{"id":5002,"date":"2010-03-30T08:19:30","date_gmt":"2010-03-30T07:19:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5002"},"modified":"2014-08-07T13:08:16","modified_gmt":"2014-08-07T11:08:16","slug":"hans-juergen-arlt-wolfgang-storz-wirtschaftsjournalismus-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5002","title":{"rendered":"Hans-J\u00fcrgen Arlt, Wolfgang Storz: \u201eWirtschaftsjournalismus in der Krise\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Zum massenmedialen Umgang mit der Finanzkrise hat die <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-shop.de\/publikationen\/obs-arbeitshefte\/shop\/wirtschaftsjournalismus-in-der-krise-ah63.html\">Otto-Brenner-Stiftung eine Studie vorgelegt<\/a>, die die journalistische Arbeit der ARD-Redaktion Aktuell, der (Basis-)Nachrichtenagentur DPA und von f&uuml;nf &uuml;berregionalen Tageszeitungen einer kritischen Analyse unterzieht. Der Kommunikationswissenschaftler und Publizist Hans-J&uuml;rgen Arlt und der Sozialwissenschaftler und bis 2006 Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, Wolfgang Storz fragen danach, ob der Wirtschaftsjournalismus die Herausforderungen, vor denen er sich vor und w&auml;hrend der Krise gestellt sah und sieht bestanden hat oder nicht?<br>\nDas Res&uuml;mee: &bdquo;Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus hat als Beobachter, Berichterstatter und Kommentator des Finanzmarktes und der Finanzmarktpolitik bis zum offenen Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise schlecht gearbeitet&ldquo;. Die Autoren pl&auml;dieren f&uuml;r eine &ouml;ffentliche Debatte &uuml;ber die Produktionsbedingungen im Journalismus.<br>\nWir empfehlen die Lekt&uuml;re dieser Studie, fassen ihre Ergebnisse kurz zusammen und erlauben uns einen kurzen Kommentar. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Die Krise hat keinen Namen<\/strong><br>\nDie Autoren stellten schon in ihrem Vorwort selbst &uuml;berrascht fest, dass die tiefgreifendste Krise seit 8o Jahren noch nicht einmal einen Namen hat. Arlt und Storz benennen die Finanzmarktkrise selbst, eine &bdquo;globale Krise der Gro&szlig;en Spekulation&ldquo;. <\/p><p><em>&bdquo;Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus stand dem globalen Finanzmarkt gegen&uuml;ber wie ein ergrauter Stadtarchivar dem ersten Computer mit einer Mischung aus Ignoranz und Bewunderung, ohne Wissen, wie er funktioniert, ohne Ahnung von den folgenreichen Zusammenh&auml;ngen, die sich aufbauen; im Zweifel schloss man sich der vorherrschenden Meinung an. Die weltweite Krise des Finanzmarktes, die globale Krise der Gro&szlig;en Spekulation, l&ouml;ste auch eine Krise des Wirtschaftsjournalismus aus&ldquo;<\/em>, so hei&szlig;t es in der Zusammenfassung.<\/p><p>W&auml;hrend die Tageszeitungen im Krisenverlauf Sachkompetenz und kritische Distanz aufbauten, lie&szlig;en die DPA_meldungen und die &bdquo;Tagesschau&ldquo; bzw. &bdquo;Tagesthemen&ldquo;-Sendungen keinen Qualit&auml;tszuwachs erkennen: <em>&bdquo;Sie blieben sensationell schlecht&ldquo;<\/em>. Kritisches Wissen sei vom Mainstream ignoriert oder abgelehnt worden. Dass Wirtschaftswissenschaften und Regierungspolitik von den Krisengefahren nichts wissen wollten, sei jedenfalls keine Entschuldigung f&uuml;r den Journalismus. <\/p><p>F&uuml;r praktizierende Journalisten ist es nicht erstaunlich, dass ihre Studie in der Frage nach den Arbeitsbedingungen von Journalisten m&uuml;ndet, die es ihnen erm&ouml;glichten ihre Arbeit besser oder gar gut zu machen. Sie fordern eine &ouml;ffentliche Debatte &uuml;ber die Produktionsbedingungen der ver&ouml;ffentlichten Meinung.