{"id":50023,"date":"2019-03-11T08:41:43","date_gmt":"2019-03-11T07:41:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50023"},"modified":"2019-03-11T10:43:36","modified_gmt":"2019-03-11T09:43:36","slug":"aufmunterungen-im-sozialdarwinistischen-rattenrennen-zur-unsitte-der-abi-transparente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50023","title":{"rendered":"Aufmunterungen im sozialdarwinistischen Rattenrennen \u2013 Zur Unsitte der Abi-Transparente"},"content":{"rendered":"<p>Als ich mit einem Freund nach dem Besuch einer Veranstaltung in Marburg zum Auto zur&uuml;ckging, kamen wir an einem Gymnasium vorbei. Der gesamte Eingangsbereich war mit Plakaten und bemalten Bettlaken vollgestellt und &ndash;geh&auml;ngt. Zun&auml;chst dachten wir an eine Form des Sch&uuml;lerprotestes gegen Klimawandel, Schulstress und Leistungsterror, aber bei genauerem Hinsehen begriffen wir, dass es sich um Aufmunterungs- und Durchhalteparolen f&uuml;r die Sch&uuml;ler handelte, die dieser Tage mit den Abiturpr&uuml;fungen beginnen. Ein Beitrag von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Toi,toi,toi, Anna-Lena &raquo;, &laquo; Ganz viel Gl&uuml;ck, Kevin ! &raquo;, &laquo; Sina, gib Gas! &raquo;, &bdquo;Du schaffst es, Leon!&ldquo;, &bdquo;Hau rein, Lisa&ldquo;, &bdquo;Wir denken an Dich, Jessica&ldquo;, hatten Eltern und Geschwister auf T&uuml;cher und Transparente gemalt. <\/p><p>&bdquo;Was f&uuml;r ein Aufriss&ldquo;, sagte mein Begleiter, &bdquo;ich glaube, meine Eltern haben, als ich Abitur gemacht habe, gar nicht genau gewusst, wann das stattfindet.&ldquo; Die vor dieser Marburger Schule demonstrierte F&uuml;rsorge stimmte auch mich skeptisch. Hinter all den scheinbar fr&ouml;hlichen Aufmunterungen ist eine kaum verhohlene Drohung sp&uuml;rbar: &bdquo;Wehe, du schaffst das nicht!&ldquo; Die Eltern haben bereits das Belohnungscabriolet bestellt, das Studienfach ausgew&auml;hlt und den Wohnheimplatz besorgt. Man hat ins Kind doch investiert und das muss sich nun rentieren. F&uuml;rsorge ist mit Leistungsdruck wie zu einem Zopf verflochten. Da lob ich mir die Indifferenz meiner Eltern, die irgendwann einmal fragten: &bdquo;Na, wie war&rsquo;s?&ldquo; Als ich alles hinter mir und bestanden hatte, bekam ich eine Reiseschreibmaschine f&uuml;rs Studium geschenkt. Das war alles. Es wurde kein Bohei um das Abitur gemacht, es war kaum der Rede wert und war dadurch alles etwas entspannter. Wenn man nicht gerade Medizin studieren wollte, kam es auf den Notendurchschnitt nicht besonders an. <\/p><p>Ein anderer Bekannter, der in der N&auml;he von Gie&szlig;en Lehrer ist, berichtete mir von den vor der Schule aufgeh&auml;ngten Transparenten zur Aufmunterung der Abiturienten. Seine Schule habe den Eltern und Geschwistern gewisse R&auml;ume daf&uuml;r zugewiesen. Seit einigen Jahren habe sich das aus zaghaften Anf&auml;ngen zu einem festen Brauch entwickelt. Inzwischen k&ouml;nne sich niemand dieser Prozedur entziehen, ohne sich vor der gesamten Schul&ouml;ffentlichkeit als lieblos und gleichg&uuml;ltig zu outen. Es sei obligatorisch, dass f&uuml;r jeden Sch&uuml;ler ein Transparent aufgeh&auml;ngt werde. Die meisten Eltern m&uuml;ssten aber der Ehrlichkeit halber eigentlich auf die Transparente schreiben: &bdquo;Ein Wunder, dass du es bis zum Abitur geschafft hast, Kevin!&ldquo;, oder: &bdquo;So bl&ouml;d und trotzdem Abitur!