{"id":504,"date":"2005-03-27T18:24:38","date_gmt":"2005-03-27T16:24:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=504"},"modified":"2016-03-15T18:18:28","modified_gmt":"2016-03-15T17:18:28","slug":"kein-schoner-land-aber-ein-schones-buch-heribert-prantl-pladiert-fur-den-sozialstaat-eine-antizipierte-antwort-auf-den-bundesprasidenten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=504","title":{"rendered":"\u201eKein sch\u00f6ner Land\u201c, aber ein sch\u00f6nes Buch. Heribert Prantl pl\u00e4diert f\u00fcr den Sozialstaat. Eine antizipierte Antwort auf den Bundespr\u00e4sidenten."},"content":{"rendered":"<p>Heribert Prantl, der Ressortleiter Innenpolitik bei der S&uuml;ddeutschen Zeitung, sonst eher bekannt als das liberale rechtspolitische Gewissen in der Medienlandschaft und als Verursacher zahlreicher Wutausbr&uuml;che bei Otto Schily, hat es offenbar auch nicht mehr l&auml;nger ausgehalten, dass Deutschland &bdquo;katastrophalisiert&ldquo; wird, um die &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung des Gemeinwesens&ldquo; durchzusetzen und um eine &bdquo;marktg&ouml;ttliche Weltordnung&ldquo; zur uniformen, &bdquo;allein herrschenden Lehre&ldquo; zu machen.<br>\nMan brauche den &bdquo;Ausnahmezustand&ldquo;, das &bdquo;Stahlgewitter&ldquo; &agrave; la Ernst J&uuml;nger, um das Land in eine &bdquo;Flucht vor der Krise&ldquo; zu jagen und es bereit zu machen, &bdquo;fast alles wegzuwerfen was beim Laufen hindert: den sozialen Frieden, das Verh&auml;ltniswahlrecht, den gewohnten Gesetzgebungsgang&ldquo;. Der fr&uuml;here Staatsanwalt Prantl h&auml;lt ein geistreiches, emphatisches und einfach sch&ouml;n zu lesendes Pl&auml;doyer f&uuml;r die Reaktivierung des Sozialstaates. &bdquo;Sozialpolitik ist die Basispolitik der Demokratie&ldquo;, sie m&uuml;sse den Kapitalismus so &bdquo;z&auml;hmen, dass er die Demokratie nicht frisst.&ldquo;<br>\n<!--more--><br>\nDass Heribert Prantl gut und geistreich schreiben kann, wei&szlig; jeder, der seine rechtspolitischen Beitr&auml;ge in der S&uuml;ddeutschen Zeitung verfolgt. Es dr&auml;ngte einen, statt sein Buch zu rezensieren, eine kluge und treffende Formulierung nach der anderen zu zitieren. Etwa wenn er den Neoliberalismus als den &bdquo;Midas-Kult der Moderne&ldquo; karikiert, der sich daran berausche alles zu Gold zu machen, aber nicht erkenne, dass man &bdquo;am eigenen Erfolg auch krepieren&ldquo; k&ouml;nne. Die Shareholder sch&ouml;pften den &bdquo;gesellschaftlichen Reichtum wie Rahm von der Milch ab, ohne darauf zu achten, unter welchen Bedingungen die Milch produziert wird&ldquo;, sie gingen offenbar davon aus: &bdquo;Wenn eine Kuh verendet, dann gibt es noch viele andere K&uuml;he&ldquo;. <\/p><p>Prantl ist unverkennbar Jurist, aber einer, der Rechtskategorien historisch und gesellschaftspolitisch verorten kann. Es h&auml;tte beispielsweise Bundespr&auml;sident K&ouml;hler gut getan, wenn er, bevor er vor dem Arbeitgeberforum seine &bdquo;Ordnung der Freiheit&ldquo; postulierte, bei Prantl nachgelesen h&auml;tte, was unter &bdquo;Privateigentum&ldquo; oder &bdquo;Vertragsfreiheit&ldquo; rechtsgeschichtlich und verfassungspolitisch zu verstehen ist, statt diese Rechtsverh&auml;ltnisse &ndash; ausschlie&szlig;lich aus dem Blickwinkel der &Ouml;konomie als einer &bdquo;Hilfswissenschaft&ldquo; &ndash; ins &bdquo;sozial blinde&ldquo; neunzehnte Jahrhundert zur&uuml;ck zu versetzen. <\/p><p>Zur &bdquo;Freiheit des Privateigentums&ldquo; geh&ouml;re nach der Ordnung unseres Grundgesetzes eben auch der Nachsatz, dass &bdquo;Eigentum verpflichtet&ldquo;. Es stehe im Grundgesetz eben nicht der Satz, dass der Gebrauch des Eigentums zur Eigentumsvermehrung und zur Gewinnmaximierung verpflichte, sondern dass er &bdquo;dem Wohle der Allgemeinheit dienen&ldquo; sollte und dass der &bdquo;Staat als Vertreter des Gemeinwohlinteresses die Aufgabe hat, den knappen Satz des Grundgesetzes&ldquo; zu konkretisieren. Es stimme eben gerade nicht, &bdquo;dass der Staat sich immer noch leichter machen muss, damit die Wirtschaft mit ihren Gewichten wuchern kann.