{"id":50391,"date":"2019-03-24T11:45:21","date_gmt":"2019-03-24T10:45:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50391"},"modified":"2022-04-01T11:45:19","modified_gmt":"2022-04-01T09:45:19","slug":"die-wahlen-waren-legal-was-maduros-regierung-in-gewisser-weise-delegitimiert-ist-ihre-leistung-im-gespraech-mit-alejandro-gonzalez-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50391","title":{"rendered":"Die Wahlen waren legal. Was Maduros Regierung in gewisser Weise delegitimiert, ist ihre Leistung &#8211; im Gespr\u00e4ch mit Alejandro Gonz\u00e1lez (2\/2)"},"content":{"rendered":"<p>In Fortsetzung des gestrigen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50388\">ersten Teils des Interviews<\/a> mit dem Energie-Fachmann, Hochschulprofessor und politischen Blogger <strong>Alejandro L&oacute;pez-Gonz&aacute;lez<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50391#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] folgt hier der zweite und abschlie&szlig;ende Teil. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Nicht selten wurde der verstorbene Pr&auml;sident Ch&aacute;vez wegen schwerwiegender Fehler kritisiert, wie zum Beispiel die Abwicklung der &Ouml;lgesch&auml;fte im W&auml;hrungssystem des US-Dollar und das Anvertrauen der Goldreserven Venezuelas an britische Banken; eine Achillesferse, die gerade mit der Usurpierung von Goldbarren im Werte von 1 Milliarde Dollar auf dramatische Weise sichtbar wurde. Auch ist unverst&auml;ndlich, weshalb der Chavismo nicht f&uuml;r Investitionen in der landwirtschaftlichen Entwicklung und die Steigerung der Lebensmittel-Erzeugung sorgte. Erz&auml;hlen Sie uns von den Erfolgen und Fehlschl&auml;gen der Regierungen von Ch&aacute;vez und Maduro in der Wirtschafts-, Industrie- und Versorgungspolitik.<\/strong><\/p><p>Als Hugo Ch&aacute;vez nach seiner ersten Wahl die Regierungsmacht &uuml;bernimmt, erkl&auml;rt er die &bdquo;Zahlung der Sozialschulden&rdquo;, wie er es nannte, zur Priorit&auml;t seines Regierungsprogramms, alles andere erschien ihm zweitrangig. Im politischen Verst&auml;ndnis von Ch&aacute;vez hatte das venezolanische Volk Anspruch auf gewaltige soziale Investitionen, haupts&auml;chlich in Gesundheit und Bildung, die seit Jahrzehnten nicht get&auml;tigt worden waren. Ch&aacute;vez meinte, dass der Staat als erstes seine &bdquo;sozialpolitischen Verbindlichkeiten&rdquo; tilgen m&uuml;sste, um tiefergehende Transformationen einzuleiten, und nicht umgekehrt.<\/p><p>Nach dem Putschversuch vom April 2002 und der <a href=\"https:\/\/lateinamerika-nachrichten.de\/artikel\/medienputsch-und-erdoelsabotage\/\">Erd&ouml;lsabotage von Anfang 2003<\/a> war Ch&aacute;vez ferner der Ansicht, dass die finanzpolitische Konfrontation mit den internationalen Wirtschaftsm&auml;chten keinen Vorrang besitze. Er r&auml;umte verschiedenen transnationalen Konzernen am Orinoco-&Ouml;lg&uuml;rtel Zugest&auml;ndnisse ein, um damit einen &bdquo;Waffenstillstand&rdquo; mit dem transnationalen Gro&szlig;kapital zu erzielen. Das gleiche Ziel verfolgte die Deponie nationaler Goldreserven in ausl&auml;ndischen Banken. In jener Phase wollte er sich nur der sozialen &bdquo;Schuldentilgung&rdquo; widmen und &uuml;berlegte vielleicht, dass er keinen permanenten, gleichzeitigen &bdquo;Krieg&rdquo; an der einheimischen und der internationalen Front f&uuml;hren k&ouml;nnte. Das erkl&auml;rt, weshalb Ch&aacute;vez der Maximierung der Sozialausgaben durch die sogenannten Misiones den Vorrang gab.<\/p><p>Diese &bdquo;Missionen&rdquo; waren ein gesetzlicher Hebel, womit er &ouml;ffentliche Einnahmen direkt f&uuml;r Sozialpl&auml;ne bereitstellen konnte, ohne &ndash; wie er es nannte &ndash; administrativen oder &bdquo;b&uuml;rokratischen&rdquo; Aufwand und Kontrolle. Die Missionen funktionierten als eine Art Parallelstaat, das hei&szlig;t, die Gesundheitsmissionen arbeiteten parallel zum Gesundheitsministerium, also nicht unbedingt nach den Pl&auml;nen der Staatsverwaltung; ebenso wenig die &bdquo;Energiemissionen&rdquo;. Doch damit wurden 1.100 Megawatt in Kraftwerken mit dezentraler Stromerzeugung und bar jeder technischen Beziehung zu den offiziellen Energie-Unternehmen errichtet, denen diese Missionen ohne jegliche vorherige Konsultation und Abstimmung auferlegt wurden. Tats&auml;chlich beruhte Ch&aacute;vez&lsquo; Entwicklungsmodell von 2004 bis 2012 auf enormen Sozialausgaben, darunter die Missionen, die aus den &Ouml;leinnahmen finanziert wurden &ndash; mehr nicht.<\/p><p>Nach Angaben des ehemaligen Planungsministers von Ch&aacute;vez, Jorge Giordani, wurden zwischen 2004 und 2012 650 Milliarden Dollar in Sozialausgaben &bdquo;investiert&rdquo;. In den urspr&uuml;nglichen Pl&auml;nen der Alternativen Bolivarischen Agenda von 1996 waren diese Sozialausgaben zur Begleichung der &bdquo;Sozialschulden&rdquo; auf 100 Milliarden Dollar gesch&auml;tzt worden. Nachdem Giordani 2014 von Nicol&aacute;s Maduro aus der Regierung ausgeschlossen wurde, erkl&auml;rte er, dass von jenen 650 Milliarden Dollar mindestens 250 Milliarden auf Offshore-Konten au&szlig;erhalb Venezuelas landeten. Es war eine enorme, vielleicht die gr&ouml;&szlig;te Kapitalflucht in der Geschichte Venezuelas.