{"id":50350,"date":"2019-03-21T11:29:48","date_gmt":"2019-03-21T10:29:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50350"},"modified":"2019-03-21T14:57:51","modified_gmt":"2019-03-21T13:57:51","slug":"kulturpropaganda-bei-leipziger-buchmesse-wenn-spaltung-zu-verstaendigung-erklaert-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50350","title":{"rendered":"Kulturpropaganda bei Leipziger Buchmesse: Wenn Spaltung zu \u201eVerst\u00e4ndigung\u201c erkl\u00e4rt wird"},"content":{"rendered":"<p>Ein fragw&uuml;rdiges Buch &uuml;ber den &bdquo;Mafiastaat&ldquo; Russland wurde bei der Leipziger Buchmesse mit dem &bdquo;Buchpreis zur Europ&auml;ischen Verst&auml;ndigung&ldquo; ausgezeichnet. Diese Wahl ist absurd, denn sie bewirkt wie das Buch das Gegenteil von Verst&auml;ndigung. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9067\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-50350-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190321_Kulturpropaganda_bei_Leipziger_Buchmesse_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190321_Kulturpropaganda_bei_Leipziger_Buchmesse_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190321_Kulturpropaganda_bei_Leipziger_Buchmesse_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190321_Kulturpropaganda_bei_Leipziger_Buchmesse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=50350-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190321_Kulturpropaganda_bei_Leipziger_Buchmesse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190321_Kulturpropaganda_bei_Leipziger_Buchmesse_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Zur Er&ouml;ffnung der Leipziger Buchmesse wurde am Mittwochabend die russisch-amerikanische Autorin Masha Gessen mit dem &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.leipziger-buchmesse.de\/pressemitteilungen\/883650\">Buchpreis zur Europ&auml;ischen Verst&auml;ndigung<\/a>&ldquo; geehrt. Das ist ein sehr erstaunlicher Vorgang. Denn scheinbar versteht die Buchmesse jene Verst&auml;ndigung eher als eine &bdquo;Integration&ldquo; durch Feindbildaufbau: Gessens aktuelles Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/die_zukunft_ist_geschichte-masha_gessen_42842.html\">Die Zukunft ist Geschichte: Wie Russland die Freiheit gewann und verlor<\/a>&ldquo; ist das Gegenteil von verbindend &ndash; schlie&szlig;lich wird der europ&auml;ische Nachbar Russland pauschal als verbrecherischer &bdquo;Mafiastaat&ldquo; gezeichnet. Hier wird nicht Europa integriert, sondern mutma&szlig;lich sollen EU-L&auml;nder auf Kosten einer russischen Diffamierung zusammengeschwei&szlig;t werden.<\/p><p><strong>Eine Kampfschrift wird zur seri&ouml;sen Beschreibung verkl&auml;rt<\/strong><\/p><p>Die Leipziger Buchmesse legt &ndash; auch in Abgrenzung zur Messe in Frankfurt am Main &ndash; traditionell einen Fokus auf Osteuropa: Darum schwingt hier oft ein russland-kritischer Geist mit. Aber die Wahl der diesj&auml;hrigen Preistr&auml;gerin geht weit &uuml;ber diese bekannte Tendenz hinaus. Denn mit der Auszeichnung von Gessen und ihrer Kampfschrift wird eine fast schon extremistische Position durch die Buchmesse in den Stand einer allgemein g&uuml;ltigen Betrachtung zu Russland erhoben. <\/p><p>F&uuml;r Gessen und die fast durchweg positiven Rezensionen des Buches ist klar, wann Russland seine Freiheit gewonnen hatte und wann es sie wieder eingeb&uuml;&szlig;t hat. Demnach war die Regentschaft des Pr&auml;sidenten Boris Jelzin in den 90er Jahren eine Zeit der Freiheit. Die fand mit dem Aufstieg des heutigen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin ihr Ende.  