{"id":50456,"date":"2019-03-26T16:33:58","date_gmt":"2019-03-26T15:33:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50456"},"modified":"2019-04-11T14:27:30","modified_gmt":"2019-04-11T12:27:30","slug":"soll-alles-was-technisch-moeglich-ist-gemacht-werden-eher-nein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50456","title":{"rendered":"Soll alles, was technisch m\u00f6glich ist, gemacht werden? Eher nein."},"content":{"rendered":"<p>Die Entscheidung f&uuml;r den Digitalpakt und die Subvention dieser Entwicklung an Deutschlands Schulen mit rund 7 Milliarden Euro und auch die Vor-Entscheidung f&uuml;r 5G vermitteln den Eindruck, dass die Verantwortlichen und die sie begleitenden Medien jedenfalls mehrheitlich die oben gestellte Frage mit einem klaren Ja beantworten. Von den etablierten Medien wird die Entscheidung zum Digitalpakt und auch die Entscheidung f&uuml;r 5G wohlwollend begleitet. &ndash;  Das war nicht immer so in der j&uuml;ngeren Geschichte. Dazu ein paar Stichworte, die zu denken geben sollten: Schneller Br&uuml;ter. Concorde. Bemannte Weltraumfahrt. Totales Fernsehen. Autonomes Autofahren. Stuttgart 21. Manche m&ouml;gliche technische Entwicklung wurde nicht realisiert oder abgebrochen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Artikel ist auch als gestaltete, ausdruckbare PDF-Datei verf&uuml;gbar. Zum Herunterladen klicken Sie bitte auf das rote PDF-Symbol links neben dem Text. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>. 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Wir pr&uuml;fen die Folgen und Nebenwirkungen. Wir gewichten, zumindest beachten wir auch jene Folgen, die noch nicht bis ins Einzelne wissenschaftlich erforscht sind, aber als Risikofaktoren erkannt sind. Wir beachten auch jene Folgen, die sich nicht einfach &ouml;konomisch berechnen lassen, sondern eher psychischer und sozialer Natur sind. Wir pr&uuml;fen, ob prognostizierte, behauptete positive Folgen einer technischen M&ouml;glichkeit vor allem von der Lobby beeinflusst und gepr&auml;gt sind, ob sie realistisch sind und den erkennbaren Bed&uuml;rfnissen der Menschen entsprechen. Wir pr&uuml;fen das Verh&auml;ltnis von Nutzen und Kosten.<\/p><p>Um den historischen Kontext der aktuell gef&uuml;hrten Diskussion und der getroffenen Entscheidungen sichtbar zu machen, macht es Sinn, sich ein paar Beispiele aus der Vergangenheit anzusehen:<\/p><ol>\n<li><strong>Schneller Br&uuml;ter<\/strong>. Erst ja. Dann nein.\n<p>Der deutsche Versuch, diese <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Brutreaktor\">Nukleartechnologie<\/a> zu nutzen, war der Schnelle Br&uuml;ter in Kalkar. Er wurde 1985 fertiggestellt, ging allerdings nie in Betrieb und wurde 1991 eingestellt. Bei der Entscheidung f&uuml;r den Schnellen Br&uuml;ter waren die Risiken nicht ausreichend bedacht worden. Dann kam der Protest der Gegner und hatte Erfolg. Heute steht das Bauwerk als Mahnmal f&uuml;r rechtzeitige Pr&uuml;fung aller Folgen einer technischen Entwicklung &ndash; ein teures, aber gutes Museumsst&uuml;ck am Niederrhein.<\/p><\/li>\n<li><strong>Concorde<\/strong>. Erst Ja, dann nein.