<\/p><p>Mit dem Einbruch der Erd&ouml;lpreise im Jahr 2009 begann auch die Talfahrt vom Modell der &bdquo;Sozialschulden-Tilgung&rdquo;. Der gravierende Fehler bestand in der Annahme, dass der &Ouml;lpreis zumindest f&uuml;r weitere 15 Jahre H&ouml;chstst&auml;nde verzeichnen und der Regierung Zeit f&uuml;r die vollst&auml;ndige &bdquo;Abzahlung&ldquo; ihrer sozialen Verpflichtungen geben w&uuml;rde, um sich anschlie&szlig;end dem politischen Modell eines &bdquo;neuen Staates&rdquo; zu widmen. Der sollte aus den Missionen erwachsen, die parallel zum sogenannten &ldquo;b&uuml;rgerlichen Staat&rdquo; ausgebaut wurden. Das war nicht m&ouml;glich. Es gab keine Schonzeit, die &Ouml;lpreise fielen und es gab nichts Konkretes, um den &ldquo;b&uuml;rgerlichen Staat&rdquo; zu ersetzen.<\/p><p>Angesichts der enormen wirtschaftlichen Macht, die der Staat als Eigner der Erd&ouml;lgesellschaft mit den gr&ouml;&szlig;ten Reserven der Welt darstellte und damals mit einem einzigen Barrel &Ouml;l 100 Dollar verdiente, war Hugo Ch&aacute;vez der Ansicht, dass er auf die Zusammenarbeit mit der einheimischen Privatwirtschaft verzichten k&ouml;nne. Er richtete die gesamte verbale und mediale Artillerie des Staates gegen die Unternehmer im Agrarsektor, in Industrie und Handel. Mit den zunehmenden Importen, die mit Petro-Dollars subventioniert wurden, gingen private einheimische Agrar- und Lebensmittelunternehmen eines nach dem anderen Pleite. Dann wurde ein staatlicher Lebensmittelkonzern gegr&uuml;ndet, der mit Dollars zu Vorteils-Notierungen weiterhin die Importe erh&ouml;hte und die einheimischen &ndash; politisch gesehen sicherlich sehr reaktion&auml;ren, doch eben venezolanischen &ndash; Gesch&auml;ftsleute in den Ruin trieb.<\/p><p>Der Staat importierte pl&ouml;tzlich Reis, Maismehl, Weizenmehl, praktisch alles. Andererseits muss man auch sagen, dass die zu jener Zeit auf dem Binnenmarkt aktiven, einheimischen b&ouml;rsennotierten Unternehmen niemals rentabler waren als der mit Vorzugs-Dollars subventionierte Import. Das hat dazu gef&uuml;hrt, dass diese b&ouml;rsennotierten Unternehmen gegenw&auml;rtig als totales Fiasko betrachtet werden. Als ehemaliger Beamter im Energieministerium, zwischen 2011 und 2016, kann ich sehr wohl den fortschreitenden Absturz jener b&ouml;rsennotierten Unternehmen best&auml;tigen, die schlie&szlig;lich 2016 am Boden lagen; deren Mitarbeiter ihre Arbeitstage unt&auml;tig hinter sich brachten und nichts produzierten.<\/p><p>Ende 2012, Wochen vor seiner Reise nach Kuba f&uuml;r seine letzte Operation, erkl&auml;rte Ch&aacute;vez, es sei notwendig, den gesamten urspr&uuml;nglichen Plan an eine radikale &bdquo;Kurs&auml;nderung&rdquo; anzupassen, also den von mir beschriebenen Zust&auml;nden einen neuen organisatorischen Rahmen verpassen. Es ist jedoch offensichtlich, dass der Plan &bdquo;nicht nach Plan&ldquo; verlief und die politische strategische Konzeption der sogenannten &ldquo;bolivarianischen Revolution&rdquo; radikal ge&auml;ndert werden musste. Die Zeit lief aber den Planungen davon. Monate sp&auml;ter starb Hugo Ch&aacute;vez und eine korrupte Fraktion der Partei- und Staatsf&uuml;hrung &uuml;bernahm die Macht.<\/p><p>Seitdem folgt die Politik der regierenden Sozialistischen Einheitspartei Venezuelas (PSUV) einem v&ouml;llig anderen Narrativ. &Uuml;ber das wirtschaftliche Missmanagement der Regierung Nicol&aacute;s Maduro braucht nicht viel gesagt werden. Ich empfinde gewisse Schwierigkeiten bei der Aufforderung, diese Regierung beschreiben zu m&uuml;ssen. Es handelt sich gewiss um eine absolut improvisierte, planlose Regierung, die, von ihrem pamphletartigen Stil und den Parolen abgesehen, keine solide Ideologie vorzuweisen hat.<\/p><p>Ich denke, angesichts ihrer korrupten und populistischen Natur verf&uuml;gt sie kaum &uuml;ber seri&ouml;se Pl&auml;ne, die &uuml;ber das elementare, t&auml;gliche &Uuml;berleben hinausgehen. &bdquo;Von der Hand in den Mund leben&ldquo;, w&auml;re wohl die gleichzeitige Karikatur und korrekte Umschreibung der Misswirtschaft. In den Armenvierteln von Caracas gibt es ein Sprichwort (&bdquo;<em>como vaya viniendo vamos viendo<\/em>&rdquo; &ndash; &bdquo;Mal sehen wie&acute;s kommt und dann wir schauen weiter&rdquo;), das die sorglose Improvisation benennt. Ich denke, das ist der Regierungsplan von Nicol&aacute;s Maduro.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190323-Venezuela-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><br>\nBild: Marcos Salgado\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Lassen Sie uns &uuml;ber Erd&ouml;l sprechen, ein Thema, das nur wenige Leute besser kennen als Sie &ndash; Sie waren ja mehr als 10 Jahre f&uuml;r den PDVSA-Konzern t&auml;tig. In einem <a href=\"https:\/\/thesaker.is\/saker-interview-with-michael-hudson-on-venezuela-february-7-2019\/\">k&uuml;rzlich ver&ouml;ffentlichten Gespr&auml;ch<\/a> bekr&auml;ftigte der US-amerikanische &Ouml;konom Michael Hudson, dass Hugo Ch&aacute;vez es vers&auml;umt habe, die Unterschlagungen und kaschierten Schein-Einkommensverluste im &Ouml;lsektor energisch zu bek&auml;mpfen. Auch gelang ihm nicht, die Kapitalflucht der Oligarchie aufzuhalten, die ihren Reichtum ins Ausland verlegte und zum Teil selbst davonlief. Sind diese Argumente ausreichend, um die PDVSA-Krise zu erkl&auml;ren? Und was ist von den massiven Attacken des ehemaligen Ch&aacute;vez-Ministers Rafael Ram&iacute;rez gegen Maduro in den sozialen Netzwerken zu halten?