{"id":50421,"date":"2019-03-25T14:32:44","date_gmt":"2019-03-25T13:32:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50421"},"modified":"2019-03-25T16:04:18","modified_gmt":"2019-03-25T15:04:18","slug":"die-ganze-baeckerei-dgb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50421","title":{"rendered":"Die ganze B\u00e4ckerei \u2013 DGB"},"content":{"rendered":"<p>Unser Gastautor <strong>Winfried Wolf<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50421#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>] sprach auf Einladung von Fridays for Future am 22. M&auml;rz 2019 auf der Demo der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler vor dem Landtag in D&uuml;sseldorf. Die NachDenkSeiten freuen sich, Ihren Lesern seine Rede, in der es um Klimapolitik, Elektromobilit&auml;t und &bdquo;All days for Future&ldquo; geht, pr&auml;sentieren zu d&uuml;rfen.<br>\n<!--more--><br>\nDanke f&uuml;r Eure Einladung hierher nach D&uuml;sseldorf. Die 450 Minuten Fahrzeit von Berlin nach D&uuml;sseldorf mit der Bahn hin und zur&uuml;ck sind es wert, hier vier oder maximal f&uuml;nf Minuten reden zu k&ouml;nnen. Ich bringe damit auch meinen gro&szlig;en Respekt vor Euch und Eurem Engagement zum Ausdruck.<\/p><p>Mein Beitrag geht auf drei Punkte ein: erstens auf das Klima und die Verkehrspolitik im Allgemeinen und die Alternativen. Zweitens auf das Totschlagargument mit den Arbeitspl&auml;tzen. Und drittens auf die notwendige Weltbewegung einer <em>ALL-days-for-future<\/em>-Bewegung.<\/p><p>Zum Verkehrssektor und zur Klimaerw&auml;rmung. Ja, der Verkehr und hier vor allem der Autoverkehr und der Flugverkehr sind mit-verantwortlich f&uuml;r die massive Klimaerw&auml;rmung. Sie tragen zu einem F&uuml;nftel bis zu einem Viertel zu den CO-2-Emissionen bei. Und das ist dann auch derjenige Bereich, in dem die Klimagase deutlich <em>ansteigen<\/em>.<\/p><p>Elektroautos sind dabei keine L&ouml;sung des Problems. Sie sind vielmehr <em>Teil des Problems<\/em>. Und zwar deshalb, weil ein Elektro-Pkw erstens einen &bdquo;&ouml;kologischen Rucksack&ldquo; hat: bei dessen Produktion werden viel mehr CO-2-Emissionen freigesetzt als bei einem normalen Pkw, dies vor allem wegen der Batterieproduktion. Zweitens wegen des Strom-Mix&acute;: Es gibt immer einen relevanten Anteil an Strom aus Verfeuerung von fossilen Brennstoffen. Drittens weil mehr als die H&auml;lfte der Elektro-Pkw Zweit- und Drittwagen sind &ndash; sie steigern die Pkw-Dichte in den St&auml;dten; machen die zerst&ouml;rerische Blechlawine gerade da, wo sie besonders sch&auml;digend ist, n&auml;mlich in den Stadtzentren, nochmals gr&ouml;&szlig;er. Und drittens, weil wir mit Elektro-Pkw die Abh&auml;ngigkeit von &Ouml;l ersetzen durch eine neue Abh&auml;ngigkeit von anderen knappen Ressourcen &ndash; so von Kobalt, Kupfer und Lithium. Es gibt dann anstelle von &Ouml;lkriegen Kobalt-Kriege, Kupfer-Kriege um Lithium-Kriege.<\/p><p>Die L&ouml;sung der Mobilit&auml;tskrise ist eine ganz praktische. Vergleichen wir doch einmal D&uuml;sseldorf mit Kopenhagen. Beide St&auml;dte sind gleich gro&szlig;. Sie haben jeweils gut 600.000 Einwohner. Beide St&auml;dte sind &auml;hnlich flach. In beiden St&auml;dten gibt es &auml;hnlich viele Regen- oder Sonnentage.<\/p><p>In Kopenhagen werden mehr als 60 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zur&uuml;ckgelegt. In D&uuml;sseldorf liegt der Anteil bei knapp 20 Prozent &ndash; bei weniger als einem Drittel des Wertes der d&auml;nischen Hauptstadt. Nehmen wir den Kopenhagen-Anteil beim Radverkehr als Ausgangspunkt, addieren wir zu den gut 60 Prozent Radwege rund 15 Prozent Fu&szlig;wege-Anteil und dann noch gut 20 Prozent &Ouml;PNV-Anteil hinzu. Dann verbleibt ein Rest von weniger als 10 Prozent f&uuml;r den Autoverkehr. Da ist es dann fast egal, ob das Diesel-Pkw, Benziner oder Elektro-Autos sind. Meinetwegen gerne alles Elektroautos. Aber eben nur 10 Prozent Autoverkehr &ndash; anstelle von den derzeit mehr als 50 Prozent in D&uuml;sseldorf und anderen deutschen St&auml;dten.