{"id":4936,"date":"2010-03-25T08:52:01","date_gmt":"2010-03-25T07:52:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4936"},"modified":"2014-08-07T12:22:02","modified_gmt":"2014-08-07T10:22:02","slug":"gunnar-heinsohn-und-die-aufartung-des-deutschen-volkes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4936","title":{"rendered":"Gunnar Heinsohn und die \u201eAufartung\u201c des deutschen Volkes"},"content":{"rendered":"<p>Historische Parallelen sind stets fragw&uuml;rdig. Besonders problematisch werden sie, wenn die deutsche NS-Vergangenheit bem&uuml;ht wird, um in denunziatorischer Absicht aktuelle Gescheh&shy;nisse zu kommentieren. Denn ein Regime, das unter neuzeitlichen Bedingungen und in k&uuml;hler Rationalit&auml;t den industriell durchgef&uuml;hrten Massenmord praktizierte, entzieht sich jedem Ver&shy;gleich. Wenn der Autor dieser Zeilen gleichwohl den Aufsatz von <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub0B44038177824280BB9F799BC91030B0\/Doc~E0AC5A2CD5A6A481EABE50FAE2AEBA30B~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Gunnar Heinsohn &bdquo;Sozial&shy;hilfe auf f&uuml;nf Jahre begrenzen&ldquo; in der FAZ vom 17.03.10<\/a>  zum Anlass nimmt, auf Affini&shy;t&auml;ten zur NS-Ideologie in diesem Text hinzuweisen, so ist er sich dieser Problematik bewusst. Von Friedhelm Gr&uuml;tzner<br>\n<!--more--><\/p><p>Der Nationalsozialismus &bdquo;fiel nicht vom Himmel&ldquo;. Er beruhte nicht auf dem Einbruch des Ur-B&ouml;sen in eine grundgute Welt. Er ist auch nicht auf Auschwitz zu reduzieren. Seine geistigen Wurzeln sind &auml;u&szlig;erst heterogen und befinden sich weitverzweigt im Ideenhaushalt des 19. und fr&uuml;hen 20. Jahrhundert. Erst ihr Zusammenschie&szlig;en in einer konkreten historischen Situ&shy;ation und ihre daran anschlie&szlig;ende &bdquo;kumulative Radikalisierung&ldquo; f&uuml;hrten zu jenen monstr&ouml;sen Verbrechen, die zu Recht als absolut singul&auml;r bezeichnet werden und die sich jeder Gegen&shy;&uuml;berstellung entziehen.<\/p><p>Bezogen auf den Aufsatz von Gunnar Heinsohn lasse ich all die atavistischen Traditionsele&shy;mente des deutschen Nationalsozialismus (Blut-und-Boden-Romantik, Agrar- und Mittel&shy;standsutopien etc.) beiseite. Hier geht es um jene Vorstellungsgehalte, die damals auch au&szlig;er&shy;halb seines Spektrums (&uuml;brigens partiell bis in sozialistische Kreise hinein) als ausgesprochen modern galten, und die er sich einzuverleiben verstand. Die Biologie als Leitwissenschaft voraussetzend waren dies der Sozialdarwinismus, die Eugenik als Sozialtechnologie und ein radikalisierter Utilitarismus. Hinzu trat der Elitismus der Konservativen Revolution &ndash; es sei an die Demokratiekritik von Edgar Julius Jung unter dem Titel &bdquo;Die Herrschaft der Minderwerti&shy;gen&ldquo; erinnert -, deren Vertreter zwar ver&auml;chtlich auf den unterb&uuml;rgerlichen braunen P&ouml;bel der NSDAP hinabblickten, die aber gleichwohl dem Regime wichtige intellektuelle Handlanger&shy;dienste leisteten und sp&auml;ter in hohen Positionen bei der SS zu re&uuml;ssieren wussten. In diesem Sinne darf man Gunnar Heinsohn auch nicht auf eine Stufe mit dem Stammtischdemagogen Thilo Sarrazin stellen. Letzterer w&auml;re mit den &bdquo;Radauantisemiten&ldquo; zu vergleichen, w&auml;hrend ersterer den Oswald Spengler abgibt, der zwar nicht den &bdquo;Untergang des Abendlandes&ldquo; be&shy;schw&ouml;rt, aber