{"id":49916,"date":"2019-03-06T13:34:07","date_gmt":"2019-03-06T12:34:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49916"},"modified":"2019-03-07T07:30:37","modified_gmt":"2019-03-07T06:30:37","slug":"schulz-und-gabriel-feiern-macron-ist-die-spd-eigentlich-noch-bei-sinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49916","title":{"rendered":"Schulz und Gabriel feiern Macron \u2013 ist die SPD eigentlich noch bei Sinnen?"},"content":{"rendered":"<p>Nicht weniger als einen &bdquo;Neubeginn f&uuml;r Europa&ldquo; fordert der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Macron in einem <a href=\"https:\/\/www.elysee.fr\/emmanuel-macron\/2019\/03\/04\/fur-einen-neubeginn-in-europa.de\">offenen Brief<\/a> an die &bdquo;B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger Europas&ldquo;. Der Stil &ndash; typisch Macron &ndash; blumig bis pr&auml;tenti&ouml;s; der Inhalt &ndash; ebenfalls typisch Macron &ndash; in den besseren Passagen wohlfeil bis belanglos, in den schlechteren Passagen unselig bis bodenlos. Enthusiastischen Applaus bekommt er daf&uuml;r von zwei ehemaligen Spitzenkadern der SPD &ndash; <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/europaeische-union-merkel-zwingt-macron-zum-alleingang\/24068266.html\">Sigmar Gabriel<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/martin-schulz-spd-scheitert-macron-dann-ist-europa-in-gefahr-a-1256356.html\">Martin Schulz<\/a> zeigen sich einmal mehr bemerkenswert instinktlos und springen dem Mann bei, der erst vor wenigen Tagen wegen der Gewalt bei der Niederschlagung der Gelbwesten-Proteste von der Menschenrechtskommissarin des Europarats <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/gelbwesten-europarat-sieht-menschenrechte-in-gefahr-16060966.html\">f&ouml;rmlich ger&uuml;gt wurde<\/a>. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4396\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-49916-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190306_Schulz_und_Gabriel_feiern_Macron_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190306_Schulz_und_Gabriel_feiern_Macron_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190306_Schulz_und_Gabriel_feiern_Macron_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190306_Schulz_und_Gabriel_feiern_Macron_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=49916-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190306_Schulz_und_Gabriel_feiern_Macron_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190306_Schulz_und_Gabriel_feiern_Macron_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als Macrons Amtsvorg&auml;nger Fran&ccedil;ois Hollande innenpolitisch in die Enge getrieben wurde, lie&szlig; er Syrien <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/frankreich-fran-ois-hollande-plant-luftangriffe-auf-islamischen-staat-a-1051772.html\">bombardieren<\/a>. So gesehen ist Emmanuel Macrons Vorliebe, in Zeiten innenpolitischer Probleme schw&uuml;lstige Europa-Manifeste zu verfassen, vielleicht ja sogar die harmlosere Krisenbew&auml;ltigungsstrategie. Zuletzt begeisterte der Pr&auml;sident im September 2017 Europas Eliten mit seiner &bdquo;Rede an der Sorbonne&ldquo;. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40348\">Viel hei&szlig;e Luft<\/a>, die von Deutschlands Medien wie im Dopaminrausch als &bdquo;Weltregierungserkl&auml;rung&ldquo; des &bdquo;Retters Europas&ldquo; gefeiert wurde. Gerettet hat Macron seitdem bekannterma&szlig;en nichts. Aus den schon damals stattfindenden Gewerkschaftsprotesten sind die Massendemonstrationen der Gelbwesten geworden &ndash; kein anderer Pr&auml;sident der F&uuml;nften Republik stand innenpolitisch derart mit dem R&uuml;cken an der Wand wie der Investmentbanker, der zu Beginn seiner Amtszeit vor allem in Deutschland als neuer Hoffnungstr&auml;ger gefeiert wurde. <\/p><p>Doch die Zeiten, in denen die Massen einem neoliberalen Z&ouml;gling der elit&auml;ren Oberschicht beim Abbau der Rechte zujubeln, die von unseren V&auml;tern, Gro&szlig;v&auml;tern und Urgro&szlig;v&auml;tern m&uuml;hevoll erk&auml;mpft wurden, sind zumindest in Frankreich zum Gl&uuml;ck vorbei. Jupiter verschluckte sich an seinem Champagner und rutschte vom Olymp. Der Rest ist Geschichte. Mit brutaler Gewalt <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48643\">exekutiert der Pr&auml;sident der Eliten mittlerweile den Klassenkampf von oben<\/a>. Mehr als 12.000-mal wurde mit Hartgummigeschossen gezielt auf Demonstranten geschossen, es kam zu mehr als 2.000 &ndash; teils schweren &ndash; Verletzungen, was nun sogar die Menschenrechtskommissarin des Europarats <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/gelbwesten-europarat-sieht-menschenrechte-in-gefahr-16060966.html\">zu scharfer Kritik<\/a> gegen Macron und die franz&ouml;sischen Sicherheitskr&auml;fte zwang. <\/p><p>Wie unter diesen Vorzeichen ein ehemaliger Kanzlerkandidat der SPD einen Gastartikel mit der &Uuml;berschrift <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/martin-schulz-spd-scheitert-macron-dann-ist-europa-in-gefahr-a-1256356.html\">&bdquo;Scheitert Macron, ist Europa in Gefahr&ldquo;<\/a> verfassen kann, ist selbst f&uuml;r mich als hartgesottenen &ndash; bisweilen schon zynischen &ndash; Beobachter des Niedergangs der SPD komplett unvorstellbar. Offenbar kennt die politische Instinktlosigkeit von Schulz keine Grenzen mehr. Kaum besser nimmt sich die Lobhudelei seines in der zweiten Reihe auf ein Comeback lauernden <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/europaeische-union-merkel-zwingt-macron-zum-alleingang\/24068266.html\">Genossen Sigmar Gabriel aus<\/a>, der es &ndash; wie Schulz &ndash; tats&auml;chlich schafft, Macron &uuml;ber den gr&uuml;nen Klee zu loben, ohne die Gelbwesten zu erw&auml;hnen, ja sogar ohne auf den innenpolitischen Widerstand auch nur einzugehen. Man kann ja nat&uuml;rlich Macrons Europa-Visionen auf Sachebene debattieren; aber dabei darf man den Kontext doch nicht derart str&auml;flich au&szlig;er Acht lassen.<\/p><p>Macron macht es Freunden wie Feinden jedoch auch nicht eben einfach mit der Sachebene. Und dies aus einfachem Grund: Er selbst meidet die Sachebene wie ein Veganer die Blutwurst. Vor allem bei den wenigen potentiell progressiven Punkten wie einer sozialen Grundsicherung und einem europaweiten Mindestlohn bleibt Macron derart schwammig, dass man darunter so gut wie alles verstehen kann; und wohl auch verstehen muss, da er bislang in seiner gesamten politischen Karriere ja nicht als Freund progressiver Sozial- oder Wirtschaftspolitik aufgefallen ist. Ein wenig konkreter wird er dort, wo man sich lieber erhofft h&auml;tte, er w&uuml;rde vage bleiben. So fordert er expressis verbis eine Aufr&uuml;stungspolitik, die Abschottung der