<\/p><p><strong>7 Thesen<\/strong><br>\nArlt und Storz fassen ihre Studie in 7 Thesen zusammen:<\/p><ol>\n<li>In den Vorw&uuml;rfen gegen&uuml;ber dem Versagen des Wirtschaftsjournalismus stecke einerseits berechtigte Kritik andererseits werde auch nach einem S&uuml;ndenbock gesucht. Auf sich alleine gestellt, sei er gegen&uuml;ber Politik, Wirtschaftsverb&auml;nden oder den Wirtschaftswissenschaftlern &uuml;berfordert seine Warnfunktion auszu&uuml;ben.\n<\/li>\n<li>Andererseits geh&ouml;rten gerade Krisensituationen zu den bevorzugten journalistischen Themen. Von den drei verschiedenen journalistischen M&ouml;glichkeiten a) von der ausdr&uuml;cklichen Zustimmung zu Entscheidungen, b) der ungen&uuml;genden Information &uuml;ber ihre Risiken und c) der Ver&ouml;ffentlichung warnender Hinweise, sei die dritte M&ouml;glichkeit nicht ernsthaft ergriffen worden.\n<\/li>\n<li>Die Produktionsbedingungen der Medien seien darauf angelegt, das zu bedienen, was beim Publikum ankommt. So h&auml;tten die Boni-Zahlungen einen sachlich unangemessen gro&szlig;en Raum eingenommen, weil sie die komplexe Problematik auf eine moralische Ebene verlagerten, die Publikumsinteresse, Quote und Auflage sicherte. Um kritische Perspektiven zu &ouml;ffnen, m&uuml;ssten jedoch kontroverse Gegen&uuml;berstellungen, die auch Minderheitenpositionen Geh&ouml;r verschafften, zum handwerklichen Prinzip werden.\n<\/li>\n<li>Der Blick der Wirtschafsakteure gelte dem Marktgeschehen. Der &ouml;konomische Markt existiere neben dem Journalismus, der politische Meinungsmarkt durch den Journalismus. Wirtschaftsjournalismus habe immer noch etwas von der Einmischung in Privatangelegenheiten an sich und habe bei weitem nicht die Informationsrechte und Zug&auml;nge wie der Politikjournalismus, das zeige sich etwa auch beim Unterschied im journalistischen Umgang zwischen Landes- und Privatbanken. Das grunds&auml;tzliche Problem des Wirtschaftsjournalismus sei, dass er <em>&bdquo;die jeweils herrschenden wirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse mit ihren dazu geh&ouml;renden Werten und Normen &hellip; nicht in Frage stellt, sondern als Grundlage der eigenen Arbeit akzeptiert.&ldquo;<\/em>\n<\/li>\n<li>Dem Wirtschaftsjournalismus habe es an Fachwissen f&uuml;r das Wesen der Finanzm&auml;rkte und an Kenntnissen &uuml;ber die Vernetzungen zwischen Finanzm&auml;rkten, Realwirtschaft und Politik gemangelt. Zwar h&auml;tte es ausgiebige betriebswirtschaftlich ausgerichtete Berichterstattung &uuml;ber Finanzprodukte, Anlagestrategien oder B&ouml;rsentrends gegeben, die gesellschaftliche Perspektive der Finanzmarktpolitik sie jedoch fast komplett durch- und damit weggefallen.\n<\/li>\n<li>Die Arbeit an der Aktualit&auml;t werde viel zu hoch, die Arbeit der Analyse und Erl&auml;uterung viel zu gering gesch&auml;tzt. Wo die Orientierung fehle, da n&uuml;tze auch die am schnellsten &uuml;bermittelte Nachricht nichts.