daf&uuml;r den von Deutschland. <\/p><p>Heinsohns Gedanken kreisen um den Fortbestand des deutschen Volkes und um die Qualit&auml;t seines Genpools. Und hier hat er Anlass zur Sorge. &bdquo;Von 100 Kindern, die Deutschland ben&ouml;&shy;tigt, um nicht weiter zu schrumpfen und zu vergreisen, werden 35 gar nicht geboren. &hellip; Von den 65 Kindern, die auf die Welt kommen, gelten sp&auml;ter 15 als nicht ausbildungsreif. &hellip; Eine demographische Zukunft haben nur die Bildungsfernen. So besteht im Februar 2010 die Hartz-IV-Bev&ouml;lkerung (sic!) von 6,53 Millionen Menschen zu 26 Prozent aus Kindern unter 15 Jahren (1,7 Millionen). Im leistenden Bev&ouml;lkerungsteil (sic!) von 58 Millionen unter 65 Jahren dagegen gibt es nur 16 Prozent Kinder (6,5 Millionen).&ldquo; Fazit: Innerhalb der eh schon viel zu niedrigen Reproduktionsquote vermehrt sich &bdquo;die vom Sozialstaat unterst&uuml;tzte Unter&shy;schicht&ldquo; &uuml;berproportional. Dies stelle &bdquo;eine Bedrohung f&uuml;r die Wirtschaft, f&uuml;r den Sozialstaat, das Gemeinwesen insgesamt&ldquo; dar, so &bdquo;dass es unter den Demographen kaum einen gibt, der dem Land noch Hoffnung macht&ldquo;.<\/p><p>Um diese angebliche Bedrohung f&uuml;r unser Land abzuwehren und die Zunahme des sozial un&shy;erw&uuml;nschten Nachwuchs abzubremsen, pl&auml;diert Heinsohn daf&uuml;r, hierzulande die repressive Sozialpolitik Bill Clintons zu kopieren und die Sozialunterst&uuml;tzung (also Hartz IV) nur noch f&uuml;r f&uuml;nf Jahre zu zahlen. Ob die davon betroffenen Eltern und Kinder danach verhungern, obdachlos werden oder in die Armutskriminalit&auml;t abrutschen, er&ouml;rtert er nicht weiter. Hier auf den <a href=\"\/?p=4826#h02\">&bdquo;Nachdenkseiten&ldquo; <\/a>ist zur Bewertung des von ihm aufgef&uuml;hrten <a href=\"\/?p=4835#h17\">empirischen Materials<\/a> bereits das N&ouml;tige gesagt worden. Rein polemisch kann ich noch hinzuf&uuml;gen, dass die USA im Vergleich zu Westeuropa es mit der Bew&auml;ltigung von Armutsproblemen auch einfacher haben. Ihr Rechtssystem verf&uuml;gt &uuml;ber die Todesstrafe. Und die Folgen, die sich aus Armuts&shy;kriminalit&auml;t und sozialer Deprivation ergeben, lassen sich dort notfalls durch das justizf&ouml;r&shy;mige Totspritzen der Betroffenen erledigen. Auch so kann man den sozial unerw&uuml;nschten Bev&ouml;lkerungsteil zum Wohle des &bdquo;Gesamtnutzen&ldquo; dezimieren.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Ich lasse mal die empirisch h&ouml;chst fragw&uuml;rdige These von Heinsohn, dass die &bdquo;Unterschicht&ldquo; bewusst und in zweckrationaler Absicht zur Unterhaltssicherung vermehrt Kinder in die Welt setzt, beiseite. Er folgt hier ganz offensichtlich dem ebenso fragw&uuml;rdigen Axiom der neoklas&shy;sischen Volkswirtschaftslehre, welche den Menschen nur als nutzenmaximierenden &bdquo;Pawlow&shy;schen Hund&ldquo; kennt, den es durch &bdquo;Anreizsysteme&ldquo; zu konditionieren gilt.