{"id":49692,"date":"2019-03-03T11:45:04","date_gmt":"2019-03-03T10:45:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49692"},"modified":"2019-03-03T12:03:13","modified_gmt":"2019-03-03T11:03:13","slug":"der-letzte-ddr-buerger-in-chile-die-seelenhaeutungen-des-honecker-enkels-roberto-yanez","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49692","title":{"rendered":"Der \u201eletzte DDR-B\u00fcrger\u201d in Chile \u2013 Die Seelenh\u00e4utungen des Honecker-Enkels Roberto Y\u00e1\u00f1ez"},"content":{"rendered":"<p>Im September 2018 erschien im deutschen Insel-Verlag das Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Ich-war-letzte-B%C3%BCrger-DDR\/dp\/3458177485\">Ich war der letzte B&uuml;rger der DDR &ndash; Mein Leben als Enkel der Honeckers<\/a>&ldquo; des Deutsch-Chilenen Roberto Y&aacute;&ntilde;ez in Ko-Autorenarbeit mit dem ebenfalls aus der DDR stammenden Buch- und Filmautor Thomas Grimm. Aus diesem Anlass regte ich damals die Redaktion der NachDenkSeiten zu einer Reportage &uuml;ber Y&aacute;&ntilde;ez&lsquo; Leben und Schaffen in Chile an. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nL&auml;ngst bevor sein Name &uuml;berhaupt die Medienwelt erreichte, reizte es mich seit meiner Ankunft aus Brasilien im Jahr 2013, zwei Ironien der Geschichte auf den Grund zu gehen. Zum einen der nahezu zeitgleiche Niedergang, in den Jahren 1989 und 1990, so diametral entgegengesetzter Systeme wie der DDR und der Diktatur Augusto Pinochets. Zum anderen, dass die SED-Koryph&auml;en Erich und Margot Honecker ausgerechnet im chilenischen Exil ihren allerletzten Atemzug taten. Dass ihre leiblichen &Uuml;berreste bis heute nicht bestattet wurden, steht auf einem anderen, nicht weniger m&auml;rchenhaften Blatt.<\/p><p>Allerdings war als Mittelpunkt der Geschichte nat&uuml;rlich ein pers&ouml;nliches Gespr&auml;ch mit Roberto Y&aacute;&ntilde;ez de Betancourt y Honecker in Valpara&iacute;so geplant. Doch bevor ich &uuml;berhaupt damit begann, die n&ouml;tigen Kontakte einzuschalten, versuchte ich Honeckers Enkel in einschl&auml;gigen sozialen Netzwerken aufzust&ouml;bern und stie&szlig; auch auf zwei seiner Facebook-Profile. Ein nicht datiertes, mit einer Sammlung kommentarloser Familienfotos, ist dem Namen <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/media\/set\/?set=ms.c.eJw9zNENwDAIA9GNKhxjIPsv1qok~%3BD7pDqm05UKWaKoHB3aDXQj~_4HGB9VU7OYmzgQMLqHDDJD3NmaqnihdFWxtX.bps.a.1757024324519744.1073741868.1708078806080963&amp;type=3\">Roberto Y&aacute;&ntilde;ez Betancourt y Honecker<\/a> zugeordnet, ein zweites, unter dem neuerdings abgek&uuml;rzten Namen <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/roberto.yanez.50309?__tn__=%2CdlC-R-R&amp;eid=ARB9u2IfseK0ufFT6FfN7EdBKgUJfbnMm5KJmesTHiwWSoI82lRYlghM-JBk3YR-B-SF00eEKrCjoVxi&amp;hc_ref=ARRSfV2RJOgLiPSZN18AvW2hc3KxMWt4EWUQ3WyCIJmIQNq2V3V8T1oG7JmwAuqp2LA\">Roberto Ya&ntilde;ez<\/a>, tr&auml;gt als letzten Eintrag den 16. Januar 2017. Auf beiden hinterlie&szlig; ich Gr&uuml;&szlig;e mit der Bitte um Kontaktaufnahme, obwohl mir d&auml;mmerte, dass der Betreiber vorl&auml;ufig nicht auf die Idee kommen w&uuml;rde, einen Blick auf seine seit Jahren nicht aufgefrischten Seiten zu werfen und mir zu antworten.