\n<p>Dieses <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Concorde\">&Uuml;berschallpassagierflugzeug<\/a> war ein gemeinsames Projekt von Frankreich und Gro&szlig;britannien. Das Flugzeug wurde in 20 Exemplaren gebaut. Erstflug 1969. Letzter kommerzieller Flug Oktober 2003. Das Flugzeug faszinierte Teile des Publikums. Es erwies sich wegen des Spritverbrauchs jedoch nicht als besonders &ouml;konomisch. Dann kam am 25. Juli 2000 der Absturz einer Concorde kurz nach dem Start vom Flughafen Charles de Gaulle hinzu.<\/p><\/li>\n<li><strong>Unbegrenzte Vermehrung der Fernsehprogramme und ihre Kommerzialisierung.<\/strong> Erst nein, dann ja &ndash;  nach dem Wechsel der Regierung von Schmidt zu Kohl.\n<p>1977 zeichnete sich im politischen Bonn die Erkenntnis ab, dass es technisch m&ouml;glich sein w&uuml;rde, die bei terrestrischer Ausstrahlung technisch bedingte Begrenztheit der Fernsehprogramme zu &uuml;berwinden. Durch Verkabelung mit Fernsehverteilnetzen wie auch durch Satelliten konnte die M&ouml;glichkeit geschaffen werden, eine F&uuml;lle von Fernseh- und H&ouml;rfunkprogrammen in die deutschen Wohnzimmer zu bringen. Diese M&ouml;glichkeit zur Vermehrung der Kan&auml;le hatte auch eine gravierende rechtspolitische Bedeutung: bisher war wegen der Begrenztheit der Kan&auml;le bei der terrestrischen Ausstrahlung zugleich auch die M&ouml;glichkeit der Kommerzialisierung blockiert. So sah es das Bundesverfassungsgericht. <\/p>\n<p>Zwischenbemerkung: Wenn Sie die folgenden Erl&auml;uterungen zum Thema Fernsehprogrammvermehrung nicht interessieren, dann springen Sie bitte einfach zu der Ziffer 4.<\/p>\n<p>Ein erster Einstieg in die Programmvermehrung sollte die Verkabelung von elf St&auml;dten sein. Bundespostminister Gscheidle (SPD) hatte sich mit den von der CDU\/CSU regierten Bundesl&auml;ndern auf dieses Projekt verst&auml;ndigt. Die Fachabteilung des Bundeskanzleramtes hatte dieses Projekt unterst&uuml;tzt. Die Planungsabteilung, deren Leiter ich damals war, hat dem Bundeskanzler geraten, zu widersprechen. Das hat er im Mai 1978 getan. Parallel dazu erschien ein langer Essay von ihm in der Wochenzeitung &ldquo;Die Zeit&rdquo;. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/1978\/22\/Plaedoyer-fuer-einen-fernsehfreien-Tag\">In diesem Beitrag<\/a> mit dem Titel &ldquo;Pl&auml;doyer f&uuml;r einen fernseherfreien Tag. Ein Ansto&szlig; f&uuml;r mehr Miteinander in unserer Gesellschaft&rdquo; begr&uuml;ndete Bundeskanzler Helmut Schmidt seine Bedenken gegen die &ldquo;totale Fernsehgesellschaft&rdquo;. <\/p>\n<p>Damit und in der breit gef&uuml;hrten Debatte wurde der Engstirnigkeit der Argumente f&uuml;r die Vermehrung der Fernsehprogramme widersprochen. Diese liefen damals so: Mehr Programme seien in jedem Fall gut, durch Verkabelung und Satellitenfernsehen w&uuml;rden neue Arbeitspl&auml;tze geschaffen und es w&uuml;rde f&uuml;r &ldquo;mehr Vielfalt&rdquo; beim Fernsehen und H&ouml;rfunk gesorgt. Helmut Schmidt und seine Unterst&uuml;tzer &ndash; herausragend damals Hans-Jochen Vogel und der Intendant des S&uuml;ddeutschen Rundfunks Hans Bausch (CDU) &ndash; fragten danach, was die Berieselung mit 20, 30 oder 50 Fernsehprogrammen f&uuml;r Familien und Kinder und f&uuml;r unsere Demokratie bedeuten. <\/p>\n<p>Gestandene Politiker, Bundeskanzler, Minister und Medienfachleute fragten also danach, welche Bedeutung eine technische Entwicklung f&uuml;r die seelische Entwicklung von Menschen und f&uuml;r den Zusammenhalt unserer Gesellschaft haben k&ouml;nnte. Gelegentlich wurden in der damaligen Debatte unsere Fragen nach diesen Folgen als Fragen nach &ldquo;weichen&rdquo; Faktoren bezeichnet und zu diskreditieren versucht. Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes hat mit Untersuchungen untermauert, dass die Entscheidung f&uuml;r die Programmvermehrung und Kommerzialisierung durchaus harte Folgen haben w&uuml;rde. Wir haben in qualitativen Studien, die das Sinus Institut in Heidelberg f&uuml;r uns durchf&uuml;hrte, erforscht, wie Menschen und Familien im Alltag auf die Flut neuen Fernsehens und kommerziellen Fernsehens reagieren w&uuml;rden. Dabei wurde sichtbar, dass wir insbesondere unter Deutschlands Frauen eine &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit gegen den Wahnsinn der fl&auml;chendeckenden Verkabelung h&auml;tten mobilisieren k&ouml;nnen. Auch andere Umfragen zeigten, dass die kritische Haltung des Bundeskanzlers und sein Nein mehrheitsf&auml;hig waren. <\/p>\n<p>Bundeskanzler Schmidt verweigerte entgegen des Rates seines Postministers Gscheidle die Zahlung des Bundes in H&ouml;he von mehreren 100 Millionen DM f&uuml;r die Verkabelung von elf deutschen St&auml;dten. Die CDU\/CSU, insbesondere der bei ihr zust&auml;ndige Experte Schwarz-Schilling polemisierten gegen diese Entscheidung und auch gegen mich pers&ouml;nlich. Schwarz-Schilling nannte mich ein wandelndes Investitionshemmnis. So viel Anerkennung erf&auml;hrt man als Mitarbeiter einer Bundesregierung selten. <\/p>\n<p>Das Nein der Bundesregierung wurde bis zum September 1982 durchgehalten. Dann wechselte die FDP am 1. Oktober die Regierung, CDU\/CSU und FDP w&auml;hlten in einem konstruktiven Misstrauensvotum Helmut Kohl zum Bundeskanzler. Kohl und Schwarz-Schilling begannen mit der Verkabelung und mit dem Ausbau des Satellitenfernsehens. 1984 war der Startschuss. Diese politischen Entscheidungen ohne R&uuml;cksicht auf die Folgen f&uuml;r unsere Gesellschaft zu treffen, hat unsere Gesellschaft nachhaltig ver&auml;ndert. Sehr viel mehr als viele andere im Mittelpunkt der Debatte stehenden Entscheidungen. Wie von uns prognostiziert und von der Gegenseite bestritten hat der Fernsehkonsum zugenommen: von damals knapp unter 2 Stunden auf heute rund 220 Minuten; das sind 3 Stunden und 40 Minuten. Hinzu kommt die verst&auml;rkte Nutzung anderer Bildschirme, von Smartphones und Laptops usw. &ndash;<\/p>\n<p>Insgesamt haben die Entscheidungen zur Fernsehprogrammvermehrung nach dem Regierungswechsel von 1982 unser Land nachhaltig ver&auml;ndert. Das gilt allein schon f&uuml;r die Vermehrung der Programme. Es gilt zus&auml;tzlich deshalb, weil die Programmvermehrung die erw&auml;hnten Vorbehalte des Bundesverfassungsgerichts gegen die Kommerzialisierung aufgerollt hat. Kommerzielle Sender wie SAT1, ProSieben und RTL traten in Konkurrenz zum &Ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das hatte tief greifende Auswirkungen auf die Programmstruktur und die Qualit&auml;t des &Ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es gibt am Ende <strong>nicht<\/strong> mehr Qualit&auml;t und Vielfalt, sondern mehr vom Gleichen. Unter dem Druck der Quote haben sich die Programme, kommerzielle und &ouml;ffentlich-rechtliche, aneinander angepasst.