{"id":5047,"date":"2010-04-07T07:32:18","date_gmt":"2010-04-07T06:32:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5047"},"modified":"2019-07-25T11:09:34","modified_gmt":"2019-07-25T09:09:34","slug":"rezension-dieter-wellershoff-der-himmel-ist-kein-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5047","title":{"rendered":"Rezension: Dieter Wellershoff:  Der Himmel ist kein Ort"},"content":{"rendered":"<p>Wellershoff erweist sich in deren gradliniger Darstellung als ein Meister im Umgang mit ambivalenten Stimmungen und Gef&uuml;hlen in einer Zeit, in der Gewissheiten einer sinnstiftenden Ordnung mehr und mehr verloren gehen. Ein lesenswerter, nachdenklich stimmender Roman, der Fragen aufwirft, die viele Menschen bewegen d&uuml;rften. Wellershoff ist einer von ihnen. Von Joke Frerichs<br>\n<!--more--><\/p><p>Im Mittelpunkt des Romans steht ein junger Dorfpfarrer, der mehr und mehr den Boden unter den F&uuml;&szlig;en verliert. Er lebt allein im d&ouml;rflichen Pfarrhaus. Die Freundin hat ihn verlassen. Er selbst bew&auml;ltigt mehr recht als schlecht die kirchliche Alltagsroutine. Eines Nachts wird er an einen Unfallort gerufen. Ein Wagen ist in den nahegelegenen Baggersee gefahren. Der Fahrer hat &uuml;berlebt. Die Frau kann nur noch tot geborgen werden. Der gemeinsame Sohn ist bewusstlos und liegt fortan im Koma. <\/p><p>Schon bald danach gibt es im Dorf die unterschiedlichsten Deutungen des Unfalls. Von Spannungen unter den Ehepartnern ist die Rede. Auch die Tatsache, dass der Mann &uuml;berlebt hat, gibt Anlass zu Spekulationen. T&auml;glich berichtet die &ouml;rtliche Presse von vermeintlich neuen Indizien.<br>\nDer Pfarrer versucht mit dem Mann ins Gespr&auml;ch zu kommen, was nicht recht gelingt.  Der Mann bleibt verschlossen und misstrauisch. Gegen&uuml;ber der Dorfgemeinde, die l&auml;ngst ihr Urteil &uuml;ber den Mann gef&auml;llt hat, h&auml;lt der Pfarrer an der Unschuldsvermutung zugunsten des Mannes fest. Zwar nehmen auch bei ihm die Zweifel zu, je mehr er &uuml;ber den Mann erf&auml;hrt; gleichwohl ger&auml;t der Pfarrer mehr und mehr in Gegensatz zur Mehrheitsmeinung im Ort. <\/p><p>Dies ist der Ausgangspunkt einer sich versch&auml;rfenden Sinnkrise, die allm&auml;hlich auch an den Grundfesten des Glaubens selbst r&uuml;hrt. Als er w&auml;hrend einer Predigt versucht, seinen Standpunkt vor der Gemeinde zu erkl&auml;ren, erf&auml;hrt er kalte Ignoranz. Das Motto der Predigt: &bdquo;Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet&ldquo; &ndash; zur Vers&ouml;hnung gedacht &ndash; , wirkt auf die Gemeinde wie eine Provokation. Dem Pfarrer wird pl&ouml;tzlich bewusst, wie hohl die religi&ouml;sen Formeln angesichts der realen Ereignisse klingen.<\/p><p>Wellershoff gelingt es mit einer erstaunlichen Pr&auml;zision,  verschiedene Facetten der Lebenskrise des Pfarrers darzustellen. Mit einem Kunstgriff gelingt es ihm, diese auf Aspekte der  Glaubenskrise hin zu fokussieren: Er l&auml;sst den Pfarrer an einer wissenschaftlichen Tagung teilnehmen, die das Ziel hat, theologische Fragen der Zeit im Dialog mit Philosophen, Soziologen und Religionshistorikern zu reflektieren. Hier nun prallen die kontr&auml;ren Vorstellungen vom Glauben in aller Sch&auml;rfe aufeinander. <\/p><p>Einer der Referenten f&uuml;hrt aus, wie sich die Religion von der alles beherrschenden Sinndeutungsinstanz und lebensgestaltenden Macht in der traditionalen Gesellschaft zu einer altehrw&uuml;rdigen Hintergrundautorit&auml;t in der Moderne