{"id":494,"date":"2005-03-18T18:05:49","date_gmt":"2005-03-18T16:05:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=494"},"modified":"2016-03-17T14:09:07","modified_gmt":"2016-03-17T13:09:07","slug":"regierungserklarung-des-bundeskanzlers-gefangen-in-der-logik-der-agenda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=494","title":{"rendered":"Regierungserkl\u00e4rung des Bundeskanzlers: Gefangen in der Logik der Agenda"},"content":{"rendered":"<p>In seiner Regierungserkl&auml;rung unter dem Titel &bdquo;Aus Verantwortung f&uuml;r unser Land: Deutschlands Kr&auml;fte st&auml;rken&ldquo; hat Bundeskanzler sich nahezu ausschlie&szlig;lich auf solche Erg&auml;nzungsvorschl&auml;ge beschr&auml;nkt, die einem noch einfallen, wenn man den Agenda-Kurs nicht in Frage stellen will. Immerhin hat sich Schr&ouml;der wohltuend von der vom Bundespr&auml;sidenten propagierten &bdquo;Marktgesellschaft&ldquo; abgesetzt, in dem er wenigstens ein verbales Bekenntnis zum &bdquo;Prinzip des Sozialstaates&ldquo; abgegeben hat. Diejenigen, die wie Merkel, Stoiber oder Gerhardt mit ihrer &bdquo;Ordnung der Freiheit&ldquo; den Sozialstaat aufs Skelett abmagern lassen und die Arbeitnehmerrechte schleifen wollen, werden weiter fordern, die Regierung gehe nicht weit genug. Wer Vorschl&auml;ge zur St&auml;rkung der Binnennachfrage und damit zu einer aktiven Konjunktur- und Besch&auml;ftigungspolitik erwartet hatte, wurde mehr als entt&auml;uscht.<br>\n<!--more--><br>\nIn der Einleitung und am Schluss seiner Regierungserkl&auml;rung sprach Schr&ouml;der auffallend oft vom &bdquo;sozialen Zusammenhalt&ldquo;, vom &bdquo;Prinzip des Sozialstaates&ldquo;, ja sogar von &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; nicht nur als Tugend, sondern als Voraussetzung f&uuml;r den &ouml;konomischen Erfolg.<br>\nDas ist immerhin der Erw&auml;hnung wert, wenn man diese Rede mit der des Bundespr&auml;sidenten vor dem Arbeitgeberforum vergleicht, dem beim Thema &bdquo;Wirtschaft und Gesellschaft&ldquo; au&szlig;er der Unternehmerfreiheit und dem Wettbewerb aller gegen alle als gesellschaftliche Ordnungsprinzipien das Wort sozial nicht einmal mehr einf&auml;llt. <\/p><p>Auch der Kanzler scheint allm&auml;hlich zu merken, dass seine SPD &ndash; zumal in Nordrhein-Westfalen chancenlos &ndash; ist, wenn er nicht wenigstens verbal daran festh&auml;lt, woran die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung festhalten will, n&auml;mlich am Sozialstaat. Wenn Gerhard Schr&ouml;der aber die Agenda 2010 als &bdquo;Instrument&ldquo; bezeichnet, die Sozialstaatlichkeit zu bewahren, muss man bezweifeln, ob allein schon diese &bdquo;Sozial-Rethorik&ldquo; ausreicht, um neues Vertrauen zu schaffen oder verloren gegangenes Vertrauen zur&uuml;ck zu gewinnen.<br>\nOb es bei &uuml;ber 5 Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit sehr glaubhaft wirken kann, wenn Schr&ouml;der behauptet, dass der &bdquo;Reformprozess zu greifen beginnt&ldquo;? Ob es den Betroffenen etwas hilft, wenn sie von der Sozialhilfestatistik in die Bed&uuml;rftigenstatistik nach dem Arbeitslosengeld II umgebucht werden, wenn das F&ouml;rderungsversprechen nicht eingel&ouml;st werden kann? Ob es den &uuml;ber 600.000 arbeitslosen Jugendlichen ein Jobangebot bringt, wenn die Unternehmen gemahnt werden, bei der &bdquo;gemeinsamen Kraftanstrengung&ldquo; f&uuml;r den Ausbildungspakt nicht nachzulassen?<br>\nF&uuml;r die von den Hartz-Reformen Betroffenen ist es auch nur ein schwacher Trost, wenn ihnen der Kanzler vorrechnet, dass bisher zwar 10 Milliarden Euro an Lohnzusatzkosten eingespart wurden und es dann aber dabei bel&auml;sst, den Unternehmen ins Gewissen zu reden, dieses Geschenk nicht mit der Androhung von Verlagerungen sondern mit Einstellungen zu beantworten. <\/p><p>Wer nichts anderes bietet, als den Agenda-Kurs stur durchzuhalten und umzusetzen, dem bleiben nach der der Agenda zugrunde liegenden angebotsorientierten &ouml;konomischen Doktrin nicht viele andere M&ouml;glichkeiten, als moralische Appelle an die Investitionsbereitschaft der Wirtschaft und &ndash; &uuml;ber die vom Kanzler selbst genannten 56 Milliarden Euro hinaus &ndash; weitere Steuererleichterungen etwa bei der K&ouml;rperschaftssteuer, bei den Anrechnungss&auml;tzen f&uuml;r die Gewerbesteuer oder weitere Abzugsm&ouml;glichkeiten bei der ohnehin vergleichsweise niedrigen Erbschaftssteuer f&uuml;r Gro&szlig;verm&ouml;gen anzuk&uuml;ndigen. <\/p><p>Um fair zu bleiben: Es gab durchaus einige erfreuliche Akzente in der Regierungserkl&auml;rung. So wenn der Kanzler die Gefahr des Sozialdumpings durch die drohende europ&auml;ische Dienstleistungsrichtlinie gei&szlig;elte oder wenn er die Blockaden der L&auml;nder bei der Umsetzung des 4-Milliardenprogramms zur Ganztagsbetreuung anprangerte oder wenn er die Kommunen aufforderte die Einsparungen bei der Sozialhilfe