{"id":50507,"date":"2019-03-28T13:00:54","date_gmt":"2019-03-28T12:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50507"},"modified":"2026-01-27T11:31:39","modified_gmt":"2026-01-27T10:31:39","slug":"betrifft-ard-gniffkes-redaktion-hat-den-kritischen-journalismus-schon-vor-jahren-beerdigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50507","title":{"rendered":"Betrifft ARD: \u201eGniffkes Redaktion hat den kritischen Journalismus schon vor Jahren \u201abeerdigt\u2018\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, k&ouml;nnte bald zum Intendanten des S&uuml;dwestdeutschen Rundfunks (SWR) gew&auml;hlt werden. Die NachDenkSeiten sind schon mehrmals darauf eingegangen. Die Personalie ist wichtig. Deshalb legen wir nach: Zwei der bekanntesten Kritiker der ARD-Tagesschau, <strong>Friedhelm Klinkhammer<\/strong> und <strong>Volker Br&auml;utigam<\/strong>, gehen im NachDenkSeiten-Interview scharf mit der Personalie Gniffke ins Gericht. &bdquo;Diesen Kandidaten f&uuml;r &bdquo;unabh&auml;ngig&ldquo; auszugeben &ndash; und damit kann hier ja nur journalistische Unabh&auml;ngigkeit gemeint sein &ndash;, zeigt, dass die Strippenzieher entweder nicht wissen, wovon sie reden, oder dass sie es nur allzu gut wissen&ldquo; sagt Friedhelm Klinkhammer. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kai Gniffke ist einer von zwei Kandidaten, die Intendant beim S&uuml;dwestdeutschen Rundfunk (SWR) werden k&ouml;nnten. Was halten Sie davon?<\/strong><\/p><p>Friedhelm Klinkhammer: Gar nichts. Er ist einer von nur zwei Kandidaten, die in aller Heimlichkeit aus einem Bewerberfeld mit etlichen, h&ouml;herqualifizierten Interessenten ausgekungelt wurden. F&uuml;r die Leitung der zweitgr&ouml;&szlig;ten ARD-Anstalt nur Gniffke und die Funkhaus-Direktorin Stefanie Schneider w&auml;hlbar zu machen, ist die Perversion einer Intendantenwahl im &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkwesen. Wobei ich offenlasse, wer blo&szlig; Z&auml;hlkandidatin im abgekarteten Spiel ist. Einen Gniffke argumentationslos als Intendanten-tauglich auszugeben, ist wirklich ein freches St&uuml;ck Manipulation.<\/p><p><strong>Warum?<\/strong><\/p><p>Friedhelm Klinkhammer: Werfen Sie einen Blick auf die Gruppe der urspr&uuml;nglich 15 in die Vorauswahl genommenen Bewerber. Es handelt sich fast durchweg um Pers&ouml;nlichkeiten, die aufgrund ihrer herausgehobenen beruflichen Funktionen f&uuml;r die Leitung des SWR infrage kommen &ndash; wenn man ausschlie&szlig;lich professionelle Kriterien anlegt. 13 dieser Kandidaten ohne sachliche Begr&uuml;ndung, ohne irgendeine verst&auml;ndige Rechtfertigung vorab &bdquo;ausgesiebt&ldquo; zu haben, ist nicht nur f&uuml;r die Betroffenen ehrverletzend. Es deutet auf sachfremde &Uuml;berlegungen hin, die nichts mit dem Auftrag des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks zu tun haben. Dr. Gniffke wurde von ein paar wenigen Auserw&auml;hlten einer &ldquo;Findungskommission&rdquo;&nbsp; argumentationslos privilegiert. Seinen 13 Mitbewerbern nicht einmal Gelegenheit zu geben, sich dem 72-k&ouml;pfigen Wahlgremium vorzustellen, ist Ausdruck garstiger Hinterzimmer-Politik und Kungelei. Dieses w&uuml;rdelose Schauspiel delegitimiert die Intendantenwahl. Leider ist die Prozedur nicht ungew&ouml;hnlich&nbsp; f&uuml;r den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Wie lauten denn die Argumente, die von denjenigen vorgetragen werden, die Gniffke gerne als Intendant sehen m&ouml;chten?