EU-Au&szlig;engrenzen und einen versch&auml;rften Wettbewerb mit anderen Wirtschaftsr&auml;umen. Vollends paradox ist dabei, dass seine gesamte Rede den &bdquo;Nationalismus&ldquo; als Antithese projiziert, Macrons Forderungen in diesen Punkten aber klar nationalistisch sind &ndash; nur, dass er den Nationalstaat (b&ouml;ser Nationalismus) gegen die EU (guter Nationalismus) austauscht. Wenn jemand die Grenzen abschotten und sich mittels Protektionismus gegen andere Volkswirtschaften behaupten will und voll auf eine expansive Milit&auml;rpolitik setzt, dann ist dies nat&uuml;rlich ebenfalls Nationalismus. Punkt. <\/p><p>Das wissen sicher auch Schulz und Gabriel. Es ist ja kein Zufall, dass die beiden Macron-Sekundanten in ihren Soli-Artikeln ebenfalls lieber blumig und vage bleiben und konkrete Aussagen vermeiden. So sind Schulz&acute; drei Kernbotschaften beispielsweise: &bdquo;Europa muss im Dialog mit den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern entstehen&ldquo;. &bdquo;Europa braucht Erneuerung!&ldquo; und &ndash; bitten halten Sie sich fest &ndash; &bdquo;Europa ist f&uuml;r die Menschen da und sch&uuml;tzt unsere Freiheit und unser Gesellschaftsmodell&ldquo;. F&uuml;r so viel hei&szlig;e Luft und Substanzlosigkeit w&uuml;rde man wohl jeden Werbetexter aus dem Fenster werfen. In all ihrer Unehrlichkeit erinnert Schulz&acute; Solidarit&auml;tsaufsatz dabei am ehesten an eine Grabrede &ndash; de macronis nil nisi bene.<\/p><p>Der wichtigste Punkt an Macrons &bdquo;offenem Brief&ldquo; ist jedoch das von ihm gew&auml;hlte Kommunikationsmodell. Sender ist er selbst, in der Ich-Form und einem pr&auml;tenti&ouml;sen Ton, der selbst Charles de Gaulle alle Ehre gemacht h&auml;tte. Der Kanal &ndash; und das gilt auch f&uuml;r die Soli-Artikel seiner Sekundanten &ndash; sind die Medien. Angeblich wurde der offene Brief in 28 einschl&auml;gigen Zeitungen in den 28 EU-Staaten ver&ouml;ffentlicht. Dementsprechend gro&szlig; und enthusiastisch war das Presseecho; ob und was die &Ouml;ffentlichkeit davon abbekommen hat, dar&uuml;ber darf jedoch ger&auml;tselt werden. In Deutschland erschien der Brief beispielsweise im kostenpflichtigen Aboangebot von welt.de, das sicher nicht geeignet ist, um die Massen zu erreichen. Nein, die Massen waren auch gar nicht als Zielgruppe gedacht. <\/p><p>Neben der franz&ouml;sischen &Ouml;ffentlichkeit, die Macron offenbar als &bdquo;Anpacker&ldquo; und &bdquo;Europaretter&ldquo; wahrnehmen und dar&uuml;ber seine neoliberale Politik im eigenen Lande und die Menschenrechtsverletzungen bei der Niederschlagung der Gelbwestenproteste vergessen soll, gilt Macrons Botschaft vor allem den europ&auml;ischen Eliten, die sich mit Monsieur le President aber doch ohnehin einig sind und gar nicht mehr &uuml;berzeugt werden m&uuml;ssen. Daher ist es auch alles andere als verwunderlich, dass die Kommentare der elitenfreundlichen Medien wieder einmal so inhaltsleer wie enthusiastisch ausfielen, wie die <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/kommentar\/macron-eu-113.html\">unvermeidbare Jubelarie von Tina Hassel in des Tagesthemen<\/a> beispielhaft demonstriert. Mehr Europa, mehr Sicherheit, mehr Demokratie, mehr Zukunft, mehr Freibier, mehr Zuckerwatte &hellip; Hauptsache &bdquo;mehr&ldquo;. Und wer &bdquo;weniger&ldquo; will, ist dumm oder ein Populist. Wirklich dumm ist jedoch vor allem diese