{"id":49560,"date":"2019-02-25T10:00:33","date_gmt":"2019-02-25T09:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49560"},"modified":"2019-07-08T10:58:39","modified_gmt":"2019-07-08T08:58:39","slug":"unterdrueckte-kritik-an-israels-besatzungspolitik-im-widerspruch-zu-grundrecht-auf-meinungsfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49560","title":{"rendered":"Unterdr\u00fcckte Kritik an Israels Besatzungspolitik &#8211; Im Widerspruch zu Grundrecht auf Meinungsfreiheit"},"content":{"rendered":"<p>Die Stadt M&uuml;nchen weigert sich, st&auml;dtische R&auml;umlichkeiten f&uuml;r Veranstaltungen zur Verf&uuml;gung stellen, in denen Kritik an der israelischen Besatzungspolitik ge&uuml;bt wird. Mittlerweile geht der Streit durch die Instanzen. Darf eine Stadt f&uuml;r eine Diskussion &uuml;ber einen stark umstrittenen Stadtratsbeschluss einen st&auml;dtischen Raum verweigern? W&auml;hrend das Verwaltungsgericht der Stadt M&uuml;nchen dieses Recht im Dezember in einem Urteil zubilligte, h&auml;lt der M&uuml;nchner Rechtsanwalt Tobias Kumpf diese Auffassung aus verschiedenen Gr&uuml;nden f&uuml;r klar rechtswidrig. Von <strong>Rolf-Henning Hintze<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesen Sie dazu bitte auch: &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48172\">Israel-Kritik &ndash; M&uuml;nchner Gericht h&auml;lt Saalverweigerung f&uuml;r Diskussion &uuml;ber Stadtratsbeschluss f&uuml;r zul&auml;ssig<\/a>&ldquo;.<\/em><\/p><p>Im Auftrag des unterlegenen Kl&auml;gers reichte Kumpf beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof einen sehr ausf&uuml;hrlichen Antrag auf Zulassung einer Berufung ein. Auf 16 Seiten argumentiert er, Staat und Gemeinden seien als Tr&auml;ger &ouml;ffentlicher Gewalt an das Grundrecht der Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) gebunden und wirft dem M&uuml;nchner Gericht vor, h&ouml;heres Recht missachtet zu haben.<\/p><p>Kumpf vertritt den Kl&auml;ger Klaus Ried, dem das Stadtmuseum einen Saal f&uuml;r eine Diskussion zum Thema &ldquo;Wie sehr schr&auml;nkt M&uuml;nchen die Meinungsfreiheit ein? Der Stadtratsbeschluss vom 13. Dezember 2017 und seine Folgen&ldquo; verweigert hatte. Die Ablehnung wurde u.a. mit dem Stadtratsbeschluss selbst begr&uuml;ndet, der sich gegen &bdquo;Antisemitismus&ldquo; richtet und in st&auml;dtischen oder st&auml;dtisch gef&ouml;rderten R&auml;umen jegliches &bdquo;Befassen&ldquo; mit der internationalen Boykottkampagne BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) unterbindet. (Die BDS-Kampagne will durch wirtschaftlichen Druck erreichen, dass die israelische Regierung die Besatzung aufgibt und den Pal&auml;stinensern die universell g&uuml;ltigen Menschenrechte gew&auml;hrt.)<\/p><p>W&auml;hrend das Verwaltungsgericht der Stadt einen weiten Ermessensspielraum bei der Entscheidung &uuml;ber Saal&uuml;berlassungen zuerkennt und die Entscheidung f&uuml;r zul&auml;ssig h&auml;lt, sieht Anwalt Kumpf einen Rechtsanspruch des Kl&auml;gers auf die Anmietung eines st&auml;dtischen Saals. Nach einem Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1958, bekannt als &bdquo;L&uuml;th-Urteil&ldquo;, liege ein Eingriff in das Recht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung &bdquo;nicht nur dann vor, wenn eine Meinungs&auml;u&szlig;erung ausdr&uuml;cklich verboten wird, sondern auch dann, wenn eine Grundrechtswahrnehmung behindert wird&ldquo;. Zwar m&uuml;sse gew&auml;hrleistet sein, dass die Veranstaltung in einem fairen und geordneten Rahmen stattfinde, doch daf&uuml;r h&auml;tte der Kl&auml;ger bei der geplanten Diskussion gesorgt, schreibt er. (F&uuml;r die Moderation hatte der Kl&auml;ger die Rechtsprofessorin Monika Frommel, ein Beiratsmitglied der Humanistischen Union, gewonnen.)<\/p><p>Der Kl&auml;ger h&auml;tte einen Saal selbst dann beanspruchen k&ouml;nnen, wenn in der Versammlung &uuml;ber BDS diskutiert w&uuml;rde, hei&szlig;t es in dem Antrag.