{"id":50295,"date":"2019-03-19T13:45:10","date_gmt":"2019-03-19T12:45:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50295"},"modified":"2026-01-27T11:31:41","modified_gmt":"2026-01-27T10:31:41","slug":"henning-venske-auch-etwas-zu-verschweigen-ist-ein-probates-mittel-der-propaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50295","title":{"rendered":"Henning Venske: \u201eAuch etwas zu verschweigen, ist ein probates Mittel der Propaganda\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Permanentes Misstrauen ist oberste B&uuml;rgerpflicht&ldquo;, wenn es um die Berichterstattung der Medien geht. Und: &bdquo;Wer Nachrichten mit gesicherten Informationen verwechselt, der frisst auch gelben Schnee.&ldquo; Mit diesen klaren Worten &auml;u&szlig;ert sich der Kabarettist <strong>Henning Venske<\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. Venske, der im April dieses Jahres seinen 80.  Geburtstag feiert, wirft im Interview einen kritischen Blick auf die Medien. Am Journalismus unserer Zeit f&auml;llt ihm auf, &bdquo;dass kaum eine wichtige gesellschaftspolitische Entscheidung ohne <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43915\">Propaganda-Kampagnen<\/a> zustande kommt.&ldquo; Ein Interview von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Venske, in Ihrem Buch f&uuml;hren Sie ein Zitat von George Orwell an: &bdquo;Journalismus ist, etwas zu ver&ouml;ffentlichen, von dem andere nicht wollen, dass es ver&ouml;ffentlicht wird. Alles andere ist Propaganda.&ldquo; Welche Bedeutung kommt diesem Zitat heute zu? <\/strong><\/p><p>Das Zitat ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Nehmen wir mal als Beispiel die allj&auml;hrlich wiederkehrende Vogelgrippe. Da verf&uuml;gt dann das Bundesforschungsinstitut f&uuml;r Tiergesundheit die Stallpflicht f&uuml;r Gefl&uuml;gel. Schuld daran seien Wildv&ouml;gel, hei&szlig;t es, die auf ihrem Vogelzug das Virus aus Ostasien zu uns bringen. Aber in Wirklichkeit grassiert das Virus H5N8 im Warenaustausch der Gefl&uuml;gel-Industrie, die Eintagsk&uuml;ken nach Asien exportiert und von dort Tierfutter importiert. Das soll aber nicht publik werden, denn durch die Stallpflicht wird die l&auml;stige Bio-Bauern-Konkurrenz mehr oder minder ausgeschaltet, wohingegen die Verursacher der Vogelgrippe profitieren. Wenn die &Ouml;ffentlichkeit erf&auml;hrt, dass die Vogelgrippe von der Industrie produziert wird, drohen m&ouml;glicherweise Exportverbote, und das w&auml;re finanziell recht &auml;rgerlich.  Die Verantwortlichen in den Landwirtschaftsministerien, das Management der Gefl&uuml;gelindustrie und die Medienmitarbeiter, die lieber schweigen statt aufzukl&auml;ren, halten eine Gef&auml;hrdung der Menschen f&uuml;r w&uuml;nschenswerter als Nachteile f&uuml;r die Industrie. Auch etwas zu verschweigen, ist ein probates Mittel der Propaganda.<\/p><p><strong>Als Kabarettist haben Sie immer wieder intensiv die Berichterstattung der Medien verfolgt. Was f&auml;llt Ihnen am Journalismus unserer Zeit besonders auf? <\/strong><\/p><p>Man bem&uuml;ht sich, mein Unterhaltungsbed&uuml;rfnis zu befriedigen. Am&uuml;sant zum Beispiel die Berichterstattung &uuml;ber das, was die CIA-Geheimdienstler &uuml;ber russische Staatshacker in die &Ouml;ffentlichkeit lancieren. Ausgerechnet die CIA &ndash; waren das nicht die gleichen Leute, die damals behauptet haben, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt?<\/p><p>Dann ist mir aufgefallen, dass kaum eine wichtige gesellschaftspolitische Entscheidung ohne Propaganda-Kampagnen zustande kommt: F&uuml;r die Austerit&auml;tspolitik und f&uuml;r den Exportweltmeister Deutschland, gegen die &bdquo;Pleitegriechen&ldquo;, gegen die gesetzliche Rente und f&uuml;r die F&ouml;rderung der privaten Altersvorsorge, gegen jeden Streik und alle Streikenden, f&uuml;r mehr Geld f&uuml;r die R&uuml;stung, f&uuml;r die Auto-Industrie und gegen die Besitzer von Dieselfahrzeugen, gegen Russland und Putin und gegen die Antifa sowieso. Und wie wirksam Medienpropaganda ist und wie wenig sogar ein Kanzlerkandidat das durchschaut, wurde deutlich, als Martin Schulz in einem Interview aus der Zustimmung von SPD-Funktion&auml;ren zu dem Freihandelsabkommen TTIP auf eine breite Zustimmung in Deutschland schloss.  <\/p><p><strong>Mediennutzer stehen vor einem altbekannten Problem: Sie haben kaum die M&ouml;glichkeit genau zu &uuml;berpr&uuml;fen, ob das, was Medien berichten, auch tats&auml;chlich der Wahrheit entspricht. <\/strong><\/p><p>Stimmt. Wer wissen will, was in Syrien, im Irak oder im Jemen wirklich los ist, wer die Wei&szlig;helme bezahlt, warum deutsche Soldaten in Mali stationiert sind oder warum sie sich immer noch in Afghanistan aufhalten, ist aufgeschmissen: Die Meinungsf&uuml;hrer in den Medien betreiben Indoktrination, und was nicht ins Propagandabild passt, wird weggelassen. Wenn USA und Nato Raketen einsetzen,  dann sind das chirurgische Pr&auml;zisionsschl&auml;ge, die der Freiheit dienen. Die Russen hingegen bombardieren zum Zweck der Unterdr&uuml;ckung vor allem Alte, Frauen und Kinder.  In der Moskauer Propaganda ist es umgekehrt.  Einig ist sich die Propaganda beider Seiten in der Behauptung: Man muss auf jeden Fall Bomben werfen, um Frieden zu schaffen.<\/p><p><strong>Wie nehmen Sie die Berichterstattung zu Russland und die Krise in der Ukraine wahr?<\/strong><\/p><p>Dazu muss man wissen, dass der Russe im Lauf der Geschichte Deutschland immer wieder &uuml;berfallen hat. Der Russe hat schon Karl dem Gro&szlig;en die s&auml;chsische Schweiz weggenommen,  er hat den 30-j&auml;hrigen Krieg angefangen, er hat Dithmarschen okkupiert und die Holsteiner ausgerottet, er hat dem deutschen Reich die Kolonien geraubt und Kaiser Wilhelm bis nach Holland gejagt. Schlie&szlig;lich hat der Russe sogar dem absolut friedfertigen deutschen Nazireich einen Krieg aufgezwungen und Hamburg belagert und ausgehungert. Kein Wunder, dass schon der F&uuml;hrer Adolf Hitler russische Panzer in Berlin eher kritisch sah&hellip;   Es ist also verst&auml;ndlich, wenn &bdquo;Bildzeitung&ldquo; und &bdquo;BZ&ldquo; in Berlin eine Petition starten wegen des Sowjetischen Ehrenmals. Zitat:  &bdquo;In einer Zeit, in der russische Panzer das freie, demokratische Europa bedrohen, wollen wir keine Russen-Panzer am Brandenburger Tor.&ldquo;    Will man die Situation etwas weniger pointiert beschreiben: Kapitalismus herrscht h&uuml;ben wie dr&uuml;ben, und der Konkurrenzkampf innerhalb des globalen Kapitalismus zwischen Oligarchen einerseits und Heuschrecken andererseits wird von der deutschen Propaganda verkauft als &Uuml;berlebenskampf der guten westlichen Demokratien gegen die finstere post-bolschewistische Diktatur. <\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie sich diese Berichterstattung? <\/strong><\/p><p><em>Eindeutig:<\/em> Druck &bdquo;von oben&ldquo;. Und der verursacht: Angst, Feigheit, Bestechlichkeit, Gleichg&uuml;ltigkeit, Faulheit und Dummheit. Viel Dummheit.