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]  Ebenso ber&uuml;ck&shy;sichtige ich nicht, dass es historisch gesehen stets die &bdquo;Unterschichten&ldquo; waren, welche im Vergleich zum Adel und zum gehobenen B&uuml;rgertum &uuml;ber hohe Geburtenraten verf&uuml;gten und f&uuml;r die demographischen Anstiege verantwortlich waren. Ich verweise hier nur auf die Bev&ouml;l&shy;kerungsexplosion in den unterb&auml;uerlichen Schichten zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die ur&shy;s&auml;chlich f&uuml;r die Pauperisierungskrise der 1830er Jahre war. Mir geht es hier ganz konkret um die tats&auml;chlich lebenden Kinder (und ihren Eltern), denen nach den Vorstellungen von Hein&shy;sohn nach f&uuml;nf Jahren ALG II (oder einer &auml;hnlichen Sozialleistung) die &bdquo;St&uuml;tze&ldquo; gestrichen werden soll. Ich gehe nicht davon aus, dass der Autor diese Menschen als &bdquo;sozial unwertes Leben&ldquo; schlicht verhungern lassen will. Auch nehme ich nicht an, dass er brasilianische Zu&shy;st&auml;nde f&uuml;r w&uuml;nschenswert h&auml;lt, wo Stra&szlig;enkinder dem Mord und Totschlag preisgegeben sind Auch Zust&auml;nde wie in den franz&ouml;sischen Banlieus d&uuml;rften f&uuml;r ihn nicht akzeptabel sein. Aber was dann? Konsequent zu Ende gedacht f&uuml;hrt die Argumentation von Heinsohn zu einer staatlich reglementierten Geburtenkontrolle durch Zwangssterilisation und Zwangsabtreibung, um die Existenz &bdquo;sozial unwerten Lebens&ldquo; und &bdquo;nutzloser Esser&ldquo; zu verhindern. Und wenn wir dann noch das Mutterkreuz f&uuml;r Akademikerinnen einf&uuml;hren, damit diese endlich ihrer bev&ouml;lkerungspolitischen Pflicht gegen&uuml;ber dem &bdquo;Volksganzen&ldquo; nachkommen, dann ist schon eine Menge getan, um im Sinne Heinsohns f&uuml;r eine &bdquo;Aufartung des deutschen Volkes&ldquo; zu sorgen.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<br>\nHier ist der Hinweis wichtig, dass Heinsohn nicht in einem v&ouml;lkischen Kontext argumentiert. Prinzipiell ist er bezogen auf die Zuwanderung &ndash; ganz anders als seine Vulg&auml;rausgabe Saraz&shy;zin &ndash; kosmopolitisch, weltoffen und vorurteilsfrei. Wenn die &bdquo;Aufartung des deutschen Vol&shy;kes&ldquo; davon profitiert, dann sind ihm auch &bdquo;qualifizierte&ldquo; Zuwanderer willkommen. In diesem Zusammenhang verweist der Autor ausdr&uuml;cklich auf &bdquo;aufgekl&auml;rte Iraner&ldquo;, russische Juden und Vietnamesen, &bdquo;deren Kinder bessere Abiturnoten als der Nachwuchs des deutschen Bildungs&shy;b&uuml;rgertums schaffen&ldquo;. Leider sei nun aber festzustellen, dass die Zuwanderung ganz anders verlaufe und dem &bdquo;Volksk&ouml;rper&ldquo; eher Schaden zuf&uuml;ge.<\/p><p>&bdquo;Deutschland rekrutiert seine Ein&shy;wanderer vorrangig nicht aus Eliten, sondern aus den Niedrigleistern des Auslandes, weshalb man eben nur etwa 5 Prozent qualifizierte Einwanderer gewinnt. Und deren Nachwuchs schleppt die Bildungsschw&auml;che weiter.&ldquo; Anstelle fr&uuml;her bedeutsamer &bdquo;Rassemerkmale&ldquo; und Abstammungskriterien treten heute der Intelligenzquotient und PISA-Testergebnisse, um Menschen als sozial erw&uuml;nscht oder als sozial belastend ein- und auszusortieren. Sozialdar&shy;winistische und biologistische Sichtweisen kommen heute ohne jeden Rassismus aus. In einer globalisierten Welt w&auml;re letzterer auch eher anachronistisch und f&uuml;r die Gesch&auml;fte hinderlich.