<\/strong><\/p><p>Ich stimme dieser Aussage von Herrn Hudson voll und ganz zu. Ich denke, die vorigen Ausf&uuml;hrungen machten deutlich, dass dies der Fall ist. Es gibt nicht viel mehr hinzuzuf&uuml;gen, als dass es &Ouml;konomen gibt, die die tats&auml;chliche H&ouml;he der Kapitalflucht mit 600 Milliarden Dollar ansetzen, was absolut enorm ist. Ch&aacute;vez hat es nicht geschafft, die Veruntreuung und die Korruption im Erd&ouml;lbereich zu beseitigen. Und obwohl es sich als Paradoxon liest, glaube ich, dass er es nicht versucht hat. Er widmete sich, wie gesagt, vorrangig einem Teil seines Plans von der Tilgung der Sozialschulden und sonst nichts. Das &Uuml;brige &uuml;berlie&szlig; er Mitarbeitern wie Rafael Ram&iacute;rez, der sich als &auml;u&szlig;erst korrupt erwies.<\/p><p>Die PDVSA-Krise ist jedoch nicht nur auf Korruption zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Ich absolvierte 2004 meinen Abschluss als Ingenieur und kam ein Jahr nach der Sabotage in der &Ouml;lindustrie zum PDVSA. Man sollte wissen, dass 20.000 PDVSA-Mitarbeiter infolge dieser Sabotage den Konzern verlie&szlig;en; entweder, weil sie wegen krimineller Aktivit&auml;ten gegen die Infrastruktur des Unternehmens gefeuert wurden oder weil sie beschlossen hatten, das Unternehmen aus eigener Initiative zu verlassen. Zum Thema Sabotage in der &Ouml;lindustrie im Jahr 2003 gibt es viele B&uuml;cher, aber ein sehr gutes Buch &ndash; &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/nube-negra-Golpe-petrolero-Venezuela\/dp\/9802444111#_blank\">La Nube Negra: Golpe Petrolero&rdquo; \/ &ldquo;Die schwarze Wolke: Der Erd&ouml;l-Anschlag<\/a>&rdquo; &ndash; wurde vom kubanischen Botschafter in Venezuela, Germ&aacute;n S&aacute;nchez Otero, geschrieben.<\/p><p>Der Schaden, den die Sabotage in der nationalen &Ouml;lindustrie angerichtet hatte, war immens. Es gibt &Ouml;lverarbeitungsanlagen, die bis heute dahinsiechen, ohne jemals repariert worden zu sein. Als ich bei PDVSA zu arbeiten begann, standen zahlreiche B&uuml;ros leer, man begegnete kaum jemandem und die Neuen, wie wir, waren haupts&auml;chlich junge Ingenieure und Absolventen autonomer Universit&auml;ten mit nationalem Prestige; etwas, das sich sp&auml;ter leider &auml;ndern w&uuml;rde.<\/p><p>Das B&uuml;ro, das mir zugewiesen wurde, war der Arbeitsplatz eines Ingenieurs mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung, der pers&ouml;nliche Gegenst&auml;nde zur&uuml;ckgelassen hatte, die ich aufbewahren und an das Archiv des Unternehmens liefern musste. Ich musste Hals &uuml;ber Kopf, ohne vorherige Schulung und ohne klare Anweisungen meiner Vorgesetzten, den Ingenieur ersetzen. Diese Chefs machten eine kleine Gruppe aus, die das Unternehmen w&auml;hrend der Sabotageakte von 2003 nicht verlassen hatten, jedoch nicht gerade zu den technisch Qualifiziertesten geh&ouml;rten.<\/p><p>Der gr&ouml;&szlig;te Schaden im PDVSA-Konzern war also der Verlust des gesamten technischen Personals. Wir, die Neuen, mussten am Anfang sehr hart arbeiten; es war eine Schufterei. Ein paar wenige Chefs wurden als &bdquo;Helden des neuen PDVSA&rdquo; ausgezeichnet, doch dieser anf&auml;ngliche, revolution&auml;re und sozialistische Impuls hielt nicht lange an.<\/p><p>Der Vorsitz von Rafael Ram&iacute;rez hat uns entt&auml;uscht. Korruption wurde bei betr&uuml;gerischen K&auml;ufen offensichtlich. Die Geldmenge war &uuml;berw&auml;ltigend, das &Ouml;l-Barrel brachte 100 US-Dollar ein und das Unternehmen, das t&auml;glich mehr als 2 Millionen Barrel f&ouml;rderte, war berauscht vom &ldquo;Tanz der Millionen&rdquo;. Die Geh&auml;lter waren sehr gut, aber es gab eine riesige Verschwendung. Die Sozialausgaben dienten oft als Entschuldigung f&uuml;r Korruption. Der Wohnungsbau wurde direkt von PDVSA &uuml;ber Tochterbaugesellschaften betrieben, die oft mit Managern des Unternehmens besetzt waren, von denen wiederum einige als &ldquo;Helden des neuen PDVSA&rdquo; bezeichnet wurden. Das war f&uuml;r einen neuen Ingenieur, wie mich, damals entt&auml;uschend.<\/p><p>Der PDVSA-Konzern wurde durch Korruption und mangelnde Management-Strategie zur Wiederherstellung von verlorengegangenem Fachwissen und der Ausbildung neuer Marktteilnehmer zerst&ouml;rt. Von den neuen Ingenieuren, die wie wir mit dieser ersten Neuanstellungs-Welle den Konzern betraten, waren die meisten an den besten Universit&auml;ten des Landes ausgebildet worden. Wir waren revolution&auml;r und sozialistisch gesinnt, doch davon ist heute fast nichts mehr &uuml;brig. Wir wurden nach und nach durch Ingenieure ersetzt, die die von der Regierung gegr&uuml;ndeten neuen Universit&auml;ten absolviert hatten.<\/p><p>Grunds&auml;tzlich erkannte das Management von Rafael Ram&iacute;rez schnell, dass es bei Ingenieuren wie uns schwierig war, die offen praktizierte Korruption der Manager, die Ram&iacute;rez in allen Territorialabteilungen des Unternehmens untergebracht hatte, straflos fortzusetzen. Sammelbewegungen sozialistischer Arbeiter wurden geschaffen, um Widerstand zu leisten, die Medien und die Regierungspartei stellten sich jedoch taub. Letztendlich verlie&szlig;en wir geschlossen das Unternehmen und wurden durch loyale Ingenieure ersetzt, die an neuen Universit&auml;ten auf sehr niedrigem technischen Niveau ausgebildet worden und der politischen Ausrichtung des Unternehmens vollst&auml;ndig h&ouml;rig waren; ein schrecklicher Zustand.