<\/p>\n<p>Selbst einige der Verantwortlichen der CDU\/CSU haben sp&auml;ter gemerkt, welchem Wahnsinn sie den Weg gebahnt haben. Der Vorsitzende der CDU-Medienkommission G&uuml;nter Oettinger sprach 2008 vom &bdquo;Schei&szlig;-Privatfernsehen&ldquo;. Von CSU-Seite wurde der Werteverfall in den Kinderzimmern beklagt. Der zur Zeit des Durchbruchs von Programmvermehrung und Kommerzialisierung f&uuml;r die CDU-Medienpolitik zust&auml;ndige Ministerpr&auml;sident von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel, erkl&auml;rte sp&auml;ter angesichts der Folgen, sie h&auml;tten ja nur das Oligopol der &Ouml;ffentlich-rechtlichen aufl&ouml;sen wollen, und auch die damalige Familienministerin von der Leyen beklagte den eingetretenen Zustand. Das ist ein verlogenes Pack! Verzeihung, ich kann das nicht anders ausdr&uuml;cken angesichts des Elends, das die vor allem zugunsten der privaten Medienkonzerne von Bertelsmann und Kirch getroffene Entscheidung der CDU\/CSU ausgel&ouml;st hat. Die damals entscheidenden Personen waren nicht willens, die Folgen ihrer Entscheidungen vorherzusehen.<\/p>\n<p>Ich selbst hatte zehn Jahre nach der Kommerzialisierung ein eindrucksvolles pers&ouml;nliches Erlebnis. Ich war damals, 1994, Bundestagsabgeordneter. Immer freitags, nach Schluss der Plenumsdebatten, eilten wir in die Wahlkreise. Zu diesem Zweck sammelte die Fahrbereitschaft des Deutschen Bundestages zur Fahrt zum Bonner Bahnhof Kollegen und Kolleginnen an verschiedenen Pl&auml;tzen ein. Als ich am Langen Eugen in Bonn in ein Fahrzeug der Fahrbereitschaft einstieg, sa&szlig; darin schon ein Kollege von der CDU. Ich kannte ihn nicht genau, wusste aber, dass er sehr katholisch und sehr konservativ ist; er kam aus Oberschwaben, hatte viele Kinder und war ein erkl&auml;rter Gegner der Reform des Abtreibungsparagrafen 218. Auch wenn ich anderer Meinung war als er, fand ich seine religi&ouml;se und ethisch bedingte Position nicht unsympathisch. Im Gegenteil. <\/p>\n<p>Er sah mich, erkannte mich und meinte, das sei aber prima. Er wolle schon l&auml;nger bei mir Abbitte leisten. Als ich n&auml;mlich damals als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt &ndash; also vor gut 15 Jahren &ndash; gegen die Vermehrung der Fernsehprogramme und ihre Kommerzialisierung stritt, h&auml;tten er und seine Freunde in der CDU das mit meiner parteipolitischen Haltung erkl&auml;rt, ich wollte halt den &ldquo;Rotfunk&rdquo; erhalten, so nannte man in CDU-Kreisen das, was aus ihrer Sicht zum Beispiel der WDR darstellte: ein SPD-naher Sender. Heute, schon zehn Jahre nach dem fernsehpolitischen Urknall, sehe er, wie recht ich und die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes damals gehabt h&auml;tten: die Auswirkung der Programmvermehrung und ihrer Kommerzialisierung auf Kinder und Familien sei brutal.<\/p><\/li>\n<li><strong>5G und Digitalisierungspakt f&uuml;r Schulen<\/strong>\n<p>Von diesem Beispiel Fernsehprogrammvermehrung habe ich so ausf&uuml;hrlich berichtet, weil sich an diesem Beispiel die Entscheidungsm&auml;ngel gut erkennen lassen und sich zudem heute wieder &auml;hnliches mit 5G und mit der Digitalisierung des Unterrichts in den Schulen abspielen. Beides sind gute Beispiele daf&uuml;r, dass anders als ab 1977 in der Regierung Helmut Schmidt heute die Folgen von technisch m&ouml;glichen Entscheidungen nicht umfassend genug beachtet werden:<\/p>\n<p>Auf die Problematik des Digitalpaktes haben die NachDenkSeiten in den letzten zwei Monaten schon mehrmals hingewiesen. So hier am 22. Februar 2019 &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49529\">Der gemeinsame Nenner von etablierten Medien und Politik: Gedankenlosigkeit. Sichtbar bei der Digitalisierung in den Schulen<\/a>&rdquo; und hier am 18. M&auml;rz 2019 &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50213\">Die Digitalisierung ist ein Experiment an unseren Kindern.