<\/strong><\/p><p>Er habe sich als unabh&auml;ngig erwiesen, kenne als Chefredakteur von ARD-aktuell die komplizierten Strukturen der ARD, sei deshalb bef&auml;higt, dem SWR k&uuml;nftig mehr Gewicht in diesem Rahmen zu verschaffen und habe mit der Modernisierung von ARD-aktuell gezeigt, dass er den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk in die Zukunft f&uuml;hren k&ouml;nne.<\/p><p><strong>Diese Argumente teilen Sie aber nicht?<\/strong><\/p><p>Friedhelm Klinkhammer: Das sind Sprechblasen. Den Kandidaten Gniffke f&uuml;r unabh&auml;ngig auszugeben &ndash; es kann hier ja nur journalistische Unabh&auml;ngigkeit gemeint sein &ndash;, zeigt, dass die Strippenzieher entweder nicht wissen, wor&uuml;ber sie reden, oder dass sie es nur allzu gut wissen: Dr. Gniffkes Redaktion hat sich als stramm regierungsh&ouml;riges Nachrichteninstitut erwiesen und sich vom kritischen Journalismus schon vor Jahren verabschiedet. Der ehemalige ARD-Auslandskorrespondent Christoph Fr&ouml;hder befand vor gar nicht langer Zeit: &bdquo;Diese Strukturagenten ersticken den Journalismus. Es herrscht Kleinstaaterei, es geht nicht um Journalismus oder Qualit&auml;t, es geht blo&szlig; um Macht&hellip;&ldquo; Der Begriff Strukturagent passt auf Gniffke wie angegossen.<\/p><p><strong>Was sehen Sie noch anders?<\/strong><\/p><p>Friedhelm Klinkhammer: Das Argument, &bdquo;Gniffke steht f&uuml;r mehr Gewicht des SWR in der ARD&ldquo;, ist l&auml;cherlich. Der SWR hat als zweitgr&ouml;&szlig;te ARD-Anstalt die ihm angemessene Bedeutung. Die Programmanteile am Gesamtangebot der ARD sind aufgrund des jeweiligen Einzugsgebiets und der Leistungskraft jeder Anstalt festgelegt. Jede f&uuml;nfte Sendung des Gemeinschaftsprogramms stammt aus dem S&uuml;dwesten. Im Hinblick auf das Nachrichtenangebot der ARD-aktuell gilt, dass beispielsweise die SWR-Studios in Mexiko und Kairo zust&auml;ndig sind f&uuml;r die Berichterstattung &uuml;ber gro&szlig;e Konfliktzentren der Gegenwart: Syrien, Libyen und Venezuela. Das merkt man der Tagesschau auch an. Angesichts all dessen, von ARD-Defiziten des SWR zu reden und Gniffke als Heilsbringer und Garanten f&uuml;r angeblich n&ouml;tige Kompetenzzuw&auml;chse anzupreisen, ist vollkommen abwegig. Dass solcher Quatsch dennoch zur Erkl&auml;rung und Begr&uuml;ndung daf&uuml;r dient, das Bewerberfeld zu seinen Gunsten auf blo&szlig; zwei Kandidaturen einzuengen, soll offensichtlich von Gniffkes Manko ablenken.<\/p><p><strong>Jedenfalls wollen die Verantwortlichen den Sender fit f&uuml;r die Zukunft machen.<\/strong><\/p><p>Friedhelm Klinkhammer: F&auml;lschend und irref&uuml;hrend ist das Argument, Gniffkes &bdquo;Modernisierung der ARD-aktuell&ldquo; sei ein Nachweis f&uuml;r seine Begabung, den SWR &bdquo;zukunftsf&auml;hig&ldquo; zu machen. Das ist Phrasendrescherei. Organisatorische Anpassungsvorg&auml;nge in der ARD-aktuell zu veranlassen und zu beaufsichtigen, verlangt von ihm doch keine vision&auml;ren konzeptionellen F&auml;higkeiten. Welche besondere intellektuelle Leistung steckt denn in der Erkenntnis, dass die Tagesschau verst&auml;rkt auf Pr&auml;senz in den sogenannten sozialen Medien setzen muss, wenn sie mehr junge Leute f&uuml;r ihr Angebot interessieren will? Die wirklich richtungsweisenden Strukturentscheidungen hingegen darf ein Gniffke gar nicht eigenst&auml;ndig treffen, sie geh&ouml;ren nicht zum Job eines Hauptabteilungsleiters, sondern sind Sache allenfalls der Direktoren und Intendanten.