{"id":50463,"date":"2019-03-27T08:30:06","date_gmt":"2019-03-27T07:30:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50463"},"modified":"2019-03-27T09:33:29","modified_gmt":"2019-03-27T08:33:29","slug":"brasilien-in-der-nato-und-die-gruendung-von-prosur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50463","title":{"rendered":"Brasilien in der NATO und die Gr\u00fcndung von ProSur"},"content":{"rendered":"<p>Das gesamte Umfeld, etwa vier H&auml;userblocks rund um den Regierungspalast La Moneda, war seit Donnerstagabend, dem 22. M&auml;rz, rigoros von Chiles Bereitschaftspolizei Carabineros hermetisch abgesperrt worden. Dort, im legend&auml;ren Hauptsitz der Regierung &ndash; der in den Morgenstunden des 11. September 1973 von der eigenen Luftwaffe bombardiert und in den Folgejahren der Diktatur Augusto Pinochets von den Spuren des darin ums Leben gekommenen demokratischen Pr&auml;sidenten Salvador Allende ges&auml;ubert wurde &ndash; tagte die vom amtierenden Pr&auml;sidenten Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era improvisierte Gr&uuml;ndung der erzkonservativen Staatengemeinschaft ProSur. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDoch das Sicherheitsaufgebot galt weniger dem Staatschef und den wenigen zugereisten Pr&auml;sidenten aus der Nachbarschaft, sondern einem besonderen Gast: Brasiliens Jair Bolsonaro. Der war bereits seit seiner Landung in der City Santiagos von Oppositionsparteien, Gewerkschaften, Menschenrechts-Organisationen, Feministinnen und der LGBT-Szene mit ger&auml;uschvollen Ch&ouml;ren, Trommeln und Plakaten zur &bdquo;Persona non grata&rdquo; erkl&auml;rt worden. &bdquo;&iexcl;Fuera Bolsonaro!&rdquo;, &bdquo;&iexcl;Fuera el fascismo!&rdquo; &ndash; &bdquo;Bolsonaro raus&rdquo;, &bdquo;Faschisten raus!&rdquo;, dr&ouml;hnte es durch die verstopfte Konsummeile im Herzen Santiagos.<\/p><p>Die Proteste wurden bis zum Samstag fortgesetzt, als Pi&ntilde;era im La-Moneda-Palast Bolsonaro ein festliches Mittagessen servieren lie&szlig;, zu dem auch Dutzende Politikerinnen und Politiker der Opposition eingeladen waren. Diese hatten jedoch im Vorfeld in den Medien die Ablehnung der Einladung mit ihrer Abscheu vor Bolsonaro begr&uuml;ndet. &bdquo;Mit einem Verehrer Pinochets, Bef&uuml;rworter der Folter, der Ermordung von politischen Gegnern, Frauenfeind und Homosexuellen-Hasser setzt sich keine Demokratin an einen Tisch&rdquo;, erkl&auml;rte das Ex-Model und linke Abgeordnete der Frente Amplio, Mait&eacute; Orsini.<\/p><p>Noch vor einem Jahr war Jair Bolsonaro in Chile ein unbeschriebenes Blatt. W&auml;hrend der brasilianischen Pr&auml;sidentschaftskampagne drang doch 2018 allm&auml;hlich sein brutales Credo in die Medien. Bekenntnisse wie &bdquo;Ich bewundere Pinochet!&rdquo; oder &bdquo;Der einzige Fehler Pinochets war, gefoltert anstatt die Kommunisten umgebracht zu haben!&rdquo; stie&szlig;en bei Familienverb&auml;nden der tausendfachen Pinochet-Opfer auf Emp&ouml;rung. Auf Bolsonaros widerw&auml;rtige Bemerkungen gegen&uuml;ber Frauen (etwa der Satz, &bdquo;ich vergewaltige Dich nicht, weil Du&acute;s nicht verdient hast!&rdquo;) und Homosexuellen reagierten die Frauenbewegung und die LGBT-Szene mit Entsetzen.