<\/a>&rdquo; und hier &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49485\">Der Digitalpakt wird unseren Kindern sehr schaden. Eigentlich unverantwortlich.<\/a>&ldquo;. Bei den Verantwortlichen ist keinerlei Nachdenken sp&uuml;rbar. Es ist so, wie es 1977 folgende gewesen w&auml;re, wenn &ldquo;Bedenkentr&auml;ger&rdquo; wie die Planungsabteilung nicht ein offenes Ohr beim amtierenden Bundeskanzler gefunden h&auml;tten. Damals gab es in der Wissenschaft eine gewisse, aber keine tragende und offensive Unterst&uuml;tzung. Heute gibt es immerhin in der Hirnforschung tragf&auml;hige Analysen, die vorhersagen, was uns ins Haus steht, wenn wir Kinder viel zu fr&uuml;h in die Welt der digitalen Medien entlassen.<\/p>\n<p>Zu Teilaspekten von 5G hat sich Jens Berger auf den NachDenkSeiten schon ge&auml;u&szlig;ert: &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50090\">5G &ndash; ein drohendes Technologiedesaster mit Ansage.<\/a>&ldquo;. In diesem Text waren vermutliche Nebenwirkungen ausgeklammert. Vermutlich sehen wir die M&ouml;glichkeiten und Notwendigkeiten von 5G verschieden. Das muss ja kein Schaden sein.<\/p>\n<p>Von einer Reihe von Leserinnen und Lesern war im Anschluss an seinen Artikel beklagt worde, dass die m&ouml;glichen Folgen der Strahlenbelastung von 5G nicht beachtet worden seien. Ich kann diese Einw&auml;nde verstehen. Dass man &uuml;ber die Folgen der Strahlung nichts Genaues wei&szlig;, kann aus meiner Sicht nicht dazu f&uuml;hren, dass wir die Investitionen in die aufw&auml;ndige &Uuml;bertragungstechnik rechtfertigen.<\/p>\n<p>Manche der m&ouml;glichen Nutzungen von 5G sehe ich eher mit einer Mischung aus L&auml;cheln und Bewundern der Zukunftsgl&auml;ubigkeit:<\/p>\n<p>&bdquo;Autonomes Fahren&ldquo; nennt man die Vorstellung, dass die k&uuml;nftigen Netze 5G es m&ouml;glich machen w&uuml;rden, dass man sich mit seinem Auto in einen elektronisch gesteuerten Verkehr einf&uuml;gen kann. Das halte ich nicht nur f&uuml;r Zukunftsmusik, sondern auch f&uuml;r eine ziemlich disharmonische Zukunftsmusik. Ich will nur einige Argumente nennen: Eigentlich wollen wir doch weg vom Ausbau des Individualverkehrs. Und wenn wir ihn schon weiterhin, wenn auch reduziert, nutzen, dann doch wegen der individuellen Bed&uuml;rfnisse. Ich glaube nicht daran, dass sich messbare Quantit&auml;ten der Mitmenschen in ein elektronisch und fremd gesteuertes Fahren mit dem eigenen Auto einordnen werden. Die Vorstellung, dies werde in absehbarer Zeit gew&uuml;nscht und mitgemacht, und sogar von allen mitgemacht, das ist die Bedingung, ist abstrus. &ndash; Aber gut, vielleicht t&auml;usche ich mich. Vielleicht sind die jungen Leute wirklich so dolllll, dass sie so etwas toll finden. Jedenfalls brauchen wir dar&uuml;ber dann eine Debatte und diese Debatte muss nicht nur technisch bestimmt werden, sondern ganz wesentlich an der menschlichen Psyche ansetzen.