Das ist nicht nur eine schlichte und tendenzi&ouml;se Darstellung der j&uuml;ngeren russischen Geschichte &ndash; diese Darstellung ist zudem zynisch: Weil das Leid der russischen Bev&ouml;lkerung w&auml;hrend der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-13492035.html\">neoliberalen Schocktherapie<\/a> der 90er Jahre durch diese Sichtweise negiert wird. <\/p><p><strong>Schocktherapie unter Jelzin als gute alte Zeit<\/strong><\/p><p>In den Rezensenten der gro&szlig;en Zeitungen fand Gessen aber willige Unterst&uuml;tzer der falschen These von den gar nicht so schlechten Jelzin-Jahren. So erkl&auml;rt Gessen <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/masha-gessen-erhaelt-leipziger-buchpreis-zur-europaeischen-verstaendigung-16095995.html\">laut &bdquo;FAZ&ldquo;<\/a>, &bdquo;wie es kommen konnte, dass die Errungenschaften der neunziger Jahre, die Wirtschaftsliberalisierung, der Wiederaufstieg lange verbotener humanwissenschaftlicher Disziplinen in Russland wieder zur&uuml;ckgenommen wurden&ldquo;. Den Artikel &uuml;ber den &bdquo;luziden, thesenstarken Text, der Familiendramen, Wissenschaftsjournalistik und politische Reportage miteinander verwebt&ldquo;, hat die &bdquo;FAZ&ldquo; mit &bdquo;Der Meister des B&ouml;sen aus Moskau&ldquo; &uuml;berschrieben. Geht so also &bdquo;europ&auml;ische Verst&auml;ndigung&ldquo;?<\/p><p>Auch der <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/masha-gessen-die-zukunft-ist-geschichte-trauma-des-krieges.700.de.html?dram:article_id=442760\">&bdquo;Deutschlandfunk&ldquo;<\/a> nimmt Gessens Buch zum Anlass f&uuml;r radikale Geschichtsklitterung: &bdquo;Die fr&uuml;hen neunziger Jahre waren eine Zeit gro&szlig;er M&ouml;glichkeiten, M&ouml;glichkeiten, die aber nur von wenigen zum finanziellen Vorteil genutzt wurden.&ldquo; So kann man einen staatlichen nahezu Total-Zusammenbruch, der mit Elend und krimineller Anarchie einherging, nat&uuml;rlich auch umschreiben. &bdquo;Statt also das verhei&szlig;ungsvolle Prickeln neuer M&ouml;glichkeiten zu versp&uuml;ren, neuer Denkm&ouml;glichkeiten vor allem, ergriff viele Russen gr&ouml;&szlig;te Verunsicherung&ldquo;, so der DLF. Der Sender wundert sich nicht, dass es &bdquo;f&uuml;r Gessen &uuml;ber die letzten zwanzig Jahre im Grunde auch wenig zu berichten&ldquo; gibt. Das ist nachvollziehbar, denn in solchen Berichten &uuml;ber die letzten zwanzig Jahre w&uuml;rden auch die teils positiven Aspekte der Konsolidierung des russischen Staates unter Putin ins Auge springen. <\/p><p><strong>&bdquo;Putins Russland&ldquo;: Der &bdquo;mafi&ouml;se Staat&ldquo;<\/strong><\/p><p>Neben vielen anderen Medien verbreitet auch der <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/masha-gessen-russland-ist-ein-mafioeser-staat_id_10480383.html\">&bdquo;Focus&ldquo;<\/a> Gessens These, nach der Russland &bdquo;ein mafi&ouml;ser Staat&ldquo; sei. Die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/masha-gessen-russland-usa-leipziger-buchmesse-1.4372888\">&bdquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung&ldquo;<\/a> signalisiert ihre Haltung schon in der &Uuml;berschrift: &bdquo;Ein schwuler Putin als Papierhampelmann&ldquo;. Die Zeitung wiederholt Gessens These von der russischen &ldquo;totalit&auml;ren Gesellschaft, die von einem Mafiastaat regiert wird&ldquo;. Aber als eine der gro&szlig;en Ausnahmen &auml;u&szlig;ert die SZ wenigstens leise Kritik an der radikalen Einseitigkeit des Buches: &bdquo;W&auml;re es nicht wichtig gewesen, auch mal einen eloquenten Putin-Anh&auml;nger zu Wort kommen zu lassen? Das findet Masha Gessen &uuml;berhaupt nicht, sie glaube nicht daran, dass jemand, der dem Regime nahesteht, die Situation klug analysieren k&ouml;nne.