<\/p><p><strong>Katz-und-Maus-Spiel<\/strong><\/p><p>Also googelte ich weiter, nun nach einer Telefonnummer oder E-Mail-Adresse, und stie&szlig; auf einer Internet-Seite chilenischer off-Mainstream-Poeten auf den Namen der Dichterin Leonor Dinamarca; allen Anzeichen nach eine engere Y&aacute;&ntilde;ez-Bezugsperson. Und siehe da, auch Dinamarca betrieb eine Facebook-Seite. Wieder hinterlie&szlig; ich eine mir l&auml;stige, fast gleichlautende Botschaft, mit der Frage, ob sie Y&aacute;&ntilde;ez kenne und in einer journalistischen Angelegenheit den Kontakt zu ihm vermitteln k&ouml;nne &ndash; Fragen, die die Angesprochene &uuml;berraschend schnell mit &ldquo;Ja&rdquo; beantwortete, sie war zuf&auml;llig online.<\/p><p>In dem l&auml;ngeren Gespr&auml;ch machte Dinamarca jedoch einen ebenso &uuml;berraschenden R&uuml;ckzieher, als sie mich fragte, was f&uuml;r sie &bdquo;dabei herausk&auml;me&rdquo;, immerhin sei sie doch &bdquo;eine respektable chilenische Dichterin&rdquo;. Ich versprach der Autorin von be&auml;ngstigenden Buchtiteln wie &ldquo;Met&aacute;foras Negras&rdquo; (Schwarze Metaphern), &ldquo;Demonios de outros reinos&rdquo; (D&auml;monen anderer Reiche) und &ldquo;Las almas de los condenados&rdquo; (Die Seelen der Bestraften), auch ihre schauerlichen Gedichtb&auml;nde zu lesen und eventuell auf sie als journalistische Person zur&uuml;ckzukommen, doch es war zwecklos, geisterhafte Eitelkeit blockierte den Weg zu Erich und Margot Honeckers Enkelsohn.<\/p><p>Sodann schaltete ich das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chiles ein. Dessen Mitglied und der mir seit den Recherchen &uuml;ber die Todesursache Pablo Nerudas bekannte Anwalt Eduardo Contreras verwies mich an einen Kubaner, der Y&aacute;&ntilde;ez&lsquo; Vater Leonardo Y&aacute;&ntilde;ez Betancourt kenne, und an einen Chilenen, der angeblich zu Y&aacute;&ntilde;ez&lsquo; Mutter, Sonja Honecker, guten Kontakt pflege. Der nette Kubaner erkl&auml;rte mir am Telefon, leider sei Leonardo Y&aacute;&ntilde;ez Betancourt seit &bdquo;geraumer Zeit in der Versenkung verschwunden&rdquo;, und der von Contreras empfohlene Chilene beantwortete niemals meine E-Mails.<\/p><p>Nun muss man wissen, dass Leonardo Y&aacute;&ntilde;ez Betancourt und Sonja Honecker einst ein Ehepaar waren, sich kurz nach ihrer Ankunft in Chile Anfang der 1990-er Jahre jedoch trennten. Deutlicher ausgedr&uuml;ckt: Erich-Honecker-Tochter Sonja setzte Ehemann Leonardo und ihren gemeinsamen Sohn Roberto vor die T&uuml;r. Seitdem rissen die Kontakte innerhalb der entzweiten Familie ab; ein schmerzhaftes Mutter-Sohn-Trauma mit Schweigepflicht, die in die ohnehin gelittene Seele Robertos eine weitere, tiefe Wunde riss.<\/p><p>Leserinnen und Leser machen sich ja in der Regel keine Vorstellung, oft nicht einmal die Redakteure im fernen Deutschland, wieviel Knochenarbeit &ndash; vornehm ausgedr&uuml;ckt: &ldquo;Recherche-Aufwand&rdquo; &ndash; hinter einer Geschichte steht und dass einige Themen wegen ihrer &ldquo;Unzug&auml;nglichkeit&rdquo; schlichtweg ad acta gelegt werden m&uuml;ssen. &bdquo;Wenn etwas schief gehen kann, geht es hundertprozentig schief!&rdquo;, provozierte mich die Erinnerung an ein fatalistisches, witziges Murphy-Gesetz. Doch im Schweigen sprechen die Zeichen, sagte ich mir. Also lieber Roberto Y&aacute;&ntilde;ez in Ruhe lassen und die Geschichte in &ldquo;seinem Geist&rdquo; aufschreiben.