{"id":50318,"date":"2019-03-20T11:00:56","date_gmt":"2019-03-20T10:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50318"},"modified":"2022-04-01T11:47:27","modified_gmt":"2022-04-01T09:47:27","slug":"interview-antirussische-meinungsmache-dominiert-in-grossbritannien-so-wie-auch-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50318","title":{"rendered":"Interview: \u201eAntirussische Meinungsmache dominiert in Gro\u00dfbritannien &#8211; so wie auch in Deutschland\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Parallelen zwischen der gegen Russland gerichteten Berichterstattung in Gro&szlig;britannien und Deutschland beschreibt <strong>Nicholas Cobb<\/strong> von der britischen Initiative &bdquo;Westminster Russia Forum&ldquo;. Cobb sieht im Interview mit den NachDenkSeiten die Verantwortung f&uuml;r das vergiftete britisch-russische Verh&auml;ltnis vor allem bei den gro&szlig;en Medien: die w&uuml;rden eine Stimmung entfachen, die auch gutmeinende Menschen abh&auml;lt, sich &ouml;ffentlich zum Dialog mit Russland zu bekennen. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3704\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-50318-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190320_Antirussische_Meinungsmache_in_Grossbritannien_und_Deutschland_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190320_Antirussische_Meinungsmache_in_Grossbritannien_und_Deutschland_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190320_Antirussische_Meinungsmache_in_Grossbritannien_und_Deutschland_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190320_Antirussische_Meinungsmache_in_Grossbritannien_und_Deutschland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=50318-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190320_Antirussische_Meinungsmache_in_Grossbritannien_und_Deutschland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190320_Antirussische_Meinungsmache_in_Grossbritannien_und_Deutschland_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Cobb, die Berichterstattung der gro&szlig;en deutschen Medien zu Russland muss als einseitig, verzerrt und verk&uuml;rzt bezeichnet werden. Etwa die Berichte zur Krim setzen meist nicht mit dem Umsturz in Kiew ein, sondern erst mit den russischen Reaktionen darauf. Zudem wird das Land oft unseri&ouml;s auf die Person des russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin reduziert. Sie sind Teil der britischen Initiative <a href=\"http:\/\/westminster-russia.org.uk\/author\/nickwrf\/\">&bdquo;Westminster Russia Forum&ldquo; (WRF)<\/a>, die sich f&uuml;r einen Austausch mit Russland stark macht. Beobachten Sie diese Art der Meinungsmache auch in Gro&szlig;britannien?<\/strong><\/p><p>Absolut, es gibt da offensichtlich viele Parallelen zwischen Deutschland und Gro&szlig;britannien, was die Berichterstattung anbelangt. Die Medien in Gro&szlig;britannien bringen zwar auch viele gute Stories &ndash; aber meist nicht zu Russland. Fast alles fokussiert sich auf den Pr&auml;sidenten Wladimir Putin. Etwa nach dem MH17-Abschuss waren die Schlagzeilen: &bdquo;Putins Rakete schie&szlig;t Passagierflieger ab&ldquo;. Die Medien geben den Menschen klare Schurken, jemanden, gegen den sie sich verb&uuml;nden k&ouml;nnen. Dieser Schurke ist momentan Russland.<\/p><p><strong>Auch ist beim Thema eine weitgehende Gleichf&ouml;rmigkeit unter den gro&szlig;en deutschen Medien festzustellen.<\/strong><\/p><p>Echte Unterschiede gibt es zum Thema auch unter den gro&szlig;en Medien in Gro&szlig;britannien nicht: Die Russophobie dominiert die Presse &ndash; in Deutschland wie in Gro&szlig;britannien. Ich sehe auch nicht, dass sich das in naher Zukunft &auml;ndern wird. Russland ist laut dem Tenor der gro&szlig;en britischen Zeitungen eine homophone Diktatur und f&ouml;rdert internationale Konflikte. Aber immerhin werden nicht die russischen Menschen attackiert.<\/p><p><strong>In Deutschland kommt es aber vor, dass Menschen, die sich f&uuml;r einen deutsch-russischen Dialog einsetzen, daf&uuml;r scharf attackiert werden.<\/strong><\/p><p>Das passiert in Gro&szlig;britannien ebenfalls. Einige Parlamentarier etwa hatten sich hinter den Kulissen verst&auml;ndigt, dass sie eine Position der Entspannung gegen&uuml;ber Russland vertreten. Aber sie sagten auch, dass sie f&uuml;r diesen Dialog nicht &ouml;ffentlich eintreten w&uuml;rden. Einer hat sich dennoch getraut: Er wurde von allen Seiten so scharf attackiert, dass sich das wohl nicht so bald wiederholen wird.