&ldquo;, oder: &bdquo;Hoffentlich hast du dir nicht alle Gehirnzellen weggesoffen&ldquo;.<\/p><p>Heutige Abiturienten lassen ihre Abi-Feiern von Eventagenturen ausrichten. Sie feiern nicht l&auml;nger in der Schulaula oder der Turnhalle, sondern suchen sich daf&uuml;r eine m&ouml;glichst &bdquo;coole Location&ldquo;, die eine Sternwarte, ein Flugzeughangar, eine Brauerei oder die &ouml;rtliche Kongresshalle sein kann. Die Abi-Feiern sollen m&ouml;glichst amerikanischen College- und Highschool-Abschlussfesten gleichen. Die mit ihrer Durchf&uuml;hrung beauftragten Eventagenturen stellen das gesamte technische Equipment, sorgen f&uuml;r die Logistik, Deko, Catering, DJ, Security und organisieren, wenn gew&uuml;nscht, auch die Aftershow-Party. Immer &ouml;fter wird sogar ein roter Teppich verlangt, &uuml;ber den die Abiturienten stolz einmarschieren. Die Sch&uuml;ler wollen m&ouml;glichst die amerikanische Promi-Kultur imitieren, ihre Vorbilder stammen aus Serien, Soaps und Kino. Um die 100 Euro kostet denn auch eine Ballkarte. Man stylt sich zu diesem Anlass, als ginge man zu den Bayreuther Festspielen. Agenturen bieten zu horrenden Preisen ein &bdquo;Prom Package&ldquo; an: &bdquo;Limousinen-Service zum Friseur, Visagist, Fotograf und Abiball.&ldquo;<\/p><p>Bei uns in Kassel sah das Ende der 60er Jahre so aus: Wir haben mit unserer Klassenmannschaft morgens noch um die Schulmeisterschaft im Handball gespielt. Dann haben wir geduscht und unter der Dusche noch ein letztes Mal unsere Witze &uuml;ber Schule und Lehrer gerissen. Sind danach in die Turnhalle gegangen, wo schon die Eltern und Mitsch&uuml;ler sa&szlig;en. Das Schulorchester spielte Brahms, die von uns hergestellte Abi-Zeitung wurde an die G&auml;ste verteilt, der Direktor hielt eine Routine-Ansprache. Einer unserer Mitsch&uuml;ler kletterte in die B&uuml;tt und hielt eine bem&uuml;ht-lustige Rede, die dem Zeitgeist entsprechend auch ein paar kritische Bemerkungen zum Krieg in Vietnam enthielt. Dann wurden wir einzeln aufgerufen, mussten auf die B&uuml;hne kommen und erhielten unser Zeugnis aus der Hand des Direktors. Sch&uuml;ler, die sich irgendwelche besonderen Verdienste um die Schule erworben hatten, erhielten ein Buch zum Geschenk. Ich bekam eins wegen meiner langj&auml;hrigen Zugeh&ouml;rigkeit zur Handballmannschaft der Schule. Ich lie&szlig; mir &bdquo;Kinderkreuzzug oder beginnt die Revolution in den Schulen?&ldquo; von G&uuml;nther Amendt schenken. &bdquo;G&ouml;tz Eisenberg &ndash; zum Andenken an seine Schule&ldquo; steht da samt einer Unterschrift des Direktors als Widmung drin. Ich empfand es als kleinen Triumph, den Direktor gen&ouml;tigt zu haben, mir ein Buch mit diesem Titel zu &uuml;berreichen. Das war&lsquo;s dann auch schon. Man fuhr mit den Eltern, sofern sie &uuml;berhaupt erschienen waren, heim zum Mittagessen, manche gingen zur Feier des Tages vielleicht auch in ein Restaurant. Am Abend trafen wir uns mit unserer Clique bei &bdquo;Opa Lohmann&ldquo;, wo es den halben Liter Bier f&uuml;r 60 Pfennige gab. Dann zerstreuten sich die Klassenkameraden in alle Himmelsrichtungen zum Studium. <\/p><p>Wir waren froh, Schule und Elternh&auml;user nun endlich hinter uns lassen zu k&ouml;nnen. Das Abitur war unser Billett f&uuml;r die Reise in die Welt und etwas Neues, heraus aus der Enge b&uuml;rgerlich-kleinb&uuml;rgerlicher Familienverh&auml;ltnisse  und autorit&auml;rer Schulzw&auml;nge. Wir hatten Lehrer, die vom Krieg schwadronierten und gegen den Impuls ank&auml;mpfen mussten, morgens zur Begr&uuml;&szlig;ung die Hand zum &bdquo;Deutschen Gru&szlig;&ldquo; hochzurei&szlig;en. Am Anfang unserer Revolte stand die Auflehnung gegen das Waschen mit Kernseife, gegen den Kochpottschnitt, den einem ein mieser Friseur alle paar Wochen verpasste, gegen die Tischmanieren: &bdquo;Sitz gerade, linke Hand am Tellerrand, nimm den Ellbogen vom Tisch!