<\/p><p><strong>Schocks und Risse: Von Wandlitz nach den Stra&szlig;en Santiagos<\/strong><\/p><p>&bdquo;Wenn eine Zigeunerin f&uuml;r Minuten ihre tausendj&auml;hrige F&auml;higkeit beiseitelassen w&uuml;rde, aus den Linien der Handfl&auml;che das Schicksal ihrer Kunden zu erraten und sich der Erforschung des Gesundheitszustands der Seele dieser Menschen widmen und einfach nur beobachten w&uuml;rde, was sich im Gesichtsausdruck dieser Menschen abspielt, k&ouml;nnte man schnell zu dem Schluss kommen, dass der vor 38 Jahren in Ost-Berlin geborene Maler, Musiker und Dichter Roberto Ya&ntilde;ez &ndash; der in Chile, dem Land seines Vaters, aufwuchs &ndash; einen schweren Seelenballast mit sich herumschleppt, der ihn um Haaresbreite in menschlichen Abschaum verwandelt h&auml;tte&ldquo;, <a href=\"https:\/\/elpais.com\/cultura\/2014\/02\/10\/actualidad\/1392063815_734056.html\">schrieb <em>El Pa&iacute;s<\/em>-Reporter Henrique M&uuml;ller<\/a> bereits im Februar 2014 und bemerkte Mitleid bekundend: &bdquo;Roberto Ya&ntilde;ez besitzt ein Gesicht, das niemals Zufriedenheit, Freude oder Ruhe auszudr&uuml;cken scheint. Sein Gesicht ist der Spiegel eines Lebens voller Qualen&ldquo;.<\/p><p>Wie viel kann ein menschliches Herz an Schockerlebnissen, Einschnitten, Unterbrechungen, Lossagung, Rissen, Distanzierungen, Entzweiungen, Scheidungen, Entfernung geliebter Familienangeh&ouml;riger, Spr&uuml;ngen, Br&uuml;chen, Knacksen und Aufl&ouml;sungen ertragen, bevor die Seele ausrastet, einer &uuml;bers Kuckucksnest springt, durchdreht? Roberto Leonardo Ya&ntilde;ez Betancourt y Honecker k&ouml;nnte davon &bdquo;ein Lied singen&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;Santiago kommt jetzt dem Fr&uuml;hling n&auml;her. Das Leben hat mir beigebracht, &uuml;ber Menschen l&auml;nger nachzudenken&rdquo;, beichtete er vor Jahren einem chilenischen Journalisten. Und sinnierte trauernd &uuml;ber das Ende der goldenen Jahre im SED-Staat: &bdquo;Ein Mensch ist oben. Er denkt, er w&auml;re das Gesetz. Er denkt, er ist ein gerechter Mensch. Er handelt ja im Auftrag der Geschichte. Mein Gro&szlig;vater Erich Honecker war so ein Mensch. Er musste gehen. Sein Lebenswerk, die DDR, auch&rdquo;.<\/p><p>Roberto Y&aacute;&ntilde;ez, wie er sich verk&uuml;rzt in j&uuml;ngster Zeit nennt, wurde 1974 als Sohn des im DDR-Exil lebenden Chilenen Leonardo Y&aacute;&ntilde;ez Betancourt und Erich und Margot Honeckers Tochter Sonja geboren. Die Kindheit des Deutsch-Chilenen war bereits von kaum vers&ouml;hnlichen Kontrasten gepr&auml;gt. Einerseits von den fragw&uuml;rdigen Privilegien der SED-F&uuml;hrungskaste, andererseits von st&auml;ndiger, wenngleich indirekter Verbindung zu Chile durch die Erz&auml;hlungen und das Heimweh tausender Exilanten in der DDR. Wie jenes Bild vergessen, das um die Welt ging, auf dem er auf den Armen des inzwischen verstorbenen Generalsekret&auml;rs der Kommunistischen Partei Chiles, Luis Corval&aacute;n, zu erkennen ist, als dieser in seinem DDR-Exil von seinem Gro&szlig;vater Erich Honecker und einer jubelnden Menschenmasse empfangen wurde?