<\/p><p><strong>Mit Trumps Segen: &bdquo;Brasilien in der NATO&rdquo;<\/strong><\/p><p>Es war eher eine bescheidene Schar, h&ouml;chstens 200 Demonstrantinnen und Demonstranten, die das Festessen jedoch mit einer vom Protokoll nicht vorgesehenen Akustik untermalten, zu der auch Schimpftiraden einzelner angereister Brasilianer geh&ouml;rten, wie &bdquo;Bolsonaro, vai tomar no cu!&rdquo; &ndash; &bdquo;Bolsonaro, leck uns am A&hellip;.!&rdquo;.<\/p><p>Die Schimpfkanonaden entlockten selbst einzelnen Polizistinnen ein versch&auml;mtes Grinsen. Von mir auf ihr Gef&uuml;hl angesprochen, Bolsonaro besch&uuml;tzen zu m&uuml;ssen, reagierte eine junge Carabinera mit zur Abscheu verzogener Unterlippe &ndash; und lachte im Vertrauen. Ihr danebenstehender Einsatzleiter grinste verst&auml;ndnisvoll. Ein anderer, von mir angesprochener Sergeant seufzte, &bdquo;Tja, was man nicht alles tun muss, damit Ihr Pr&auml;sident da drin in Ruhe speisen kann!&rdquo; &ndash; und grinste ebenfalls.<\/p><p>Chiles Carabineros sind nicht gerade f&uuml;r Menschenfreundlichkeit und Dialogbereitschaft, sondern eher notorisch f&uuml;rs brutale Niederkn&uuml;ppeln und t&ouml;dliche Verletzungen von Demonstranten bekannt. Doch Jair Bolsonaro sch&uuml;tzen zu m&uuml;ssen, war wohl manch so einem &bdquo;Bullen&rdquo; vom Fu&szlig; der Anden sauer aufgesto&szlig;en.<\/p><p>Medien und Demonstranten registrierten allerdings besonders, dass Bolsonaro nicht aus Brasilien, sondern aus Washington anreiste, wo er Donald Trump seinen ersten Staatsbesuch widmete, der urspr&uuml;nglich f&uuml;r Chile angek&uuml;ndigt worden war und deshalb Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era zu derart festlichem Aufwand veranlasste.<\/p><p>Insbesondere von den Medien Brasiliens wurde registriert, dass der US-Pr&auml;sident mit vergleichbarer &Uuml;berst&uuml;rzung Bolsonaros Brasilien die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0fV4FeCxJPg\">volle NATO-Mitgliedschaft vorgeschlagen<\/a> hatte, jedoch wohl eher als Geste scheinheiliger Dankbarkeit f&uuml;r die &Uuml;berlassung der Raketen-Abschussbasis Alc&acirc;ntara &ndash; der Vertrag dar&uuml;ber wurde im Oval Office des Pr&auml;sidenten Trump unterzeichnet. Am &Auml;quator liegend besitzen der brasilianische sowie der franz&ouml;sische St&uuml;tzpunkt auf Franz&ouml;sisch-Guayana den Standort-Vorteil, dass sie bei einem Raketenabschuss wegen der Erdkr&uuml;mmung beachtlich viel Treibstoff einsparen helfen.<\/p><p>Auch ist der &ouml;ffentlichen Meinung nicht entgangen, dass Bolsonaro mit seinem Justizminister S&eacute;rgio Moro in Langley dem Geheimdienst CIA einen Besuch abstatteten, was im Verst&auml;ndnis der Kritiker ein Hinweis auf dessen Rolle im konservativen Rollback Brasiliens, jedoch auch als Illustration f&uuml;r die erb&auml;rmliche Unterw&uuml;rfigkeit seiner amtierenden Regierung gegen&uuml;ber den USA verstanden werden kann.