entwickelt und dabei nach und nach an Funktionen und Gestaltungsr&auml;umen einb&uuml;&szlig;t. Mit der verfassungsrechtlich garantierten Religionsfreiheit seien Konfessionen zu einer Art Konsumgut geworden, von der jeder nach Bedarf seinen pers&ouml;nlich dosierten Gebrauch macht. &bdquo;Religion sei Privatsache geworden und verfl&uuml;chtige sich in subjektiven Varianten oder lebe zum Feiertagsritual reduziert wie ein braves und gesch&uuml;tztes Haustier innerhalb der s&auml;kularisierten Gesellschaft weiter, die mit ihrer gesammelten Medienmacht anstelle der Sorge um das Seelenheil Tag f&uuml;r Tag die Jagd nach dem vielgestaltigen Gl&uuml;ck irdischer Selbstverwirklichung propagiere. Das aktuelle Wunschbild k&ouml;rperlicher und seelischer Wellness und des gesellschaftlichen Erfolgs habe die religi&ouml;se Erl&ouml;sungshoffnung &uuml;berlagert und als etwas Un&uuml;berpr&uuml;fbares und Vages in den Hintergrund gedr&auml;ngt.&ldquo; <\/p><p>Es sind Stellen wie diese, die Wellershoff als einen sprachm&auml;chtigen Autor ausweisen. Und es kann wohl kein Zweifel daran bestehen, dass er seinen Protagonisten die eigenen Zweifel an der sinnstiftenden Funktion der kirchlichen Institutionen in den Mund legt. Die Kirche mit ihren Betreuungsangeboten ist zu einer gesellschaftlichen Nische f&uuml;r Zuflucht suchende Menschen geworden, die in der Un&uuml;bersichtlichkeit und Instabilit&auml;t der Leistungsgesellschaft menschliche N&auml;he und W&auml;rme vermissten. &bdquo;Die Formelhaftigkeit, zu der die Glaubensinhalte in ihrer rituellen Vermittlung erstarrt sind, wird dabei von den Kirchenbesuchern als Preis der Geborgenheit in Kauf genommen. Weder glauben noch zweifeln sie an den Glaubensverhei&szlig;ungen. Die meisten sagen sich: Vielleicht ist doch etwas daran. Man kann es ja nicht wissen.&ldquo; (221)<\/p><p>Mit diesen und &auml;hnlichen Formulierungen gelingt es Wellershoff, die Grenzen kirchlicher Glaubw&uuml;rdigkeit auszuloten. Auf der Tagung werden grunds&auml;tzliche Standpunkte kritisch hinterfragt und &ndash; jenseits aktueller Anl&auml;sse &ndash; diskutiert.<br>\nDabei wird deutlich: die Zweifel &uuml;berwiegen.<br>\nNur scheinbar widersprechen dem Ereignisse wie Kirchentage oder z.B.  der Weltjugendtag, der alle paar Jahre Hunderttausende junger Menschen zusammenf&uuml;hrt. Bezogen darauf &auml;u&szlig;ert ein Tagungsteilnehmer seine Zweifel, ob derartige Veranstaltungen als Zeichen einer &bdquo;Renaissance der Religion&ldquo; angesehen werden k&ouml;nnen. &bdquo;Das glaube ich eigentlich nicht. Was ich pers&ouml;nlich bisher wahrgenommen habe, waren an Massenereignisse gebundene, fl&uuml;chtige Stimmungen, die sich selbst genug waren und sich selbst konsumierten. Wenn`s vorbei ist, l&auml;uft man auseinander, und nichts bleibt zur&uuml;ck au&szlig;er dem Bed&uuml;rfnis nach einem neuen Event und neuen Massenbegeisterungen.&ldquo; (224)<\/p><p>Von diesen mehr oder weniger &auml;u&szlig;eren Erscheinungsformen kirchlichen Geschehens, die man teilen oder auch nicht teilen kann, geht Wellershoff sukzessive auf Grundfragen der Religion &uuml;ber. Auf die Frage: Wer oder was ist Gott? Hierauf antwortet einer der Referenten: &bdquo;Gott ist die Summe der Erz&auml;hlungen &uuml;ber Gott. Man kann auch sagen: eine von Menschen geschaffene, Halt und Orientierung stiftende Fiktion&hellip;..Der Gottesbegriff ist die personifizierte menschliche Antwort auf die Seinsfrage. Doch der Satz der biblischen Sch&ouml;pfungsgeschichte: Gott schuf den