{"id":4966,"date":"2010-03-26T12:50:05","date_gmt":"2010-03-26T11:50:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4966"},"modified":"2014-08-07T13:07:09","modified_gmt":"2014-08-07T11:07:09","slug":"laesst-sich-die-soziale-einstellung-der-menschen-in-einer-gesellschaft-veraendern-und-einige-anmerkungen-zu-einem-interview-von-rifkin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4966","title":{"rendered":"L\u00e4sst sich die soziale Einstellung der Menschen in einer Gesellschaft ver\u00e4ndern? Und einige Anmerkungen zu einem Interview von Rifkin."},"content":{"rendered":"<p>Gibt es Ver&auml;nderungen im sozialen Bewusstsein, im Umgang miteinander? Sind Menschen von Natur aus egoistisch oder eher empathisch und auf Zusammenhalt angelegt? Wird die soziale Einstellung gepr&auml;gt? Zum guten, zum schlechten und wie? Diese Fragen bewegen einen &ndash; insbesondere angesichts der zurzeit sehr aggressiven T&ouml;ne gegen die Schw&auml;cheren unter uns. In einem Interview mit dem Tagesspiegel &auml;u&szlig;ert sich auch der amerikanische Soziologe Rifkin zum Thema. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nDas <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/zeitung\/Sonntag-Sonntag-Interview-Jeremy-Rifkin;art2566,3042583\">Interview<\/a> ist lesenswert. Ich weise darauf hin, obwohl mich wie oft bei Rifkin, einiges irritiert. (Auf einiges Irritierendes wird im folgenden auch jenseits der Fragestellung meines Beitrags eingegangen.)<\/p><p>Rifkin bezieht sich auf die Hirnforschung und stellt zum Beispiel fest:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>&bdquo;Ist es der menschliche Trieb, aggressiv, gewaltt&auml;tig und konkurrenzorientiert zu sein? Oder ist er nicht vielmehr sozial und hilfsbereit, eben empathisch? &hellip; Entscheidend ist &hellip;, was dominiert. Die Ergebnisse der Hirnforschung belegen: Menschen sind darauf ausgelegt, empathisch zu sein und einen starken Sinn f&uuml;r Zusammenhalt zu entwickeln. Nur wenn diese Triebe von Eltern, Schule und Kultur blockiert werden, nehmen Aggression und Gewaltt&auml;tigkeit &uuml;berhand. &hellip;<\/li>\n<li>&bdquo;Der prim&auml;re Trieb, das belegen inzwischen viele Experimente mit Kleinkindern und sogar Babys, ist der soziale.&ldquo;<\/li>\n<li>(Diese Erkenntnis) &hellip; &bdquo;zeigt, wie unser Bewusstsein und damit unser Handeln sich &auml;ndern k&ouml;nnten. Und wir wissen, dass es das fr&uuml;her auch schon getan hat.&ldquo;<\/li>\n<li>Rifkin zeigt sich entt&auml;uscht von Obama und beschreibt, dass sich dort beim Klimaschutz und bei der Energiepolitik brutale Interessen durchgesetzt haben. Und er interpretiert diese Entwicklung so: &bdquo;Wenn Ideen und Ideologien sich durchsetzen, dann hat das Konsequenzen. Wenn alle denken, der Mensch ist von Natur aus selbsts&uuml;chtig und egoistisch, dann bekommen wir eben die Politiker, die so sind. Bei uns (in den USA, d.Verf.) setzen sich die Leute durch, die krankhaft gierig sind. Sie sind Ausdruck des physischen und moralischen Bankrotts in unserem Land. Aber wir k&ouml;nnen das &auml;ndern, und das hat mit der modernen P&auml;dagogik auch l&auml;ngst begonnen. Wenn es gelingt, dass die Menschheit besser &uuml;ber sich selbst denkt, dann kann sie auch tats&auml;chlich besser werden.&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p>Rifkins Entt&auml;uschung &uuml;ber Obama ist gepaart mit Bewunderung f&uuml;r Angela Merkel und in den EU-Kommissionspr&auml;sidenten Barroso, die er nach eigener Auskunft ber&auml;t. Rifkin hat offensichtlich ein ziemlich groteskes Bild von der sozialen Orientierung dieser Personen. Mein Eindruck ist, dass Rifkin nicht realisiert hat, wie sehr gerade diese beiden Politikerinnen und Politiker mit ihrer praktischen Politik sich von dem auch von Rifkin bewunderten europ&auml;ischen Sozialstaat entfernen. Der Lissabon-Prozess und Angela Merkels schwarz-gelbe Reformpolitik, ihre Zur&uuml;ckhaltung gegen&uuml;ber Westerwelle und anderer Aggressionen gegen die Schw&auml;cheren sind beredte Zeugen einer Entwicklung, die Rifkin mit den in d) zitierten &Auml;u&szlig;erungen beschreibt. Bei uns hat sich eben auch genau diese egoistische Ideologie der neoliberalen Bewegung durchgesetzt; wenn Rifkin meint, unsere so genannten Eliten seien nicht moralisch bankrott, dann hat er nicht verstanden, was bei uns abgegangen ist und abgeht, und wenn er die genannten Personen ber&auml;t und sich dessen r&uuml;hmt, dann hat er nicht einmal verstanden, dass er &ndash; bekannt als Bewunderer der Europ&auml;ischen Sozialstaatlichkeit &ndash; der Imagepflege von Angela Merkel, dem windowdressing, dient. Es ist vorauszusehen, dass er dann auch als Beleg f&uuml;r die Sozialdemokratisierung von Angela Merkel und der Union hergenommen werden wird.