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Politische Bewertungen, die von der Beklagten nicht geteilt werden, gen&uuml;gen f&uuml;r die Ablehnung einer Veranstaltung nicht. Die Auffassung der Beklagten ist n&auml;mlich auch nur eine politische Meinung, die verfassungsrechtlich keine h&ouml;here Wertigkeit besitzt und die deshalb keinerlei rechtliche Verbindlichkeit hat.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In M&uuml;nchen hat der Stadtratsbeschluss inzwischen erhebliche Auswirkungen auf die Meinungsbildung. Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Ein Stadtratsbeschluss und seine Folgen&ldquo; lie&szlig; die Gesch&auml;ftsleitung des angesehenen EineWeltHauses (EWH) einen von ihr unterzeichneten Beitrag mit harter Kritik ins Januar-Programm setzen. Darin hei&szlig;t es, mit dem Stadtratsbeschluss zu Antisemitismus habe der M&uuml;nchner Stadtrat daf&uuml;r gesorgt, &bdquo;dass ein wichtiges Thema nicht nur in &ouml;ffentlich finanzierten Einrichtungen, sondern stadtweit vom Diskurs ausgespart bleibt. Dies bedeutet einen empfindlichen Eingriff in die Arbeit des EineWeltHauses.&ldquo; Auch private Vermieter\/innen schl&ouml;ssen sich aufgrund von massivem Druck der st&auml;dtischen Linie an. Der Auftrag des EineWeltHauses sei es, &bdquo;eine durchaus kontroverse, aber sachliche Diskussion auf der Grundlage von Menschenrechten und V&ouml;lkerrecht zu gew&auml;hrleisten und dadurch &ouml;ffentliche Meinungsbildung zu gew&auml;hrleisten und dadurch &ouml;ffentliche Meinungsbildung zu erm&ouml;glichen &ndash; auch zu BDS.&ldquo; Der M&uuml;nchner Stadtratsbeschluss beschneide diese M&ouml;glichkeiten &bdquo;und f&uuml;hrt so zu einem Demokratiedefizit&ldquo;. Der Beitrag endet mit einem Appell an den Stadtrat, den Beschluss zur&uuml;ckzunehmen und dem &ouml;ffentlichen Diskurs den notwendigen Raum zu geben.<\/p><p>Das EineWeltHaus ist seit vielen Jahren so etwas wie eine quicklebendige demokratische Oase der Stadt. Regelm&auml;&szlig;ig treffen sich hier unterschiedlichste Gruppen wie z.B. das Nord-S&uuml;d-Forum, Attac, das M&uuml;nchner Friedensb&uuml;ndnis oder die Initiative Jemen und veranstalten Vortr&auml;ge und Diskussionen. Das EineWelt Haus ist allerdings zu etwa 70 Prozent von st&auml;dtischen Zusch&uuml;ssen abh&auml;ngig und will diese nicht gef&auml;hrden. Deshalb werden seit dem Stadtratsbeschluss Veranstaltungen, in denen Kritik an der israelischen Regierungspolitik ge&uuml;bt werden k&ouml;nnte, nicht mehr genehmigt. Selbst j&uuml;dische Referenten wie der Jerusalemer Friedensaktivist Jeff Halper oder Rolf Verleger, der Vorsitzende vom &bdquo;B&uuml;ndnis zur Beendigung der israelischen Besatzung&ldquo;, k&ouml;nnen im EineWeltHaus nicht mehr referieren. Ebenso Judith Bernstein, Sprecherin der J&uuml;disch-Pal&auml;stinensischen Dialoggruppe M&uuml;nchen, oder der Hamburger V&ouml;lkerrechtler Norman Paech, ein fr&uuml;herer Bundestagsabgeordneter der Linken. <\/p><p>Im Dezember 2017 hatte die Stadtratsfraktion der Gr&uuml;nen noch versucht, eine Entsch&auml;rfung des gemeinsamen Stadtratsantrags von SPD und CSU zu erreichen, indem sie das Wort &bdquo;befassen&ldquo; (mit BDS) durch &bdquo;unterst&uuml;tzen&ldquo; ersetzen wollten. Als dieser &Auml;nderungsantrag abgelehnt wurde, votierte die Mehrheit der Gr&uuml;nen dennoch &ndash; bis auf einige wenige Abweichler &ndash; f&uuml;r den Antrag von SPD und CSU. Nur die je zwei Stadtratsmitglieder der Linken und der &Ouml;kologisch-demokratischen Partei (&Ouml;DP) stimmten dagegen. <\/p><p>F&uuml;r Ates G&uuml;rpinar, Kreissprecher der M&uuml;nchner Linken, ist der Stadtratsbeschluss fatal: &bdquo;Wenn mir R&auml;umlichkeiten verwehrt werden, weil ich &uuml;ber einen Stadtratsbeschluss diskutieren m&ouml;chte, dann bleibt ein wichtiger Aspekt der Meinungsfreiheit auf der Strecke, die Meinungsbildung,&ldquo; erkl&auml;rte er gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten. Es gehe in erster Linie gar nicht um die BDS-Kampagne, die er pers&ouml;nlich nicht unterst&uuml;tze, sondern mit dem Beschluss &bdquo;k&ouml;nnen Diskussionen &uuml;ber Israel oder Pal&auml;stina, &uuml;ber Antisemitismus und &ndash; wie geschehen &ndash; &uuml;ber Stadtratsbeschl&uuml;sse in st&auml;dtischen R&auml;umlichkeiten untersagt werden.