<\/p><p><strong>Worauf sollten kritische Mediennutzer achten? <\/strong><\/p><p>Am besten f&auml;ngt man damit an, nicht nur den Inhalt, sondern den Stil der Berichterstattung unter die Lupe zu nehmen. Beginnt ein Bericht mit &bdquo;Ganz Deutschland&ldquo; &ndash; kann man sicher sein: das ist schon gelogen. Alles und jeden mit Superlativen aufzumotzen (&bdquo;Die meiste Kreditkarte&ldquo;) und das allseits beliebte &bdquo;Ranking&ldquo; sind die beliebtesten Stilmittel und immer Anzeichen f&uuml;r Manipulation. Wenn in einer Rundfunkserie mit dem anma&szlig;enden  Titel &bdquo;Die gr&ouml;&szlig;ten L&uuml;gen des 20. Jahrhunderts&ldquo; (NDR-Kultur) Dieter Wedel als Regisseur des Films &bdquo;Schtonk&ldquo;  genannt wird statt Helmut Dietl, dann fragt man sich selbstverst&auml;ndlich: Was haben sich Autor und Redaktion in dieser Sendereihe sonst noch so zusammengelogen? Besonders wichtig aber ist es, in allen Meldungen nicht nur die Bilder ganz genau anzuschauen, sondern auch die Wortwahl zu &uuml;berpr&uuml;fen.  Als das ZDF in seiner Ukraine-Berichterstattung Mitglieder des Asow-Bataillons zeigte, die f&uuml;r die ukrainische Regierung in der Stadt Mariupol k&auml;mpften, sah man an deren Montur und Helmen Hakenkreuze und SS-Runen. Der Kommentar dazu lautete: &bdquo;Freiwilligenbataillone aus nahezu jedem politischen Spektrum verst&auml;rken die Regierungsseite&ldquo;.  &bdquo;Freiwillige&ldquo; und &bdquo;breites Spektrum&ldquo; &ndash; das sind positiv besetzte Begriffe &ndash; offenbar sollen die Zuschauer sich schon mal daran gew&ouml;hnen, dass in Mariupol die westliche Freiheit von Einheiten verteidigt wird, die der NS-Ideologie anh&auml;ngen.                                                                                Und wenn die Tagesschau meldet: &bdquo;Gestern war bekannt geworden, dass die CDU-Zentrale von Kanzlerin Angela Merkel Ziel eines vermutlich aus Russland gesteuerten Hacker-Angriffs geworden ist. Hinter der Attacke werden russische Hacker mit staatlichem Hintergrund vermutet&ldquo;, dann ist das eine plumpe Verarschung, denn &bdquo;vermuten&ldquo; hei&szlig;t: Nicht wissen, aber labern. Also: permanentes Misstrauen ist oberste B&uuml;rgerpflicht. Denn wer Nachrichten mit gesicherten Informationen verwechselt, der frisst auch gelben Schnee.<\/p><p><em>Lesetipp: Venske, Henning: <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/summa-summarum\/\">Summa Summarum. Ultimative satirische Abrechnungen, gemein aber nicht unh&ouml;flich.<\/a> Westend Verlag M&auml;rz 2019.<\/em><\/p><p>Foto: Kipling Phillips\/NDR<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Permanentes Misstrauen ist oberste B&uuml;rgerpflicht&ldquo;, wenn es um die Berichterstattung der Medien geht. Und: &bdquo;Wer Nachrichten mit gesicherten Informationen verwechselt, der frisst auch gelben Schnee.&ldquo; Mit diesen klaren Worten &auml;u&szlig;ert sich der Kabarettist <strong>Henning Venske<\/strong> im NachDenkSeiten-Interview. Venske, der im April dieses Jahres seinen 80. 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