<\/p><\/li>\n<li><strong>18 neue Kernkraftwerke. Erst ja, dann nein.<\/strong>\n<p>In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden von der Bundesregierung j&auml;hrlich Energieprogramme beschlossen und fortgeschrieben. Zu Anfang war die Rede davon, wir m&uuml;ssten 18 neue Kernkraftwerke bauen. Diese Absicht gr&uuml;ndete auf eigenartigen Annahmen zum Energiebedarf. Die Prognosen zum Energiebedarf wurden in direkter Korrelation zu den Prognosen des Wachstums des Bruttoinlandsprodukts berechnet. <\/p>\n<p>Die Planungabteilung des Bundeskanzleramtes hat damals einen Spezialisten als Honorarvertragsmitarbeiter engagiert. Mit ihm zusammen haben wir zun&auml;chst einmal die Bedarfsprognosen auseinandergenommen und dann den daraus abgeleiteten Kernenergiebedarf hinterfragt. Es gab damals dann heftige Konflikte zun&auml;chst zwischen der Planungsabteilung und den beiden anderen Fachabteilungen im Haus, konkret der Wirtschaftsabteilung IV und der Abteilung III, die f&uuml;r Technik und auch f&uuml;r Kernkraft zust&auml;ndig war. Dann aber verschoben sich die Konflikte in die Verhandlungen mit dem Bundeswirtschaftsministerium. Immerhin ist es in dieser Zeit gelungen, die Koppelung der Bedarfsprognosen an das Bruttoinlandsprodukt aufzul&ouml;sen und damit eine erste Basis daf&uuml;r zu schaffen, die Prognose f&uuml;r den Bedarf so vieler Kernkraftwerke zu ersch&uuml;ttern.<\/p>\n<p>Zur gleichen Zeit wuchs au&szlig;erhalb der Bundesregierung und des Parlaments der Protest gegen die weitere Nutzung und den weiteren Ausbau der Kernenergie. Typisch daf&uuml;r sind die Proteste in Wackersdorf und die Proteste gegen das Kernkraftwerk Brokdorf.<\/p>\n<p>Sehr geholfen hat in dieser gesamten Auseinandersetzung das, was sich im Lande tat: die Demonstrationen zum Beispiel und auch die Willensbildung in den Parteien, namentlich in der gr&ouml;&szlig;eren Regierungspartei. In der morgendlichen Lagebesprechung des Bundeskanzleramtes schlug damals zum Beispiel der Beschluss der baden-w&uuml;rttembergischen Landes-SPD wie eine Bombe ein. Die baden-w&uuml;rttembergische SPD wollte n&auml;mlich nicht weiter in Kernenergie investieren. Helmut Schmidt, der damalige Bundeskanzler konnte sich leider von seiner Affinit&auml;t an die Meinungen der Meinungsmacher bei der Industrie nicht l&ouml;sen. Das f&uuml;hrte damals zu einem unseligen und unerfreulichen Konflikt mit seiner Partei. Aber alles zusammen, die Demonstrationen in Brokdorf, in Wackersdorf und anderswo und die Parteitagsbeschl&uuml;sse haben dabei mitgeholfen, nicht weiter zu verfolgen, was technisch m&ouml;glich gewesen w&auml;re: den Bau von vielen weiteren Kernkraftwerken.<\/p><\/li>\n<li><strong>Bemannte Weltraumfahrt &ndash; zwischen 1987 und 1989 zun&auml;chst gefordert und in technikfreundlichen Kreisen positiv diskutiert. Der Widerstand setzte sich durch, also Nein.