\n<\/li>\n<li><em>&bdquo;Die journalistischen Defizite im Umgang mit der Gro&szlig;en Spekulation sollten Platz geschaffen haben f&uuml;r die Erkenntnis, dass Investitionen in guten Journalismus und die Verbreitung seiner Produkte Investitionen in die gesellschaftliche Risikovorsorge, in die Infrastruktur der Demokratie und in die M&uuml;ndigkeit der B&uuml;rger sind. Wenn die Gesellschaft das journalistische System als eines ihrer Fr&uuml;hwarnsysteme haben will, dann muss es materiell, rechtlich und ideell auch so ausgestattet werden, dass es dieser Aufgabe besser als bisher nachkommen kann&ldquo;<\/em>, so der Appell der Autoren. Sie fordern eine Medienpolitik, die die Unabh&auml;ngigkeit des Journalismus f&ouml;rdere, indem sie dessen Rahmenbedingungen verbessere. Erforderlich sei vor allem auch eine Debatte &uuml;ber die Leistungen des &ouml;ffentlich-rechtlichen Mediensystems, das eine Vorbildfunktion haben sollte. Man m&uuml;sse dar&uuml;ber hinaus kleine und mittlere Organisationen die mit bescheidenen Mitteln Medien kritisch &uuml;berwachten, mehr f&ouml;rdern. Es brauchte vielf&auml;ltigere Unternehmensformen, Redaktionsstatute, h&ouml;here Transparenz und weniger Renditeorientierung bei den Medien.\n<\/li>\n<\/ol><p>Die Me&szlig;latte oder der &bdquo;Deutungsrahmen&ldquo;, an dem die Autoren die Basisleistung der journalistischen Arbeit messen, ist, dass sie <em>&bdquo;informiert und orientiert&ldquo;.<\/em> <\/p><p>Die Studie st&uuml;tzt sich auf drei Methoden: auf eine quantitative Analyse, auf f&uuml;nf Fallstudien und auf journalistisch gef&uuml;hrte Interviews an Hand eines Leitfadens mit Gespr&auml;chspartnern aus den untersuchten Medien, Wirtschaftsjournalisten und Wissenschaftlern. <\/p><p>Lesenswert und breit ausgef&uuml;hrt ist die Darstellung des politischen Rahmens, an dem sich die Autoren bei ihrer Kritik orientieren.<\/p><p><strong>Fallstudien der Printmedien<\/strong><br>\nDie Fallstudien &uuml;ber das Medienecho etwa &uuml;ber Hans Eichels Grundsatzrede (2002) &uuml;ber die finanzmarktpolitischen Vorstellungen der Bundesregierung (2003)  oder &uuml;ber grundlegende Reden Peer Steinbr&uuml;cks (2006 und 2008) oder als Gegenbeispiel einer Rede des DGB-Vorsitzenden Sommer belegen eindringlich, dass die untersuchten Massenmedien das Thema Finanzmarktpolitik weitgehend ignorierten. Sofern Berichterstattung &uuml;berhaupt stattfand, wird die offizielle Politik der Bundesregierung wiedergegeben, weitgehend ungest&ouml;rt von kritischen Anmerkungen. Kritiker finden so gut wie nicht statt. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, ernteten sie das Schweigen der Massenmedien.<\/p><p><strong>Vor der Krise<\/strong><br>\nDanach erfolgt eine Auswertung von Beitr&auml;gen in den untersuchten Medien an Hand von  finanzpolitisch relevanten Ereignissen <strong>vor<\/strong> der Finanzkrise (etwa der R&uuml;cktritt von Lafontaine als Finanzminister 1999, die Verabschiedung einzelner Finanzmarktgesetze, der &bdquo;Heuschrecken&ldquo;-Debatte 2005). Dabei ergab sich, dass der Mainstream die politischen Forderungen nach gr&ouml;&szlig;eren Risikospielr&auml;umen f&uuml;r die Finanzmarktakteure teilweise sogar missionarisch unterst&uuml;tzte. Es galt die Parole &bdquo;die gro&szlig;e Freiheit f&uuml;r das gro&szlig;e Geld&ldquo;. Die Risiken galten als vernachl&auml;ssigbar oder wurden komplett ausgeblendet.<br>\nEs lohnt sich diese Berichterstattung noch einmal Revue passieren zu lassen. <\/p><p>Fazit: <em>Die untersuchten Qualit&auml;tsmedien h&auml;tten zwischen 1999 und 2005 die Mindesterwartungen an journalistische Arbeit nicht erf&uuml;llt.