&nbsp;<\/p><p>Der Quatsch bez&uuml;glich der &bdquo;Zukunftsf&auml;higkeit&ldquo;, die Gniffke dem SWR verschaffen werde, ist nach meiner Ansicht nur dazu da, den unwissenden und oft &uuml;berforderten Gremienmitgliedern eine Art weltl&auml;ufige Allround-Kompetenz des Kandidaten Gniffke vorzuspiegeln, die der Mann erstens in seiner bisherigen Funktion gar nicht erwerben kann, die aber andererseits unterstellt, dass seine Mitkonkurrentin als Direktorin &bdquo;blo&szlig;&ldquo; eines Landesfunkhauses nicht mithalten k&ouml;nne. Der Dreh: sie unausgesprochen als provinziell etikettieren. Ein fieser Manipulationsversuch, aber nach meiner Einsch&auml;tzung wirkungsvoll.&nbsp;Mit bald 60 Jahren w&auml;re Gniffke als Intendant zudem bereits ein Auslaufmodell. Es spricht Einiges daf&uuml;r, dass ein sachfremder politischer Deal dahintersteckt, dass es irgendein Gegengesch&auml;ft daf&uuml;r gibt.Wie gesagt, die wahlbefugten Gremienmitglieder sind in der Regel &uuml;berfordert. Nicht von ungef&auml;hr werden sie vom Management der &ouml;ffentlich-rechtlichen Anstalten ironisch als &ldquo;Laienspielgruppe&rdquo; bezeichnet. <\/p><p>Eine Information hat mich dann aber doch &uuml;berrascht. <\/p><p><strong>Welche denn?<\/strong><\/p><p>Friedhelm Klinkhammer: Die, dass Gniffke SPD-Mitglied ist. Zumal dem Programm der ARD-aktuell nichts &bdquo;Sozialdemokratisches&ldquo; anzumerken ist. Es hat generell keine soziale Orientierung und nicht mal gelegentlich eine entsprechende Akzentuierung. Nichts dergleichen. Die Information hat mich sofort an den Spruch eines leitenden Mitarbeiters erinnert, der mir vor Jahren einmal sagte: &bdquo;Als Sozi kommt es f&uuml;r mich darauf an, das Vertrauen der Schwarzen zu erringen. Nur dann wird man gew&auml;hlt. Meine Parteigenossen m&uuml;ssen mich ja sowieso w&auml;hlen, egal was passiert.&ldquo; Ich vermute, dass dieses sozialdemokratische Erfolgsmodell auch bei Gniffke Pate steht und er deshalb von den Konservativen im SWR-Rundfunkrat gew&auml;hlt wird.<\/p><p><strong>Sie scheinen sich mit den Weichenstellungen des Senders &uuml;berhaupt nicht anfreunden zu k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Friedhelm Klinkhammer: Gniffke hat keine f&uuml;r die Leitung einer gro&szlig;en Rundfunkanstalt einschl&auml;gigen und erforderlichen Erfahrungen. Seine Kenntnis der F&uuml;hrung einer losgel&ouml;sten und relativ kleinen Organisation wie die Hauptabteilung ARD-aktuell ist nur eine magere und selektive Pr&auml;ferenz. Pers&ouml;nlich und als Journalist hat Gniffke kein besonderes Profil. Bei problematischen &ouml;ffentlichen Streitgespr&auml;chen &uuml;berzeugt er ganz und gar nicht. Er wirkt blass, eben wie ein Medienfunktion&auml;r, er hat kein Charisma.