{"id":50500,"date":"2019-03-28T11:00:04","date_gmt":"2019-03-28T10:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50500"},"modified":"2019-04-12T12:18:46","modified_gmt":"2019-04-12T10:18:46","slug":"martin-selmayr-der-schattenmann-von-bruessel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50500","title":{"rendered":"Martin Selmayr \u2013 Der Schattenmann von Br\u00fcssel"},"content":{"rendered":"<p>Jean-Claude Juncker d&uuml;rfte sicher jedem unserer Leser bekannt sein und auch sein wahrscheinlicher Nachfolger <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50326\">Manfred Weber<\/a> wird vielen Lesern ein Begriff sein. Der Name Martin Selmayr d&uuml;rfte hingegen nur wenigen Interessierten etwas sagen. Dabei ist Selmayr &ndash; und darin sind sich seine Freunde und Feinde einig &ndash; der m&auml;chtigste Mann in der EU: konservativ, neoliberal, machthungrig, ein waschechter Spross der Oberschicht, der die EU in den letzten Jahren nach seinen Vorstellungen geformt hat. Nach den Europawahlen k&ouml;nnte Selmayr seine Machtf&uuml;lle sogar noch weiter ausbauen und damit dem Ideal eines demokratischen, transparenten Europas schweren Schaden zuf&uuml;gen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Artikel ist auch als gestaltete, ausdruckbare PDF-Datei verf&uuml;gbar. Zum Herunterladen klicken Sie bitte auf das rote PDF-Symbol links neben dem Text. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>. Wir bitten Sie um Mithilfe bei der Weiterverbreitung.<\/em><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3190\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-50500-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190328_Martin_Selmayr_Der_Schattenmann_von_Bruessel_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190328_Martin_Selmayr_Der_Schattenmann_von_Bruessel_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190328_Martin_Selmayr_Der_Schattenmann_von_Bruessel_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190328_Martin_Selmayr_Der_Schattenmann_von_Bruessel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=50500-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190328_Martin_Selmayr_Der_Schattenmann_von_Bruessel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190328_Martin_Selmayr_Der_Schattenmann_von_Bruessel_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer den famili&auml;ren Hintergrund eines <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/info\/sites\/info\/files\/cv-martin-selmayr_en.pdf\">Martin Selmayr<\/a> hat, verf&uuml;gt &uuml;ber einen gewissen Startvorsprung im Leben. Als Enkel zweier Gener&auml;le &ndash; sein Gro&szlig;vater Josef Selmayr geh&ouml;rte der Organisation Gehlen an und war erster Chef des MAD &ndash; und Sohn des ehemaligen Top-Juristen und Kanzlers der Universit&auml;t der Bundeswehr in M&uuml;nchen hatte Selmayr das n&ouml;tige Vitamin B bereits in den Genen. Nach dem Jura-Studium in Genf, Passau, Berkeley und am Kings College in London heuerte Selmayr beim Medienkonzern Bertelsmann an und brachte es dort binnen zweier Jahre zum Leiter der Br&uuml;sseler Repr&auml;sentanz, also zu Bertelsmanns EU-Cheflobbyisten. Doch auch diesen Posten bekleidete Selmayr nur ein einziges Jahr. 2004 wechselte der Lobbyist des Medienkonzerns n&auml;mlich formal die Seiten und wurde Sprecher der EU-Kommission f&uuml;r Telekommunikation und Medienpolitik. Genau wegen solcher Dreht&uuml;r-Karrieren ist die EU zu Recht im Kreuzfeuer der Kritik.