangel an Arbeitskr&auml;ften kann zur Zeit jedoch &uuml;berhaupt nicht die Rede sein und es ist auch fraglich, ob ein solcher Mangel k&uuml;nftig eintreten wird. Die NachDenkSeiten schreiben seit 2007 regelm&auml;&szlig;ig &uuml;ber die Kampagne zum angeblichen Fachkr&auml;ftemangel.<\/p><p><em>Lesen Sie dazu auf den NachDenkSeiten:<\/em><\/p><ul>\n<li><em>Wolfgang Lieb &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2332\">&bdquo;Der neu entdeckte Fachkr&auml;ftemangel&ldquo;<\/a><\/em><\/li>\n<li><em>Albrecht M&uuml;ller &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10481\">&bdquo;6,5 Millionen fehlende Fachkr&auml;fte? Wie eine zweifelhafte Zahl das Licht der Welt erblickte&ldquo;<\/a><\/em><\/li>\n<li><em>Jens Berger &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40366\">&bdquo;Ein Zuwanderungsgesetz gegen Fachkr&auml;ftemangel? Zeit f&uuml;r ein wenig simple Nachhilfe in Sachen Wirtschaftswissenschaften&ldquo;<\/a><\/em><\/li>\n<\/ul><p>In der gesamten Debatte werden gerne zwei Faktoren &bdquo;vergessen&ldquo;. Wenn es um branchen- oder qualifikationsspezifische Engp&auml;sse geht, ist dies meist ein hausgemachtes Problem. Die Arbeitgeber bilden zu wenig aus und zu wenig fort, bezahlen ihre Belegschaft zu schlecht oder haben es vers&auml;umt, die Arbeitsbedingungen attraktiver zu gestalten. Paradoxerweise ist der Arbeitsmarkt n&auml;mlich immer noch einer der ganz wenigen M&auml;rkte, in denen man das &bdquo;Marktgleichgewicht&ldquo; ignoriert und von einem dauerhaften Angebots&uuml;berschuss ausgeht, der den Preis (f&uuml;r Arbeit) sinken l&auml;sst. Wer auf diesem Markt heute die Ware &bdquo;Arbeit&ldquo; nachfragt, bestimmt den Preis und die Bedingungen. So etwas ist jedoch sogar nach Ansicht der klassischen &Ouml;konomie ein <strong>Marktversagen<\/strong>.<\/p><p>In einem funktionierenden Markt w&uuml;rde es ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage geben. Dies ist aber nur dann m&ouml;glich, wenn Angebot und Nachfrage sich einpendeln und dies ist wiederum nur dann m&ouml;glich, wenn sowohl die Nachfrage als auch das Angebot auf dem Arbeitsmarkt knapp sind. Nur dann wird sich der Nachfrager (also die Arbeitgeberseite) preislich bewegen und h&ouml;here L&ouml;hne anbieten. Sich nicht zu bewegen und dies dann als &bdquo;Mangel&ldquo; zu bezeichnen, ist recht abenteuerlich. Wenn ich f&uuml;r 10.000 Euro einen Porsche haben will und kein Porsche-Besitzer auf das Angebot eingeht, kann ich auch nicht von einem &bdquo;Porsche-Mangel&ldquo; sprechen.<\/p><p>Beim prognostizierten fl&auml;chendeckenden generellen Arbeitskr&auml;ftemangel kommt ein weiterer &ouml;konomischer Faktor hinzu, der erstaunlicherweise auch immer wieder unterschlagen wird. Bei der Rationalisierung geht es schlie&szlig;lich vor allem um eine Optimierung der Kosten. Der Startschuss der Mutter aller Rationalisierungen, der Industrialisierung, war die Einf&uuml;hrung des mechanischen Webstuhls im sp&auml;ten 18. Jahrhundert in England. Diese technische Revolution ist vor allem deshalb erfolgt, weil die englische Lohnentwicklung daf&uuml;r gesorgt hat, dass die vergleichsweise teuren Maschinen erstmals g&uuml;nstiger waren als die klassische Handarbeit. H&auml;tten die englischen Webereien damals auch weiterhin auf &bdquo;billige&ldquo; Arbeiter zur&uuml;ckgreifen k&ouml;nnen, h&auml;tte es gar keine Notwendigkeit gegeben, in teure Maschinen