<\/p><p>Der Beitrag von Gunnar Heinsohn beschr&auml;nkt sich nicht auf eine deskriptive Problemanalyse, zu der man theoretisch und empirisch dies oder jenes kritisch anmerken kann, sondern er lie&shy;fert auch politische Handlungsvorschl&auml;ge, womit er die deskriptive Ebene verl&auml;sst und den Bereich der politischen Ethik betritt. Und hier wird deutlich, dass der Autor einen strikt utili&shy;taristischen Ansatz vertritt, welcher den &ouml;konomischen Gesamtnutzen f&uuml;r &bdquo;Deutschland&ldquo; (was immer das auch sein mag) dem individuellen Recht der Menschen vorordnet. Mit einer Poli&shy;tik, die als normative Pr&auml;misse von der &bdquo;Gleichheit all derer&ldquo; ausgeht, &bdquo;die Menschenanlitz tragen&ldquo;[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>], sind solche Auffassungen unvereinbar. Sie sind auch unvereinbar mit Vorstellungen von Menschen als moralischen Subjekten &ndash; wozu jeder Hartz-IV-Empf&auml;nger, jede alleinerzie&shy;hende Mutter, jedes arme Kind sowie der ungebildeteste Migrant geh&ouml;ren -, die als solche alle den gleichen Anspruch auf Achtung und Respekt haben. Die moralische Subjekthaftigkeit eines jeden Einzelmenschen verbietet es der Politik, ihn ausschlie&szlig;lich unter N&uuml;tzlichkeitsas&shy;pekten zu betrachten und darauf bezogene Programme zu entwickeln. Heinsohns subjektver&shy;achtender Utilitarismus negiert diese humanit&auml;ren Errungenschaften der Aufkl&auml;rung. Sein Beitrag ist ein St&uuml;ck Gegenaufkl&auml;rung &ndash; eine Gegenaufkl&auml;rung allerdings, die sich nicht der verquollenen Sprache der Politischen Romantik bedient, sondern in einer technokratischen Diktion daherkommt, die f&uuml;r unsere &bdquo;Modernisierer&ldquo; anschlussf&auml;hig ist.<br>\nMit seinen &Uuml;berlegungen steht Heinsohn auch im Widerspruch zur k&uuml;rzlich erfolgten Ent&shy;scheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Hartz-IV-Regelsatz. In diesem Urteil haben die Richter aus den Artikeln 1 GG (Menschenw&uuml;rde) und 20 GG (Sozialstaatsgebot) ein poli&shy;tisch unverf&uuml;gbares Grundrecht auf ein menschenw&uuml;rdiges Existenzminimum abgeleitet. Ir&shy;gendwelche bev&ouml;lkerungspolitische &Uuml;berlegungen, die mit R&uuml;cksicht auf die Zusammenset&shy;zung des deutschen Genpools dieses Grundrecht relativieren, sind im Urteil nicht aufzufinden. Auch das von interessierten Kreisen immer wieder beschworene &bdquo;Lohnabstandsgebot&ldquo; taucht dort nicht auf. Das Bundesverfassungsgericht folgt hier den besten Traditionen des politischen Liberalismus, wonach Grundrechte unabh&auml;ngig vom sozialen Status unmittelbar und voraus&shy;setzungslos an der Person haften und sich jeder Unterordnung unter gesellschaftliche Utili&shy;t&auml;tszwecke entziehen. Damit ist Heinsohns Vorschlag, Hartz-IV-Empf&auml;ngern nach f&uuml;nf Jahren die St&uuml;tze zu entziehen, um sie zu &bdquo;Erziehungszwecken&ldquo; dem Hunger und der Obdachlosig&shy;keit auszusetzen, verfassungswidrig und politisch nicht durchsetzbar.<\/p><p>Unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten ist auch die Sprache des Beitrages verr&auml;te&shy;risch. Da wird die &bdquo;Hartz-IV-Bev&ouml;lkerung&ldquo; als parasit&auml;rer Teil der Gesellschaft (&bdquo;die vom Sozialstaat unterst&uuml;tzte Unterschicht&ldquo;) dem &bdquo;leistenden Bev&ouml;lkerungsteil&ldquo; dichotomisch ge&shy;gen&uuml;bergestellt. Nun bilden aber sowohl die &bdquo;Hartz-IV-Bev&ouml;lkerung&ldquo; als auch der angeblich &bdquo;leistende Bev&ouml;lkerungsteil&ldquo; gemeinsam das &bdquo;souver&auml;ne Volk&ldquo;, von dem alle Staatsgewalt ausgeht. Der ALG-II-Empf&auml;nger verf&uuml;gt &uuml;ber die gleichen staatsb&uuml;rgerlichen Rechte und &uuml;ber das gleiche Wahlrecht wie die sogenannten &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo;. Wenn wir nun Heinsohns