<\/em><\/p><p><strong>Vorkrise<\/strong><br>\nIn einer zweiten Phase, der &bdquo;Vorkrise&ldquo; des Jahres 2007 (G 8 in Heiligendamm, erstmalige Liquidit&auml;tshilfen der EZB) lautete die Hauptbotschaft &bdquo;Die gro&szlig;e Krise wird nicht kommen&ldquo;, man schreibt &ndash; bis auf die taz als Ausnahme &ndash; allenfalls &uuml;ber die Gefahr einer konjunkturellen Abschw&auml;chung. Es seien haupts&auml;chlich die Wirtschaftsakteure selbst zu Wort gekommen, die beschwichtigend reagierten und die meisten Redaktionen h&auml;tten diese Akteure best&auml;tigt.<\/p><p><strong>Offene Krise<\/strong><br>\nDanach wird die Berichterstattung w&auml;hrend der &bdquo;offenen Krise&ldquo; (2008-2009) untersucht. Da habe zwar der Begriff der Krise den Spitzenplatz erobert, die Kriseninterpretationen seien jedoch vielseitig gewesen mit unterschiedlichen Schuldzuschreibungen. Zusammengefasst: &bdquo;Viel Aufkl&auml;rung, wenig Klarheit&ldquo;. Zwar sei ausf&uuml;hrlich &uuml;ber die Instrumente und Mechanismen des Finanzmarktes berichtet worden, aber tiefergreifende Analysen oder Reflexionen der Krisenursachen gab es nur vereinzelt. Die Redaktionen h&auml;tten sich vor allem von der Frage fesseln lassen, ob und wie der Staat die Rolle des Krisenmanagers ausf&uuml;llte. Es h&auml;tte eine Nachrichtenf&uuml;lle gegeben, die zu einer Art &bdquo;Informationsw&uuml;hltisch&ldquo; f&uuml;r das Publikum geworden sei. Dennoch f&auml;llt das Urteil der Gutachter nicht so schlecht aus, wie in den vorausgegangenen Phasen. In einer Ranfolge wird die FTD vor der taz bewertet, danach folgten das HB, die SZ und die FAZ. <\/p><p>Der Wirtschaftsjournalismus habe allerdings kaum ein Wort &uuml;ber seine Defizite in der Vergangenheit &uuml;brig gehabt.<\/p><p><strong>Konsequenzen aus der Krise<\/strong><br>\nSchlie&szlig;lich wird die Phase &bdquo;Konsequenzen aus der Krise&ldquo; ausgewertet. Als &bdquo;zu wenig und zu unentschlossen&ldquo; wird die Berichterstattung beurteilt. Zwar sei eine Qualit&auml;tssteigerung des Wirtschaftsjournalismus unverkennbar, doch die Warnungen, dass alles so weiter geht wie bisher, sei nicht klar und deutlich formuliert worden. HB, SZ und FAZ h&auml;tten im Gleichklang mit FTD und taz einen Perspektivwechsel hin zur besserer Kontrolle und strengeren Regeln f&uuml;r die Finanzm&auml;rkte vorgenommen, aber vor allem das HB, die FAZ und die SZ bewegten sich wie vorher im Rahmen der vorherrschenden Deutungsmuster, sie h&auml;tten nur einen gesellschaftlichen Sinneswandel nachvollzogen.<\/p><p>Die Bereitschaft zur Kritik an mangelnden Fortschritten in der Finanzmarktpolitik sei wenig ausgepr&auml;gt.<\/p><p>Das Fazit der Autoren lautet:<br>\n<em>&bdquo;Eine Branche, die keine Branche wie jede andere ist, sondern die<br>\nmit Geld und Krediten der gesamten Volkswirtschaft ein quasi-&ouml;ffentliches Gut zur Verf&uuml;gung stellt, hat in Deutschland in den vergangenen rund zehn Jahren ihren Charakter, ihre Regeln, ihre Ziele und ihre Gesch&auml;ftsinhalte folgenschwer ge&auml;ndert. Dass sich der tagesaktuelle Wirtschaftsjournalismus von Qualit&auml;tszeitungen nicht der Aufgabe stellte, diese gravierenden Ver&auml;nderungen kontrovers, im F&uuml;r und Wider, zu beschreiben, sondern dass er erst von einer globalen Krise zur Besch&auml;ftigung mit dieser Entwicklung gezwungen werden musste, bewerten wir als schwere Verfehlung der journalistischen Arbeit.&ldquo;<\/em><\/p><p>In einem kurzen Abschnitt wird eine Rangfolge der zitierten Experten augestellt: Ackermann (Deutsche Bank) und Axel Weber (Bundesbank) f&uuml;hren mit weitem Abstand, dann folgen (interessanterweise) Bofinger (Wirtschaftsweiser), Issing  (Berater der Kanzlerin und von Goldman Sachs), Sinn (Ifo), Walter (Deutsche Bank) und der mit deutlichem Abstand andere &bdquo;Experten&ldquo;. Gewerkschafter kommen seltener vor als attac.