&ldquo;, gegen die Sonntagshosen und die B&uuml;gelfalten, gegen die Waschlappen f&uuml;r oben und die f&uuml;r unten (wobei unten immer mit Schmutz assoziiert wurde), gegen die unaufgearbeitete NS-Vergangenheit der Elterngeneration und die daraus r&uuml;hrende Erstarrung des Lebens. Das Gros unserer Lehrer war durch und durch autorit&auml;r; sie verteilten Kopfn&uuml;sse und warfen mit Schl&uuml;sselbunden nach uns. Der Geschichtsunterricht endete mit dem Ende des Kaiserreichs, und selbstverst&auml;ndlich wurde dessen Untergang bedauert. Warum erz&auml;hle ich das? Damit nicht der Eindruck entsteht, fr&uuml;her sei alles besser gewesen. Es war nicht besser, aber vielleicht f&uuml;r uns weniger schlimm, weil wir uns wehren konnten, ja beinahe wehren mussten. Die Gewalt ging damals von den Lehrern aus, und wir wussten, gegen wen wir uns zu wehren hatten. Deswegen machten wir uns nicht untereinander fertig, sondern verhielten uns einigerma&szlig;en solidarisch. <\/p><p>Ich hatte also das Abitur bestanden &ndash; mit einem Notendurchschnitt von 3,8. Wie gesagt, darauf kam es nicht an. Mein Banknachbar aus den letzten Schuljahren und ich arbeiteten nach dem Abitur sechs Wochen bei der Spinnfaser, einer chemischen Fabrik, die bei Ostwind ganz Kassel mit ihrem Schwefel-Gestank &uuml;berzog. Als wir genug Geld verdient hatten &ndash; man erhielt als Sch&uuml;ler 2,24 DM pro Stunde, die einem am Ende der Woche in einer Lohnt&uuml;te ausgezahlt wurden &ndash; fuhren wir mit einem alten VW-K&auml;fer &uuml;ber Prag nach Jugoslawien, wo wir vier Wochen Ferien machten. Wir zelteten, zogen uns die Stachel von Seeigeln aus den F&uuml;&szlig;en und kochten auf einem Propangaskocher T&uuml;tensuppen. Unter dem Schilfdach der Campingkneipe, &uuml;ber das die Ratten liefen, h&ouml;rten wir Anfang August 1969 vom Tod Adornos und beschlossen schuldbewusst, ihn nach unserer R&uuml;ckkehr zu lesen. Es gab, da unsere Eltern durch ihre Verstrickung in die Geschichte des Nationalsozialismus als Vorbilder ausfielen, in unserer Generation eine gro&szlig;e Sehnsucht nach nicht besch&auml;digten Autorit&auml;ten, und dazu geh&ouml;rten vor allem die aus der Emigration zur&uuml;ckgekehrten linken Intellektuellen, an denen wir uns orientierten und von denen wir viel gelernt haben. <\/p><p><em><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er ist Mitinitiator des Gie&szlig;ener Georg-B&uuml;chner-Clubs. Eisenberg arbeitet an einer &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo;, deren dritter Band unter dem Titel &bdquo;Zwischen Anarchismus und Populismus&ldquo; 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gie&szlig;en erschienen ist. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich mit einem Freund nach dem Besuch einer Veranstaltung in Marburg zum Auto zur&uuml;ckging, kamen wir an einem Gymnasium vorbei. 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