&ldquo; <\/p><p>&Auml;hnliches h&auml;tte K&ouml;hler bei Prantl &uuml;ber die &bdquo;Vertragsfreiheit&ldquo; lernen k&ouml;nnen. Vom Bundespr&auml;sidenten als Kampfbegriff gegen kollektive tarifvertragliche Vereinbarungen gebraucht, setzte ihm der Autor sozusagen in einer antizipierten Gegenrede den Vortrag des Rechtsgelehrten Otto von Gierke aus dem Jahr 1889 &uuml;ber die &bdquo;soziale Aufgabe des Privatrechts&ldquo; entgegen: &bdquo;Schrankenlose Vertragsfreiheit zerst&ouml;rt sich selbst. Eine furchtbare Waffe in der Hand des Starken, ein stumpfes Schwert in der Hand des Schwachen, wird sie zum Mittel der Unterdr&uuml;ckung des einen durch den anderen, der schonungslosen Ausbeutung geistiger und wirtschaftlicher &Uuml;bermacht.&ldquo; <\/p><p>So weit war das Denken also schon im 19. Jahrhundert fortgeschritten. Mit seiner &bdquo;Ordnung der Freiheit&ldquo; f&auml;llt K&ouml;hler zur&uuml;ck auf einen Freiheitsbegriff, der es &ndash; wie Prantl schreibt &ndash; &bdquo;den Armen und den Reichen gleicherma&szlig;en (erlaube), unter der Br&uuml;cke zu schlafen.&ldquo; Bei den Reformideen der Neoliberalen &bdquo;wachsen einem sehr lange, sehr graue B&auml;rte entgegen&ldquo;, meint der Autor. <\/p><p>Die von K&ouml;hler ausgegebene &bdquo;Vorfahrtsregel f&uuml;r Arbeit&ldquo; lie&szlig;e sich, wenn man sie im Sinne Prantls interpretiert, als &bdquo;Recht auf ungest&ouml;rte Investitionsaus&uuml;bung&ldquo; konkretisieren. Art. 1 hie&szlig;e dann: &bdquo;Der Standort Deutschland ist unantastbar. Ihn zu sch&uuml;tzen und zu f&ouml;rdern ist oberste Verpflichtung aller staatlichen Gewalt&ldquo;. Und Absatz 2 w&auml;re: &bdquo;Die ungest&ouml;rte Investitionsaus&uuml;bung ist gew&auml;hrleistet. Niemand darf gegen sein Gewissen zum Umweltschutz, zum Datenschutz, zum K&uuml;ndigungsschutz oder zu sonst beeintr&auml;chtigenden Ma&szlig;nahmen verpflichtet werden.&ldquo; <\/p><p>Aber nicht nur gegen den &bdquo;Marktfundamentalismus&ldquo; zieht Prantl zu Gericht. Auch die gro&szlig;en Parteien klagt er an und wirft ihnen vor, dass sie &bdquo;ein Viertel der Gesellschaft abgeschrieben haben und dass sie dabei sind, ein weiteres Viertel abzuschreiben.&ldquo; Die politische Kommunikation konzentriere sich nur noch auf den Rest der Bev&ouml;lkerung. Wahlabende seien Resteabende geworden, Parlamente zu Resteparlamente. Es erkl&auml;re sich am Wahlabend einfach diejenige Partei zum Sieger, die weniger Stimmen verloren habe als die andere.<br>\nDie gro&szlig;en Parteien verhielten sich zu dieser zunehmenden Wahlabstinenz &bdquo;wie der Autofahrer, der erkl&auml;rt, ihm seien die steigenden Benzinpreise egal, er tanke eh immer nur f&uuml;r drei&szlig;ig Euro.&ldquo;<br>\nPrantl bleibt mit seiner Streitschrift nicht bei der Anklage stehen, er macht auch Vorschl&auml;ge wie wirklich notwendige und fortschrittliche Reformen gemacht werden k&ouml;nnten, bei denen es eben nicht wie bei dem derzeitigen Reformgerede ausreichte, &bdquo;wenn Reform drauf steht&ldquo;. Bei seinem Vorschlag zu einer Steuerreform etwa, w&uuml;rden solche Unternehmensgewinne steuerlich privilegiert, &bdquo;die in Arbeitspl&auml;tze reinvestiert werden und jene h&ouml;her besteuert, mit denen Geld sich selbst vermehren soll.