{"id":50,"date":"2004-01-12T16:54:10","date_gmt":"2004-01-12T14:54:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=50"},"modified":"2024-10-14T21:12:58","modified_gmt":"2024-10-14T19:12:58","slug":"der-spiegel-reiht-sich-in-die-kampagne-fur-studiengebuhren-ein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50","title":{"rendered":"Der SPIEGEL reiht sich in die Kampagne f\u00fcr Studiengeb\u00fchren ein"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schon lange her, dass Studierende f&uuml;r den <em>SPIEGEL<\/em> auf die Stra&szlig;e gingen; diese Woche m&uuml;ssten sie gegen den <em>SPIEGEL<\/em> protestieren. Einmal mehr reiht sich der <em>SPIEGEL<\/em> mit seinem Aufmacher &ldquo;Geist gegen Geb&uuml;hr&rdquo; in den Mainstream der Meinungen ein. Nur noch die bekannten Bef&uuml;rworter der Studiengeb&uuml;hr kommen zu Wort, kein Argument ist zu plump. <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWeil angeblich kein Geld mehr f&uuml;r die Hochschulen vorhanden ist, sieht nun auch der <em>SPIEGEL<\/em> dieser Woche das Bezahlstudium als Ausweg aus der Hochschulmisere. Die jahrelange Kampagne des Centrums f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann-Stiftung f&uuml;r die Einf&uuml;hrung der Studiengeb&uuml;hr hat nun endg&uuml;ltig auch die SPIEGEL-Redaktion erreicht. Sie l&auml;sst unter Verletzung der Grunds&auml;tze eines fairen Journalismus nur noch die Bef&uuml;rworter der Studiengeb&uuml;hr, allen voran Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling vom CHE zu Wort kommen. Die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, die erstvor drei Jahren auf Druck der SPD-regierten L&auml;nder und der SPD nachtr&auml;glich ein Geb&uuml;hrenverbot ins Hochschulrahmengesetz hineingeschrieben hat, wird mit ihrer Position gerade noch mit einem Halbsatz abgewatscht. Kein noch so treffendes Argument der Kampagne gegen die Studiengeb&uuml;hren &ldquo;Gute Bildung braucht Zeit&rdquo; wird aufgenommen. Was bleibt sind pseudo&ouml;konomische Argumente, wie etwa der Student solle &ldquo;Kunde&rdquo; der Hochschule werden, nur wer bezahle, fordere Qualit&auml;t, die K&uuml;chenfrauen der Mensa finanziere das Studium der Bessergestellten etc.<\/p><p>Auf die Idee, dass mit einem Bruchteil des Betrages von weit &uuml;ber 100 Milliarden Euro, mit dem durch die Senkung oder Abschaffung von K&ouml;rperschafts-, Gewerbe-, der Spitzensteuers&auml;tze oder derB&ouml;rsenumsatzsteuer &ndash; wie wir wissen ohne Erfolg &ndash; das &ldquo;Investitionskapital&rdquo; gef&ouml;rdert worden ist, ein beachtlicher Teil der Finanzmisere f&uuml;r das &ldquo;Humankapital&rdquo; Hochschulbildung gelindert werden k&ouml;nnte, kommt offenbar beim <em>SPIEGEL<\/em> keiner mehr. Jahrelang wurde getrommelt, dass der Staat sparen m&uuml;sse und, um ihn dazu zu zwingen, m&uuml;ssten die Steuern gesenkt werden. Wie soll da dann f&uuml;r die Bildung noch genug Geld da sein. Im Sinne der St&auml;rkung der Eigenverantwortung, sprich der Privatisierung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter, sollen nun eben die Studierenden f&uuml;r ihre Ausbildung selbst bezahlen. Ganz in der Logik dieser Argumentation forderte der SPD-Landesvorsitzende und nordrhein-westf&auml;lische Wirtschafts- und Arbeitsminister auch schon &ldquo;Weniger Geld f&uuml;r Lehrlinge&rdquo; (<em>K&ouml;lner Stadt-Anzeiger<\/em> vom 10.\/11. Januar 2004).<\/p><p>Wie beliebig dabei &ouml;konomische Argumente f&uuml;r die Produktion des &ouml;ffentlichen Gutes Forschung und wissenschaftliche Bildung miteinander vermengt werden, zeigt sich etwa darin, dass einerseits behauptet wird, ein bezahltes Studium mache den Studierenden zum Kunden; andererseits wird gleichzeitig als unabdingbare Voraussetzung f&uuml;r exzellente Universit&auml;ten das Auswahlrecht der Hochschulen gegen&uuml;ber ihren Studierenden gefordert.<br>\nDer Kunde sucht also sein Angebot und fordert damit den Anbieter aberumgekehrt w&auml;hlt der Anbieter seine Kunden aus &ndash; wie passt dieser &ouml;konomische Wirrwarr zusammen?