{"id":49330,"date":"2019-02-15T11:50:50","date_gmt":"2019-02-15T10:50:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49330"},"modified":"2019-03-01T11:16:30","modified_gmt":"2019-03-01T10:16:30","slug":"seit-2010-steht-julian-assange-mehr-oder-weniger-offensichtlich-unter-dem-druck-der-britischen-justiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49330","title":{"rendered":"Seit 2010 steht Julian Assange mehr oder weniger offensichtlich unter dem Druck der britischen Justiz"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Artikel von <strong>Yves Eudes<\/strong> erschien vergangene Woche im franz&ouml;sischen Original in der Zeitung <em>Le Monde<\/em>. Da zu diesem Thema in der deutschen Presse nur wenige aktuelle Informationen erh&auml;ltlich sind und auch die Nachdenkseiten die Situation <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48689\">in den letzten Berichten<\/a> aus einem anderen Blickwinkel betrachtet haben, ver&ouml;ffentlichen wir an dieser Stelle diese &Uuml;bersetzung von <strong>Marco Wenzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><div style=\"margin: 0 0 15px 0; text-align: center;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/Le_monde_logo.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><strong>Seit 2010 steht Julian Assange mehr oder weniger offensichtlich unter dem Druck der britischen Justiz.<\/strong><br>\n<em>Von <strong>Yves Eudes<\/strong><\/em><\/p><p>Der Gr&uuml;nder von WikiLeaks lebt seit 2012 als Fl&uuml;chtling in der ecuadorianischen Botschaft in London. Die laufenden Verfahren im Vereinigten K&ouml;nigreich sind der Schl&uuml;ssel zum Verst&auml;ndnis der m&ouml;glichen Auswege aus dieser Situation.<\/p><p>Im November 2018 entdeckten die Medien nach einem Fehler eines Staatsanwalts von Virginia, dass die amerikanische Bundesjustiz geheime Anklage gegen Julian Assange, den Chef von WikiLeaks, erhoben hatte. Dieses amerikanische Ausnahmeverfahren ist durch die Schwierigkeit bedingt, den Angeklagten zu fassen, da er sich seit 2012 als Fl&uuml;chtling in der ecuadorianischen Botschaft in London aufh&auml;lt.<\/p><p>Diese unfreiwillige Enth&uuml;llung steht im Kontext aller Verfahren gegen Assange, die meist geheim sind. Dies gilt insbesondere f&uuml;r das Vereinigte K&ouml;nigreich, wo Julian Assange seit 2010 im Konflikt mit der Justiz steht, da Schweden einen europ&auml;ischen Haftbefehl ausgestellt hatte, um ihn in zwei F&auml;llen von sexuellem Missbrauch zu verh&ouml;ren. Er wies diese Anschuldigungen zur&uuml;ck und erkl&auml;rte, dass Schweden nur eine erste Etappe vor einer Auslieferung an die Vereinigten Staaten sein w&uuml;rde, die ihn wegen Spionage vor Gericht stellen wollten.<\/p><p>Im Dezember 2010 dann, als WikiLeaks damit begann, vertrauliche Dokumente der US-Diplomatie zu ver&ouml;ffentlichen, wurde Assange von der Londoner Polizei verhaftet und f&uuml;r zehn Tage festgehalten, bevor er gegen Kaution freigelassen wurde, bis eine Entscheidung &uuml;ber den schwedischen Auslieferungsantrag getroffen sein w&uuml;rde. Eineinhalb Jahre lang blieb er unter Hausarrest, mit Ausgangssperre, t&auml;glichem Melden auf der Polizeiwache und mit einer elektronischen Fu&szlig;fessel.<\/p><p>Als seine Berufungsantr&auml;ge vor den englischen Gerichten im Juni 2012 ausgesch&ouml;pft waren, fl&uuml;chtete Julian Assange in die ecuadorianische Botschaft, welche ihm politisches Asyl gew&auml;hrte. Sofort errichtete die Londoner Polizei ein kostspieliges und sehr ausgekl&uuml;geltes &Uuml;berwachungssystem rund um die Botschaft, das aus elektronischen und traditionellen Elementen besteht.<\/p><p><strong>Ein Vorgang, weit entfernt vom &bdquo;Normalen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Sechseinhalb Jahre sp&auml;ter lebt Assange immer noch in der Botschaft, da das Vereinigte K&ouml;nigreich sich v&ouml;llig unflexibel zeigt und bisher alle Kompromissl&ouml;sungen ablehnte. Wir wissen jetzt, dass die englischen Staatsanw&auml;lte seit Beginn des Falles alles getan haben, um die Freilassung von Julian Assange zu verhindern.<\/p><p>Dank der Beharrlichkeit der Italienerin Stefania Maurizi, einer Journalistin der Tageszeitung <em>La Repubblica<\/em>, wurden vertrauliche Verhandlungen zwischen dem Vereinigten K&ouml;nigreich und Schweden, wenn auch sp&auml;t, aufgedeckt. Aufgrund der Gesetze &uuml;ber die Informationsfreiheit hat Frau Maurizi die britische und schwedische Regierung wiederholt gebeten, ihr den Schriftverkehr der f&uuml;r den Fall zust&auml;ndigen Richter zu &uuml;bergeben. Die Briten schickten schlie&szlig;lich einige Dokumente, die derma&szlig;en zensiert waren, dass sie keinen Sinn mehr ergaben, und verk&uuml;ndeten anschlie&szlig;end, dass die mit den schwedischen Gerichten ausgetauschten Nachrichten gel&ouml;scht wurden, als der f&uuml;r den Fall zust&auml;ndige Staatsanwalt in den Ruhestand ging.