<\/p><p><strong>Das C&uacute;cuta-Syndrom: Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era und die Gr&uuml;ndung von ProSur<\/strong><\/p><p>Nun wartete Chiles Pr&auml;sident Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era auf seine f&uuml;nf Minuten des Ruhms. &bdquo;Die UnaSur steht seit 3 Jahren still und scheiterte an ideologischen Exzessen. Unser Vorschlag ist die Schaffung einer neuen Referenz in S&uuml;damerika (Prosur) f&uuml;r eine bessere Koordination, Kooperation und regionale Integration, frei von Ideologien, f&uuml;r alle offen und 100-prozentig der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtet&rdquo;, twitterte er vor wenigen Tagen als Begr&uuml;ndung seiner Initiative zur Schaffung der neuen erzkonservativen &ldquo;Staatengemeinschaft&rdquo; ProSur (Prosur: Origen, cr&iacute;ticas y la justificaci&oacute;n del nuevo bloque internacional que propone Pi&ntilde;era).<\/p><p>Pi&ntilde;era trug sich seit Ende 2018 mit der Idee, jedoch einheimische Medien und die linke Opposition im Parlament von Valpara&iacute;so unterstellten dem Ende 2017 wiedergew&auml;hlten Multimilliard&auml;r zweierlei kaschierte Ziele: von der Misere seiner Administration abzulenken und sich selbst in Szene zu setzen. Die der christdemokratischen und der sozialistischen Partei Chiles nahestehende Wochenzeitung <em>Cambio21<\/em> betitelte Pi&ntilde;eras Teilnahme am Fiasko des &ldquo;humanit&auml;re-Hilfe&rdquo;-Unternehmens der USA in der kolumbianischen Grenzstadt C&uacute;cuta als einen Tag, &bdquo;an dem Chile sich vor der Welt sch&auml;men musste&rdquo; (Operaci&oacute;n C&uacute;cuta &ndash; El d&iacute;a en que Chile qued&oacute; en verguenza ante el mundo &ndash; 27. Februar 2019).<\/p><p>Dieselbe Publikation war bereits am 13. M&auml;rz mit Pi&ntilde;era ins Gericht gegangen. Mit dem zur&uuml;ckhaltenden Titel &bdquo;Primer a&ntilde;o med&iacute;ocre&rdquo; (Cambio21, 13-19. M&auml;rz 2019) umschrieb die Wochenzeitung das erste Regierungsjahr Pi&ntilde;eras als &bdquo;mittelm&auml;&szlig;ig&rdquo;. Im Mittelpunkt der Kritik an den w&auml;hrend der Wahlkampagne von 2017 versprochenen, bisher jedoch nicht eingel&ouml;sten Regierungszielen steht der Einbruch des im ersten Halbjahr 2018 von Vorg&auml;ngerin Michelle Bachelet geerbten Wirtschaftswachstums von 4,5 Prozent auf 2,6 Prozent, der geringe Anstieg der L&ouml;hne um schlichte 1,2 Prozent, die Zunahme statt der R&uuml;ckgang der Arbeitslosigkeit um 0,3 Prozent und die damit gekoppelte Schrumpfung des Verbrauchermarktes um 0,3 Prozent &ndash; insgesamt eine Bilanz, die das Scheitern der neoliberalen Offensive gegen die vorangegangenen Regierungen der sozialen Umverteilung auf dem gesamten lateinamerikanischen Kontinent signalisiert und in Argentinien sowie in Brasilien geradezu katastrophale Ausw&uuml;chse erreichte.<\/p><p>Doch selbst konservative Beobachter der politischen Szene Lateinamerikas raufen sich die Haare bei Pi&ntilde;eras Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Schaffung von ProSur. Seine Behauptung, die &bdquo;UnaSur steht seit 3 Jahren still und scheiterte an ideologischen Exzessen&rdquo;, grenzt an &uuml;blen Zynismus. Es war n&auml;mlich Pi&ntilde;eras Au&szlig;enminister Roberto Ampuero, der sich seit Mitte 2018 mit vielf&auml;ltigen Reisen nach den USA, nach Brasilien, Argentinien und Kolumbien um die systematische Ausbootung von UnaSur bem&uuml;hte. Als &bdquo;gescheiterte und linkslastige Organisation&rdquo; hatte Ampuero wiederholt die UnaSur bezeichnet, die 2004 von den damaligen Pr&auml;sidenten Brasiliens (Luis In&aacute;cio Lula da Silva) und Argentiniens (Nestor Kirchner) &ndash; und nicht etwa, wie Pi&ntilde;era behauptet, von Hugo Ch&aacute;vez &ndash; ins Leben gerufen wurde und seit 2008 durch multilaterale Staatsvertr&auml;ge und einen Konsultationsstatus bei den Vereinten Nationen die politische B&uuml;hne betrat. <\/p><p>Unter Ausschluss der USA hatte es die UnaSur gewagt, als pluralistische und autonome Staatengemeinschaft gegen&uuml;ber der US-h&ouml;rigen und w&auml;hrend des Kalten Krieges gegr&uuml;ndeten Organisation der Amerikanischen Staaten (Spanisch: OEA) aufzutreten. Dass es der UnaSur gelang, zeitweilig den innenpolitischen Dialog in Venezuela und die horizontale Integration ohne &bdquo;Mittlerrolle&rdquo; der USA voranzutreiben, war bereits der Administration Barack Obama ein Dorn im Auge; ein Dorn, der sich unter der Herrschaft Donald Trumps und des Deep Staates zum geopolitischen Kampfmesser und zur wiedererwachten Kanonenboot-Diplomatie auswuchs.<\/p><p>Kein solider Beobachter wagte es jemals, am eminent pluralistischen Charakter der UnaSur zu zweifeln, geh&ouml;rten doch zu ihren Mitgliedern ausgesprochen konservative Regierungen wie die Kolumbiens, Perus und Paraguays; womit Pi&ntilde;eras Vorwurf, die Organisation sei von &bdquo;ideologischen Exzessen&rdquo; gepr&auml;gt, als infame L&uuml;ge und die angebliche &bdquo;ideologische Neutralit&auml;t&rdquo; von ProSur umgekehrt als schlecht garnierter Witz vom guten Weihnachtsmann bezeichnet werden d&uuml;rfen.<\/p><p>Zusammen mit der Schnapsidee vom vollen NATO-Beitritt Brasiliens &ndash; den europ&auml;ische B&uuml;ndnispartner sofort als Verletzung des auf den Nordatlantik beschr&auml;nkten Vertrags kritisierten &ndash; sollte Pi&ntilde;eras ger&auml;uschvolle ProSur-Gr&uuml;ndung in Wahrheit als zus&auml;tzlicher, verzweifelter Versuch Donald Trumps und seiner wirren au&szlig;enpolitischen Falken-Entourage (Mike Pompeo, John Bolton, Marco Rubio, Elliott Abrams) verstanden werden, den s&uuml;damerikanischen Kontinent wieder an die Kandare zu nehmen und Venezuela &bdquo;einzukreisen&rdquo;. Best&auml;tigt wurde die Vermutung durch die Teilnahme von Juan Guaid&oacute;s Ehefrau Fabiana Rosales, einer jungen, politisch unerfahrenen und farblosen Figur, die der &uuml;berst&uuml;rzten ProSur-Gr&uuml;ndung offenbar den fehlenden Symbolismus verleihen sollte.<\/p><p>Chiles Mitte-Links-Opposition, die in beiden H&auml;usern des Parlaments die Mehrheit stellt, verabschiedete eine von 26 Parteivertretern unterschriebene, vernichtende Erkl&auml;rung zur Gr&uuml;ndung des konservativen Regierungsb&uuml;ndnisses. &bdquo;ProSur ist ein Vorsto&szlig; ohne erforderliche Konsultationen, ohne Vorarbeiten, eine Hals &uuml;ber Kopf ergriffene Fehlleistung. Es bleibt beim schlichten Event. Ihre Auswirkungen m&uuml;ssen als negativ prognostiziert werden, nicht nur wegen der Improvisation, sondern weil sie ein zus&auml;tzliches Beispiel schlechter lateinamerikanischer Politik darstellt&rdquo;.<\/p><p>Titelbild: Yuriy Boyko\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gesamte Umfeld, etwa vier H&auml;userblocks rund um den Regierungspalast La Moneda, war seit Donnerstagabend, dem 22. M&auml;rz, rigoros von Chiles Bereitschaftspolizei Carabineros hermetisch abgesperrt worden. Dort, im legend&auml;ren Hauptsitz der Regierung &ndash; der in den Morgenstunden des 11. 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