PR-Strategie, zumal derartige Tagesthemen-Kommentare l&auml;ngst auf einer Wahrnehmungsstufe mit der &Uuml;bererf&uuml;llung des Plansolls in der damaligen Aktuellen Kamera rangieren. Ob Tina Hassel beim Aufsagen ihrer Kommentare auch schon mal <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/zeitreise\/gesichter-des-ddr-fernsehens100.html\">den Mundwinkel verzogen hat<\/a>? Sicher nicht. <\/p><p>W&uuml;rde Macron es mit seinem &bdquo;Neubeginn f&uuml;r Europa&ldquo; ernst meinen, h&auml;tte er daher auch nicht die EU-freundlichen Eliten, sondern genau diejenigen angesprochen, die er ja angeblich f&uuml;r Europa begeistern will &ndash; die Europ&auml;er, die mit der EU etwas anderes verbinden als Sicherheit, Zukunft und Freibier, sondern das real existierende politische Europa vielmehr in Teilen oder gar in G&auml;nze ablehnen. Doch dann h&auml;tte er nat&uuml;rlich echte Argumente auffahren m&uuml;ssen und w&auml;re mit seinen wolkigen Floskeln nicht sehr weit gekommen. Macron eint Europa nicht, er spaltet es. Die europ&auml;ischen Eliten, die sich ohnehin eine Ausweitung der Kompetenzen der EU und eine damit verbundene Schw&auml;chung der Kompetenzen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene herbeisehnen, waren schon immer auf seiner Seite und die Skeptiker und Gegner einer St&auml;rkung der EU um ihrer selbst willen werden durch derlei abgedroschenen Phrasen im Zweifel eher in ihrer Skepsis und Ablehnung gest&auml;rkt. Diese Spaltung ist sinnbildlich f&uuml;r die derzeit gef&uuml;hrte abgehobene Europa-Debatte. <\/p><p>Dass die SPD sich davon nicht befreien kann, war leider vorherzusehen. Mit welcher Dreistigkeit, Instinktlosigkeit und Abgehobenheit sie dies tut, ist jedoch sogar f&uuml;r Kritiker &uuml;berraschend. Als Anekdote am Rande sei erw&auml;hnt, dass der Chef der franz&ouml;sischen Sozialdemokraten, Olivier Faure, Macrons Rede im Gegensatz zu den deutschen Genossen Schulz und Gabriel <a href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/ueberregional\/politik_artikel,-macron-pr%C3%A4sentiert-fundamentale-ideen-f%C3%BCr-die-eu-_arid,11018268.html\">nicht so toll fand<\/a>. Er kommentierte die Rede mit dem Satz, dass Macrons europ&auml;isches Projekt zwar &bdquo;von guten Absichten gepflastert&ldquo; sei, &bdquo;aber im Widerspruch mit dem Handeln dieses Illusionsk&uuml;nstlers&ldquo; stehe. Offenbar sieht sich die SPD jedoch eher an der Seite des Illusionsk&uuml;nstlers als an der Seite ihrer Schwesterpartei PS. Auch das sagt viel &uuml;ber den Zustand der SPD aus. <\/p><p>Bildnachweis: Paul Velasco \/ Shutterstock.com<br>\nMontage: NachDenkSeiten.de<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/73a3f913602e4ee3945ac8d54393170e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht weniger als einen &bdquo;Neubeginn f&uuml;r Europa&ldquo; fordert der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Macron in einem <a href=\"https:\/\/www.elysee.fr\/emmanuel-macron\/2019\/03\/04\/fur-einen-neubeginn-in-europa.de\">offenen Brief<\/a> an die &bdquo;B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger Europas&ldquo;. Der Stil &ndash; typisch Macron &ndash; blumig bis pr&auml;tenti&ouml;s; der Inhalt &ndash; ebenfalls typisch Macron &ndash; in den besseren Passagen wohlfeil bis belanglos, in den schlechteren Passagen unselig bis bodenlos. 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