<\/p><p>Ich kann nicht schw&ouml;ren, ob Rafael Ram&iacute;rez gestohlen hat oder nicht, das wird irgendwann von einem Gericht entschieden. Was ich jedoch best&auml;tigen kann, ist, dass es w&auml;hrend seiner Verwaltungszeit und mit seinem Wissen in meinem Fachgebiet zahlreiche Korruptionsf&auml;lle innerhalb von PDVSA gab und dass die zentrale Unternehmensf&uuml;hrung in undurchsichtige Praktiken involviert war.<\/p><p>Das hatte wiederum mit der Krise des Elektro-Sektors zu tun. Hunderte von Ingenieuren jener ersten Welle k&ouml;nnten heutzutage die PDVSA-Korruption bezeugen. Viele der im ersten Teil des Interviews erw&auml;hnten Anlagen wurden nicht von Corpoelec, sondern von PDVSA erworben. Im Korruptionsfall, in dem Anlagen der deutschen Siemens involviert sind, werden st&auml;rkere Verbindungen zu PDVSA von Rafael Ram&iacute;rez als zu Corpoelec erkennbar. Au&szlig;erdem war die Mittelverschwendung von 2004 bis 2012 in PDVSA w&auml;hrend der Rafael-Ram&iacute;rez-Administration ausgesprochen brutal.<\/p><p>Die Gr&uuml;nde f&uuml;r das pl&ouml;tzliche Zerw&uuml;rfnis zwischen Ram&iacute;rez und Maduro liegen ganz woanders. Ram&iacute;rez wollte schon immer Pr&auml;sident Venezuelas werden und hatte Geld, um sich selbst zu finanzieren. Maduro witterte diese Gefahr und zun&auml;chst entfernten sich beide voneinander. Das hei&szlig;t, Maduro erkannte in Ram&iacute;rez eine Gefahr f&uuml;r seine eigene politische Hegemonie und damit brach der offene Konflikt aus. Mit dem Korruptionsvorwurf als politischer Waffe wurde Ram&iacute;rez sozusagen politisch in die Enge getrieben und verlie&szlig; das Land. Doch daran stimmt etwas, er ist n&auml;mlich tats&auml;chlich ein Dieb. Aber nicht mehr oder weniger als viele aus dem Umfeld Maduros.<\/p><p>Ram&iacute;rez&lsquo; Anklage, Maduro sei ein &bdquo;illegitimer&ldquo; Pr&auml;sident, ist b&ouml;sartig. Die Wahlen vom 20. Mai 2018 waren legal, Maduro wurde rechtm&auml;&szlig;ig gew&auml;hlt. Was Maduros Regierung in gewisser Weise delegitimiert, ist ihre Leistung. Es ist eine Regierung, die zum Kartell korrupter Beamter mutierte. Und bedauerlich ist dabei die unt&auml;tige venezolanische Justiz.<\/p><p><strong>Beeindruckende Hintergr&uuml;nde, die den meisten Lesern, selbst den meisten Journalisten kaum bekannt sind. Kehren wir nun zur Gegenwart zur&uuml;ck und sprechen wir &uuml;ber bilaterale Beziehungen.<\/strong><\/p><p><strong>Das deutsche Ausw&auml;rtige Amt erkl&auml;rte sich von der Ausweisung Daniel Krieners, des deutschen Botschafters in Caracas, &bdquo;&uuml;berrascht&rdquo;, obwohl dieser in den vergangenen Wochen mehrmals Seite an Seite mit Juan Guaid&oacute; auftrat und Pr&auml;sident Nicol&aacute;s Maduro als &bdquo;illegitim&rdquo; bezeichnete. Wie sehen Sie es aus der Perspektive der venezolanischen Souver&auml;nit&auml;t?<\/strong><\/p><p>Nun, schauen Sie sich die Reden des deutschen Botschafters im UN-Sicherheitsrat an, absolut diffamierende und vor Ungereimtheiten strotzende Reden. W&auml;hrend der letzten Sitzung antwortete Venezuelas Au&szlig;enminister Jorge Arreaza ja energisch auf die Rede des deutschen Botschafters zum Fall Venezuela. Ich muss sagen, dass es mir sogar schien, als ob der russische Botschafter den deutschen Botschafter w&auml;hrend dieser Sitzung schwer in Verlegenheit brachte. Er hat die totale und absolute Verkennung der Realit&auml;t Venezuelas durch die deutsche Regierung und ihre Diskurse bar jeder realen Grundlage als stupide Wiederholung der Slogans der US-Regierung blo&szlig;gestellt.<\/p><p>Ich finde es bedauerlich, dass Deutschland gegen&uuml;ber den amerikanischen Interessen eine so dienliche Position einnimmt. Auch dass die Position Europas im Allgemeinen unw&uuml;rdig erscheint. Ich bin &uuml;berrascht, dass die Regierung Nicol&aacute;s Maduro abwartete, bis der Botschafter an der Seite Juan Guaid&oacute;s bei dessen R&uuml;ckkehr nach Venezuela auftrat, um den Deutschen auszuweisen. Ich bin der Ansicht, Venezuela h&auml;tte seit den Auftritten im UN-Sicherheitsrat und den offenen Einmischungen des deutschen Botschafters in Venezuela l&auml;ngst die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrechen sollen.<\/p><p>Es waren unh&ouml;fliche Worte und unw&uuml;rdige Auftritte einer gro&szlig;en und m&auml;chtigen Nation wie Deutschland. Ich verstehe die europ&auml;ische Position wirklich nicht. Ich verstehe die europ&auml;ischen Interessen nicht, wenn Europa das Spiel der USA gegen Venezuela spielt. Die europ&auml;ische Position scheint mir mittelm&auml;&szlig;ig zu sein, Regierungen wie die Spaniens &uuml;berraschen mich &uuml;berhaupt nicht, aber die deutsche Haltung hat mich schon beeindruckt.<\/p><p>Ich vermutete immer, Deutschland tr&auml;te mit seiner internationalen Politik als viel souver&auml;neres Land auf. Aber, nein, ohne eigene Verifizierung unterschrieb Deutschland sozusagen die US-Anschuldigung, dass die Lastwagen der humanit&auml;ren Hilfe von der Regierung Nicol&aacute;s Maduro verbrannt worden waren, und k&auml;ute die L&uuml;gen der Regierungen Kolumbiens und der USA wieder. Und was wird die deutsche Regierung jetzt tun, nachdem Recherchen der New York Times belegten, dass die Lastwagen umgekehrt von den Anh&auml;ngern Juan Guaid&oacute;s verbrannt wurden? Es ist wirklich ein Trauerspiel.