oder die gestiegenen Einnahmen bei der Gewerbesteuer in H&ouml;he von 28 Milliarden Euro wenigstens zu einem beachtlichen Teil in die Sanierung von Schulen und Stra&szlig;en zu investieren. Ein wenig Erleichterung f&uuml;r die Betroffenen br&auml;chte auch die Verbesserung der Hinzuverdienstm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Langzeitarbeitslose. <\/p><p>Die Gewerkschaften h&ouml;rten es sicherlich gerne, wenn der Kanzler vom &bdquo;Popanz&ldquo; des K&uuml;ndigungsschutzes sprach und der Union die Tatsache entgegenhielt, dass heute schon jedes Unternehmen f&uuml;r 2 Jahre befristet einstellen kann, dass bei neuen Unternehmen in den ersten vier Jahren und bei Menschen &uuml;ber 52 Jahren praktisch keinerlei K&uuml;ndigungsschutz mehr besteht. Zu einer Einstellungswelle zumal von &auml;lteren Menschen hat das allerdings nicht gef&uuml;hrt. Wie verbohrt die Opposition an ihren Parolen festh&auml;lt, zeigte sich schon in den anschlie&szlig;enden Debattenbeitr&auml;gen der Opposition, wo unbeeindruckt von dieser Wirklichkeit munter eine weitere Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes reklamiert wurde. <\/p><p>Wenn Schr&ouml;der das Montesquieu-Zitat, dass ein Gesetz, das nicht notwendig ist, besser unterbleibe, gegen&uuml;ber der Forderung nach einer gesetzlichen Regelung von betrieblichen B&uuml;ndnissen an den Bundespr&auml;sidenten zur&uuml;ckreicht, so ist das wohltuend. Mehr als ein Appell an die Unternehmer, die &bdquo;gleiche patriotische Pflicht&ldquo; bei der Flexibilisierung von Tarifvertr&auml;gen walten zu lassen wie es die Gewerkschaften tun, springt aber dabei auch nicht heraus. <\/p><p>Man hat eben nicht mehr viele politische Handlungsm&ouml;glichkeiten, wenn man stur am Agenda-Kurs festh&auml;lt und sich dem Druck nach weiteren Zumutungen gegen&uuml;ber den Arbeitnehmern und Rentnern nicht vollends beugen will. Da bleibt nicht mehr viel, als moralische Appelle an die Investoren zu richten und ihnen weitere Erleichterungen zu versprechen. Das hat bisher nichts gebracht, wie der Kanzler in seiner Erkl&auml;rung mehrfach bitter anmerkte. Wie lange wird es dauern, dass er einsieht, dass das auch in Zukunft nicht viel bringen wird. <\/p><p>Die Arbeitnehmer und vor allem die Arbeitslosen, werden jedenfalls davon kaum etwas haben. Die Regierung bleibt gefangen in der Logik der Angebots&ouml;konomie und so lange sie diese Logik nicht durchbricht, wird sie von der Opposition, wie schon auf dem heutigen Job-Gipfel geschehen, immer weiter getrieben werden. Unsere sogenannten Wirtschaftsexperten wie die Sinns&amp;Co wetzen schon die Messer. Der Mainstream der Medien wird sein Trommelfeuer gleichfalls nicht einstellen, dazu gen&uuml;gt ein Blick auf die Schlagzeilen: Das einzige was interessiert sind die Unternehmenssteuersenkungen. <\/p><p>Gerhard Schr&ouml;der hat die Chance verpasst, das Steuer herum zu rei&szlig;en, und mit einem Konjunkturprogramm, das diesen Namen verdient, einen wirklichen Impuls zur Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit zu setzen. Ein Investitionsprogramm f&uuml;r Stra&szlig;en- und Schienenbau von gerade mal j&auml;hrlich 500 Millionen Euro &uuml;ber 4 Jahre, der Verweis auf private Finanzierung von Infrastrukturma&szlig;nahmen oder die Verbilligung von Krediten f&uuml;r den Mittelstand, ist allenfalls &ndash; wie der Konjunkturforscher Gustav Horn sagt &ndash; eine &bdquo;Nullnummer&ldquo;.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner Regierungserkl&auml;rung unter dem Titel &bdquo;Aus Verantwortung f&uuml;r unser Land: Deutschlands Kr&auml;fte st&auml;rken&ldquo; hat Bundeskanzler sich nahezu ausschlie&szlig;lich auf solche Erg&auml;nzungsvorschl&auml;ge beschr&auml;nkt, die einem noch einfallen, wenn man den Agenda-Kurs nicht in Frage stellen will. Immerhin hat sich Schr&ouml;der wohltuend von der vom Bundespr&auml;sidenten propagierten &bdquo;Marktgesellschaft&ldquo; abgesetzt, in dem er wenigstens ein verbales Bekenntnis<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=494\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[188,145,30],"tags":[312,411],"class_list":["post-494","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesregierung","category-sozialstaat","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-reformpolitik","tag-schroeder-gerhard"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/494","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=494"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/494\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32219,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/494\/revisions\/32219"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=494"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=494"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=494"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}