Hor&shy;rorszenario von der sich &uuml;berproportional vermehrenden Unterschicht zugrundelegen, dann w&auml;chst auch &uuml;berproportional der Anteil der Stimmb&uuml;rger, die von Transferleistungen abh&auml;n&shy;gig sind und die gegebenenfalls mit ihren Wahlentscheidungen eine den &bdquo;Leistungstr&auml;gern&ldquo; genehme parlamentarische Mehrheit verhindern. Dies war ja bereits bei den Bundestagswah&shy;len 2005 der Fall, als DIE LINKE einen parlamentarischen Sperrriegel legte, welcher die si&shy;cher geglaubte &ndash; und zum &bdquo;Durchregieren&ldquo; fest entschlossene &ndash; schwarz-gelbe Kombination unm&ouml;glich machte. Seitdem leben zumindest Angela Merkel und die CDU (wie es sich ge&shy;h&ouml;rt) &bdquo;in der Furcht des Herrn&ldquo;. <\/p><p>Und hier stellt sich &uuml;ber den Text von Heinsohn hinausgehend eine ganz prinzipielle Frage: Wie viel materielle Ungleichheit kann sich eine Gesellschaft leisten, die in ihrer politischen Verfasstheit auf dem egalit&auml;ren Staatsb&uuml;rgerstatus und auf dem egalit&auml;ren Wahlrecht beruht? Denn seit das egalit&auml;re Wahlrecht (suffrage universel) existiert, war in ihm stets die Drohung angelegt, dass die have nots die haves ganz demokratisch majorisieren. Im 19. und fr&uuml;hen 20. Jahrhundert wurde diese Drohung im B&uuml;rgertum als sehr real empfunden und beherrschte beispielsweise die Einreden gegen eine Reform des preu&szlig;ischen Dreiklassenwahlrechts. In historischer Perspektive laufen die sukzessive Ausweitung des Wahlrechts, der Ausbau des Sozialstaats und der tendenzielle Abbau gesellschaftlicher Ungleichheiten parallel. Seit ca. 30 Jahren beobachten wir nun, dass sich soziale R&auml;ume wieder schlie&szlig;en und die gesellschaftli&shy;che Ungleichheit zunimmt. Aus marktradikaler Sicht k&ouml;nnte dies zu einer Delegitimierung des egalit&auml;ren Wahlrechtes f&uuml;hren. Denn warum sollen von staatlichen Leistungen abh&auml;ngige Transferempf&auml;nger mit ihren Wahlvoten an der Zusammensetzung von Parlamenten mitwir&shy;ken, die &uuml;ber diese Transfers entscheiden? Und warum sollen von Transferempf&auml;ngern in staatsb&uuml;rgerlicher Gleichheit mitbestimmte Parlamente &uuml;ber Steuereinnahmen und Steuerver&shy;wendungen befinden, obwohl ein zur Mehrheitsbildung eventuell relevanter Teil der W&auml;hler an deren Zustandekommen nicht beteiligt ist, aber von ihnen leben will? Bisher sind diese Fragen nur in obskurantistischen Kreisen der Jungen Union oder von Betriebswirtschaftspro&shy;fessoren aus der dritten und vierten Reihe er&ouml;rtert worden. Sie dr&auml;ngen sich aber mit zwin&shy;gender Logik auf, wenn wir die Pr&auml;missen des Beitrages von Gunnar Heinsohn zugrundele&shy;gen. <\/p><p>Seit Edmund Burke geh&ouml;rt es durch alle Metamorphosen hindurch zu den unhintergehbaren Voraussetzungen des politischen Konservativismus, dass gesellschaftliche Macht- und Un&shy;gleichheitsverh&auml;ltnisse ein vorgefundenes &bdquo;nat&uuml;rliches&ldquo; oder &bdquo;gottgewolltes&ldquo; Sein darstellen. Versuche, dieses &bdquo;Sein&ldquo; zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ver&auml;ndern, gilt als anma&szlig;ender Frevel. Allenfalls sind &bdquo;organische&ldquo; Korrekturen erlaubt, welche aber an der Grundsubstanz des &bdquo;Seins&ldquo; nichts ver&auml;ndern d&uuml;rfen. Ganz &auml;hnlich verf&auml;hrt Gunnar Heinsohn. An keiner Stelle fragt er in seinem Aufsatz