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190323-Venezuela-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><br>\nBild: Julio Lovera\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Wie beurteilen Sie die straflos gebliebene R&uuml;ckkehr von Juan Guaid&oacute;? Wenn dies eine korrekte Ma&szlig;nahme der Maduro-Regierung war &hellip; &ndash; warum war sie es?<\/strong><\/p><p>Der urspr&uuml;ngliche Plan der Regierung Nicol&aacute;s Maduro war, Juan Guaid&oacute; bei seiner R&uuml;ckkehr zu inhaftieren. Doch sehen wir uns den US-Plan f&uuml;r Guaid&oacute; an. Er hat drei Phasen durchlaufen: Erstens: Am 23. Januar die Selbsterkl&auml;rung zum &Uuml;bergangspr&auml;sidenten. Zweitens: Der Versuch, &ldquo;humanit&auml;re Hilfe&rdquo; zwangsweise &uuml;ber die Grenze einzuschleusen. Drittens: Die R&uuml;ckkehr Guaid&oacute;s, um seine Verhaftung zu erzwingen und die Maduro-Regierung als &bdquo;Diktatur&ldquo; usw. anschuldigen. Die ersten beiden Versuche scheiterten. Die Idee war, eine institutionelle Krise auszul&ouml;sen, die aber nicht eingetreten ist.<\/p><p>Der Plan mit der Selbstvereidigung Guaid&oacute;s bestand darin, eine Spaltung im Land und in den Streitkr&auml;ften herbeizuf&uuml;hren, einen Konflikt zu provozieren, der im erzwungenen R&uuml;cktritt von Nicol&aacute;s Maduro gipfeln sollte. Die Idee schlug jedoch fehl. Dann, einen Monat sp&auml;ter, wurde versucht, angebliche humanit&auml;re Hilfe einzuschleusen: drei Lastwagen mit T&uuml;ten der US-amerikanischen Streitkr&auml;fte und USAID, kalte Arzneimittel und Spritzen. Dies war doch keine konkrete Hilfe f&uuml;r das Land. Russland spendete zum Beispiel Tonnen teurer Medikamente zur Behandlung von Krebspatienten, die allerdings mit Erlaubnis der Regierung und den entsprechenden Kontrollen ins Land kamen. Und niemand beschwerte sich, es gab keine Probleme und die Hilfsmittel stehen in Venezuela zur Verf&uuml;gung.<\/p><p>In diesem Sinne ist der Entschluss, Guaid&oacute; nicht zu verhaften, eine korrekte Strategie der Regierung Nicol&aacute;s Maduro. Es ist ein &ldquo;rotes Tuch&rdquo;, mit dem nicht gewunken werden sollte, da es nur den USA Vorw&auml;nde f&uuml;r eine milit&auml;rische Intervention in Venezuela liefert. Bis sich die Situation im Land wieder normalisiert, wird Guaid&oacute; zumindest vorerst nicht inhaftiert. Ich f&uuml;rchte jedoch, dass die US-Geheimdienste die M&ouml;glichkeit pr&uuml;fen, einen False-Flag-Anschlag auf Juan Guaid&oacute; zu inszenieren, um der Regierung die Schuld in die Schuhe zu schieben und eine milit&auml;rische Intervention zu rechtfertigen. Deshalb sch&auml;tze ich, dass Guaid&oacute; der Regierung Donald Trump jetzt als &ldquo;M&auml;rtyrer&rdquo; dienlicher w&auml;re denn als &ldquo;selbsternannter Pr&auml;sident&rdquo;; ein Titel, der in einer Verschw&ouml;rung zum Sturz Nicol&aacute;s Maduros absolut harmlos kl&auml;nge. Dies scheint zumindest f&uuml;r den sozialdemokratischen Au&szlig;enminister der spanischen Regierung, Josep Borrel, sehr klar, der erkl&auml;rte, die USA h&auml;tten Juan Guaid&oacute; zu seiner Pr&auml;sidenten-Selbsterkl&auml;rung regelrecht gedr&auml;ngt.<\/p><p><strong>Nun kommen wir zum Kern der polarisierten Debatte &uuml;ber Venezuela, in der auf jeden Angriff der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten die traditionelle Linke mit der Verteidigung der Maduro-Regierung antwortet. Wie positionieren Sie sich, was sind Ihre Vorschl&auml;ge und wer sind die Hauptakteure des linken Chavismo, mit dem Sie sich identifizieren?<\/strong><\/p><p>Es ist klar, dass in Venezuela zwei Pole im Konflikt stehen, die aber nicht die einzigen politischen Akteure in meinem Land sind. Ideologische Polarisierung ist v&ouml;llig falsch, wir Venezolaner sind, strenggenommen, keine Sozialisten oder Neoliberalen, das ist eine falsche Annahme. Im Allgemeinen ist das venezolanische Volk sozialdemokratisch oder in geringerem Ma&szlig;e christlich-sozial gesinnt, obwohl viele nicht einmal wissen, was das bedeutet.<\/p><p>Ich identifiziere mich mit keiner der beiden. Es gibt auch kein &Uuml;berma&szlig; an Rechtsextremen in Venezuela. Dass es sie neuerdings gibt, ist genau der Fehler derjenigen, die in der Vergangenheit Typen wie Leopoldo L&oacute;pez und Juan Guaid&oacute; unterst&uuml;tzten.<\/p><p>Andererseits erhielt auch die Kommunistische Partei Venezuelas (PCV) vor Hugo Ch&aacute;vez kaum mehr als 3 Prozent der Stimmen und die rechtsextremen Parteien &ndash; wie die Vorl&auml;ufer von &ldquo;Primero Justicia&rdquo; (Henrique Capriles, Leopoldo L&oacute;pez, Julio Borges stammen aus dieser Str&ouml;mung) &ndash; erhielten auch nie mehr als 1 bis 3 Prozent der Stimmen. Die &uuml;berwiegende Mehrheit stimmte f&uuml;r die Sozialdemokraten (AD, Mitte-Links) oder die Christlich-Sozialen (COPEI, Mitte-Rechts). Die gegenw&auml;rtige Polarisierung ist eine Falle, sie ist nicht f&uuml;r die Mehrheit der Venezolaner repr&auml;sentativ, zumindest nicht in ideologischer Hinsicht.