{"id":5015,"date":"2010-03-31T08:49:33","date_gmt":"2010-03-31T07:49:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5015"},"modified":"2014-08-07T13:17:40","modified_gmt":"2014-08-07T11:17:40","slug":"arbeitskosten-steigen-was-heisst-das-eigentlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5015","title":{"rendered":"Arbeitskosten steigen \u2013 Was hei\u00dft das eigentlich?"},"content":{"rendered":"<p>Zufall oder nicht, mitten hinein in die Debatte um die Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft und um die Folgen der Leistungsbilanzungleichgewichte kommt die Mitteilung des Statistischen Bundesamtes, dass die Arbeitskosten im Jahre mit 4,1 Prozent auf durchschnittlich 35,60 Euro deutlich angestiegen sind.<br>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,686347,00.html\">&bdquo;Arbeitskosten in Deutschland steigen massiv&ldquo;<\/a>, so oder so &auml;hnlich lauten die Schlagzeilen. Verliert die deutsche Wirtschaft ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit? Sind die Sorgen unserer Nachbarn, dass sie durch unser Lohndumping niederkonkurriert werden, damit unbegr&uuml;ndet? Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zun&auml;chst die Ausgangsmeldung: <\/strong><\/p><blockquote><p>&bdquo;Nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) bezahlten Arbeitgeber im Jahr 2009 in der deutschen Privatwirtschaft im Durchschnitt 30,90&nbsp;Euro f&uuml;r eine geleistete Arbeitsstunde. Im europ&auml;ischen Vergleich lag das Arbeitskostenniveau in Deutschland damit nach D&auml;nemark, Belgien, Luxemburg, Frankreich, &Ouml;sterreich, Finnland und den Niederlanden auf Rang acht. D&auml;nemark wies mit 37,40&nbsp;Euro die h&ouml;chsten, Bulgarien mit 2,90&nbsp;Euro die niedrigsten Arbeitskosten je geleisteter Stunde auf.<br>\nIm Verarbeitenden Gewerbe, das besonders im internationalen Wettbewerb steht, kostete eine Arbeitsstunde in Deutschland im Jahr 2009 durchschnittlich 35,60&nbsp;Euro. Damit lag Deutschland hinter Belgien (38,50&nbsp;Euro) und D&auml;nemark (35,90&nbsp;Euro) auf Rang drei in der Europ&auml;ischen Union.<br>\nDie Branche mit den h&ouml;chsten Arbeitskosten in Deutschland war im Jahr 2009 die Energieversorgung (50,30&nbsp;Euro). Die niedrigsten Arbeitskosten zahlten die Arbeitgeber im Gastgewerbe mit 16,10&nbsp;Euro.<br>\nDer durch die Wirtschaftskrise hervorgerufene R&uuml;ckgang der geleisteten Arbeitsstunden (Abbau von Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit) f&uuml;hrte in Deutschland im Jahr 2009 zu einem starken Anstieg der Arbeitskosten je geleisteter Stunde. Innerhalb der Europ&auml;ischen Union verzeichnete Deutschland in der Privatwirtschaft mit 4,1% die siebth&ouml;chste Wachstumsrate, im Verarbeitenden Gewerbe mit 5,1% die sechsth&ouml;chste Wachstumsrate (gemessen in Euro). In vielen Mitgliedstaaten, die nicht dem Euro-W&auml;hrungsgebiet angeh&ouml;ren, f&uuml;hrten zum Teil massive Abwertungen der heimischen W&auml;hrung gegen&uuml;ber dem Euro zu deutlich niedrigeren oder auch negativen Ver&auml;nderungsraten.