zu investieren. Und daran hat sich ja nicht viel ge&auml;ndert. Solange die globalen Textilketten in Bangladesch, Indien oder Kambodscha N&auml;herinnen finden, die f&uuml;r 30 bis 60 Euro Monatslohn arbeiten, ist dies im nackten &ouml;konomischen Kalk&uuml;l produktiver als der Einsatz von modernen und teuren N&auml;hmaschinen. Die rechnen sich erst, wenn sie auf mittlere Sicht produktiver &ndash; also billiger &ndash; sind als die N&auml;herinnen. Dies ist in allen Industrie- und den meisten Schwellenl&auml;ndern ja auch der Fall. Und dieses Ph&auml;nomen trifft auch auf andere Arbeitsfelder zu. Wenn es denn wirklich einen fl&auml;chendeckenden Arbeitskr&auml;ftemangel geben sollte, w&auml;re dies der Startschuss f&uuml;r Investitionen in technische Innovationen, die menschliche Arbeit ersetzen und langfristig auch die Nachfrage nach menschlicher Arbeit sinken lassen. Wenn k&uuml;nftig ein Roboterarm am M&uuml;llwagen preiswerter und somit produktiver ist als der M&uuml;llwerker, wird dessen Arbeitsplatz wegfallen. Ob und wann dies geschehen wird, h&auml;ngt jedoch auch vom Lohn des M&uuml;llwerkers ab. Wenn er zum Mindestlohn arbeitet, wird er wom&ouml;glich auch 2060 noch im Dienst sein, steigt der Lohn merklich, wird der Arbeitsplatz eher &bdquo;wegrationalisiert&ldquo;. Oder um es gesamtwirtschaftlich zu fassen &ndash; je st&auml;rker die L&ouml;hne steigen, desto mehr Arbeitspl&auml;tze fallen in toto durch Rationalisierung und Digitalisierung weg.<\/p><p>Da es also einen direkten Zusammenhang zwischen dem Lohnniveau und dem Grad der Rationalisierung und damit der Nachfrage nach Arbeitskr&auml;ften gibt, w&auml;re es f&uuml;r eine Prognose f&uuml;r das Jahr 2060 dringend geboten, verschiedene Szenarien durchzurechnen, die einen unterschiedlichen Grad der Automatisierung in Abh&auml;ngigkeit zur Lohnentwicklung durchrechnen. <strong>H&auml;tte man dies getan, k&auml;me man zu dem Ergebnis, dass die Nachfrage der Wirtschaft nach Arbeitskr&auml;ften umso geringer wird, je st&auml;rker das Lohnniveau steigt. Oder anders gesagt: Je st&auml;rker die L&ouml;hne steigen, desto weniger Zuwanderung und je geringer die L&ouml;hne steigen, desto mehr Zuwanderung wird ben&ouml;tigt, um die Nachfrage der Wirtschaft zu decken. <\/strong><\/p><p><strong>Zutat 3: Der demographische Wandel<\/strong><\/p><p>Was w&auml;re passiert, wenn die Statistiker im Jahre 1900 die Altersstruktur der deutschen Gesellschaft im Jahre 1950 vorhergesagt h&auml;tten? Wahrscheinlich h&auml;tten sie anhand der Grundannahmen der Jahrhundertwende eine Gesamtpopulation von &uuml;ber 200 Millionen Einwohnern vorhergesagt &ndash; schlie&szlig;lich konnten sie noch nichts von den beiden Weltkriegen und dem sozio&ouml;konomisch bedingten R&uuml;ckgang der Geburtenziffern wissen. H&auml;tte man die Statistiker im Jahre 1950 nach der Gesamtpopulation im Jahre 2000 gefragt, h&auml;tten sie nichts vom Pillenknick, aber auch nichts von der Zuwanderung gewusst, die die realen Zahlen ma&szlig;geblich beeinflusst haben. Genau so unsicher sind daher auch die Zahlen, mit denen die Bertelsmann Stiftung auf die Tausenderstelle genau nicht nur die Gesamtpopulation 2060, sondern auch die dann g&uuml;ltige Altersverteilung und die Migrationssalden vorherzusagen vorgibt. Seit Gr&uuml;ndung der NachDenkSeiten ist das Thema &bdquo;demographischer Wandel&ldquo; immer wieder Thema bei uns.