<\/p><p>Ich selbst sehe mich als Sozialist, doch nicht wegen Hugo Ch&aacute;vez, sondern wegen dem ideologischen Familien-Erbe. Mein Vater ist Sozialist, meine Mutter ist die humanistischste Frau, die ich kenne, meine Gro&szlig;eltern m&uuml;tterlicherseits waren Christlich-Soziale, meine Gro&szlig;eltern v&auml;terlicherseits waren auf dem eher linken Fl&uuml;gel der Demokratischen Aktion (AD) angesiedelt, die sich beide der Milit&auml;rdiktatur von Marcos Perez Jim&eacute;nez widersetzten und zusammen mit der Kommunistischen Partei Venezuelas (PCV) den Diktator 1958 st&uuml;rzten.<\/p><p>Danach begann die repr&auml;sentative Demokratie in Venezuela, bis sie 1999 in eine Art partizipatorischer Demokratie m&uuml;ndete. Das wurde damals von der neuen Verfassung unter F&uuml;hrung von Hugo Ch&aacute;vez durchgesetzt; im &Uuml;brigen, eine vorbildliche Verfassung, die ich als Mitunterzeichner unterst&uuml;tze. Doch die &uuml;berwiegende Mehrheit der Venezolaner &ndash; sowohl auf Seiten der Regierung als auch der Opposition, selbst in meiner eigenen Familie &ndash; z&auml;hlte sich niemals zum rechten Lager; einfach deshalb, weil das in Venezuela rein statistisch nicht ins Gewicht fiel. Selbst heute strotzen Regierung und Opposition vor Sozialdemokraten oder Christlich-Sozialen, die in beiden Lagern ideologischen Diskursen und Etiketten zugeordnet werden, die f&uuml;r sie nicht nat&uuml;rlich sind, die nicht auf sie passen.<\/p><p>Es gibt nat&uuml;rlich Rechtsextremisten, darunter zum Beispiel diejenigen, die mit Juan Guaid&oacute; marschieren und fremdenfeindliche, rassistische Schlagworte usw. austeilen. Das ist aber eine schwindende Minderheit. Ebenso gibt es Kommunisten, die f&uuml;r die Regierung Maduro und f&uuml;r Ch&aacute;vez eintraten, doch selbst das ist eine kleine Gruppe. Ch&aacute;vez gewann 1998 die Wahlen deshalb, weil sich die Sozialdemokraten und die Christlich-Sozialen entt&auml;uscht f&uuml;hlten und mit dem gemeinsamen Nenner beider politischer Str&ouml;mungen &ndash; n&auml;mlich die altbew&auml;hrte soziale Gerechtigkeit &ndash; die Wahl von Hugo Ch&aacute;vez unterst&uuml;tzten. Nichts weiter. Ich bin der Ansicht, dass Venezuela zu seinen historischen, demokratischen Wurzeln zur&uuml;ckkehren muss, um die aktuellen politischen Probleme und die Gefahr der extremen Rechte zu &uuml;berwinden, die Juan Guaid&oacute; und seine militantesten Anh&auml;nger darstellen.<\/p><p>Die Dissidenten des Chavismo, die sich als links oder sozialistisch ausgeben, beschr&auml;nken sich momentan auf Ch&aacute;vez-Anh&auml;nger und Pers&ouml;nlichkeiten; nicht viel mehr als das. Sie verf&uuml;gen leider &uuml;ber keine eigene St&auml;rke. Ohne Hugo Ch&aacute;vez mangelt es ihnen an ideologischem Profil. Dies ist der Fall H&eacute;ctor Navarros, Jorge Giordanis und ihrer Gruppe, auch derer, die sich als dissidenter Chavismo bezeichnen. Allesamt zweifellos Intellektuelle von Wert, aber mit sehr geringer sozialer Basis. Als selbstst&auml;ndige Option sind sie aus meiner Sicht unbedeutend, k&ouml;nnten aber wertvolle Verb&uuml;ndete f&uuml;r eine gr&ouml;&szlig;ere, breit gef&auml;cherte Volksfront sein.<\/p><p>Es gibt sozusagen moralische Reserven in sozialdemokratischen und christlich-sozialen Politikern aus der Zeit von 1958 bis 1999, die heute Juan Guaid&oacute; nicht unterst&uuml;tzen und dennoch in der Opposition sind. Ebenso gibt es auch bedeutende moralische Reserven in der Kommunistischen Partei. Ich glaube, dass eine wirkliche breite Front, bestehend aus einem historischen B&uuml;ndnis von Sozialdemokraten und Kommunisten, selbst mit den Christlich-Sozialen, ein Ausweg aus dieser Krise sein k&ouml;nnte. Zusammen bilden diese drei die Seele der venezolanischen Politik. Das Einzige, was uns zu einem soliden institutionellen Rahmen f&uuml;hren kann, der es uns erm&ouml;glicht, die partizipative Demokratie in Venezuela neu zu gestalten, w&auml;re ein wesentlicher taktischer R&uuml;ckzug; es gibt keinen anderen Weg. Die andere Option w&auml;re der B&uuml;rgerkrieg.<\/p><p>In Venezuela gibt es neue Werte, die von den Medien und den antagonistischen Polen v&ouml;llig unsichtbar gemacht wurden, jedoch am 20. Mai 2018 zu den Pr&auml;sidentschaftswahlen gegen Nicol&aacute;s Maduro antraten. Zum Beispiel Henry Falc&oacute;n &ndash; der von einem historischen venezolanischen Sozialdemokraten wie Claudio Ferm&iacute;n gef&ouml;rdert wurde &ndash; und Javier Bertucci, der von den entschlossenen Dissidenten der christlich-sozialen Partei COPEI unterst&uuml;tzt wurde, die sich keinesfalls mit der extremen Rechten identifiziert und zur Wahlteilnahme aufgerufen hatte.<\/p><p>Es ist doch bemerkenswert, dass, obwohl die sogenannte Opposition zum Wahlboykott aufgerufen hatte, mehrere Millionen Venezolaner f&uuml;r diese beiden Oppositions-Kandidaten und viele andere f&uuml;r den von Maduro angef&uuml;hrten Chavismo gestimmt haben. Die deutschen Leser sollten wissen, dass die Rechtsextremen, die heute hinter Juan Guaid&oacute; herlaufen, Falc&oacute;n und Bertucci als Verr&auml;ter beschimpften und ihnen den &ouml;ffentlichen Lynchmord androhten.<\/p><p>Basisbewegungen im Umweltbereich sind auch eine Referenz f&uuml;r einen unabh&auml;ngigen sozialen und sozialistischen Kampf. Heute sind wir noch unsichtbar, weil die Opposition auf der Behauptung besteht, dass niemand an den Wahlen vom 20. Mai teilgenommen hat. Was &uuml;berhaupt nicht stimmt. Dieses f&uuml;r die Medien unsichtbare Venezuela, das an den Wahlen vom 20. Mai 2018 teilgenommen hat, ist das Venezuela, das uns auf den Weg des Fortschritts f&uuml;hren kann, der nach friedlichen L&ouml;sungen sucht.