{"id":49433,"date":"2019-02-18T16:52:40","date_gmt":"2019-02-18T15:52:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49433"},"modified":"2019-02-19T09:26:48","modified_gmt":"2019-02-19T08:26:48","slug":"frauen-schuften-fuer-uns-zum-lohn-von-ca-13-cent-pro-stunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49433","title":{"rendered":"Frauen schuften f\u00fcr uns zum Lohn von ca. 13 Cent pro Stunde"},"content":{"rendered":"<p>Ausgebeutete indische Heimarbeiterinnen arbeiten f&uuml;r Kleiderkonzerne in Europa und den USA, deckt die University of California auf. Davon <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Wirtschaft\/Kleider-Indien-Frauen-schuften-fur-15-Rappen-pro-Stunde#\">berichtet <strong>infosperber<\/strong> heute<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Katastrophe von Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013 ist noch in schlechter Erinnerung. Beim Einsturz der maroden Textilfabrik in Sabhar wurden 1&rsquo;135 Menschen get&ouml;tet und 2&rsquo;438 verletzt. Seither stehen westliche Kleiderkonzerne unter Druck, die Produktionsbedingungen in ihren ganzen Lieferketten zu kontrollieren und daf&uuml;r zu sorgen, dass Minimall&ouml;hne, Menschenrechte und die Sicherheit an den Arbeitspl&auml;tzen gew&auml;hrleistet sind. Unterdessen ist viel versprochen, doch wenig eingehalten worden.<\/p><p>Eine&nbsp;<a href=\"https:\/\/drive.google.com\/file\/d\/1ixp7QunDHOkOwJstndfaeBpQHBh_-Bmq\/view\">Studie der University of California<\/a>&nbsp;in Berkeley deckt jetzt eine besondere Schwachstelle auf: Ausbeuterische und skandal&ouml;se Arbeitsbedingungen der unz&auml;hligen Heimarbeiterinnen, die im Auftrag eines schwer durchschaubaren Geflechts von Subunternehmen f&uuml;r die Kleiderkonzerne t&auml;tig sind. Ein Forscherteam der Universit&auml;t hat vor allem im Norden Indiens 1&rsquo;452 Heimarbeiterinnen pers&ouml;nlich befragt. Es ist eine der umfassendsten Erhebungen direkt bei Betroffenen, die es je gab.<\/p><p>In Indien arbeiten rund 13 Millionen Menschen, vor allem M&auml;dchen und Frauen, in Textil-Fabriken. Doch noch weit mehr arbeiten in Heimarbeit zu Hause. Es sind vor allem Frauen und M&auml;dchen aus historisch unterdr&uuml;ckten ethnischen Gemeinschaften oder Mitglieder religi&ouml;ser Minderheiten.<\/p><p><strong>Durchschnittslohn von 15 Cents oder Rappen pro Stunde<\/strong><\/p><p>In der Regel schuften die Heimarbeiterinnen jeweils &uuml;ber acht Stunden pro Tag zu Hause oder in oft behelfsm&auml;ssig eingerichteten Werkstattr&auml;umen. Der durchschnittliche Stundenlohn der 1&rsquo;452 befragten Frauen betr&auml;gt 15 US-Cents oder 15 Rappen pro Stunde.<\/p><p>Damit erhielten praktisch alle Heimarbeiterinnen zwischen 50 und 90 Prozent weniger ausbezahlt als den vom indischen Staat festgelegten Mindestlohn. Dieser liegt im Bundesstaat Rajasthan f&uuml;r einen achtst&uuml;ndigen Arbeitstag bei 3,08 Dollar oder 39 Cents pro Stunde f&uuml;r ungelernte Arbeit. Oder in Neu-Delhi bei 8,44 Dollar pro 8-Stundentag oder 1,05 Dollar pro Stunde.<\/p><p>Die Arbeit zu Hause oder in einer kleinen improvisierten Werkstatt ist nicht nur extrem gering bezahlt. Sie fesselt die Arbeiterinnen auch ans Haus, um die vorhandenen Auftr&auml;ge schnell und zeitnah zu erf&uuml;llen, damit sie wenigstens ein Minimum verdienen. Erholungspausen, Arbeitplatzsicherheit und gesundheitssichernde Arbeitsbedingungen sind so kaum m&ouml;glich. Chronische Erkrankungen einschliesslich R&uuml;ckenschmerzen und Sehverminderung sind unter diesen Bedingungen verbreitet. Eine medizinische Betreuung und Hilfe gibt es in der Regel nicht: die Subunternehmer lassen die Arbeiterinnen im Stich.