<\/p><p><strong>DPA &ndash; Informationsleistung hoch defizit&auml;r<\/strong><br>\nSchlechter noch als die Tageszeitungen schneidet die weitreichendste Nachrichtenagentur dpa ab. Ein anderer Deutungsrahmen als die Schaffung eines weltweit wettbewerbsf&auml;higen Finanzplatzes Deutschland komme nicht vor. Die Entwicklungen auf dem globalen Finanzmarkt seien f&uuml;r dpa bis 2007 entweder kein Thema oder kein Problem gewesen. F&uuml;r die Agentur habe auf dem G 8 Gipfel in Heiligendamm dieses Thema keine Rolle gespielt. dpa habe sich in der Finanzmarktpolitik als offizielles Sprachrohr verstanden. Es habe keine schlechte Nachricht ohne Beruhigungsformel gegeben, kritischer Stimmen seien ausgeblendet worden.<br>\nIn der Krise selbst sei dpa der klassischen Aufmerksamkeits-Dramaturgie gefolgt: hohe Erwartungen aufbauen, das m&ouml;gliche Scheitern an die Wand malen, Hoffnungen aufkommen lassen, den Erfolg begr&uuml;&szlig;en.<br>\n<em>&bdquo;Der Deutungsrahmen f&uuml;r die Krise wird von zwei Grundannahmen getragen: Die Krise ist made in USA, die richtige Antwort auf die Krise made in Germany.&ldquo; In Summa: Die Informationsleistung von DPA in Sachen Finanzmarktpolitik ist hoch defizit&auml;r, die Orientierung, die DPA in diesem Zusammenhang gibt, ist Desorientierung, der finanzmarktpolitische DPA-Journalismus ist Trivialjournalismus.&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>ARD Aktuell &ndash; devot gegen&uuml;ber der regierenden Politik<\/strong><br>\nF&uuml;r Tagesschau und Tagesthemen gelte: <em>&bdquo;Was die Politik nicht anspricht, wird in den hier untersuchten Sendungen von den ARD-Journalisten auch nicht behandelt.&ldquo;<\/em><br>\nWenn Experten herangezogen worden seien, dann seien es Fachleute aus dem engen Bereich der Finanzwissenschaft und Bankbetriebslehre, sowie interessen-gebundene Fachleute (Sinn, R&uuml;rup, Gerke etc.) gewesen, deren Niveau in der Fachwelt nicht unumstritten sei. In einzelnen Phasen der Krise h&auml;tte sich die ARD auf die Rolle zur&uuml;ckgezogen, die passenden Stichworte f&uuml;r regierungsoffizielle Stellungnahmen vorzutragen. <em>&bdquo;Das journalistische Verhalten gegen&uuml;ber der regierenden Politik und gegen&uuml;ber Vertretern der Wirtschaft kann eigentlich nur als devot bezeichnet werden.&ldquo;<\/em><\/p><p><em>&bdquo;Der Eindruck ist, die Redaktion flieht vor allen Zusammenh&auml;ngen und fl&uuml;chtet sich in eine &uuml;berdurchschnittlich intensive Berichterstattung von journalistisch-handwerklich und organisatorisch vergleichsweise &sbquo;leicht handhabbaren&lsquo; Einzelf&auml;llen wie Gipfelkonferenzen, Pressekonferenzen der Politik in Berlin, Hypo Real Estate, Opel, Arcandor, IKB, KfW, die dann von der Redaktion zusammenhangslos in die Krisen-Landschaft gesetzt werden. Dazu passt auch die Tendenz, die Themen Wirtschaftskrise und Finanzmarktkrise nach und nach voneinander zu trennen und damit die vielf&auml;ltigen Zusammenh&auml;nge zu ignorieren. Die Frage, wer die Folgen der Krise zu tragen hat, wird kritisch nicht befragt, sondern festgehalten, als sei dies selbstverst&auml;ndlich: die fetten Jahre sind vorbei, auf die Arbeitnehmer kommen harte Zeiten zu, der Steuerzahler.