<\/p><p>Auf der anderen Seite zeigten sich die Schweden zumindest anfangs transparenter. Wir wissen, dass bereits 2011 ein englischer Staatsanwalt seinem schwedischen Amtskollegen dringend empfohlen hat, nicht nach London zu kommen, um Julian Assange zu befragen, obwohl diese &uuml;bliche Vorgehensweise es erm&ouml;glicht h&auml;tte, die Dinge voranzubringen: &bdquo;Glauben Sie nicht, dass wir diesen Fall wie einen gew&ouml;hnlichen Auslieferungsantrag behandeln&ldquo;, sagte der Brite. Dann, 2013, plante der schwedische Staatsanwalt, die Anklage fallen zu lassen, aber derselbe englische Staatsanwalt tat alles, um ihn davon abzuhalten: &bdquo;Sie werden doch wohl nicht kneifen?&ldquo;<\/p><p><strong>Kritik von der UNO<\/strong><\/p><p>Auf internationaler Ebene ist der Wunsch der Briten, Julian Assange in der Botschaft weiterhin gefangen zu halten, seit Ende 2015, als eine Kommission der Vereinten Nationen zu dem Schluss kam, dass er willk&uuml;rlich festgehalten wurde und seine Freilassung forderte, schon fast offiziell geworden. Die britische Regierung legte gegen die Entscheidung der UNO Berufung ein und als diese von einem anderen UN-Gremium best&auml;tigt wurde, beschloss sie, unter Missachtung ihrer internationalen Verpflichtungen, sie zu ignorieren.<\/p><p>Im Juni 2017 lie&szlig; die schwedische Staatsanwaltschaft dann ihre Anklage fallen und stellte fest, dass es unm&ouml;glich sei, den Angeklagten festzunehmen. Sofort gaben daraufhin die britischen Gerichte bekannt, dass er verhaftet w&uuml;rde, sobald er die Botschaft verlasse, weil er 2012 die Kautionsauflagen nicht eingehalten habe. Im Allgemeinen wird eine solch geringf&uuml;gige Straftat mit einer Geldstrafe oder mit einigen Wochen Gef&auml;ngnis geahndet, aber Assange bef&uuml;rchtet weiterhin, dass die Briten die Gelegenheit nutzen werden, ihn an die Vereinigten Staaten auszuliefern. Bei dieser Gelegenheit best&auml;tigte seine Anw&auml;ltin Jennifer Robinson die Position ihres Mandanten: &ldquo;Julian hat immer gesagt, dass er bereit sei, sich der britischen Justiz zu stellen, aber nicht, wenn der Preis daf&uuml;r die amerikanische Ungerechtigkeit ist&rdquo;. (&ldquo;Mr. Assange remains ready to face British justice and to resolve any outstanding matters related to his seeking protection in the Ecuadorean embassy &mdash; but not at the risk of being forced to face American injustice for exercising the freedom to publish&rdquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Erg&auml;nzung MNM) Julian Assange versuchte erfolglos, die Annullierung des neuen Haftbefehls vor einem Londoner Gericht zu erwirken.<\/p><p>Die Journalistin Stefania Maurizi setzte ihrerseits ihre Arbeit fort und versuchte, im Rahmen der Bestimmungen &uuml;ber die Informationsfreiheit Informationen &uuml;ber die Kontakte zwischen den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten K&ouml;nigreich zur Akte Assange zu erhalten. Als die Regierung sich weigerte, reichte sie eine Beschwerde bei einem Londoner Gericht ein. Diese wurde in erster Instanz abgelehnt, Frau Maurizi legte daraufhin Berufung ein.<\/p><p>In der Zwischenzeit reichte sie eine weitere Beschwerde gegen die Metropolitan Police (Scotland Yard) ein, um Zugang zu eventueller Korrespondenz zwischen London und Washington &uuml;ber drei enge Mitarbeiter von Julian Assange zu erhalten: zwei Briten, Sarah Harrison und Joseph Farrell, und den Isl&auml;nder Kristinn Hrafnsson, einen ehemaligen Fernsehjournalisten, der Ende 2018 Chefredakteur von WikiLeaks wurde. Wir wissen, dass gegen alle drei in den Vereinigten Staaten eine Untersuchung eingeleitet wurde, denn Google hat sie 2015 im Nachhinein dar&uuml;ber informiert, dass die personenbezogenen Daten auf ihren Nutzerkonten von der Justiz beschlagnahmt worden seien.<\/p><p>Im Dezember 2018 gewann die italienische Journalistin ihren Fall zumindest theoretisch: Das Berufungsgericht ordnete an, dass die Polizei das Vorhandensein der fraglichen Dokumente zu best&auml;tigen und sie an die Beschwerdef&uuml;hrerin weiterzuleiten habe oder aber andernfalls zu erkl&auml;ren, warum sie sich weigere, dies zu tun. Am 30. Januar 2019 schickte Scotland Yard schlie&szlig;lich eine schriftliche Antwort, aber Frau Maurizi beschloss, sich Zeit zu nehmen, bevor sie ihren Inhalt bekannt gibt.