&ldquo; <\/p><p>An die Adresse von SPD, CSU und Gr&uuml;nen sagt G&uuml;rpinar: &bdquo;Es gibt Grenzen von &ouml;ffentlich diskutierbaren Meinungen, sie d&uuml;rfen aber nicht dort beginnen, wo sich eine Meinung von der Mehrheitsmeinung unterscheidet. Mit der Entscheidung, nicht mehr &uuml;ber Stadtratsbeschl&uuml;sse diskutieren zu d&uuml;rfen, geht man diesen Weg.&ldquo; Er ist davon &uuml;berzeugt, &bdquo;dass in den h&ouml;heren Instanzen weder der Stadtratsbeschluss noch das M&uuml;nchner Urteil dauerhaften Bestand haben werden.&ldquo; Der weitere Prozess m&uuml;sse &ouml;ffentliche Begleitung erfahren, seine Partei w&uuml;rde das Gespr&auml;ch mit Presse und &Ouml;ffentlichkeit suchen. <\/p><p>Wie die Wortf&uuml;hrer von SPD und Gr&uuml;nen in der entscheidenden Stadtratssitzung 2017 das Urteil des Verwaltungsgerichts bewerten, war nicht in Erfahrung zu bringen, weil Christian Vorl&auml;nder, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD, und Florian Roth, Fraktionsvorsitzender der Gr&uuml;nen, es ablehnen, Fragen der NachDenkSeiten zu beantworten.<\/p><p>Johannes Feest, Rechtsprofessor und Beiratsmitglied der Humanistischen Union, erwartet, dass wohl erst das Bundesverfassungsgericht die Verletzung von Grundrechten feststellen werde. &bdquo;Ich verspreche mir wenig von der Berufung, weil die Oberverwaltungsgerichte dazu neigen, das lokale Recht &uuml;ber die Grundrechte zu stellen. Aber nur mittels Berufung kommt man letztlich zum Bundesverfassungsgericht,&ldquo; lie&szlig; er wissen. <\/p><p>Zu den vom Stadtratsbeschluss Betroffenen geh&ouml;rt auch der israelische Historiker Moshe Zuckermann. Der Sohn von Holocaust-&Uuml;berlebenden und emeritierte Professor f&uuml;r Geschichte und Philosophie der Universit&auml;t Tel Aviv k&ouml;nnte derzeit weder in einem Saal der st&auml;dtischen Gasteig GmbH noch im EineWeltHaus referieren. Zuckermann h&auml;lt die Einschr&auml;nkung der Meinungsfreiheit in M&uuml;nchen aber noch in einem viel weiteren Sinne f&uuml;r be&auml;ngstigend. Er antwortete den NachDenkSeiten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es geht um mehr als nur um die Einschr&auml;nkung der Meinungsfreiheit. Es geht um die gesamte Fehlentwicklung der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit. Wenn das die Antisemitismusbek&auml;mpfung im heutigen Deutschland sein soll, dann haben die Antisemiten auf der ganzen Linie gesiegt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Yoko Design\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stadt M&uuml;nchen weigert sich, st&auml;dtische R&auml;umlichkeiten f&uuml;r Veranstaltungen zur Verf&uuml;gung stellen, in denen Kritik an der israelischen Besatzungspolitik ge&uuml;bt wird. Mittlerweile geht der Streit durch die Instanzen. Darf eine Stadt f&uuml;r eine Diskussion &uuml;ber einen stark umstrittenen Stadtratsbeschluss einen st&auml;dtischen Raum verweigern? W&auml;hrend das Verwaltungsgericht der Stadt M&uuml;nchen dieses Recht im Dezember in einem<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49560\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":49561,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,126,185],"tags":[1112,2341,1557,930,1865,303],"class_list":["post-49560","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-antisemitismus","category-erosion-der-demokratie","category-staatsorgane","tag-buergerrechte","tag-boykott","tag-israel","tag-justiz","tag-meinungsfreiheit","tag-palaestina"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/190225_shutterstock_1034006659.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49560","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=49560"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49560\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53179,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49560\/revisions\/53179"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/49561"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=49560"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=49560"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=49560"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}