<br>\nArbeitskosten setzen sich aus den beiden Hauptbestandteilen Bruttol&ouml;hne und -geh&auml;lter sowie Lohnnebenkosten zusammen. Die Betrachtung des Verh&auml;ltnisses der Lohnnebenkosten zu den Bruttol&ouml;hnen und -geh&auml;ltern erlaubt einen Vergleich der Lohnnebenkosten unabh&auml;ngig vom Lohnniveau der einzelnen Mitgliedstaaten. Im Jahr 2009 zahlten die Arbeitgeber in Deutschland auf 100&nbsp;Euro Bruttolohn und -gehalt 32&nbsp;Euro Lohnnebenkosten. Damit lag Deutschland unter dem europ&auml;ischen Durchschnitt von 36&nbsp;Euro und nahm mit Rang 13 innerhalb der Europ&auml;ischen Union einen Mittelplatz ein. In Frankreich entfielen auf 100&nbsp;Euro Lohn zus&auml;tzlich 50&nbsp;Euro Lohnnebenkosten, in Malta waren es nur 9&nbsp;Euro. Hauptbestandteil der Lohnnebenkosten sind die Sozialbeitr&auml;ge der Arbeitgeber, also vor allem die gesetzlichen Arbeitgeberbeitr&auml;ge zu den Sozialversicherungen sowie die Aufwendungen f&uuml;r die betriebliche Altersversorgung.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>So, als wolle das Statistische Bundes-&bdquo;Amt&ldquo; Sch&uuml;tzenhilfe gegen die kritischen Stimmen wegen der <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_pb_1_2010.pdf\">Exportlastigkeit [PDF &ndash; 104 KB]<\/a> der deutschen Wirtschaft leisten, wird die allj&auml;hrliche Statistik der sog. Arbeitskosten im passenden Augenblick ver&ouml;ffentlicht. <\/p><p><strong>Deutschland ist eben nicht Welt- oder Europameister bei den Arbeitskosten<\/strong><\/p><p>Trotz der dramatisierenden Schlagzeilen ist zun&auml;chst einmal festzustellen, dass diese Statistik, die in Talkshows st&auml;ndig wiederholte Behauptung der Wirtschaft widerlegt, Deutschland habe die h&ouml;chsten Arbeitskosten: Deutschland liegt innerhalb der EU auf Platz 8. <\/p><p>Die Arbeitskosten sind dar&uuml;ber hinaus im Zusammenhang mit der Wettbewerbsf&auml;higkeit von geringer Aussagekraft. <\/p><blockquote><p>&bdquo;Um die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Wirtschaft in Deutschland zu beurteilen, greift eine Analyse der Niveaus der Arbeitskosten zu kurz. Diese Kosten m&uuml;ssen vielmehr der Produktivit&auml;t gegen&uuml;bergestellt werden, die die Leistungsf&auml;higkeit der Wirtschaft abbildet. (&hellip;) Das geeignete Ma&szlig; f&uuml;r L&auml;ndervergleiche ist daher die Entwicklung der Lohnst&uuml;ckkosten, die Lohnsatz und Arbeitsproduktivit&auml;t zueinander in Beziehung setzen. Wegen ihrer engen Verbindung zur Preisbildung sind die Lohnst&uuml;ckkosten ein besserer Indikator f&uuml;r die Wettbewerbsf&auml;higkeit als die Arbeitskostenniveaus.&ldquo; (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_report_44_2009.pdf\">boeckler.de [PDF &ndash; 280 KB]<\/a><\/p><\/blockquote><p>Es ist im &Uuml;brigen ja nicht so, dass etwa der Spitzenreiter bei den Arbeitskosten, D&auml;nemark, wirtschaftlich schlechter dast&uuml;nde als Deutschland oder gar Bulgarien mit Arbeitskosten von 2,90 Euro besser. Oder ist etwa der Osten Deutschlands mit deutlich niedrigeren Arbeitskosten als der westliche Teil durch eine hohe Exportquote in Erscheinung getreten?<\/p><p><strong>Lohnst&uuml;ckkosten sind ein wichtigerer Ma&szlig;stab<\/strong><\/p><p>Bei der Entwicklung dieser Lohnst&uuml;ckkosten lag jedoch Deutschland in den zur&uuml;ckliegenden Jahren (bis auf Japan) weit hinter seinen wirtschaftlichen Konkurrenten:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/100331_lohnstueckkosten_internationaler_vergleich.jpg\" alt=\"Entwicklung der Lohnst&uuml;ckkosten im internationalen Vergleich\" title=\"Entwicklung der Lohnst&uuml;ckkosten im internationalen Vergleich\"><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/wissen\/BTM4XM,0,Entwicklung_der_Lohnst%FCckkosten_im_internationalen_Vergleich.html\">Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung<\/a><\/p><p>Von 2004 bis 2006 fielen die Lohnst&uuml;ckkosten sogar nominell und selbst noch im Krisenjahr 2008 hatte kein europ&auml;isches Land einen <a href=\"http:\/\/www.wko.at\/statistik\/eu\/europa-lohnstueckkosten.pdf\">niedrigeren Anstieg [PDF &ndash; 72 KB]<\/a>.