<\/p><p><strong>Seine Gesundheit verschlechtert sich<\/strong><\/p><p>In der Zwischenzeit verschlechtert sich die Lage von Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft, da seine Gastgeber seine Anwesenheit leid geworden sind. Der ecuadorianische Pr&auml;sident Rafael Correa, der Assange immer unterst&uuml;tzt hatte, ist im Mai 2017 abgel&ouml;st worden. Sein Nachfolger Lenin Moreno hat weniger &uuml;brig f&uuml;r den Schutzsuchenden und m&ouml;chte die Beziehungen seines Landes zu den Vereinigten Staaten verbessern.<\/p><p>Allerdings bem&uuml;hte sich der neue Pr&auml;sident zun&auml;chst um die Rettung von Julian Assange: Ende 2017 verlieh er ihm die ecuadorianische Staatsb&uuml;rgerschaft, verlieh ihm dann den Status eines Diplomaten und versuchte, ihn von den britischen Beh&ouml;rden akkreditieren zu lassen, was ihm erlaubt h&auml;tte, die Botschaft, durch diplomatische Immunit&auml;t gesch&uuml;tzt, zu verlassen. Das Vereinigte K&ouml;nigreich lehnte diesen Kompromiss ab.<\/p><p>Seitdem scheint Ecuador mehr und mehr geneigt zu sein, Julian Assange auf die eine oder andere Weise an die Londoner Polizei auszuliefern. Seit Fr&uuml;hjahr 2018 hat sie seinen Kontakt zur Au&szlig;enwelt eingeschr&auml;nkt und ihm immer schwierigere Lebensbedingungen auferlegt. Nach sechseinhalb Jahren Haft beginnt sich die k&ouml;rperliche und geistige Gesundheit des Vereinsamten zu verschlechtern. Wenn er wirklich krank w&uuml;rde, k&ouml;nnte die Botschaft eine medizinische Einweisung in ein Londoner Krankenhaus veranlassen. Er k&ouml;nnte dann dort unter Arrest gestellt werden und die Vereinigten Staaten k&ouml;nnten ihre geheime Anklage offenlegen und daraufhin einen Antrag auf Auslieferung an die britischen Beh&ouml;rden stellen.<\/p><p>Mit freundlicher Genehmigung von: <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/pixels\/article\/2019\/02\/05\/depuis-2010-julian-assange-face-a-la-pression-plus-ou-moins-discrete-de-la-justice-britannique_5419597_4408996.html\">&bdquo;Le Monde&ldquo;, 5. Februar 2019<\/a><\/p><p><em>Freie &Uuml;bersetzung aus dem Franz&ouml;sischen von <strong>Marco Wenzel<\/strong>, assistiert von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>.<\/em><\/p><p><strong>By Julian Assange &amp; Martina Haris<\/strong> &ndash; <a href=\"http:\/\/iq.org\/j-big.jpg\">http:\/\/iq.org\/j-big.jpg<\/a>, Public Domain, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=10638912\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=10638912<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] talkingpointsmemo.com &ndash; <a href=\"https:\/\/talkingpointsmemo.com\/world-news\/judge-response-julian-assange-arrest-warrant\">Judge: Assange&rsquo;s Choice To Jump Bail Is &lsquo;Determined Attempt&rsquo; To Avoid Order<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel von <strong>Yves Eudes<\/strong> erschien vergangene Woche im franz&ouml;sischen Original in der Zeitung <em>Le Monde<\/em>. Da zu diesem Thema in der deutschen Presse nur wenige aktuelle Informationen erh&auml;ltlich sind und auch die Nachdenkseiten die Situation <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48689\">in den letzten Berichten<\/a> aus einem anderen Blickwinkel betrachtet haben, ver&ouml;ffentlichen wir an dieser Stelle diese &Uuml;bersetzung von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49330\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":49331,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,35,198,126],"tags":[681,1171,2057,2129,469,930,929,1919,2209,1398,639,1556,1087,665],"class_list":["post-49330","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-erosion-der-demokratie","tag-assange-julian","tag-asyl","tag-ecuador","tag-geheimhaltung","tag-grossbritannien","tag-justiz","tag-krankheiten","tag-lueckenpresse","tag-moreno-lenin","tag-schweden","tag-uno","tag-usa","tag-whistleblower","tag-wikileaks-2"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Julian_Assange_300dpi.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49330","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=49330"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49330\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49336,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49330\/revisions\/49336"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/49331"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=49330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=49330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=49330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}