<\/p><p>Dem heranwachsenden Y&aacute;&ntilde;ez wurde im Laufe der Jahre selbstverst&auml;ndlich bewusst, welche Privilegien er als Enkel des Staatsratsvorsitzenden der DDR genoss. Er wurde als &bdquo;verw&ouml;hntes Kind&rdquo; aufgezogen. Die Sommerferien verbringt er mit seinen Gro&szlig;eltern auf jener baltischen Insel Vilm, die aus der Luft wie ein springender Walfisch aussieht. Sie reisten aber nicht allein, sondern, so der Honecker-Enkel, in Begleitung eines &bdquo;ganzen Personalbataillons&rdquo;: K&ouml;che, Kellner, Fahrer und Reinemache-Frauen geh&ouml;rten zur obligatorischen Entourage. An die Stasi-Schlapph&uuml;te erinnert sich Y&aacute;&ntilde;ez seltsamerweise kaum.<\/p><p>Der Junge hatte Spa&szlig; an Spielzeug, Leckereien und Exklusiv-Erzeugnissen, die den Werkt&auml;tigen im Arbeiter- und Bauernstaat DDR nicht zug&auml;nglich waren. &bdquo;Der Enkel genoss die komplette Zuneigung des Gro&szlig;vaters, jeden Wunsch erf&uuml;llte er ihm&rdquo;, hei&szlig;t es im Buch. F&uuml;r nachtr&auml;gliche Kritik an der &bdquo;vielbespotteten Kleinb&uuml;rgerlichkeit Honeckers, jene f&uuml;r die sp&auml;te DDR staatserhaltende Laubenpieperei, mit Markenkernen wie gegrillter Wurst, gesticktem Platzdeckchen, gestutzter Hecke usw.&ldquo;, wie Sebastian Huhnholz die &bdquo;berauschte Gesellschaft&ldquo; der 25 f&uuml;hrenden DDR-Bonzen in Wandlitz <a href=\"https:\/\/www.linksnet.de\/artikel\/28105\">nannte<\/a>, sucht der Leser allerdings vergebens in Enkel Robertos Erinnerungsbuch.<\/p><p>Umso mehr erf&auml;hrt er &uuml;ber den verg&ouml;tterten Gro&szlig;vater. Eben noch der Held und pl&ouml;tzlich wettert ein Klassenkamerad im Vorbeigehen &bdquo;Dein Opa ist ein Arschloch!&ldquo;. Der Gro&szlig;vater verliert Regierungsamt, Parteivorstand und Ehre, die Gro&szlig;eltern werden aus Wandlitz vertrieben, fl&uuml;chten ins Pfarrhaus von Lobetal und w&auml;hrend man sie besucht, br&uuml;llen drau&szlig;en Demonstranten &bdquo;H&auml;ngt ihn auf!&rdquo;, erz&auml;hlt Y&aacute;&ntilde;ez dem Buch- und Filmautor Thomas Grimm, der die Erinnerungen in Erz&auml;hlform gesetzt hat. Die Gro&szlig;eltern fl&uuml;chten zun&auml;chst nach Russland, dort wird Gro&szlig;vater Erich verhaftet und an die westdeutsche Justiz ausgeliefert.<\/p><p>Roberto ist gerade 15, als alles zusammenbricht. Die Pinochet-Diktatur ist kaum zu Ende, da wandern Roberto und seine Eltern nach Chile aus, Gro&szlig;mutter Margot Honecker folgt ihnen wenig sp&auml;ter. Im Januar 1993 trifft auch der todkranke Erich Honecker in Chile ein. In Santiago beziehen die Y&aacute;&ntilde;ez y Honecker ein bescheidenes Holzhaus in einem ebenso einfachen Wohnviertel, die Gro&szlig;eltern ziehen in ein mit Spenden der KP finanziertes Haus im Mittelklasse-Viertel La Reina ein.<\/p><p>Es beginnt ein neues Exil, nun mit umgekehrten Vorzeichen: als Einziger f&uuml;hlt sich Vater Leonardo wieder zu Hause, die Honeckers &ndash; von den Gro&szlig;eltern &uuml;ber die Tochter bis zum Enkel &ndash; sind von der neuen Umwelt schockiert. Individualismus, soziale Entrechtung und Konsumgesellschaft. Trotz des &Uuml;bergangs zur Demokratie war Santiago de Chile nach Definition einheimischer Soziologen die Metropole des her&uuml;bergeretteten, skrupellosen Neoliberalismus. Vater Leonardo, ein Diplom-Chemiker mit Doktortitel der TU Dresden, versucht die Familie mit Spirituosenhandel &uuml;ber Wasser zu halten. Mutter Sonja findet Chile unausstehlich und m&ouml;chte h&auml;nderingend nach Europa zur&uuml;ck.