<\/p><p>Es ist diese vergleichsweise geringe Steigerung der Lohnst&uuml;ckkosten, die Deutschland gegen&uuml;ber seinen europ&auml;ischen Nachbarn und in der Welt so wettbewerbsf&auml;hig gemacht und zu den hohen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen gef&uuml;hrt hat.<\/p><p><strong>Anstieg der Arbeitskosten eine Folge der Krise<\/strong><\/p><p>Dass die Wachstumsrate im Jahr 2009 mit 4,1 Prozent auf den siebth&ouml;chsten (!) Wert anstieg, hat eine simple Erkl&auml;rung: Deutschland hatte auf Grund der weltweiten Finanz- und der dadurch ausgel&ouml;sten Wirtschaftskrise gerade wegen seiner Exportabh&auml;ngigkeit einen besonders hohen Wachstumseinbruch von &uuml;ber minus 5 Prozent. Es ist nur logisch, dass wenn die Produktion einbricht, sich der &bdquo;Produktionsfaktor&ldquo; Arbeit in Relation zur generierten Wertsch&ouml;pfung zun&auml;chst verteuerte. <\/p><p><strong>Realeinkommen sind gesunken<\/strong><\/p><p>Dieser Zusammenhang erkl&auml;rt auch, dass die Arbeitskosten nicht unmittelbar etwas zu tun haben mit den tats&auml;chlichen L&ouml;hnen. Es sind z.B. die unterausgelasteten Kapazit&auml;ten und der R&uuml;ckgang der geleisteten Arbeitsstunden (Abbau von Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit) in Deutschland im Jahr 2009 die zu einem Anstieg der Arbeitskosten je geleisteter Stunde f&uuml;hrten. (Darauf wies das Statistische Bundesamt auch korrekterweise hin.) <\/p><p>Das hei&szlig;t die Unternehmen haben zwar im Verh&auml;ltnis zum Kapitaleinsatz h&ouml;herer Arbeitskosten, aber damit haben die einzelnen Arbeitnehmer noch lange nicht h&ouml;here L&ouml;hne. Noch vor einer Woche meldete das Statistische Bundesamt, dass das Realeinkommen 2009 <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,685605,00.html\">um 0,4 Prozent gesunken<\/a> ist. Bei der Kurzarbeit ist das ohnehin der Fall.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Der Zuwachs der realen L&ouml;hne und der Lohnnebenkosten zusammen hat den realen Verteilungsspielraum, gemessen in Form des Produktivit&auml;tsfortschritts, in den letzten zwanzig Jahren praktisch nie ausgesch&ouml;pft. &Uuml;ber den gesamten Zeitraum gesehen sind die Arbeitskosten um fast 15 Prozentpunkte hinter der Produktivit&auml;t zur&uuml;ckgeblieben, hat sich also die Verteilung der Einkommen zugunsten der Arbeitgeber verbessert. In den USA und in Gro&szlig;britannien etwa hat sich in diesem Zeitraum die Verteilung fast nicht ver&auml;ndert, sind die Arbeitskosten also n&auml;her an der Produktivit&auml;t geblieben, obwohl es viel weniger Lohnnebenkosten gibt.&ldquo; (<a href=\"?p=1377\">Heiner Flassbeck<\/a>)<\/p><\/blockquote><p><strong>Mythos &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Auch wird der Mythos der zu hohen Lohnnebenkosten ein weiteres Mal zerst&ouml;rt: Deutschland liegt auf Platz 14.