&ldquo;<\/em><br>\n<em>&bdquo;Viel B&ouml;rse, so gut wie keine (Volks-)Wirtschaft&ldquo;<\/em> wird der Medienkritiker Bernd G&auml;bler treffend zitiert. <\/p><p>Fazit: <em>&bdquo;Es mangelt nach unseren Analysen an der Einhaltung von journalistischen Grundfertigkeiten: bei der Auswahl der Perspektiven, der Setzung der Themen, bei der Verst&auml;ndlichkeit der Umsetzung der Themen.&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>Interviews<\/strong><br>\nAm Ende der Studie schlie&szlig;en sich noch ausf&uuml;hrliche und vielsagende Interviews mit Experten an u.a. mit Michael Best von der ARD-B&ouml;rsenredaktion, Gerald Braunberger von der FAZ, Oliver Stock vom Handelsblatt, Marc Beise von der S&uuml;ddeutschen Zeitung, Malte Kreutzfeldt von der taz, Robert von Heusinger von der Frankfurter Rundschau, Rainer Hank von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und einigen Fachwissenschaftlern an.<br>\nDie verantwortlichen Vertreter von dpa und die Vertreter von Tagesschau und Tagesthemen lehnten &uuml;brigens Gespr&auml;che ab, der Chefredakteur von ARD-Aktuell mit der Begr&uuml;ndung, es gebe keinen Verantwortlichen f&uuml;r Finanzmarkt- und Wirtschaftsberichterstattung in der Redaktion.<\/p><p>Die meisten Gespr&auml;chspartner gehen davon aus, dass der Wirtschafts- und Finanzmarktjournalismus Distanz zu den Subjekten und Objekten seiner Berichterstattung verloren hat. Als Gr&uuml;nde werden genannt: die Abh&auml;ngigkeit vom Wissen der Akteure, die Anforderungen an Exklusivit&auml;t und aktueller Information von diesen Akteuren, die h&auml;ufig nur &uuml;ber inhaltliche Anpassung gelinge (&bdquo;Schmiergeld der N&auml;he&ldquo;), die Homogenit&auml;t der Wirtschaftswissenschaften und des herrschenden Paradigmas der Markt-Gl&auml;ubigkeit, die Sorge vor einem Au&szlig;enseiterdasein gelte eben auch f&uuml;r Journalisten. <\/p><p><strong>Anmerkung<\/strong><br>\nSo kritisch Hans-J&uuml;rgen Arlt und  Wolfgang Storz an Hand der Berichterstattung &uuml;ber die Finanzmarktpolitik und die journalistische Aufarbeitung der Finanzkrise mit den untersuchten Medien umgehen und so wichtig ihre gut belegten Befunde sind, so sehr sind sie als Journalisten &ndash; verst&auml;ndlicherweise &ndash; Gefangene ihrer zugrunde gelegten Wertma&szlig;st&auml;be eines qualitativ hochwertigen Journalismus. Dabei bleibt &ndash; notwendigerweise &ndash; das Ph&auml;nomen ausgespart, dass sich in den letzten Jahrzehnten Verlage und von ihnen eingesetzte Chefredakteure mit den wirtschaftlich und politisch M&auml;chtigen geradezu verb&uuml;ndet haben.<br>\nStatt Vorsicht und Abstand erleben wir bei vielen Journalisten N&auml;he und Kooperation mit Wirtschaft und Politik, wir beobachten Kampagnen- statt kritischen Journalismus, Nachplappern statt Analyse. Vor allem aber gibt es eine Verneigung vor den M&auml;chtigen und nur wenig Empathie f&uuml;r die Schw&auml;cheren in dieser Gesellschaft.<\/p><p>Albrecht M&uuml;ller ist in seinem Buch &bdquo;Meinungsmache&ldquo; diesen Ph&auml;nomenen nachgegangen. <\/p><p>Was die Autoren dieser Studie f&uuml;r die Finanzkrise herausgearbeitet haben, gilt leider nicht nur f&uuml;r dieses Thema. Wir haben die gleiche unkritische Begleitung, ja sogar massive Unterst&uuml;tzung bei der Verk&uuml;ndung und Umsetzung der Agenda-Politik erlebt, wir beobachten sie etwa beim Mindestlohn, bei der Demographie-Debatte, bei der Propagierung der Privatisierung &ouml;ffentlicher Daseinsvorsorge. Man k&ouml;nnte noch viele andere Themen nennen, wo wir eine