Menschen sich selbst zum Bilde, steht schroff und steil, ohne Anlehnung an bekannte Fakten f&uuml;r sich da. Man kann ihn nur glauben oder nicht. Wenn wir dagegen die Beziehung der beiden tragenden Worte umkehren zu dem Satz: Der Mensch schuf  Gott sich selbst zum Bilde, dann wird die Aussage anschlussf&auml;hig an alle evolutionsgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Faktenzusammenh&auml;nge. Der Mensch ist nicht aus einem Sch&ouml;pfungsakt hervorgegangen, sondern ist als das bisherige Endprodukt der schon &uuml;ber zwei Milliarden Jahre andauernden Evolution des Lebens vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren in Erscheinung getreten&hellip;. Er war unfertig und ver&auml;nderungsf&auml;hig, ein B&uuml;ndel verborgener M&ouml;glichkeiten. Ein problematischer, weitreichender Wurf, von dem sich nicht sagen l&auml;sst, wohin er noch f&uuml;hren wird.&ldquo; (226)<\/p><p>Nach seinen Ausf&uuml;hrungen zur biblischen Sch&ouml;pfungsgeschichte problematisiert der Referent das Gottesbild des Christentums. Dass es lange Zeit verboten war, sich ein Bild von Gott zu machen; wie es zur Herausbildung monotheistischer Religionen gekommen war; zum Absolutheitsanspruch des einen Gottes. Er f&auml;hrt dann fort: &bdquo;Im Alten Testament begegnet uns Gott zwar in &uuml;bermenschlicher Gr&ouml;&szlig;e und Macht, aber durchaus analog zu den damaligen menschlichen Lebensformen als Herrscher, Stammesoberhaupt, Richter oder Vater. Und er zeigt sich als ein Wesen von archaischer Emotionalit&auml;t: zornig, strafend, Opfer und Unterwerfung fordernd und den Andersdenkenden und Feinden &ndash; und manchmal allen Menschen &ndash; Vernichtung androhend. In all diesen Erz&auml;hlungen von Gott, die bis heute wie unbewegliche Felsbrocken im Bewusstsein der Menschen liegen, dr&uuml;ckt sich das menschliche Verlangen nach einem m&auml;chtigen Schutzherrn aus.&ldquo;<\/p><p>Von diesem Gottesbild des Alten Testaments f&uuml;hrt &ndash; religionsgeschichtlich &ndash; ein weiter Weg zur vers&ouml;hnlichen Botschaft der Bergpredigt; ein Weg, auf dem widerspr&uuml;chliche Glaubensinhalte in Einklang gebracht werden m&uuml;ssen. Dabei handelt es sich  um den fundamentalen Gegensatz zwischen dem monotheistischen Gott, &bdquo;der keine anderen G&ouml;tter neben sich dulden wollte&ldquo; und der Tatsache, dass er mit Jesus einen &bdquo;Beisitzer&ldquo; an die Seite gestellt bekam, &bdquo;der ein ganz anderes, sensibleres Programm vertrat&hellip;&ldquo; Um diesen Widerspruch zu &uuml;berbr&uuml;cken, musste der Mensch Jesus erst durch das Nadel&ouml;hr seines Todes gehen, um so imagin&auml;r zu werden, dass er in den g&ouml;ttlichen Rang erhoben werden konnte. Aber war er nun noch derselbe?&ldquo;<\/p><p>Diese Umdeutungen und Neuinterpretationen der bisherigen Glaubensinhalte und ihrer Ambivalenzen war nach Ansicht des Referenten  &bdquo;zweifellos eine strategische Leistung der Apostel und vieler nachfolgender religi&ouml;ser Denker,  indem sie einerseits die Gegens&auml;tze verschmolzen und Jesus Christus als die Menschwerdung Gottes interpretierten, andererseits aber den alten Gott als metaphysische Garantiemacht im Hintergrund lebendig erhielten. Ohne sich auf Gott berufen zu k&ouml;nnen, w&auml;re Jesus ein Wanderprediger geblieben, der wie viele andere mit der Zeit wieder aus dem Ged&auml;chtnis der Menschen verschwunden w&auml;re. Da er den `M&uuml;hseligen und Beladenen` aus der Seele gesprochen hatte, fand seine Lehre in den antiken Sklavengesellschaften zwar wachsenden Zulauf. Aber gerade diese Klientel verlangte g&ouml;ttlich beglaubigte Heilsbotschaften und erwartete wunderbare Errettungen.