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190323--Venezuela-05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><br>\nBild: luis arismendi\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Sie haben in unserem Vorgespr&auml;ch einen Dialogtisch vorgeschlagen, den die UNO zur L&ouml;sung der venezolanischen Krise &uuml;berwachen sollte. Ein Dialog, der Wahlen zum Ziel hat, an denen die regierende PSUV als anerkannter politischer Akteur beteiligt wird, mit Maduro als politischem Akteur, jedoch nicht als Kandidat. Aber auch ein Dialogtisch, an dem der konservative Enrique Capriles und der rechtsextreme Leopoldo L&oacute;pez teilnehmen k&ouml;nnen.<\/strong><\/p><p><strong>Sie stimmen zu, dass Leopoldo L&oacute;pez ein Gewaltt&auml;ter der Ultrarechten ist, sagen aber, er stelle keine Gefahr dar, weil er die Wahlen nicht gewinnen w&uuml;rde. Nach Ihrer Analyse w&uuml;rde umgekehrt ein alternativer, von der PSUV-Basis gew&auml;hlter Kandidat die Pr&auml;sidentschaftswahl gewinnen. Damit aber ein Verfahren der direkten Demokratie stattfinden kann, sagen Sie auch, dass die gesamte derzeitige PSUV-F&uuml;hrung unter Maduro ihren Hut nehmen soll. Unser NachDenkSeiten-Kollege Tobias Riegel stellt Ihnen deshalb folgende Fragen: Ist Nicol&aacute;s Maduro im Moment nicht die beste (real) verf&uuml;gbare Option? Sollte nicht vor dem Sturz Maduros eine (reale) Option verf&uuml;gbar sein? Ist der Vorabend eines Putsches der richtige Zeitpunkt, um neue Fronten in der venezolanischen &bdquo;Linken&ldquo; aufzumachen? Gonzalez will keinen einzigen alternativen Namen nennen &ndash; Hat seine Kritik also die proklamierte &bdquo;linke&ldquo; Wirkung?<\/strong><\/p><p>Die Regierung Nicol&aacute;s Maduro wird von dem Vertrauen getragen, das ihr Millionen Venezolaner entgegenbringen. Die Protagonisten sind Venezolanerinnen und Venezolaner, die ihre Regierung mit schierer Begeisterung und Vertrauen unterst&uuml;tzen. Doch die F&uuml;hrung Nicol&aacute;s Maduros gl&auml;nzt nicht gerade vor Verdiensten. Maduro sollte durch einen Parteitag ersetzt werden, bei denen die Parteif&uuml;hrung, die von Diosdado Cabello, Tareck El Aissami und Maduro kontrolliert wird, nicht in die Basisentscheidungen eingreift.<\/p><p>Die regierende PSUV sollte eine Neugr&uuml;ndung nach Ende der &Auml;ra Ch&aacute;vez ins Auge fassen, die bisher nicht stattgefunden hat, und danach an Neuwahlen teilnehmen. Ich denke an F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten wie Delcy Rodr&iacute;guez, Jorge Rodr&iacute;guez, Jorge Arreaza oder H&eacute;ctor Rodr&iacute;guez, allesamt Vertreter der nicht-milit&auml;rischen Linken. Sie sind weit weniger &bdquo;angesteckt&ldquo; als Diosdado Cabello, Cilia Flores, Tareck El Aissami oder Nicol&aacute;s Maduro. Ein Wiedergr&uuml;ndungskongress der PSUV k&ouml;nnte diese F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten als potenzielle Kandidaten f&uuml;r eine Neuwahl aufstellen, die von den Vereinten Nationen &uuml;berwacht w&uuml;rde. Diese neue PSUV-F&uuml;hrung muss jedoch ein B&uuml;ndnis mit den sozialdemokratischen und christlich-sozialen Parteien suchen.<\/p><p>Ich denke, es ist dringend notwendig, einen PSUV-Parteitag einzuberufen, auf dem die landesweiten F&uuml;hrungspositionen &uuml;berdacht werden. Ihnen stehen die alten Kaziken gegen&uuml;ber, die entschlossen sind, weiterhin ihre absolute Kontrolle auszu&uuml;ben. In diesem Kampf zwischen der Parteibasis und ihrer Spitze wird die Zukunft der PSUV entschieden. Ich meine aber, es geht nicht darum, ob es jetzt bereits einen Kandidaten gibt oder nicht. Es geht vielmehr darum, die Alternative von unten aufzubauen.<\/p><p>Jetzt schon Namen in Umlauf zu bringen, klingt mir zu messianisch. Der Wert dieses Kandidaten wird nicht an seiner allm&auml;chtigen Person, sondern an der Legitimit&auml;t seines Ursprungs gemessen werden. Dieser Prozess kann nur von den Massen und nicht von Pers&ouml;nlichkeiten gef&uuml;hrt werden. Doch die PSUV muss gereinigt werden. Der abgew&auml;hlten alten F&uuml;hrung sollte ein gewisser ehrenhafter Abtritt zugestanden werden. Es ist ein Preis, der bezahlt werden muss. Aber sie m&uuml;ssen gehen.<\/p><p>Auf der anderen Seite k&ouml;nnte sich die sozialdemokratische und christlich-soziale Opposition mit der Kommunistischen Partei Venezuelas verb&uuml;nden, falls es der PSUV nicht gelingt, sich zu erneuern. Diese breite Front muss jedoch von den Kommunisten aufgebaut und von ihr auch die F&uuml;hrung der sozialen Bewegungen &uuml;bernommen werden.<\/p><p>Die dritte M&ouml;glichkeit ist die Machtergreifung der extremen Rechten Juan Guaid&oacute;s, die h&ouml;chstwahrscheinlich zu einem B&uuml;rgerkrieg f&uuml;hren und das Ende der Bolivarischen Republik Venezuela bedeuten w&uuml;rde. In diesem Fall w&uuml;rden wir von unseren Nachbarn Kolumbien, Brasilien und Guyana (England) auseinandergerissen, die sich unser an &Ouml;l, Gas, Gold und Coltan reiches Gebiet teilen w&uuml;rden.<\/p><p>Seit den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigen Berichte des CIA den Hei&szlig;hunger Kolumbiens und Brasiliens nach der gewaltigen venezolanischen Beute; einem Territorium, das zwischen 1958 und 1998 von den sozialdemokratischen und christlich-sozialen Regierungen heftig verteidigt wurde. Dies ist eine historische Tatsache, unsere Nachbaren k&ouml;nnten das Chaos eines B&uuml;rgerkriegs ausnutzen, um uns zu &uuml;berfallen.