<\/p><p>Weniger als ein Jahr sp&auml;ter trennen sich Leonardo und Sonja. Sie bleibt mit der selten erw&auml;hnten Tochter Vivianne zur&uuml;ck und n&ouml;tigt Sohn Roberto zum Auszug mit dem Vater. Jahre zuvor kam Y&aacute;&ntilde;ez y Honeckers erste Tochter, Mariana, in einem DDR-Krankenhaus aus unbekannten Gr&uuml;nden ums Leben &ndash; klammerte sich Sonja Honecker deshalb so eng an Vivianne?<\/p><p>Kaum sind eineinhalb Jahre im Exil-Land Chile vergangen, stirbt Erich Honecker. Roberto Y&aacute;&ntilde;ez erlebt seinen zweiten Schock. Den ersten hatte er vier Jahre zuvor bei den Fernsehbildern von der Verhaftung des Gro&szlig;vaters erlebt. &bdquo;Das war der Ausschlag f&uuml;r meine psychische Erkrankung (&hellip;). Ein Psychiater nannte sie &acute;exogene Psychose&acute;(&hellip;). Meine Familie hat das nie wirklich verstanden&rdquo;, erz&auml;hlt Roberto. Zu den Symptomen der sogenannten &ldquo;exogenen&ldquo;, also durch &auml;u&szlig;ere Umst&auml;nde einwirkenden Psychose geh&ouml;ren Ver&auml;nderungen auf der Bewusstseinsebene, psychomotorische Denk- und Ged&auml;chtnisst&ouml;rungen, emotionale Ver&auml;nderungen sowie Ver&auml;nderungen in der Wahrnehmung der Innen- und Au&szlig;enwelt.<\/p><p>Die pl&ouml;tzliche, radikale Trennung von seiner Mutter gab ihm den Rest, <a href=\"http:\/\/www.economiaynegocios.cl\/noticias\/noticias.asp?id=505191\">berichtet der Honecker-Enkel<\/a>. Sie w&auml;re einer der Gr&uuml;nde, weshalb er Marihuana-abh&auml;ngig wurde und unter Panikanf&auml;llen litt. In seinem mit Thomas Grimm verfassten Buch gibt Roberto Y&aacute;&ntilde;ez zu verstehen, mit dem Tod seines Gro&szlig;vaters habe er seine Kindheit und das Land, in dem er aufgewachsen ist, &bdquo;begraben&ldquo;.<\/p><p>Danach zog er zu seiner Gro&szlig;mutter Margot im Bezirk La Reina. Zu dieser Zeit war er deprimiert und schluckte erstaunliche Mengen an Drogen; insbesondere w&auml;hrend seines mehrmonatigen Aufenthalts in einer Hippie-K&uuml;nstlergemeinde an der K&uuml;ste der Atacama-W&uuml;ste. Margot &uuml;bernahm die Verantwortung f&uuml;r die Gesundheit ihres Enkels. In Chile h&auml;tte er jedoch niemals Zugang zu einer ad&auml;quaten Behandlung erhalten. Also zwang sie ihn zu einer Entziehungskur in einem Krankenhaus auf Kuba, die sie dank ihrer guten Beziehung zu Fidel Castro mit dessen Ehefrau Dalia Soto del Valle ausgehandelt hatte. Zur Behandlung geh&ouml;rten auch Elektroschocks, vergisst der <em>gecleante<\/em> Y&aacute;&ntilde;ez niemals zu erw&auml;hnen.<\/p><p>Zur&uuml;ck in Chile erlebte Y&aacute;&ntilde;ez, wie Margot Honeckers Haus in La Reina sich &bdquo;zum letzten Territorium der DDR&rdquo; mauserte. K&uuml;nstler und Politiker gingen ein und aus, die Freude schien sich wieder ihrer bem&auml;chtigt zu haben. Doch dann starb auch Gro&szlig;mutter Margot im Alter von 89 Jahren. Als eine ihrer letzten Ermutigungen habe ihm die bis zuletzt eiserne Kommunistin &ndash; mit der er unz&auml;hlige politische Debatten ausgetragen und Differenzen ausgefochten hatte &ndash; gesagt, &bdquo;Du brauchst Dich nicht zu sch&auml;men, ein Enkel von Erich und Margot Honecker zu sein&ldquo;.