<br>\nLohnnebenkosten im Verh&auml;ltnis zu den Bruttol&ouml;hnen und &ndash;geh&auml;ltern im Jahr 2009  <\/p><p>Auf 100 Euro Bruttolohn und -gehalt entfielen 2009 &hellip; Euro Lohnnebenkosten (in Euro) <\/p><ul>\n<li><strong>Europ&auml;ische Union (EU 27): 36<\/strong><\/li>\n<li>Frankreich: 50<\/li>\n<li>Schweden: 49<\/li>\n<li>Belgien: 46<\/li>\n<li>Italien: 46<\/li>\n<li>Litauen: 42<\/li>\n<li>Ungarn: 40<\/li>\n<li>Griechenland: 40<\/li>\n<li>&Ouml;sterreich: 40<\/li>\n<li>Estland: 38<\/li>\n<li>Spanien: 38<\/li>\n<li>Tschechische Republik: 37<\/li>\n<li>Slowakei: 34<\/li>\n<li>Rum&auml;nien: 33<\/li>\n<li>Deutschland: 32<\/li>\n<li>Niederlande: 30<\/li>\n<li>Portugal: 29<\/li>\n<li>Lettland: 29<\/li>\n<li>Vereinigtes K&ouml;nigreich: 27<\/li>\n<li>Finnland: 27<\/li>\n<li>Polen: 26<\/li>\n<li>Bulgarien: 23<\/li>\n<li>D&auml;nemark: 22<\/li>\n<li>Zypern: 19<\/li>\n<li>Luxemburg: 18<\/li>\n<li>Slowenien: 18<\/li>\n<li>Malta: 9<\/li>\n<\/ul><p>Daten von Irland liegen nicht vor.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,686347,00.html\">Spiegel<\/a> <\/p><p>Dabei ist selbst diese Statistik nicht die ganze Wahrheit bei der Diskussion um die &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;. Zu den hier erfassten &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; werden auch die freiwilligen oder tariflich abgesicherten Leistungen, wie Betriebsrenten oder sonstige sozialen Leistungen der Unternehmen gez&auml;hlt. Die hier angegebenen &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; sind also nicht etwa die gesetzlich auferlegten, diese lagen 2006 bei 20 Euro und Deutschland lag damit auf Platz 17 <a href=\"?p=3172\">unter den 27  EU-L&auml;ndern<\/a>. <\/p><p>Und &uuml;ber die Senkung dieser gesetzlichen Sozialbeitr&auml;ge der Arbeitgeber wird bei uns seit Jahren gestritten.<\/p><p>Man muss wohl leider weiter davon ausgehen, dass in der Politik und in den Medien diese Fakten nicht zur Kenntnis genommen werden. Die Bundesregierung und die etablierten Parteien werden weiter die Senkung der Lohnnebenkosten zum wichtigsten Mittel zur Senkung der Arbeitslosigkeit und f&uuml;r das wirtschaftliche Wachstum erkl&auml;ren. Und die &bdquo;Mietm&auml;uler&ldquo; in der Wissenschaft und in den Medien werden sich weiter die M&auml;r die angeblich zu hohen L&ouml;hne und die viel zu hohen &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; wie ein Mantra nachbeten. Es ist eben schon immer so gewesen: mit Mythen soll &uuml;ber die Realit&auml;t hinwegget&auml;uscht werden, mit Mythen l&auml;sst sich das kritische Bewusstsein der Menschen vernebeln und mit Mythen hat man seit Jahrhunderten die V&ouml;lker verf&uuml;hrt. Deshalb braucht die Politik und brauchen die einschl&auml;gigen Interessenverb&auml;nde auch heute den Mythos der zu hohen &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; &ndash; egal ob dieser Mythos l&auml;ngst durch die Wirklichkeit zerst&ouml;rt wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zufall oder nicht, mitten hinein in die Debatte um die Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft und um die Folgen der Leistungsbilanzungleichgewichte kommt die Mitteilung des Statistischen Bundesamtes, dass die Arbeitskosten im Jahre mit 4,1 Prozent auf durchschnittlich 35,60 Euro deutlich angestiegen sind.<br \/> <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,686347,00.html\">&bdquo;Arbeitskosten in Deutschland steigen massiv&ldquo;<\/a>, so oder so &auml;hnlich lauten die Schlagzeilen. 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