<\/p><p>Eine solche Grundordnung im Verkehr mit dem Vorrang Fahrrad und Fu&szlig;g&auml;nger muss kombiniert werden mit einem Ausbau des &Ouml;PNV, mit einem Nulltarif im &Ouml;PNV, mit einem Ausbau der Schiene in der Fl&auml;che und mit Nachtz&uuml;gen, die einen gro&szlig;en Teil der Kurzstrecken- und Mittelstreckenfl&uuml;ge ersetzen k&ouml;nnen.<\/p><p>&Uuml;brigens: Greta Thunberg reiste im Januar dieses Jahres mit der Eisenbahn von Stockholm nach Davos, um dort vor den Bossen des Weltwirtschaftsforums ihren Appell in Sachen Klimapolitik vorzutragen. Sie musste dabei f&uuml;nf Mal umsteigen &ndash; drei Mal in Deutschland. Dabei d&uuml;rfte die Wahrscheinlichkeit, einen Anschluss der Deutschen Bahn zu verpassen, ziemlich gro&szlig; gewesen sein.<\/p><p>Ich habe mal nachpr&uuml;fen lassen, wie das fr&uuml;her war. Vor vier Jahrzehnten h&auml;tte Greta eine Zugverbindung gehabt, bei der sie nur ein Mal h&auml;tte umsteigen m&uuml;ssen. Und sie h&auml;tte von der Schweiz bis Kopenhagen einen durchgehenden Zug, und auf der Hauptstrecke &ndash; Schweiz bis Kopenhagen &ndash; einen bequemen Nachtzug nutzen k&ouml;nnen.<\/p><p>Daran sieht man, was alles m&ouml;glich war. Und was alles m&ouml;glich ist, um einen fl&auml;chendeckenden, guten Schienenverkehr zu bekommen, der viele der extrem klimasch&auml;digenden Fl&uuml;ge ersetzen w&uuml;rde.<\/p><p>Zum zweiten Aspekt, dem Totschlagargument mit den Jobs. Ja, es gibt in Deutschland derzeit 820.000 Jobs in der Autoindustrie. Doch es ist die Autoindustrie selbst, die diese Jobs zerst&ouml;rt &ndash; durch Automatisierung, durch Roboterisierung, durch Umstellung auf Elektro-Auto-Produktion und durch Auslagerung nach Osteuropa und Asien. Allein bei den deutschen Werken von VW, Opel und Ford steht in den kommenden f&uuml;nf Jahren ein Job-Abbau in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von 55.000 Arbeitspl&auml;tzen an.<\/p><p>Sodann ist wichtig: Mit der Verkehrswende werden <em>neue Jobs<\/em> geschaffen. Und diese k&ouml;nnen auch in der Autoindustrie geschaffen werden, dann wenn es <em>Konversion<\/em>, einen Umbau dieser Industrie gibt. Neue Jobs, um Eisenbahnwagen, um Loks, um Triebfahrzeuge und um Fahrr&auml;der herzustellen bzw. um daf&uuml;r die Infrastruktur bereitzustellen.<\/p><p>Im &Uuml;brigen stehen wir hier f&uuml;r ALL days for future &ndash; f&uuml;r ein <em>gesamtgesellschaftliches<\/em> Projekt und damit auch f&uuml;r gesamtgesellschaftlich sinnvolle Arbeitspl&auml;tze. Nicht f&uuml;r Jobs um der Jobs willen.<\/p><p>Nehmen wir doch mal die Situation in den Schulen, bei Euch. Wir haben derzeit in Deutschland rund 1,2 Millionen Arbeitspl&auml;tze im Bereich Erziehung, Schulen und Hochschulen. Das sind bereits viel mehr als im Bereich der Autoindustrie. Sind das zu viele? Nein, es sind zu wenige. Siehe den permanenten Ausfall von Unterrichtsstunden. Siehe die viel zu gro&szlig;en Klassengr&ouml;&szlig;en.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Wenn wir nur die Verh&auml;ltnisse in Skandinavien nehmen w&uuml;rden &ndash; und ich rede nicht vom Sozialismus, ich rede &bdquo;nur&ldquo; von Schweden oder D&auml;nemark &ndash; wenn wir nur die Klassengr&ouml;&szlig;en und Seminargr&ouml;&szlig;en und die Gr&ouml;&szlig;e der Kita-Gruppen nehmen, die es dort gibt. Dann br&auml;uchten wir in Deutschland 800.000 zus&auml;tzliche Arbeitspl&auml;tze. Das sind ebenso viele, wie es derzeit in der <em>gesamten<\/em> Autobranche Jobs gibt.<\/p><p>Es geht nicht abstrakt um Arbeitspl&auml;tze. Es geht um sinnvolle, um gesellschaftlich wichtige und um klimavertr&auml;gliche Arbeitspl&auml;tze.<\/p><p>Nochmals zum Aspekt <em>ALL days for future<\/em>: Der Gr&uuml;nder des Potsdam Institut f&uuml;r Klimaforschung, Hans Joachim Schellnhuber, sagte j&uuml;ngst: &bdquo;Wir steuern in einem Irrsinnstempo auf eine unbeherrschbare globale Situation zu. Aber viele Medien berichten nur noch mit gequ&auml;lter Beil&auml;ufigkeit dar&uuml;ber.