<\/p><p><em>Lesen Sie dazu auch auf den NachDenkSeiten:<\/em><\/p><ul>\n<li><em>Albrecht M&uuml;ller &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4391\">&bdquo;Die totale Manipulation ist m&ouml;glich &ndash; Musterbeispiel Demographie und Altersvorsorge&ldquo;<\/a><\/em><\/li>\n<li><em>Klaus Bingler und Gerd Bosbach &ndash; Arbeitskr&auml;ftemangel in der Zukunft? (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24047\">Teil 1<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24069\">Teil 2<\/a>)<\/em><\/li>\n<li><em>Wolfgang Lieb &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15860\">&bdquo;Die &bdquo;demografische Entwicklung&ldquo; entpuppt sich als Kaffeesatzleserei&ldquo;<\/a><\/em><\/li>\n<\/ul><p>Besonders beim Faktor Migration hat man beim Studiendesign offenbar all zu kreativ herumgespielt. Bekannterma&szlig;en stellt das Lohnniveau ja einen der wichtigsten Migrationsgr&uuml;nde dar. Menschen wandern aus L&auml;ndern ab, in denen es zu wenig und zu schlecht bezahlte Jobs gibt und suchen sich dabei Ziell&auml;nder aus, in denen es besser bezahlte Jobs gibt. Will man also langfristige Wanderungsprognosen erstellen, spielen die unterschiedlichen Lohnniveaus und die prognostizierte regionale Arbeitslosigkeit eine ganz ma&szlig;gebliche Rolle. Schauen wir uns also mal an, mit welchen Vorgaben die Bertelsmann Stiftung in ihrer Studie gerechnet hat &hellip;<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190214-Denkfehler-01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190214-Denkfehler-01.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Es ist schon bemerkenswert, dass die Studienautoren davon ausgehen, dass beispielsweise Lettland 2035 kaufkraftbereinigt das gleiche Lohnniveau wie Deutschland haben soll. 2060 sollen Polen und Lettland sogar hinter Luxemburg die kaufkraftbereinigte Lohnverteilung in der EU anf&uuml;hren. Diese Ergebnisse sind logisch kaum erkl&auml;rbar. Ebenso wenig ist es erkl&auml;rbar, warum gr&ouml;&szlig;ere Volkswirtschaften mit einem h&ouml;heren Lohnniveau als Deutschland k&uuml;nftig hinter Deutschland zur&uuml;ckfallen sollten. Auch die prognostizierten Arbeitslosenquoten sind nicht erkl&auml;rbar, wobei man grunds&auml;tzlich nat&uuml;rlich die Frage stellen m&uuml;sste, inwiefern solche Prognosen &uuml;ber einen derart langen Zeitraum &uuml;berhaupt sinnvoll sein k&ouml;nnen. Wer h&auml;tte 1978 ernsthaft die Arbeitslosenquote f&uuml;r 2019 vorhersagen wollen? Und anhand welcher Faktoren und Modelle? Ebenso sinnlos ist es 2019, die Arbeitslosenquote f&uuml;r 2060 vorherzusagen. Aber davon l&auml;sst sich die Bertelsmann Stiftung nicht abschrecken und verwendet &ndash; oh Wunder &ndash; eine Prognose, bei der Deutschland 2060 hinter der Tschechischen Republik innerhalb der EU die niedrigste Arbeitslosenquote aufweist. Wird es in Frankreich, Italien oder Spanien, denen man eine mehr als doppelt so hohe Quote prognostiziert, etwa keinen demographischen Wandel geben? <\/p><p>Nun sind die Zahlen, mit denen die Bertelsmann Stiftung hier arbeitet, aber nur auf den ersten Blick willk&uuml;rlich. Man muss vielmehr den Eindruck bekommen, als haben die Autoren hier so lange an den Drehschrauben gestellt, bis sie zu dem gew&uuml;nschten Ergebnis gekommen sind. Unrealistisch hohe L&ouml;hne in den klassischen Auswandererl&auml;ndern und unrealistisch niedrige L&ouml;hne in anderen klassischen Einwanderungsl&auml;ndern f&uuml;hren in einer solchen Modellrechnung nat&uuml;rlich zu geringeren &bdquo;nat&uuml;rlichen&ldquo; Wanderungsbewegungen. Die Autoren sprechen von einer &bdquo;Harmonisierung des Lohnniveaus&ldquo;. Und wenn man dann noch an der &bdquo;demographischen Schraube&ldquo; dreht und Faktoren wie Sterblichkeit, Lebenserwartung und Geburtenziffer nach seinen Vorstellungen formt, kommt man auf jedes gew&uuml;nschte Ergebnis. <\/p><p><strong>Denkfehler oder Manipulation?