&ldquo; Bei der &bdquo;Creatio ex nihilo&ldquo; der Bodenspekulationen l&auml;ge nichts n&auml;her, &bdquo;als unverdiente Wertsteigerungen abzusch&ouml;pfen&ldquo;. Hier &ndash; und nicht bei der Durchsetzung neoliberaler Rezepte &ndash; gebe es ein &bdquo;Umsetzungsproblem&ldquo;. Statt des bestehenden &bdquo;Familienbelastungsausgleichs&ldquo; pl&auml;diert er f&uuml;r einen wirklichen Familienlastenausgleich und einer Anerkennung der &bdquo;Eigeninitiative&ldquo;, die in den Familien l&auml;ngst praktiziert werde. Wer ein Schwein aufziehe, sei in dieser Gesellschaft ein produktives, wer einen Menschen erziehe ein unproduktives Mitglied geworden, zitiert er den liberalen National&ouml;konomen Friedrich List aus dem Jahre 1841. Der Autor mahnt die Wiedereinf&uuml;hrung der gestrichenen Lehrst&uuml;hle mit volkswirtschaftlicher, staatwissenschaftlicher und empirischer Orientierung an, um wieder Anschluss an die internationale &Ouml;konomie zu bekommen. Oder er fordert, dass sich der Staat wieder selbst in die Pflicht nehme und soziale Verantwortung nicht l&auml;nger privatisiere, sondern dem Sozialstaat wieder eine &bdquo;Heimat&ldquo; gebe. <\/p><p>Vor allem in einem Punkt geht leider auch Prantl der g&auml;ngigen &bdquo;Katastrophalisierung&ldquo; auf den Leim, und zwar bei der &Uuml;bernahme der Vorstellung durch das Schrumpfen der Bev&ouml;lkerung w&uuml;rde &bdquo;auf der Deutschlandkarte ein Ort nach dem anderen ausradiert&ldquo;. Man will dem Autor gerne nachsehen, dass er mit der Bedrohung durch den &bdquo;Bev&ouml;lkerungspilz&ldquo; Argumente f&uuml;r eine vern&uuml;nftige Einwanderungspolitik gewinnen will, aber beim Thema demographischen Entwicklung h&auml;tte er sich besser z.B. einmal auf den NachDenkSeiten schlau gemacht.<br>\nEine vern&uuml;nftige Zuwanderungspolitik lie&szlig;e sich auch ohne solche Schreckbilder ziemlich rational begr&uuml;nden. <\/p><p>Heribert Prantl, Kein sch&ouml;ner Land, Die Zerst&ouml;rung der sozialen Gerechtigkeit, Droemer Verlag, M&uuml;nchen2005, 208 Seiten. 12.90 Euro.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heribert Prantl, der Ressortleiter Innenpolitik bei der S&uuml;ddeutschen Zeitung, sonst eher bekannt als das liberale rechtspolitische Gewissen in der Medienlandschaft und als Verursacher zahlreicher Wutausbr&uuml;che bei Otto Schily, hat es offenbar auch nicht mehr l&auml;nger ausgehalten, dass Deutschland &bdquo;katastrophalisiert&ldquo; wird, um die &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung des Gemeinwesens&ldquo; durchzusetzen und um eine &bdquo;marktg&ouml;ttliche Weltordnung&ldquo; zur uniformen, &bdquo;allein herrschenden<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=504\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[140,208,145],"tags":[441,531,233,805,291],"class_list":["post-504","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-rezensionen","category-sozialstaat","tag-freiheit","tag-koehler-horst","tag-marktliberalismus","tag-prantl-heribert","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/504","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=504"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/504\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32174,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/504\/revisions\/32174"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=504"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=504"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}