&ldquo; Diese in ihrer Verallgemeinerung fragw&uuml;rdige These findet die &bdquo;SZ&ldquo; zwar &bdquo;einerseits richtig&ldquo;, sie f&uuml;hre andererseits aber zu dem Eindruck, &bdquo;dass ganz Russland nur noch aus Oppositionellen oder Vollstreckern besteht&ldquo;. <\/p><p>Das Buch hat teils sprachliche St&auml;rken und es mag in seinen Beschreibungen etwa der urbanen russischen Schwulenszenen teils treffend sein &ndash; wenn es als Leser gelingt, Gessens stets mitschwingende grobe Meinungsmache auszublenden. Aber das Buch ist das Gegenteil von Verst&auml;ndigung. Zum einen wegen Gessens instrumentalisiertem und engem Fokus auf gro&szlig;st&auml;dtische Subkulturen. Und zum anderen durch die der Autorin eigene harte und dadurch giftige ideologische Haltung. <\/p><p><strong>Das Gegenteil von Verst&auml;ndnis und Verst&auml;ndigung<\/strong><\/p><p>Darum trifft auch nicht zu, was ehemals &bdquo;linke&ldquo; Publikationen &uuml;ber das Buch schreiben. Die <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/augen-oeffnen-11867075.html\">&bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo; bezeichnet<\/a>  Gessen als &bdquo;Welterkl&auml;rerin&ldquo; und kommt zu dem erstaunlichen Schluss: &bdquo;Die Leipziger Buchmesse zeigt mit der Auszeichnung Gessens wieder einmal, dass es ihr bei der Verst&auml;ndigung ganz wesentlich ums Verstehen geht. Gessens gro&szlig;e Begabung ist es, uns verst&auml;ndlich zu machen, was uns fremd ist.&ldquo; Auch die <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/Archiv-Suche\/!5553786&amp;s=Masha%2BGessen&amp;SuchRahmen=Print\/\">&bdquo;taz&ldquo; findet<\/a>: &bdquo;Wer Russland verstehen m&ouml;chte, kommt um dieses Buch nicht herum.&ldquo; Und die <a href=\"https:\/\/www.leipziger-buchmesse.de\/pressemitteilungen\/883650\">Buchmesse bezeichnet<\/a> Gessens Werk in ihrer fragw&uuml;rdigen Entscheidung als &bdquo;ein wichtiges Buch, unerbittlich, ergreifend und zugleich in seiner Analyse scharfsichtig&ldquo;.<\/p><p>Angesichts der Berichterstattung erscheint Gessen aber viel eher als ein Symbol f&uuml;r die gro&szlig;en Irrt&uuml;mer und aktiven Verzerrungen der hiesigen Medien bez&uuml;glich Russlands, die aus der westlichen Sehnsucht nach einem &bdquo;liberalen&ldquo; Umsturz entstehen. Die Person der Autorin und die sehr begrenzten Ausschnitte Russlands, die sie beschreibt, erf&uuml;llen nahezu perfekt die westlichen Projektionen auf das Land. So perfekt, dass &uuml;ber diese Begeisterung die engen Nischen-Beschreibungen Gessens zur allgemein g&uuml;ltigen Darstellung von ganz Russland erkl&auml;rt werden. Jenes Russland k&ouml;nne man schlie&szlig;lich nach dem Buch &bdquo;endlich verstehen&ldquo;. Tats&auml;chlich stehen diese Art von begrenzten Ausschnitts-Beschreibungen einem echten Verst&auml;ndnis des facettenreichen Landes aber sehr entgegen.<\/p><p>Wie mit Kultur und konkret mit Preisverleihungen Propaganda betrieben wird, haben die NachDenkSeiten bereits in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49250\">diesem Artikel<\/a> zum &bdquo;Journalist des Jahres&ldquo; beschrieben, in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46728\">diesem Artikel<\/a> zum Sacharow-Preis der EU oder in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46130\">diesem Artikel<\/a> &uuml;ber den an Angela Merkel verliehenen Medienpreis &bdquo;Ehren-Victoria&ldquo;.<\/p><p>Titelbild: Val Thoermer \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein fragw&uuml;rdiges Buch &uuml;ber den &bdquo;Mafiastaat&ldquo; Russland wurde bei der Leipziger Buchmesse mit dem &bdquo;Buchpreis zur Europ&auml;ischen Verst&auml;ndigung&ldquo; ausgezeichnet. 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