danach, wie es zu den von ihm beklagten Zust&auml;nden kommen konnte. Im Golden Age des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg schien sich das Unter&shy;schichtenph&auml;nomen als dr&auml;ngendes Problem aufzul&ouml;sen. Das Proletariat &bdquo;verb&uuml;rgerlichte&ldquo; zum Kummer so mancher sozialistischer Prinzipienreiter und nahm im Rahmen des &bdquo;instituti&shy;onalisierten Klassenkompromisses&ldquo; am allgemeinen Wohlstand teil. In den 70er Jahren ver&shy;breiterte sich die Bildungsbeteiligung. Ehemals proletarische und unterb&uuml;rgerliche Schichten besuchten in einem bis dahin nicht bekannten Ausma&szlig; das Gymnasium und bev&ouml;lkerten die Universit&auml;ten. Eine Diskussion &uuml;ber angeblich parasit&auml;re &bdquo;Unterschichten&ldquo;, die in ihrem Ver&shy;mehrungsdrang nur &bdquo;kleine Kopftuchm&auml;dchen produzieren&ldquo; (Thilo Sarazzin) oder mit ander&shy;weitigen &bdquo;nutzlosen Essern&ldquo; den deutschen Genpool verunzieren, gab es schon deshalb nicht, weil sie keinen Anhalt in der Realit&auml;t gehabt h&auml;tten. Auch ist mir aus dieser Zeit nicht be&shy;kannt, dass Arbeitslose besonderer &bdquo;aktivierender&ldquo; Ma&szlig;nahmen bedurften. Die Arbeitslosen&shy;quote lag damals ohne Hartz IV und dem damit verbundenen Repressions- und Beaufsichti&shy;gungsapparat irgendwo unter 1 Prozent. Was hat sich da blo&szlig; ge&auml;ndert? <\/p><p>Im historischen R&uuml;ckblick stellen wir fest, dass die Zivilisiertheit oder Unzivilisiertheit eines Volkes abh&auml;ngig ist von der m&ouml;glichen oder verweigerten materiellen Bed&uuml;rfnisbefriedigung der &bdquo;Massen&ldquo; sowie ihrer Beteiligung oder ihres Ausschlusses von Bildung. &bdquo;Unterschichten&ldquo; und ihre soziale Deprivation sind das Produkt materieller Not. Wenn Heinsohn wirklich wis&shy;sen will, dass &bdquo;Unterschichten&ldquo; tats&auml;chlich sind, dann sei ihm die Lekt&uuml;re der einschl&auml;gigen Werke von Charles Dickens und von Eugene Sue empfohlen. Materielle Not und Bildungs&shy;ausschluss f&uuml;hrten in den Unterschichten vergangener Zeiten stets zu einer Brutalisierung der Sozialverh&auml;ltnisse. Im England der fr&uuml;hen Neuzeit und zu Beginn des Fr&uuml;hkapitalismus wurde beispielsweise jedes banale Eigentumsdelikt mit dem Galgen bestraft, was als zus&auml;tzli&shy;cher Brutalisierungseffekt auf die davon betroffenen Unterschichten zur&uuml;ckwirkte.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Nun beobachten wir seit den 80er Jahren entgegen dem vorhergehenden Trend des Golden Age die erneute Zunahme gesellschaftlicher Ungleichheit. W&auml;hrend L&ouml;hne und Geh&auml;lter stag&shy;nieren oder gar real zur&uuml;ckgingen, explodierten die Einkommen aus Kapital und Verm&ouml;gen. Prek&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse, ein ausgebauter Niedriglohnsektor und das sich ausbrei&shy;tende Subproletariat aus &bdquo;&uuml;berfl&uuml;ssigen&ldquo; Langzeitarbeitslosen produzierten jene &bdquo;Unter&shy;schicht&ldquo;, die Autoren wie Heinsohn heute als zunehmende gesellschaftliche Bedrohung emp&shy;finden. In b&ouml;swilliger Weise unterschl&auml;gt dabei der Autor, dass die Existenz dieser &bdquo;Unter&shy;schicht&ldquo; auf politischen Entscheidungen und polit&ouml;konomischen Prozessen beruht, die diese Menschen nicht zu vertreten haben. Hier wird von ihm einfach Ursache und Wirkung ver&shy;tauscht. Heinsohn