<\/p><p>Daher pl&auml;dieren mehrere Leute, wie ich, f&uuml;r einen taktischen R&uuml;ckzug, also durch Neuwahlen, und ich hoffe, die Genossen der Kommunistischen Partei Venezuelas verstehen dies als Aufruf zur raschen Vereinigung mit den sozialdemokratischen und christlich-sozialen Genossen.<\/p><p>Ich muss zugeben, dass ich nicht viel Hoffnungen habe, dass die PSUV sich erneuert. Au&szlig;er mir denken nicht wenige aufmerksame Menschen, dass die f&uuml;hrenden Parteiinstanzen korrupt sind und dass die Venezolaner, die Maduro unterst&uuml;tzen &ndash; selbst eingefleischte Chavistas &ndash; weder Sympathien f&uuml;r die PSUV pflegen, noch weiterhin korrupte Politiker dulden wollen. Die Venezolaner, die heute Maduro unterst&uuml;tzen, tun dies aus purer Souver&auml;nit&auml;t, weil sie der Meinung sind, dass Venezuela ein souver&auml;nes Land bleiben muss und dass die Option Juan Guaid&oacute; vor allem US-amerikanische Interessen vertritt.<\/p><p>Venezuela hat eine bemerkenswerte Geschichte des Souver&auml;nit&auml;ts-Denkens. Seit den Unabh&auml;ngigkeitskriegen gegen das spanische Reich war Venezuela in S&uuml;damerika Vorreiter der Befreiung.<\/p><p>Der in Caracas geb&uuml;rtige Sim&oacute;n Bol&iacute;var war ein bemerkenswerter anti-imperialistischer Vorl&auml;ufer. Von Venezuela aus verfolgte er mit vielen venezolanischen &ldquo;Lanzern&rdquo; die spanischen kaiserlichen Truppen bis nach Peru. Und er w&auml;re weiter nach Argentinien gelangt, wenn er nicht von Jos&eacute; de San Mart&iacute;n aufgehalten worden w&auml;re, der dieses Land bereits vom spanischen Joch befreit hatte.<\/p><p>Das hei&szlig;t, das Gef&uuml;hl der venezolanischen Souver&auml;nit&auml;t ist tief verwurzelt, es flie&szlig;t uns im Blut, und dieses Gef&uuml;hl zwingt uns zum Zeitpunkt der Aggression von au&szlig;en dazu, uns hinter Maduro zu stellen. Es geht nicht um Loyalit&auml;t gegen&uuml;ber der Person, sondern zu Ehren der symbolischen Souver&auml;nit&auml;t &ndash; nichts anderes. Es hat nichts mit Sozialismus oder Neoliberalismus zu tun: es ist eine Frage der nationalen Souver&auml;nit&auml;t; etwas, von dem in Europa behauptet wird, dass es nicht mehr als Wert existiert.<\/p><p>Nationalstaat und Souver&auml;nit&auml;t, das sind sehr tief verwurzelte venezolanische Werte, die in Venezuela mit der Linken und nicht mit der Rechten assoziiert werden.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. <strong>Alejandro L&oacute;pez Gonz&aacute;lez<\/strong> arbeitete 12 Jahre lang in der venezolanischen Energiewirtschaft, zu Beginn bei Petr&oacute;leos de Venezuela (PDVSA) in S&uuml;dafrika und danach im Ministerium f&uuml;r elektrische Energie.<\/p>\n<p>Erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit standen im Mittelpunkt von Gonz&aacute;lez&lsquo; Interesse, der im Rahmen des vom damaligen Pr&auml;sidenten Hugo Ch&aacute;vez gef&ouml;rderten Programms &ldquo;Mission Science&rdquo; als Stipendiat des venezolanischen Ministeriums f&uuml;r Wissenschaft und Technologie nach Spanien &uuml;bersiedelte, wo er von 2008 bis 2011 ein Aufbaustudium &uuml;ber F&ouml;rderung und Entwicklung Erneuerbarer Energien in Venezuela fortsetzte.<\/p>\n<p>Danach kehrte er in sein Heimatland zur&uuml;ck und war im Ministerium f&uuml;r elektrische Energie f&uuml;r die technische &Uuml;berwachung von Energieprojekten auf nationaler Ebene zust&auml;ndig, die ihn in den venezolanischen Westen (Zulia, Falc&oacute;n, Lara und Trujillo) &ndash; die produktivste Gegend der einheimischen Erd&ouml;lindustrie, mit dem gr&ouml;&szlig;ten Bev&ouml;lkerungsanteil Venezuelas &ndash; f&uuml;hrten.<\/p>\n<p>Aufgrund un&uuml;berbr&uuml;ckbarer Differenzen verlie&szlig; er 2016 das Ministerium und zog zum zweiten Mal nach Spanien; diesmal als Doktorand nach Barcelona. Derzeit als au&szlig;erordentlicher Professor an der Polytechnischen Universit&auml;t von Katalonien (UPC) in den Fachbereichen Elektrotechnik und Luftfahrttechnik angestellt, bet&auml;tigt sich Gonz&aacute;lez jedoch auch als kompetenter Autor nicht nur von Fachzeitschriften wie Energy, Energy Policy und Renewable and Sustainable Energy Reviews, sondern seit &uuml;ber 10 Jahren auch als Autor politischer Analysen und Streitschriften in den weltweit bekannten, linken Internet-Publikationen <a href=\"http:\/\/www.rebelion.org\/mostrar.php?tipo=5&amp;id=Alejandro%20L%F3pez%20Gonz%E1lez&amp;inicio=0#_blank\">Rebeli&oacute;n<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.aporrea.org\/autores\/alejandro.lopez.gonzalez\">Aporrea<\/a> und neuerdings in <a href=\"https:\/\/soberaniavenezuela.org\/author\/aelopezgonzalez\/#_blank\">seinem eigenen Blog<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Fortsetzung des gestrigen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50388\">ersten Teils des Interviews<\/a> mit dem Energie-Fachmann, Hochschulprofessor und politischen Blogger <strong>Alejandro L&oacute;pez-Gonz&aacute;lez<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50391#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] folgt hier der zweite und abschlie&szlig;ende Teil. 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