<\/strong><\/p><p><strong>Das Design der Bertelsmann-Studie ist offensichtlich darauf ausgerichtet, ein m&ouml;glichst hohes Defizit an Arbeitskr&auml;ften zu &bdquo;errechnen&ldquo;.<\/strong> Daf&uuml;r wurden die Modelle mit den passenden Variablen best&uuml;ckt, es wurden die passenden Szenarien herausgesucht und Alternativen wurden ignoriert. H&auml;tte man die Studie mit anderen m&ouml;glichen Modellen, Variablen und Szenarien durchgerechnet, w&auml;re man wom&ouml;glich zu dem Ergebnis gekommen, dass Deutschland 2060 eine Rekordarbeitslosigkeit hat. Aber das w&auml;re nat&uuml;rlich genau so unseri&ouml;s und genau so wenig gedeckt durch verl&auml;ssliche Prognosen.<\/p><p>Warum hat die Bertelsmann Stiftung also das Studiendesign gew&auml;hlt, das eine unrealistisch hohe Zuwanderung als L&ouml;sung der prognostizierten Probleme sieht? Auff&auml;llig ist an der ganzen Studie vor allem eins &ndash; <strong>egal um welches Modell und welche Interpretation der Zahlen es auch geht, die Studienautoren haben stets genau die Variante herausgesucht, die aus Sicht der Unternehmen, aber eben nicht aus Sicht der Arbeitnehmer w&uuml;nschenswert ist.<\/strong> Man unterschl&auml;gt den massiven Einfluss der Bildungspolitik und der beruflichen Fortbildung auf die Zusammensetzung des k&uuml;nftigen Arbeitsmarkts. Man unterschl&auml;gt den Einfluss des Lohnniveaus und indirekt auch des Angebots von Arbeitskraft auf die Rationalisierung und kommt so auf viel zu hohe Zahlen. Last but not least konstruiert man noch Rahmenbedingungen, die bereits ein relatives Hinterherhinken der deutschen L&ouml;hne f&uuml;r die n&auml;chsten 40 Jahre vorwegnehmen, um die ohnehin stattfindende nat&uuml;rliche EU-Binnenmigration so klein wie m&ouml;glich zu rechnen. <\/p><p>Um den manipulativen Charakter der Studie richtig zu fassen, muss man sich nur vor Augen halten, was auf dem Arbeitsmarkt passiert, wenn die Politik den Empfehlungen der Studie folgt, der Arbeitsmarkt sich allerdings anders als prognostiziert entwickelt. Die Lohnentwicklung auf dem Arbeitsmarkt funktioniert &ndash; wie schon erw&auml;hnt &ndash; nicht gro&szlig;artig anders als die Preisfindung auf einem normalen Markt. <strong>Wenn man nun durch Zuwanderung das Angebot an Arbeit erh&ouml;ht, ohne dass die Nachfrage im gleichen Ma&szlig;e steigt, sinkt nach Marktlogik der Preis, also in unserem Fallbeispiel der Lohn. Dies ist auch der simple Hintergrund, warum die Unternehmensseite stets ein Interesse an Zuwanderung hat.