<\/p><p>Der &bdquo;Dreht&uuml;r&ouml;ffner&ldquo; des konservativen Selmayr war ein Mann, bei dem die Grenzen zwischen Politik und Lobby vollends verschwimmen: <a href=\"https:\/\/lobbypedia.de\/wiki\/Elmar_Brok\">Elmar Brok<\/a>, seit 1980 Europaparlamentarier f&uuml;r die CDU, seit 1992 Europabeauftragter von Bertelsmann, zeitweise Leiter des Br&uuml;sseler B&uuml;ros und sogar &bdquo;Senior Vice President Media Development&ldquo; des Konzerns &ndash; wohlgemerkt &bdquo;neben&ldquo; seinem Mandat im Europaparlament. Auf die Empfehlung seines Lobby-Kollegen Brok hin wurde Selmayr 2010 Kabinettschef der luxemburgischen EU-Kommissarin Viviane Reding, die passenderweise nebenberuflich <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/ueber-uns\/wer-wir-sind\/organisation\/\">Mitglied im Kuratorium der Bertelsmann Stiftung<\/a> ist.<\/p><p>Den n&auml;chsten Karrieresprung bereitete wieder Brok vor, der Selmayr seinem Freund Jean-Claude Juncker als Wahlkampfleiter f&uuml;r dessen Kandidatur zum Pr&auml;sidenten der EU-Kommission empfahl. Selmayr zog die richtigen Strippen und wurde daf&uuml;r von Juncker nach der gewonnenen Wahl zu seinem Kabinettschef gemacht. Fortan war der machtbewusste Bayer die &bdquo;rechte Hand&ldquo; eines EU-Chefs, der von schweren gesundheitlichen Problemen gekennzeichnet und innerhalb der Br&uuml;sseler Beh&ouml;rden eher als &bdquo;Fr&uuml;hst&uuml;cksdirektor&ldquo; bekannt war. Selmayr bestimmte schon damals mehr oder weniger direkt, was sein &bdquo;Chef&ldquo; sp&auml;ter umsetzte und f&uuml;hrte ihm sinnbildlich die Hand bei seinen Unterschriften. Innerhalb der EU-Beh&ouml;rden machte sich Selmayr damit nur wenig Freunde. &Uuml;bereinstimmende Insiderberichte von EU-Korrespondenten diverser internationaler Zeitungen berichten, dass Selmayr intern wahlweise als &bdquo;Hassfigur&ldquo;, &bdquo;Rasputin&ldquo;, &bdquo;Junckers Monster&ldquo; oder &bdquo;Monster von Berlaymont&ldquo; (das Berlaymont-Geb&auml;ude ist der Sitz der EU-Kommission) bezeichnet wird und zu den unbeliebtesten EU-Beamten der Geschichte z&auml;hlt. Demnach f&uuml;hrt Selmayr das B&uuml;ro seines &bdquo;Chefs&ldquo; mit eiserner Hand eigenm&auml;chtig und &uuml;bergeht bei wichtigen Entscheidungen der EU-Kommission sogar schon mal die zust&auml;ndigen Kommissare. So soll er beispielsweise Alexander Dobrindt seine &ndash; gegen EU-Gesetze versto&szlig;ende &ndash; &bdquo;Ausl&auml;ndermaut&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/eu-martin-selmayr-ist-bruessels-maechtigster-beamter-und-strippenzieher-a-1127447.html\">durchgewinkt haben<\/a>, ohne die f&uuml;r Verkehrspolitik zust&auml;ndige slowenische  Kommissarin auch nur dazu zu konsultieren.<\/p><p>Als &bdquo;Staatsstreich&ldquo; bezeichneten zahlreiche Zeitungen wie die franz&ouml;sische <a href=\"https:\/\/www.liberation.fr\/planete\/2018\/03\/04\/martin-selmayr-braque-la-commission-europeenne_1633807\">Liberation<\/a> Selmayrs n&auml;chsten Karriereschritt. Mit Protektion von Jean-Claude Juncker wurde Selmayr am 21. Februar 2018 zum stellvertretenden Generalsekret&auml;r der EU-Kommission ernannt und gerade einmal eine Stunde nach der Ernennung verk&uuml;ndete der damalige Generalsekret&auml;r &ndash; nur Juncker und Selmayr waren zuvor eingeweiht &ndash; in derselben Kommissionssitzung seinen R&uuml;cktritt, woraufhin der Stellvertreter, der keine Stunde im Amt war, auf den obersten Posten innerhalb der EU-B&uuml;rokratie aufr&uuml;ckte. Ohne Ausschreibung, ohne politische Debatte und ohne parlamentarische Mitsprache wurde so der Chef von 33.000 EU-Kommissionsmitarbeitern und wichtigste EU-Beamte von dem Mann &bdquo;ernannt&ldquo;, dem er seit vier Jahren &bdquo;die Hand f&uuml;hrte&ldquo;. Ja, man kann das als einen &bdquo;Staatsstreich&ldquo; bezeichnen.