wird doch wohl einem einigerma&szlig;en gebildeten Mitteleurop&auml;er (wovon ich allerdings besonders bornierte neoliberale FAZ-Leser ausschlie&szlig;e) nicht weismachen k&ouml;nnen, dass die Arbeitslosen von heute so viel fauler sind als die der 70er Jahre, und dass sie deshalb besonderer &bdquo;Aktivierungsma&szlig;nahmen&ldquo; bed&uuml;rfen. Denn es fehlen schlicht die ad&auml;quaten Ar&shy;beits&shy;pl&auml;tze, die es den Leuten erm&ouml;glicht, durch ein existenzsicherndes Einkommen ein men&shy;schenw&uuml;rdiges Dasein zu f&uuml;hren, um so sozialer Deprivationen zu entgehen. Die Menschen sind immer dieselben. &Auml;ndern tun sich lediglich die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse, in denen sie leben. Gesellschaften, welche gro&szlig;e Teile der Bev&ouml;lkerung in materielle Armut st&uuml;rzen und durch ein rigide gehandhabten dreigliedriges Schulsystem, Studiengeb&uuml;hren usw. von der Bildung ausschlie&szlig;en, m&uuml;ssen sich nicht wundern, wenn sie mit genau jenen Deprivations- und Brutalisierungserscheinungen konfrontiert werden, die wir aus fr&uuml;heren von Ungleichheit gepr&auml;gten Zeiten kennen.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich muss es Ziel politischen Handelns sein, die Existenz transferabh&auml;ngiger &bdquo;Unterschichten&ldquo; zu minimieren und ihre Angeh&ouml;rigen in ein existenzsicherndes Berufsleben einzugliedern. Daf&uuml;r ist allerdings eine Politik n&ouml;tig, die mit der vorherrschenden Dogmatik der Neoklassik und ihrer einseitigen Ausrichtung an den Interessen der Verm&ouml;gens- und Ka&shy;pitalbesitzer bricht, welche die Un&shy;gleichgewichte bei den Einkommen beseitigt und f&uuml;r ann&auml;&shy;hernde Vollbesch&auml;ftigung sorgt. In der Bildung brauchen wir eine &Ouml;ffnung des Schulwesens (analog zu Skandinavien) und die Abschaffung von Studiengeb&uuml;hren, womit auch Kindern aus bisher bildungsfernen Schichten die M&ouml;glichkeit er&ouml;ffnet wird, einen h&ouml;heren Schulbe&shy;such und ein Universit&auml;tsstudium zu erreichen. Ein solches Politikprogramm liest sich nat&uuml;r&shy;lich ganz anders als die sozialrepres&shy;sive und biologistisch ausgerichtete &bdquo;Aufartung des deut&shy;schen Volkes&ldquo; a la Heinsohn, welche die gegebenen gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse mit all ihrer Not und ihrem Elend als unhinter&shy;gehbar hinnimmt und ihre Voraussetzungen nicht in Frage stellt. Ein solches Politikprogramm w&uuml;rde den Menschen in ihren Rechten und ihrer W&uuml;rde gerecht und w&uuml;rde gleichzeitig den utilitaristisch verstandenen Gesamtnutzen f&ouml;rdern. Allerdings stehen ihm derzeit m&auml;chtige und finanzkr&auml;ftige Interessen entgegen, welche sich einen Gunnar Heinsohn als Lohnschrei&shy;ber halten k&ouml;nnen. Folglich werden wir uns als treue T&ouml;chter und S&ouml;hne der europ&auml;ischen Aufkl&auml;rung noch einige Zeit sozialdarwinistischer und biologistischer Gedankeng&auml;nge zu erwehren haben. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Eine Anekdote am Rande: Als Hartz IV eingef&uuml;hrt wurde, sprach ich vom &bdquo;Selbstmordf&ouml;rderungsprogramm f&uuml;r Langzeitarbeitslose&ldquo;, eine Bezeichnung, die ich auf der Grundlage des Utilitarismus auch zu begr&uuml;nden wusste. Denn je mehr nicht vermittelbare Arbeitlose den suizidalen Ausweg w&auml;hlen, umso st&auml;rker werden die Sozialkassen zum Wohle des Gesamtnutzens entlastet. Als ich in der Organisationsphase der Argen beim Ar&shy;beitsamt anrief, um eine Frage zu kl&auml;ren, bat ich die Telefonistin, mich mit der Stelle zu verbinden, die f&uuml;r das Selbstmordf&ouml;rderungsprogramm f&uuml;r Langzeitarbeitslose zust&auml;ndig sei. Die Antwort: &bdquo;Einen Augenblick, ich verbinde!&ldquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Die in diesen Tagen in den Gazetten diskutierte Problematik der ungewollten Schwangerschaften von ALG-II-Empf&auml;ngerinnen, die sich in erh&ouml;hten Schwangerschaftsabbr&uuml;chen bei diesem Personenkreis widerspiegelt, und die daran ankn&uuml;pfende Debatte &uuml;ber die kostenlose Abgabe von Verh&uuml;tungsmitteln als Sonderleistung au&szlig;erhalb des Regelsatzes widerspricht den &ouml;konomischen Rationalit&auml;tskalk&uuml;len, die Heinsohn hier geltend macht. Diese Thematik taucht dann auch folgerichtig in seinem Beitrag nicht auf.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Bei dem Begriff &bdquo;Aufartung&ldquo; handelt es sich um einen Fachterminus der SS. Ziel war die genetische &bdquo;S&auml;ube&shy;rung&ldquo; des &bdquo;Volksk&ouml;rpers&ldquo; durch Zwangssterilisation, Zwangsabtreibungen und Euthanasie, w&auml;hrend er gleich&shy;zeitig durch Menschenz&uuml;chtung und Verschleppung &bdquo;rassisch wertvoller&ldquo; Bestandteile aus den besetzten Gebie&shy;ten &bdquo;veredelt&ldquo; werden sollte.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] So lautet eine ber&uuml;hmte Formulierung in der von Thomas Jefferson verfassten Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung der USA.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Schreckensherrschaft w&auml;hrend der Franz&ouml;sischen Revo&shy;lution 1793\/94 von den Pariser Unterschichten aktiv getragen wurde, womit sie sich f&uuml;r all die vorangegangenen Dem&uuml;tigungen durch die Oberklassen r&auml;chten. Die Robespierristen waren hier mehr Getriebene als Treiber.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Historische Parallelen sind stets fragw&uuml;rdig. Besonders problematisch werden sie, wenn die deutsche NS-Vergangenheit bem&uuml;ht wird, um in denunziatorischer Absicht aktuelle Gescheh&shy;nisse zu kommentieren. Denn ein Regime, das unter neuzeitlichen Bedingungen und in k&uuml;hler Rationalit&auml;t den industriell durchgef&uuml;hrten Massenmord praktizierte, entzieht sich jedem Ver&shy;gleich. Wenn der Autor dieser Zeilen gleichwohl den Aufsatz von <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub0B44038177824280BB9F799BC91030B0\/Doc~E0AC5A2CD5A6A481EABE50FAE2AEBA30B~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Gunnar Heinsohn<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4936\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[140,145,132],"tags":[1542,1027,416,705,389,425,340],"class_list":["post-4936","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-faz","tag-heinsohn-gunnar","tag-nationalsozialismus","tag-sarrazin-thilo","tag-sozialrassismus","tag-unterschicht","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4936","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4936"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4936\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4946,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4936\/revisions\/4946"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}