<\/p><p><strong>Einer, der &bdquo;vom Himmel in die H&ouml;lle abstieg&ldquo;<\/strong><\/p><p>&bdquo;Geh deinen eigenen Weg!&ldquo;, hatte ihm zw&ouml;lf Jahre zuvor der vom nahen Tod gezeichnete Gro&szlig;vater geraten. Und diesen eigenen Weg sei er ja dann auch als K&uuml;nstler gegangen, erz&auml;hlt Roberto Y&aacute;&ntilde;ez. Von seinen fr&uuml;hen Gedichten bis zu seinen j&uuml;ngsten Bildern tobt sich die Seele des Geplagten zur endlosen Katharsis aus. Doch, nein, seine halb-professionellen Kompositionen, wie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VEX1dpsNZRU\">Das Nachtlied<\/a>, bem&uuml;hen sich inzwischen, mit sanfter Schwerelosigkeit die steinernen Klippen seiner vorbestraften Biographie zu umschiffen.<\/p><p>Wenn der 45-j&auml;hrige Deutsch-Chilene &ndash; der seine Werke neuerdings nur noch mit dem Zunamen Ya&ntilde;ez oder Ya&ntilde;ez Betancourt, v&auml;terlicherseits, bei Weglassung des Zunamens Honecker, m&uuml;tterlicherseits, signiert &ndash; von der H&ouml;lle spricht, darf man es ihm glauben. Seine seelischen Belastungen spiegeln sich auch in seinen Gedichten und Bildern wider, wie in der &bdquo;Geschichte einer Kerze&ldquo;.<\/p><blockquote><p>\nMeine Kerze wechselt von rot auf gelb<br>\nIch verstehe immer noch nicht das Rad der Verkl&auml;rungen, der Wandlungen<br>\nSchreiben ist wie der Zutritt zum Hirn der Bewegung<br>\nIch muss die Knoten dieses Lichts ber&uuml;hren<br>\nEs informiert mich &uuml;ber jeden einzelnen Geist<br>\nSparsame Schmetterlinge vertilgen den Fingerabdruck des Todes<br>\nUnd das ist ein doppelt gef&auml;hrlicher Trick<br>\nEs ist mir nicht erlaubt, das Spielfeld zu verlassen, das von tausenden von Hoffnungen errichtet wurde<br>\nIch w&uuml;rde mit meinen Taten in einen seelenlosen Tag hineinst&uuml;rzen<br>\nWie soll man darauf bestehen wollen, wenn sich die Fl&uuml;gel &uuml;ber das Ende der Nacht nicht einig sind?<br>\nEine Sonne geht auf und die Silhouette eines Zweiges fliegt dahin<br>\nUnd meine Kerze geht aus<br>\nSie ist das Herzst&uuml;ck unserer F&auml;higkeit der Farbdeutung.\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Mit der Kunst will ich mich aus der H&ouml;lle herausarbeiten&rdquo;, erkl&auml;rte Y&aacute;&ntilde;ez schon 2013 gegen&uuml;ber der Regionalzeitung <em>Berliner Kurier<\/em> w&auml;hrend seines ersten Heimatbesuchs seit seiner Ausreise im Jahr 1990. Das Blatt betitelte den Beitrag mit <a href=\"https:\/\/www.berliner-kurier.de\/berlin\/leute\/kurier-trifft-roberto-yanez-honecker-enkel--in-seinen-bildern-verarbeitet-er-die-drogen-hoelle-4029348\">Honecker-Enkel: In seinen Bildern verarbeitet er die Drogenh&ouml;lle<\/a>, platzierte jedoch &ndash; ach, diese Medien! &ndash; einen Link auf Google mit dem v&ouml;llig sinnentstellenden Titel &bdquo;Honecker-Enkel: In seinen Bildern verarbeitet er die Wende-Schande&ldquo;.<\/p><p>Seine gro&szlig;formatigen &Ouml;lgem&auml;lde, in denen sich surreale Bildwelten mit kubistischen Elementen vermischen und die unheimliche Titel wie &bdquo;Der schwarze Troll&ldquo; tragen, l&ouml;sten nicht nur in Chile, sondern auch in Deutschland Befremden aus. Doch weder sind die alptraumhaften Motive allein Ausdruck von Y&aacute;&ntilde;ez&lsquo; &bdquo;Drogenh&ouml;lle&rdquo; noch verarbeiten sie die &bdquo;Wende-Schande&rdquo;. Die Kunst von Honeckers Enkel ist schlicht und ergreifend ein Aufschrei gegen die Zerst&uuml;ckelung seiner Identit&auml;t.