&ldquo; (230) <\/p><p>Auf der Tagung prallen die Meinungen hart und unvers&ouml;hnlich aufeinander: Zwischen denen, die in der Sch&ouml;pfung &bdquo;nicht nur das Zufallsprodukt der Evolution, sondern ein g&ouml;ttliches Geschenk&ldquo; sehen und die der biblischen Sch&ouml;pfungsgeschichte nahe stehen, in der es hei&szlig;t: &bdquo;Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe da, es war gut.&ldquo; (233)<br>\nUnd denen, ob es ein und derselbe Gott ist, von dem hier die Rede ist: &bdquo;Einschlie&szlig;lich Pest, Cholera und Krebs? Einschlie&szlig;lich Krieg und V&ouml;lkermord? Und noch anders gefragt: Ist Gott auch zust&auml;ndig f&uuml;r die Milliarden auseinanderdriftenden Galaxien und ihr rasendes Verschwinden im dunklen Raum und f&uuml;r die Schwerkraftfallen der schwarzen L&ouml;cher in ihrer Mitte, die ganze Sternsysteme verschlingen und zu Nichts zusammenpressen. Oder ist er nur der Lokalgott eines kosmisch gesehen winzigen, bedeutungslosen Planeten?&ldquo; Eines Planeten mithin, der nur &uuml;ber eine begrenzte Lebenszeit verf&uuml;gt, wobei das Leben der Menschheit wahrscheinlich von noch k&uuml;rzerer Dauer sein wird.<\/p><p>F&uuml;r mich sind die zitierten Passagen um den Glauben die zentrale &bdquo;Botschaft&ldquo; des Romans von Wellershoff; insbesondere auch die an anderer Stelle auftauchende Frage: &bdquo;Wie konnte der archaische Gottvater dem Sterben des gekreuzigten Gottessohnes unger&uuml;hrt zusehen?&ldquo; Warum ruft dieser im Augenblick seines Sterbens: &bdquo;Mein Vater, warum hast du mich verlassen?&ldquo; Wie steht es &uuml;berhaupt um dieses zentrale Symbol des Christentums: Der leidende, gekreuzigte Sohn als Abbild f&uuml;r die Dramatik der menschlichen Existenz, die durch Irrtum, Verg&auml;nglichkeit und Leiden gepr&auml;gt ist?<br>\nZwar wird durch die Auferstehungsgeschichte diese Grunderfahrung des Menschen wieder aufgehoben, da die Mehrheit der leidenden Menschen einen solchen Trost braucht, der Distanz zur &Uuml;bermacht der bedr&auml;ngenden Realit&auml;ten schafft &ndash;  aber, bemerkt einer der Tagungsteilnehmer lapidar: Sterben m&uuml;ssen wir noch immer.<\/p><p>Dass dieser Disput um Grundfragen des Glauben mit seinen unvereinbaren Gegens&auml;tzen nicht dazu angetan ist, die Sinnkrise des Protagonisten zu mildern &ndash; ja seine Zweifel und Selbstzweifel dadurch zus&auml;tzliche Nahrung erhalten, liegt auf der Hand. Wellershoff erweist sich in deren gradliniger Darstellung als ein Meister im Umgang mit ambivalenten Stimmungen und Gef&uuml;hlen in einer Zeit, in der Gewissheiten einer sinnstiftenden Ordnung mehr und mehr verloren gehen. Ein lesenswerter, nachdenklich stimmender Roman, der Fragen aufwirft, die viele Menschen bewegen d&uuml;rften. Wellershoff ist einer von ihnen.<\/p><p>Dieter Wellershoff:  Der Himmel ist kein Ort; Kiepenheuer &amp; Witsch,  K&ouml;ln 2009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wellershoff erweist sich in deren gradliniger Darstellung als ein Meister im Umgang mit ambivalenten Stimmungen und Gef&uuml;hlen in einer Zeit, in der Gewissheiten einer sinnstiftenden Ordnung mehr und mehr verloren gehen. Ein lesenswerter, nachdenklich stimmender Roman, der Fragen aufwirft, die viele Menschen bewegen d&uuml;rften. Wellershoff ist einer von ihnen. 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