<\/p><p>Der Protest blieb nicht aus. Die EU-B&uuml;rgerbeauftragte legte Beschwerde ein, das Europ&auml;ische Parlament stimmte mit 368 zu 15 Stimmen f&uuml;r eine Resolution, <a href=\"https:\/\/www.euractiv.com\/section\/eu-elections-2019\/news\/parliament-massively-votes-for-selmayrs-resignation\/\">die den R&uuml;cktritt von Martin Selmayr fordert<\/a>. Doch das EU-Parlament wird bei wirklich wichtigen Fragen in Br&uuml;ssel leider ignoriert. Der zust&auml;ndige EU-Kommissar f&uuml;r Haushalt und Personal hei&szlig;t schlie&szlig;lich G&uuml;nther Oettinger und ist als konservativer, neoliberaler CDU-Politiker Teil des Problems, aber nicht der L&ouml;sung. So kam es, dass Martin Selmayrs &bdquo;Staatsstreich&ldquo; Erfolg hatte und er heute die unumstrittene Nummer Eins in der Br&uuml;sseler Exekutive ist, die als Generalsekret&auml;r der EU-Kommission und Graue Eminenz hinter dem kranken Jean-Claude Juncker die F&auml;den in Br&uuml;ssel zieht.<\/p><p>Egal, ob es um die Militarisierung der EU, die immer st&auml;rker voranschreitende Konzentration der Richtlinienkompetenz in immer mehr Fragen auf den intransparenten Machtapparat der EU-Kommission oder die schleichende Entmachtung der nationalen Regierungen in finanzpolitischen Fragen geht &ndash; der EU-Beamte Martin Selmayr sitzt im Zentrum dieser Entscheidungen. Selten war die Macht in post-monarchistischen Zeiten in Europa derart intransparent und undemokratisch verteilt. Es ist ja nicht nur so, dass kaum jemand Martin Selmayr kennt und er als Beamter der &Ouml;ffentlichkeit formal auch nicht rechenschaftspflichtig ist. Viel schlimmer ist, dass Selmayr nie vom Volk in einer Wahl gew&auml;hlt wurde und seine Machtf&uuml;lle somit nach klassischem Demokratieverst&auml;ndnis auch nicht legitimiert ist.<\/p><p>Es ist auch nicht sehr wahrscheinlich, dass wir Martin Selmayr so schnell wieder los werden. Beste Chancen auf die Juncker-Nachfolge hat schlie&szlig;lich der CSU-Politiker Manfred Weber, der zurzeit die Fraktion der EVP im Europ&auml;ischen Parlament anf&uuml;hrt. Als die Stra&szlig;burger Parlamentarier mit &uuml;bergro&szlig;er Mehrheit Selmayr abberufen wollten, waren es die Stimmen von EVP-Abgeordneten, die &ndash; als einzige &uuml;berhaupt &ndash; dem Generalsekret&auml;r treu zur Seite standen. Weber gilt als schlecht vernetzt und vor allem auf Kommissionsebene als Neuling. Insider gehen daher davon aus, dass er es ohne die Graue Eminenz an der Spitze der Kommission &uuml;berhaupt nicht schafft, Junckers Erbe anzutreten. Und politisch passen die beiden erzkonservativen, wirtschaftsliberalen und transatlantisch orientierten Bayern Weber und Selmayr ohnehin perfekt zusammen. Gro&szlig;e Hoffnungen auf mehr Demokratie, mehr Transparenz oder gar eine progressivere Politik brauchen wir uns also bei diesen Europawahlen nicht zu machen. Die Macht bleibt wohl unangetastet &ndash; egal, ob sie die Hand von Juncker oder die Hand von Weber f&uuml;hrt.<\/p><p>Titelbild: Alexandros Michailidis\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/59ab78420e6f4ec492c2ee7f4d44cb7c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean-Claude Juncker d&uuml;rfte sicher jedem unserer Leser bekannt sein und auch sein wahrscheinlicher Nachfolger <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50326\">Manfred Weber<\/a> wird vielen Lesern ein Begriff sein. Der Name Martin Selmayr d&uuml;rfte hingegen nur wenigen Interessierten etwas sagen. 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