&ldquo; <\/p><p>Schellnhuber sagte weiter: Nur eine &bdquo;Weltb&uuml;rgerbewegung&ldquo; k&ouml;nne die sich abzeichnende Klimakatastrophe &ndash; gewisserma&szlig;en zwei vor zw&ouml;lf &ndash; noch stoppen.<\/p><p>Wir sagen: Das hier &ndash; die Bewegung Fridays for Future &ndash; ist ein Ansatz f&uuml;r eine solche Weltb&uuml;rgerbewegung.<\/p><p>Und wenn da ein Herr Armin Laschet, der Ministerpr&auml;sident dieses Landes [Nordrhein-Westfalen], sagt: &bdquo;Sch&ouml;n und gut &ndash; aber bitte keine Streiks in der Schulzeit&ldquo;, dann ist das d&uuml;mmlich und dreist.<\/p><p>Wir sagen dazu vor diesem Landtag:<\/p><p>Herr Laschet, Frau Kanzlerin und Herr US-Pr&auml;sident: Sie und ihre Vorg&auml;nger in diesen &Auml;mtern hatten Jahrzehnte Zeit, wirksame Ma&szlig;nahmen gegen die Klimaerw&auml;rmung zu ergreifen. Bereits 1992 bei der Klimakonferenz in Rio de Janeiro hie&szlig; es, die CO-2-Emissionen m&uuml;ssten reduziert werden. Und was ist passiert? Sie sind heute um 50 Prozent h&ouml;her als 1992. Und es sind Ihre Ma&szlig;nahmen, Herr Laschet, Frau Merkel und Mr. Trump, es ist Ihre Politik, mit der die Klimaerw&auml;rmung beschleunigt wird. Und zwar zu Lande, zu Wasser und in der Luft: Zu Lande mit der fortgesetzten Steigerung des Autoverkehrs &ndash; und sei es mit Elektroautos. Auf dem Wasser durch den Boom mit Kreuzfahrschiffen und die Expansion der Containerschifffahrt. Und in der Luft mit der st&auml;ndigen Steigerung der Billigfliegerei.<\/p><p>Wir wollen nicht etwas weniger Plastik. Wir wollen nicht etwas mehr Elektroautos. Diese Bewegung Fridays for Future will All days for Future. Wir wollen keine kleinen Br&ouml;tchen. Wir wollen die ganze B&auml;ckerei. Eine Gewerkschaft, die angesichts der Bedrohung auf diesem Planeten ihren Namen verdient, muss so agieren, hei&szlig;t DGB, hei&szlig;t: Die Ganze B&auml;ckerei.<\/p><p>Wir wollen eine Gesellschaft, in der anstelle von Profitgier, Klimazerst&ouml;rung und Wachstumszwang die Solidarit&auml;t, die Nachhaltigkeit und die Solidarit&auml;t im Zentrum stehen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Winfried Wolf lebt im Umland von Berlin; er ist Chefredakteur von Lunapark21 &ndash; Zeitschrift zur Kritik der globalen &Ouml;konomie und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac. Aktiv bei dem B&uuml;ndnis Bahn f&uuml;r Alle, das gegen die Privatisierung der Bahn k&auml;mpft. Seit Mitte der 1990er Jahre engagiert im Widerstand gegen Stuttgart21. Wolf ist Verfasser von Arbeiten zum Thema Klima und Verkehr. Sein aktuelles Buch, das am 24. M&auml;rz [2019] auf der Buchmesse in Leipzig vorgestellt wird: Winfried Wolf, Mit dem Elektroauto in die Sackgasse. Warum E-Mobilit&auml;t den Klimawandel beschleunigt (Promedia Wien, 220 Seiten, 17,90 Euro).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Bundesweit fallen derzeit mehr als f&uuml;nf Prozent der Unterrichtsstunden aus. Siehe <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/schule\/2017-10\/unterrichtsausfall-schule-bildung-studie-eltern\">hier<\/a>. F&uuml;r NRW wurde j&uuml;ngst eine exakte Studie vorgelegt. Danach sind an den Schulen in Nordrhein-Westfalen im ersten Halbjahr des aktuellen Schuljahres (2018\/19) 4,8 Prozent des Unterrichts ausgefallen. Das Schulministerium legte dazu das erste Ergebnis einer neuen Messmethode zum Unterrichtsausfall an den rund 4600 &ouml;ffentlichen Schulen vor. Ersatzlos fielen demnach im ersten Halbjahr 3,3 Prozent der Schulstunden aus, w&auml;hrend 1,5 Prozent in eigenverantwortlichem Arbeiten kompensiert wurden. Nach <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1114991.fuenf-prozent-unterrichtsausfall-in-nrw.html\">neues-deutschland.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Gastautor <strong>Winfried Wolf<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50421#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>] sprach auf Einladung von Fridays for Future am 22. M&auml;rz 2019 auf der Demo der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler vor dem Landtag in D&uuml;sseldorf. 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