<br>\nIch pers&ouml;nlich traue trotz vieler Entt&auml;uschungen Barack Obama immer noch eine sehr viel h&ouml;here soziale Kompetenz und auch mehr F&auml;higkeit zur Empathie zu als Angela Merkel und in jedem Fall eine h&ouml;here als Barroso und der Mehrheit der Europ&auml;ischen Kommission.<\/p><p>Rifkin spricht von gro&szlig;en Spr&uuml;ngen im sozialen Bewusstsein der Menschen und er verbindet diese dann mit revolution&auml;ren Ver&auml;nderungen bei der Energiegewinnung und der Kommunikation. Das ist der Rifkin, der mit seinen gro&szlig;en Erkl&auml;rungsmustern viele Menschen beeindruckt. Nichtsdestotrotz halte ich gerade diesen Rifkin f&uuml;r ziemlich uninteressant, eigentlich f&uuml;r irref&uuml;hrend und verdummend. Zum ersten Mal fiel mir das bei seinem Buch &uuml;ber das Ende der Arbeit auf. An diese These glauben schrecklich viele Leute. Sie erscheint nur mithilfe von assoziativen Verkn&uuml;pfungen als begr&uuml;ndet. Mir gingen seine Ableitungen so auf den Nerv, dass ich diese Urlaubslekt&uuml;re abbrach.<\/p><p>Auch die Chancen zur Ver&auml;nderung des sozialen Verhaltens verkn&uuml;pft Rifkin mit einem gro&szlig;en Wurf. Er verbindet sie mit einer &bdquo;dritten industriellen Revolution&ldquo;. Es scheint mir besser zu sein, n&uuml;chtern zu bleiben und die Gr&uuml;nde der Demoralisierung zu analysieren, die wir heute auch in Europa erleben, und dann an diesen Erkenntnissen anzusetzen und zu &uuml;berlegen, was zu tun w&auml;re, um soziales Verhalten wieder nach vorne zu bringen. <\/p><p>Wir haben in unserem Land erlebt, dass sich Sozialverhalten und soziale Einstellung unter dem Eindruck von Ideologien und der damit verbundenen Praxis und Propaganda auch in relativ kurzen Zeitr&auml;umen wie etwa den letzten drei Jahrzehnten ver&auml;ndern k&ouml;nnen. Auf eine kurze Zeitspanne, in der Sozialstaatlichkeit und soziale Sicherheit &ouml;ffentlich als gro&szlig;e Errungenschaften gelobt und in der Praxis ausgebaut wurden, und in der auch die Erziehung in den Familien und Schulen menschenfreundlichere Ans&auml;tze zeigte, folgte die Verh&ouml;hnung des sozialeren Miteinanders als Sozialklimbim und soziale H&auml;ngematte und der ideologische Bannstrahl f&uuml;r menschenfreundlichere Formen der Erziehung.<br>\nNicht total aber immerhin merkbar wurden die Akzente verschoben: jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied, Du musst dich wehren, Du musst stark sein, das Boot ist voll &ndash; das und einiges mehr waren und sind bis heute die Spr&uuml;che der herrschenden Ideologie. Und das pr&auml;gt nat&uuml;rlich.<br>\nVon Bedeutung war zudem die Kommerzialisierung der elektronischen Medien und die massive Ausweitung von Gewaltdarstellungen.<br>\nVon Bedeutung war auch die massive Propaganda und die daraus folgenden Taten gegen alle gemeinschaftlichen Einrichtungen und f&uuml;r Entstaatlichung. Wir haben drei Jahrzehnte der Propaganda und Pr&auml;gung gegen &ouml;ffentliche G&uuml;ter und Dienstleistungen hinter uns. Auch das pr&auml;gt soziales Verhalten.<br>\nHinzu kommt die wirtschaftliche Verunsicherung der Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft. &bdquo;Erst das Fressen, dann die Moral.&ldquo; Vermutlich immer noch keine falsche Diagnose, selbst wenn da und dort gelten mag, dass Not zusammenschwei&szlig;t.<\/p><p>Aus der Diagnose folgen auch die therapeutischen Ans&auml;tze: Ver&auml;nderung der Erziehung (ein m&uuml;hsamer Weg); Entzauberung der herrschenden Ideologie und selbstbewusstes Werben f&uuml;r die humanere Form des Zusammenlebens, f&uuml;r solidarisches Verhalten, soziale Sicherheit, Sozialstaatlichkeit, Ausweitung der &ouml;ffentlichen Versorgung und &ouml;ffentlicher G&uuml;ter, gesicherte Arbeitsverh&auml;ltnisse, Kampf gegen Leiharbeit und Niedrigl&ouml;hne, Entkommerzialisierung wichtiger Bereiche des Zusammenlebens, usw. &ndash; Das wird vermutlich ein langer Weg. Aber es bedarf daf&uuml;r keiner neuen industriellen Revolution, so schick das auch klingen mag. Es bedarf allerdings der Erkenntnis, welche Bedeutung der Meinungsmache zukommt. So oder so.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es Ver&auml;nderungen im sozialen Bewusstsein, im Umgang miteinander? Sind Menschen von Natur aus egoistisch oder eher empathisch und auf Zusammenhalt angelegt? Wird die soziale Einstellung gepr&auml;gt? Zum guten, zum schlechten und wie? Diese Fragen bewegen einen &ndash; insbesondere angesichts der zurzeit sehr aggressiven T&ouml;ne gegen die Schw&auml;cheren unter uns. 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