Verarmung der &ouml;ffentlichen und ver&ouml;ffentlichten Debatte feststellen k&ouml;nnten. Das Versagen der meisten Medien im Vorfeld und im Zusammenhang mit der Finanzkrise ist nur das eklatanteste Beispiel. Noch heute wird die Bankenrettung unkritisch gelobt und bis jetzt hat kaum ein Medium danach gefragt, was eigentlich das &bdquo;systemische Risiko&ldquo; einzelner mit viel Geld geretteten Banken ausmachte. B&uuml;rgschaften und Kapitalzusch&uuml;sse werden ohne &ouml;ffentliche Debatte in geheim tagenden Gremien erteilt.<\/p><p>Die Ann&auml;herung und unkritische Identifikation eines gro&szlig;en Teils gerade der Verantwortungstr&auml;ger in den Medien mit den Eliten in Politik und Wirtschaft war zwar nicht Gegenstand der Studie, doch sie erkl&auml;ren eigentlich erst ihre Befunde. <\/p><p>Zu einer umfassenden Analyse der Befindlichkeiten des Journalismus m&uuml;sste dar&uuml;ber hinaus noch der Einfluss des krebsartig wuchernden Lobbyismus und die Wirkung der wirtschaftsnahen Think-Tanks und ihrer Propagandaagenturen auf die ver&ouml;ffentlichte Meinung geh&ouml;ren. Es m&uuml;ssten die Mechanismen durchleuchtet werden, wie etwa die Bertelsmann Stiftung oder die Initiative Neue Marktwirtschaft die journalistischen Themen besetzen und wie wenig distanziert mit interessenbezogenen &bdquo;Experten&ldquo; in den Medien umgegangen wird.<\/p><p>Dennoch Hans-J&uuml;rgen Arlt und  Wolfgang Storz waren mit ihrer Analyse mutig, sie haben gegen das Gesetz versto&szlig;en, dass eine Kr&auml;he der anderen kein Auge aushackt. Das wird ihnen vermutlich den breiten Widerstand, wenn nicht sogar den Vorwurf der Nestbeschmutzung von ihren journalistischen Kollegen einbringen. Oder ihre Studie wird &ndash; wie &uuml;blich &ndash; wenn es um journalistische Selbstkritik geht, einfach totgeschwiegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum massenmedialen Umgang mit der Finanzkrise hat die <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-shop.de\/publikationen\/obs-arbeitshefte\/shop\/wirtschaftsjournalismus-in-der-krise-ah63.html\">Otto-Brenner-Stiftung eine Studie vorgelegt<\/a>, die die journalistische Arbeit der ARD-Redaktion Aktuell, der (Basis-)Nachrichtenagentur DPA und von f&uuml;nf &uuml;berregionalen Tageszeitungen einer kritischen Analyse unterzieht. Der Kommunikationswissenschaftler und Publizist Hans-J&uuml;rgen Arlt und der Sozialwissenschaftler und bis 2006 Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, Wolfgang Storz fragen danach, ob der Wirtschaftsjournalismus<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5002\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,50,41],"tags":[1546,760,1545,283,1029,758,244],"class_list":["post-5002","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-finanzkrise","category-medienanalyse","tag-ard","tag-arlt-hans-juergen","tag-dpa","tag-finanzmaerkte","tag-otto-brenner-stiftung","tag-storz-wolfgang","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5002","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5002"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5002\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22738,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5002\/revisions\/22738"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5002"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5002"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5002"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}