<\/p><p><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Siddharth_Kara\"><em>Siddharth Kara<\/em><\/a>, ein langj&auml;hriger Kenner der modernen Sklaverei, der den Forschungsbericht verfasste, erkl&auml;rte am 6. Februar in der &laquo;New York Times&raquo;:<\/p><p>&bdquo;Aufgrund der mangelnden Transparenz und des informellen Charakters der Heimarbeit haben die Arbeitnehmerinnen praktisch keine M&ouml;glichkeit, sich gegen missbr&auml;uchliche oder unfaire Bedingungen zu wehren.&ldquo; Der Staat tue wenig, um vorgeschriebene Mindestl&ouml;hne, Arbeitsbedingungen oder Sozialstandards einzuf&uuml;hren und die Mindestl&ouml;hne durchzusetzen.<\/p><p>Hinzu kommt, dass diese Arbeit fast ausschliesslich von Menschen erledigt wird, denen aufgrund ihrer Herkunft der Zugang zu sozialen Systemen und Bildung nicht m&ouml;glich ist. Deshalb ist von den Betroffenen kaum Widerstand zu erwarten.<\/p><p>Solche Heimarbeit ist auch in Bangladesch, Vietnam und China verbreitet.<\/p><p>Etwa zwanzig Prozent der Arbeiterinnen in Indien waren M&auml;dchen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren. Die meisten der haupts&auml;chlich in Nordindien Befragten gaben an, dass sie die Heimarbeit wegen &bdquo;irgendeiner Form von Zwang&ldquo;, einschliesslich schwerer finanzieller Not, famili&auml;rem Druck oder nicht vorhandener Alternativen verrichten. Meistens geben sie modischen Kleidungsst&uuml;cken den &laquo;letzten Schliff&raquo;: Stickereien, Quasten, Fransen, oder Kn&ouml;pfe ann&auml;hen.<\/p><p>Von den Subunternehmern gelangen die Kleidungsst&uuml;cke zu den etablierten Kleiderkonzernen und bekannten Marken. Rund 85 Prozent der modischen Kleider, f&uuml;r welche Heimarbeiterinnen den &laquo;Finish&raquo; erledigen, gelangen zum Verkauf in die Kleidergesch&auml;fte Europas und der USA, heisst es im Bericht.<\/p><p><strong>Weder Gewerkschaften noch schriftliche Arbeitsvertr&auml;ge<\/strong><\/p><p>Der Bericht nennt keine der befragten Frauen namentlich, aus Angst, dass sie ansonsten ihren Lebensunterhalt verlieren oder ihre Familien bestraft w&uuml;rden; denn die Subunternehmer, die in der Regel m&auml;nnlich sind, misshandeln die Frauen oft verbal und sch&uuml;chtern sie ein, um sie gef&uuml;gig zu machen.<\/p><p>Auch die involvierten Konzerne nennt der Bericht nicht beim Namen; denn die Autoren m&ouml;chten nicht, dass die Konzerne diese Art Outsourcing einschr&auml;nken oder sogar stoppen. Kara begr&uuml;ndet dies wie folgt: &bdquo;Wir k&ouml;nnten diese Firmen benennen und besch&auml;men, aber es k&ouml;nnte erfolgreicher sein, hier einen konstruktiveren Weg zu finden (&hellip;.) Diese Frauen und M&auml;dchen verdienen vielleicht nur ein paar Cent, aber sie sind entscheidend. Wenn sich die Marken einfach zur&uuml;ckziehen und sie ihre Hausarbeit verlieren, k&ouml;nnte dies f&uuml;r sie und ihre Familien katastrophal sein.&ldquo;<\/p><p>Der Bericht fordert jedoch, dass die Heimarbeiterinnen die M&ouml;glichkeit bekommen, sich in einer neu zu gr&uuml;ndenden Gewerkschaft zu organisieren, und dass sie schriftliche Arbeitsvertr&auml;ge mit akzeptablen L&ouml;hnen und humanen Sozialstandards erhalten. Des Weiteren sollte die Strafverfolgung von Subunternehmern erheblich verst&auml;rkt werden.<\/p><p>Das k&ouml;nnen fromme W&uuml;nsche bleiben, so lange die Konsumentinnen und Konsumenten in Europa und den USA keine Hemmungen zeigen, dass arme M&auml;dchen und Frauen f&uuml;r 15 Cents pro Stunde f&uuml;r sie schuften.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Mitarbeit f&uuml;r die &Uuml;bersetzung aus dem Englischen von Erich Becker.<\/em><\/p><p>Dieser Beitrag erschien am 18.2.2019 bei Info Sperber. <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Wirtschaft\/Kleider-Indien-Frauen-schuften-fur-15-Rappen-pro-Stunde#\">Siehe hier<\/a>.<\/p><p>Wir tauschen gelegentlich interessante Artikel aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgebeutete indische Heimarbeiterinnen arbeiten f&uuml;r Kleiderkonzerne in Europa und den USA, deckt die University of California auf. 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