<\/p><p>Bei einem anderen Beispiel hatte ein schottischer Ex-Politiker eine Sendung beim russischen Staatssender RT moderiert und ist daf&uuml;r &uuml;bel attackiert worden. So geht es jedem, der mit diesem Sender spricht. Die britischen Medien-Regulatoren erw&auml;gen ernsthaft, RT zu verbannen. Andererseits hilft sich aber auch RT nicht durch die zum Teil sehr provokative Berichterstattung.<\/p><p><strong>Wie gro&szlig; ist die Gruppe im Parlament, die prinzipiell eine Verst&auml;ndigung mit Russland unterst&uuml;tzen w&uuml;rde?<\/strong><\/p><p>Im Parlament gibt es 30-40 Abgeordnete, die sehr f&uuml;r bessere Beziehungen zu Russland sind. Aber sie w&uuml;rden es niemals offen sagen, weil die Attacken zu scharf w&auml;ren. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie die britischen B&uuml;rger dennoch erreichen mit Ihren Initiativen f&uuml;r eine Entspannung gegen&uuml;ber Russland?<\/strong><\/p><p>Ich w&uuml;rde sagen, bei 40 Prozent der Briten werden Sie die aus den Medien stammende Meinung zu Russland und Putin nicht &auml;ndern k&ouml;nnen. Aber da sind 60 Prozent, zu denen wir noch sprechen k&ouml;nnen. Au&szlig;erhalb der gro&szlig;en St&auml;dte etwa: Wenn Sie mit den Menschen sprechen, ist ihr erstes Problem nicht Putin oder Angst vor Russland.<\/p><p><strong>Was sind die konkreten Inhalte des Westminster Russia Forum (WRF)?<\/strong><\/p><p>Wir sind eine Lobby-Gruppe, allerdings nicht mit einem dicken Bankkonto &ndash; im Gegenteil. In Gro&szlig;britannien haben wir einige hundert Unterst&uuml;tzer aus allen Teilen der Gesellschaft. Uns verbindet ein Interesse an Russland. Ich w&uuml;rde mich als russophil bezeichnen, davon gibt es hier nicht viele.<\/p><p>Aber viele Engl&auml;nder haben dennoch ein Interesse an russischer Kultur oder sie arbeiten f&uuml;r eine russische Bank oder haben einen russischen Ehepartner. Wir wollen die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Banden zwischen unseren L&auml;ndern st&auml;rken, weil die Politik unt&auml;tig bleibt. Wir hatten als WRF fr&uuml;her Verbindungen zu britischen politischen Parteien, aber das hat sich ge&auml;ndert. Wir sind nun ein neutrales Forum f&uuml;r &Ouml;konomie und Politik. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie angesichts der feindlichen Stimmung in Medien und Politik Entwicklungen in Gang setzen?<\/strong><\/p><p>Es gibt eine Entwicklung &ndash; und die kommt nicht von den Medien und auch nicht von den Politikern. Sie geht von Menschen aus, die in Universit&auml;ten recherchieren wollen oder Interessen in Kultur, Sport oder in Musik haben, von internationalen Rechts-Firmen, Banken etc. Wenn die Politik sich weigert, die Beziehungen zu verbessern, dann muss das durch den Handel und die Kultur entstehen. <\/p><p><strong>In Deutschland gibt es eine starke Diskrepanz zwischen dem erzeugten hysterischen Medienbild zu Russland einerseits und Umfragen unter B&uuml;rgern: Dort zeigt sich, dass viele Deutsche nicht in Furcht vor Russland und Putin leben. Beobachten Sie diese Ungleichheit auch in Gro&szlig;britannien?<\/strong><\/p><p>Ja, hier ist es genau das Gleiche. Wie in Deutschland werden auch in Gro&szlig;britannien die gro&szlig;en Medien zunehmend in Frage gestellt, viele Menschen wenden sich von den Medien ab. Es gibt eine starke Diskrepanz zwischen dem kreierten Medienbild und den &Uuml;berzeugungen vieler B&uuml;rger.<\/p><p>Viele Briten lieben zum Beispiel die russische Kultur, etwa das Bolshoi, das jedes Jahr hier gastiert. Oder das Maslenitsa-Festival in London, wo viele normale Briten russische Kultur genie&szlig;en. Das kann ein Weg sein, jenseits der Politik zu Verst&auml;ndigung zu gelangen. Wenn die Menschen sich begegnen, kommen sie miteinander aus. Die meisten Briten interessieren sich wie gesagt nicht f&uuml;r die &bdquo;russische Gefahr&ldquo;.<\/p><p><strong>Solange die Politik sich sperrt: Sind also Kultur und Handel Wege der Ann&auml;herung?