<\/p><p>Gleichwohl stimmt nicht, wie in verschiedenen Medien behauptet wurde, dass Enkel Roberto erst zwei Jahre nach dem Tod seiner Gro&szlig;mutter Margot im Mai 2016 sein Schweigen &uuml;ber das Familiendrama der Honeckers brach. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2011\/10\/Honeckers-Enkel\">In einem langen Interview<\/a> mit der Wochenzeitung <em>Die Zeit<\/em> beschrieb er bereits sieben Jahre vor der Buch-Ver&ouml;ffentlichung, wie ihm die Umbr&uuml;che als Jugendlichem zugesetzt hatten. Gar nicht sch&uuml;chtern und ungeschminkt erz&auml;hlte er von Albtr&auml;umen, Depressionen, Zusammenbr&uuml;chen und jahrelangen Therapien. Erst die Kunst, insbesondere der Surrealismus, h&auml;tten ihn gerettet.<\/p><p>&bdquo;Ich bin unter einem Matriarchat aufgewachsen und musste bis 2016 mit dem innersten Wesen der DDR leben. Ich war der letzte B&uuml;rger der DDR. Um dieses Gef&uuml;hl zu verstehen, zu interpretieren und ihm zu widerstehen, mussten mehr als zwei Jahrzehnte vergehen. Der Tod meiner Gro&szlig;mutter war mein besonderer Mauerfall. Ich habe die DDR am 6. Mai 2016 verlassen&rdquo;, bemerkt er mit heiterer Ironie.<\/p><p>In den letzten Buch-Abschnitten gibt Y&aacute;&ntilde;ez allerdings ein bisher streng geh&uuml;tetes, surreal anmutendes Geheimnis preis: Dass er mit seiner Mutter erhebliche Differenzen dar&uuml;ber ausgefochten habe, was mit der Asche seiner Gro&szlig;eltern geschehen solle, deren Urnen seit Jahren in der Bibliothek eines chilenischen Bekannten aufbewahrt werden. W&auml;hrend Sonja Honecker sie &uuml;ber dem Pazifik ausstreuen will, w&uuml;rde er sie lieber auf dem Sozialisten-Friedhof in Berlin bestatten. Doch das findet, neben anderen Kritikern, auch Georg Gysi gar nicht gut.<\/p><p>Titelbild: robertoyanez.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 2018 erschien im deutschen Insel-Verlag das Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Ich-war-letzte-B%C3%BCrger-DDR\/dp\/3458177485\">Ich war der letzte B&uuml;rger der DDR &ndash; Mein Leben als Enkel der Honeckers<\/a>&ldquo; des Deutsch-Chilenen Roberto Y&aacute;&ntilde;ez in Ko-Autorenarbeit mit dem ebenfalls aus der DDR stammenden Buch- und Filmautor Thomas Grimm. Aus diesem Anlass regte ich damals die Redaktion der NachDenkSeiten zu einer Reportage<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49692\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,165,208],"tags":[669,277,1543,2595],"class_list":["post-49692","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-rezensionen","tag-chile","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-honecker-erich"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49692","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=49692"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49692\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49696,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49692\/revisions\/49696"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=49692"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=49692"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=49692"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}