<\/strong> Dies betrifft vor allem die Bereiche des Arbeitsmarktes, in denen es tats&auml;chlich zu einem Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage oder sogar zu einem Nachfrage&uuml;berschuss kommen k&ouml;nnte; dies w&uuml;rde n&auml;mlich die L&ouml;hne merklich steigen lassen. Eine von Bertelsmann empfohlene Zuwanderungspolitik w&uuml;rde dies verhindern. <\/p><p><strong>Neue Wege denken<\/strong><\/p><p>Es ist schon erstaunlich, wie tief sich die Perspektive der Arbeitgeber in unser Unterbewusstsein eingeschlichen hat. Ein Mangel an Arbeitskr&auml;ften wird von uns in der Regel als &bdquo;Problem&ldquo; gesehen. So wurden wir ja auch in unz&auml;hligen Medienberichten konditioniert. Dabei handelt es sich hier doch zuallererst um ein Problem der Unternehmen und nicht um ein Problem der Arbeitnehmer. Die w&auml;ren sogar Nutznie&szlig;er eines vor&uuml;bergehenden Mangels an Arbeitskr&auml;ften, k&ouml;nnten sie doch nur so im Lohnpoker zu besseren Ergebnissen kommen. Was von vielen von uns &ndash; angetrieben durch die Medien &ndash; als Problem gesehen wird, ist also eigentlich eher eine Chance. Dass arbeitgebernahe Denkfabriken wie die Bertelsmann Stiftung dies anders sehen m&uuml;ssen, ist legitim. Dass die klassischen Medien diesen Interessenkonflikt nicht aufdecken und ihre Leser\/Zuschauer\/Zuh&ouml;rer &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde nicht aufkl&auml;ren, ist jedoch nicht legitim und stellt ein weiteres Versagen unserer Medien dar.<\/p><p>Titelbild: metamorworks\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/512458c8889b4d8a8afe6eaf8f14d628\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M&uuml;ssen wir wegen der <strong>Digitalisierung<\/strong> schon bald mit Millionen Erwerbslosen rechnen? Oder sorgen <strong>Fachkr&auml;ftemangel<\/strong> und <strong>demographischer Wandel<\/strong> daf&uuml;r, dass Erwerbslosigkeit schon bald ein Fremdwort ist und unsere Volkswirtschaft h&auml;nderingend Arbeitskr&auml;fte aus dem Ausland anwerben muss? Diesen Fragen ist die Bertelsmann Stiftung <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/publikationen\/publikation\/did\/zuwanderung-und-digitalisierung\/\">nachgegangen<\/a> und kam zum &bdquo;Ergebnis&ldquo;, dass Deutschland bis 2060 pro Jahr eine Nettozuwanderung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49304\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":49305,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,141,107,155,92,11],"tags":[232,2418,430,2380,2094,343,319,1384,487,479,1028,1744,1386,340],"class_list":["post-49304","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-audio-podcast","category-demografische-entwicklung","category-fachkraftemangel","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bertelsmann","tag-bevoelkerungsentwicklung","tag-bildungsausgaben","tag-dienstleistungen","tag-digitalisierung","tag-luegen-mit-zahlen","tag-lohnentwicklung","tag-precht-richard-david","tag-produktivitaet","tag-reservearmee","tag-rifkin-jeremy","tag-weiterbildung","tag-wissenschaftlich-technischer-fortschritt","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/190213_shutterstock_563081326_.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49304","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=49304"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49304\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49318,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49304\/revisions\/49318"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/49305"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=49304"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=49304"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=49304"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}