<\/strong><\/p><p>Ja, die  einzigen, die im Moment existieren. Offiziell gibt es keine Beziehungen zwischen den beiden L&auml;ndern. Es gibt so gut wie keinen politischen Austausch und die Stimmung ist feindlich. Aber: Unter der Oberfl&auml;che und angesichts des nahenden Brexit versucht die britische Regierung wohl doch ins russische Gesch&auml;ft zu kommen. Der neue britische Botschafter in Moskau agiert sehr f&uuml;r wirtschaftlichen und kulturellen Austausch, dabei werden politische Themen m&ouml;glichst ausgespart. Aber auf realer technischer Ebene gibt es eine verst&auml;rkte Zusammenarbeit zwischen den L&auml;ndern. Dazu kommen pers&ouml;nliche Verbindungen: In London leben 400.000 Russen. Sie k&ouml;nnen nicht durch die Stadt laufen, ohne Russisch zu h&ouml;ren. <\/p><p><strong>Wenn die Angriffe gegen eine Verst&auml;ndigung mit Russland so stark sind &ndash; wie wird dann mit Ihrer Person und dem WRF umgegangen? <\/strong><\/p><p>Ich bin permanenten Angriffen ausgesetzt. Ich wurde mehr als einmal &bdquo;Verr&auml;ter&ldquo; und alle m&ouml;glichen anderen Namen genannt. Es reicht, einmal einen Kommentar pro Verst&auml;ndigung zu schreiben, Sie werden die negativen Berichte dann nicht mehr los. Wir vom WRF haben f&uuml;r uns also beschlossen, dass wir uns nicht mehr um die negativen Kampagnen k&uuml;mmern. Die Leute denken eben, was sie &uuml;ber uns denken.<\/p><p><strong>Ist das WRF tats&auml;chlich die einzige britische politisch-mediale Initiative von Relevanz, die sich f&uuml;r Verst&auml;ndigung einsetzt?<\/strong><\/p><p>Da die Politiker sich nicht trauen, sich f&uuml;r einen Dialog mit Russland einzusetzen, bleiben im Moment nur wir. Es gibt zwar jene 30-40 Parlamentarier, die offen f&uuml;r einen Dialog w&auml;ren &ndash; aber niemand w&uuml;rde das offen zugeben. Da also die parlamentarischen Verbindungen, etwa zum russischen Parlament Duma, auf Eis liegen,  haben wir als WRF begonnen, Reisen f&uuml;r Parlamentarier zu organisieren und Treffen mit Duma-Mitgliedern f&uuml;r einen Austausch. <\/p><p>Das besondere Problem in Gro&szlig;britannien ist, das im Moment alles vom Brexit &uuml;berschattet wird: Dagegen erscheinen alle anderen Themen als unwichtig. Als Organisation haben wir zum Brexit eine neutrale Position. Der kulturelle Austausch mit Russland ist bereits stark. Auf politischer Ebene m&ouml;chte aber niemand zugeben, dass er bessere Beziehungen w&uuml;nscht. Darum sollte als alternative Verbindung wenigstens der Handel mit Russland nach einem m&ouml;glichen Brexit ausgebaut werden. Es gibt aber auch dort Bereiche &ndash; etwa Sicherheit und Energie &ndash; die ausgespart werden sollten. <\/p><p><strong>Sie sagen, dass es eine signifikante parlamentarische Gruppe g&auml;be, die f&uuml;r Entspannung mit Russland eintritt. Diese Gruppe traut sich aber nicht vorzutreten, wegen der zu erwartenden Medienkampagnen. Kann man dann die Medien als Hauptproblem der britisch-russischen Eskalation bezeichnen?<\/strong><\/p><p>Ja, absolut. Etwa die Berichterstattung zur Fu&szlig;ball-WM war wie die zur Olympiade 1980. Davon angesteckt, haben sogar Parlamentarier den Boykott der Fu&szlig;ball-WM gefordert. Die Skripal-Aff&auml;re hat die Stimmung zus&auml;tzlich vergiftet. Dieses Zusammenspiel aus billigem Journalismus und selbstverliebten Politikern ist das Problem. Und es ist im Interesse dieser Gruppen, einen Schurken wie Putin zu haben, dann werden weniger Fragen gestellt. Wenn man in die britischen Medien blickt, denkt man, Russland wolle Dover bombardieren. Im besten Fall gibt es neutrale Artikel &ndash; niemals pro. Die WM war aber m&ouml;glicherweise ein Wendepunkt: Trotz der angstmachenden Berichterstattung sind tausende Briten nach Russland gefahren &ndash; und sie sind zur&uuml;ckgekommen und haben eine andere Geschichte erz&auml;hlt. Die spricht sich dann herum. <\/p><p>Titelbild: ID1974 \/ Shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Zur Person: <strong>Nicholas Cobb<\/strong> &ndash; der britische Blogger, Berater und Gesch&auml;ftsmann ist seit 2014 Teil des <a href=\"http:\/\/westminster-russia.org.uk\/author\/nickwrf\/\">Westminster Russia Forum<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parallelen zwischen der gegen Russland gerichteten Berichterstattung in Gro&szlig;britannien und Deutschland beschreibt <strong>Nicholas Cobb<\/strong> von der britischen Initiative &bdquo;Westminster Russia Forum&ldquo;. 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