<\/p><p>Ohnehin fragt sich, ob der &ldquo;Kunde&rdquo; Student sein &ldquo;Angebot&rdquo; Hochschulstudium &uuml;berhaupt im Voraus richtig beurteilen kann. Er hat ja keine Erfahrung mit dem Studieren, er kann doch erst im nach hinein beurteilen, wie gut er ausgebildet wurde. Hat der Kunde also Markttransparenz? Soll k&uuml;nftig das beste Hochschul-Marketing &uuml;ber die Wahl der Hochschule entscheiden? <\/p><p>Die Chancengleichheit wird in gerade zynischer Weise auf den Kopf gestellt, wenn argumentiert wird, die K&uuml;chenfrau finanziere das Studiumder Bessergestellten. Es soll einmal davon abgesehen werden, dass dieses Argument f&uuml;r ziemlich viele steuerfinanzierten &ouml;ffentlichen Investitionen gilt, zumal etwa f&uuml;r Opernh&auml;user oder f&uuml;r staatliche subventionierte Forschung f&uuml;r Gro&szlig;unternehmen &ndash; die ja teilweise gar keine Steuern mehr bezahlen. Sollte es aber so sein, dass ein besserverdienender Akademiker seine Studienkosten nicht &uuml;ber die Steuer refinanziert, dann bedeutet das nicht mehr und nicht weniger, als dass er im Vergleich zum geringer verdienenden Nichtakademiker schlicht zuwenig Steuern bezahlen muss. W&auml;re es da nicht viel einfacher undunb&uuml;rokratischer den Spitzensteuersatz zu erh&ouml;hen, statt in weiterdrastisch zu senken?<\/p><p>Umgekehrt w&uuml;rde ein Schuh draus: Wenn es so ist, dass die Krankenschwester das Studium ihres Chefarztes mitbezahlt, dann w&auml;re es genau so naheliegend wie die Bildungskosten zu privatisieren, daf&uuml;r zu sorgen, dass niedrigere Einkommensbezieher entsprechend ihrem Anteil ander Finanzierung der Hochschulausbildung auch als Studierende vertreten sind. Das w&auml;re ein Beitrag zur Chancengleichheit, aber nicht die Privatisierung der Bildungskosten. Das stabilisiert nur den vorhandenen ungleichen Anteil der sozialen Schichten an den Hochschulen. Noch mehr:das versch&auml;rft sogar die soziale Selektion.<\/p><p>Wenn man schon &ouml;konomische Argumente bem&uuml;ht, h&auml;tte man auf das ganz elementare Gesetz kommen m&uuml;ssen, dass h&ouml;here Preise die Nachfrage d&auml;mpfen. Wie will man also die im Vergleich zu unseren internationalen Mitwettbewerbern viel zu niedrige Rate der Studierenden steigern, wenn man durch eine Preiserh&ouml;hung die Nachfrage d&auml;mpft?<\/p><p>Keiner der Bef&uuml;rworter der Studiengeb&uuml;hren vergisst den Hinweis, dassdie Geb&uuml;hren nicht zu einer weiteren sozialen Auslese f&uuml;hren d&uuml;rften. Dieser Hinweis ist so lange unglaubw&uuml;rdig, wie man nicht mit demselben Engagement und mit mindestens genau so gro&szlig;em Einfallsreichtum ein realistisch finanziertes Stipendiensystem vorschlagen kann, wie es jedenfalls in den meisten L&auml;ndern mit einer Geb&uuml;hrentradition existiert. <\/p><p>Die sogenannte nachgelagerte Geb&uuml;hr kann dabei das Heilsversprechen nicht sein. Mit diesem so genannten &ldquo;umgekehrten Generationenvertrag&rdquo; w&uuml;rde der noch funktionierende Generationenvertrag an einer weiteren Stelle aufgek&uuml;ndigt. Umso berechtigter k&ouml;nnten die geb&uuml;hrenzahlenden Studierenden fragen, warum sie den kostenlos studiert habenden Altakademikern ihre hohen Renten finanzieren sollen.<\/p><p>Wer behauptet, ein Schuldenberg von 30.000 bis 40.000 Euro nach dem Studium sei zumutbar, nimmt die typische Sichtweise eines Angeh&ouml;rigen der gehobenen Mittelschicht ein. F&uuml;r ihn sind etwa die Hypothek f&uuml;r das Haus oder der Kredit f&uuml;r eine Investition etwas Selbstverst&auml;ndliches. F&uuml;r die Unterschichten ist das eine hohe sozialpsychologische Hypothek. Zumal, wenn man einmal die Perspektive eines 19 oder 20-J&auml;hrigen einnimmt, der als Erster in der Familie ein akademisches Studiumanstrebt und seine Eltern vielleicht sogar noch von der Sinnhaftigkeit &uuml;berzeugen muss. F&uuml;r diesen Jugendlichen ist &ndash; trotz BaF&ouml;G &ndash; nicht nur die Finanzierung seines Lebensunterhalts w&auml;hrend eines Studiums eine hohe H&uuml;rde, die Studiengeb&uuml;hr (oder eine Schuldenaufnahme) aber eine kaum &uuml;berwindbare Barriere.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon lange her, dass Studierende f&uuml;r den <em>SPIEGEL<\/em> auf die Stra&szlig;e gingen; diese Woche m&uuml;ssten sie gegen den <em>SPIEGEL<\/em> protestieren. Einmal mehr reiht sich der <em>SPIEGEL<\/em> mit seinem Aufmacher &ldquo;Geist gegen Geb&uuml;hr&rdquo; in den Mainstream der Meinungen ein. Nur noch die bekannten Bef&uuml;rworter der Studiengeb&uuml;hr kommen zu Wort, kein Argument ist zu plump.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[206,17,123,183],"tags":[232,231,408,420,234,244],"class_list":["post-50","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chancengerechtigkeit","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","tag-bertelsmann","tag-che","tag-soziale-herkunft","tag-spiegel","tag-studiengebuehren","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":123111,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions\/123111"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}