<\/strong>\n<p>Eine vergessene Aff&auml;re zum Thema: Die Lobbyisten der Luft- und Raumfahrtindustrie sahen in der Legislaturperiode 1987-1990 offenbar eine Chance, bei der Bundesregierung ein entsprechendes Programm durchzusetzen. Ich war damals Mitglied des Wirtschaftsausschusses des Deutschen Bundestages. Weil die Regierungsparteien CDU\/CSU und FDP alleine nicht die Verantwortung f&uuml;r neue Milliardengr&auml;ber &uuml;bernehmen wollten, wurde damals die Zustimmung der Oppositionspartei SPD gesucht. In meiner Fraktion warb der forschungspolitische Sprecher, ein typischer Rheinl&auml;nder, der aus J&uuml;lich kam und im Milieu von Luft- und Raumfahrt verwurzelt war, f&uuml;r einen Einstieg in die bemannte Weltraumfahrt. Andere, unter anderem der wirtschaftspolitische Sprecher Wolfgang Roth und ich mit einigen anderen Kolleginnen und Kollegen konnten keinen Sinn darin sehen, in die bemannte Weltraumfahrt einzusteigen. Aber die Bef&uuml;rworter waren sehr z&auml;h und hartn&auml;ckig.  Wir waren gezwungen, ein richtiges aufw&auml;ndiges Hearing zu veranstalten, um all die bl&ouml;dsinnigen Vorstellungen, dass man Personen im Weltraum brauche, um bestimmte Reparaturen bei Satelliten und dergleichen vorzunehmen, zu entkr&auml;ften. Der erste Preis f&uuml;r die beste Beratung in jener Zeit geb&uuml;hrt Helmar Krupp. Er war Physiker und Leiter des Fraunhofer Instituts in Karlsruhe. Auf seine Expertise st&uuml;tzten wir unsere Argumente ab und gewannen die Debatte in unserer Fraktion. Aber es war nahe dran, das zu machen, was technisch m&ouml;glich ist &ndash; wie so oft ohne R&uuml;cksicht auf Kosten, Risiken und Nebenwirkungen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Stuttgart 21 &ndash; Ja, mit absehbarem Desaster<\/strong>\n<p>Meine Regionalzeitung, Die Rheinpfalz, macht heute ihre Wirtschaftsseite auf mit dem Titel &ldquo;Milliardengrab Stuttgart 21&rdquo;. Das ist eine neue und erfreulich aufkl&auml;rerische Schlagzeile. Es wird davon berichtet, dass morgen der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG zu diesem Thema berate und dass das Projekt der Deutschen Bahn AG schon jetzt eine massive Belastung bringe und sich erkennbar nicht mehr rechne. <\/p>\n<p>Aus meiner Sicht ist dieses Projekt ein Beispiel daf&uuml;r, dass die F&auml;higkeit und die Bereitschaft der politisch Verantwortlichen, eine Fehlentscheidung f&uuml;r ein technisch m&ouml;gliches Projekt rechtzeitig zu korrigieren, massiv gesunken ist. Beim Schnellen Br&uuml;ter und auch bei der bemannten Weltraumfahrt und bei den vielen weiteren M&ouml;glichkeiten zur Investition in die Kernenergie, hat man das fr&uuml;her gemerkt und umgesteuert. Bei der Digitalisierung merkt man ja noch gar nichts und stolpert stattdessen unreflektiert weiter.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Was w&auml;re n&ouml;tig, um k&uuml;nftig fr&uuml;her und besser abzuw&auml;gen, ob die &ouml;ffentliche Entscheidung zur Unterst&uuml;tzung technischer M&ouml;glichkeiten sinnvoll ist oder nicht:<\/strong><\/p><p>Aus den genannten und skizzierten Beispielen k&ouml;nnte man lernen:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Wichtig ist eine m&ouml;glichst umfassende Analyse der Folgen. Es macht vermutlich wenig Sinn, erkennbare Folgen nur deshalb nicht zu beachten, weil sie noch nicht genau berechenbar und noch nicht voll erforscht sind. In diesem Fall wie etwa bei 5G und der vermuteten Strahlenbelastung muss man dann mit der Entscheidung ein bisschen warten und mit der Erforschung der Begleiterscheinungen und Wirkungen Tempo machen.<\/li>\n<li>Die Verantwortlichen m&uuml;ssen wieder lernen, sich zur&uuml;ckzuhalten und nicht jeden Pferdeapfel aufzulesen, der irgendwo fallengelassen wird: Globalisierung, Digitalisierung, Glasfaser usw.. Die gl&auml;nzenden Augen sollten skeptischen Blicken weichen, dann k&ouml;nnte viel Unsinn verhindert werden. <\/li>\n<li>F&uuml;r Korrekturen bei wichtigen Fehlentscheidungen der Vergangenheit fiel auf, dass die &ouml;ffentliche Debatte und auch die Debatte in den Parteien eine beachtenswerte und erfreuliche Rolle spielten. Dass es aus meiner Sicht heute um die Entscheidungsqualit&auml;t schlechter steht als in fr&uuml;heren Zeiten, hat damit zu tun, dass die inhaltliche Debatte in den Parteien sehr d&uuml;nn geworden ist &ndash; es gibt wenige Sachverst&auml;ndige f&uuml;r wenige Bereiche. Und in den Medien findet man leider auch nicht mehr sehr viele sachverst&auml;ndige Kolleginnen und Kollegen. Oder ihnen wird nicht der notwendige zeitliche Raum gegeben.<\/li>\n<li>Auch dass die Ministerien fachlich qualifiziertes Personal abgebaut haben, r&auml;cht sich. Es finden sich heute nur noch wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Apparat, die ausreichend fachlich qualifiziert sind und obendrein noch Zeit haben, als Gespr&auml;chspartner f&uuml;r Gruppen und Parteien au&szlig;erhalb der Administration zur Verf&uuml;gung zu stehen. In der Zeit meiner Arbeit im Kanzleramt und im Bundeswirtschaftsministerium war dies selbstverst&auml;ndlich. Das galt f&uuml;r eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen.<\/li>\n<\/ol><p>Zum Schluss: Ich bin nicht daf&uuml;r verantwortlich, dass bei einem Blick zur&uuml;ck der Eindruck entstehen k&ouml;nnte, dass fr&uuml;her alles besser war. Das ist &uuml;brigens ein Thema, dass ich mir f&uuml;r die n&auml;chsten Wochen vornehme. Es w&uuml;rde mich freuen, auch das f&auml;nde dann Ihr Interesse.<\/p><p>Titelbild: Dennis Kartenkaemper \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entscheidung f&uuml;r den Digitalpakt und die Subvention dieser Entwicklung an Deutschlands Schulen mit rund 7 Milliarden Euro und auch die Vor-Entscheidung f&uuml;r 5G vermitteln den Eindruck, dass die Verantwortlichen und die sie begleitenden Medien jedenfalls mehrheitlich die oben gestellte Frage mit einem klaren Ja beantworten. Von den etablierten Medien wird die Entscheidung zum Digitalpakt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50456\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":50457,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,165,161],"tags":[2150,313,268,2094,1255,694,1969,1588,399,1386],"class_list":["post-50456","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-autonome-fahrzeuge","tag-oerr","tag-deutsche-bahn","tag-digitalisierung","tag-einschaltquote","tag-milliardengrab","tag-mobilfunk","tag-private-medien","tag-schmidt-helmut","tag-wissenschaftlich-technischer-fortschritt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/shutterstock_494063083.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50456","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50456"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50456\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50902,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50456\/revisions\/50902"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50456"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50456"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50456"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}