<\/p><p>Volker Br&auml;utigam: Vergleichen Sie den Kandidaten Gniffke mal mit echten Intendantenpers&ouml;nlichkeiten, beispielsweise vom Kaliber eines Friedrich Nowottny, Fritz Pleitgen, Klaus Berg, Hans Bausch, Klaus Sch&uuml;tz, Klaus B&ouml;lling und Martin Neuffer. Oder mit Journalisten wie Axel Eggebrecht, Peter von Zahn, Peter Merseburger, Dieter G&uuml;tt, Peter Scholl-Latour und Gert von Paczensky. Da kommt Wehmut auf. Vorbei vorbei, die Jahre mit solchen herausragenden Repr&auml;sentanten des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks. Heute haben wir einen Gniffke vorne, der f&auml;llt haupts&auml;chlich wegen seiner Kritikunempf&auml;nglichkeit auf. Er behauptet zwar selbstbewusst, &bdquo;Fehler muss man zugeben&ldquo;, aber den Anspruch l&ouml;st er nicht ein. Es w&auml;re ihm zudem entgegenzuhalten, dass man Fehler nicht nur zugeben, sondern korrigieren muss, und zwar so, dass die Richtigstellung von jedermann wahrgenommen und erkenntnisf&ouml;rdernd genutzt werden kann. Daran hapert es beim ARD-aktuell-Chef gewaltig.<\/p><p><strong>Wie meinen Sie das? Haben Sie Beispiele?<\/strong><\/p><p>Volker Br&auml;utigam: Gniffke steht schon seit Jahren in der Kritik. Einige wenige Beispiele in Kurzformeln: f&auml;lschende Bildauswahl vom Trauermarsch in Paris anl&auml;sslich des Anschlags auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo. F&auml;lschende filmische Darstellung vom russischen Pr&auml;sidenten Putin als einem vorgeblich von anderen Konferenzteilnehmern geschnittenen, &bdquo;isoliert&ldquo; dasitzenden Politiker. Gef&auml;lschte Filmreportagen aus der Ukraine. Wie mit manipulativer Bild- und Filmauswahl, so mit manipulativer Wortwahl: Gniffkes Nachrichtenredaktion bietet h&auml;ufig &nbsp;Meinungsmache statt Information. Sie half zum Beispiel bei der Verfestigung des Feindbildes Russland. Es gibt daf&uuml;r eine F&uuml;lle von &ouml;ffentlich diskutierten Belegen. <\/p><p>Das Absurde im Blick auf die Neubesetzung der SWR-Intendanz: Die journalistischen Fehlleistungen schaden Gniffkes Kandidatur nicht etwa, sondern f&ouml;rdern sie sogar noch. Er vermittelt der Politiker-Kaste im SWR-Aufsichtsgremium und deren Hinterleuten in Stuttgart und Mainz damit die &Uuml;berzeugung, ihnen wohlgesonnen, ein Mann ihres Schlages zu sein, der den gleichen Stil pflegt wie sie selbst.<\/p><p><strong>ARD aktuell steht tats&auml;chlich immer wieder in der Kritik.<\/strong><\/p><p>Volker Br&auml;utigam: Aktuell gibt es &uuml;brigens wieder ein typisches Problem in der Berichterstattung von ARD-aktuell. Es geht um den mit Molotow-Cocktails abgefackelten US-Hilfskonvoi auf der Grenzbr&uuml;cke zwischen Kolumbien und&nbsp;Venezuela. Der Medienkritiker und Blogger Stefan Niggemeier hat sorgf&auml;ltig analysiert und belegt, dass ARD-aktuell zu Unrecht die Maduro-Sympathisanten bezichtigte, die Lastwagen mit Hilfsg&uuml;tern aus den USA angez&uuml;ndet zu haben. Dass das Ganze ein Akt der psychologischen Kriegsf&uuml;hrung und dass die Schuldzuweisungen an Maduro eine gezielte CNN-Falschmeldung waren, ist aufgrund vieler Berichte &ndash; New York Times, &bdquo;Amerika21&ldquo;, NachDenkSeiten usw. &ndash; seit Wochen bekannt und erwiesen. Gniffkes &bdquo;Fehler muss man zugeben&ldquo;-Selbstanspruch sieht im vorliegenden Fall so aus: In einer diskreten Nische, auf&nbsp;tagesschau.de, &bdquo;erkl&auml;rt&ldquo; sein &bdquo;Faktenfinder&ldquo; gewunden, &bdquo;Die anderen haben es doch auch so gemacht.&ldquo; Peinlich, einfach nur peinlich. Die Falschmeldung vor dem Millionenpublikum der Tagesschau-Gucker zugeben und ihnen berichten, was wirklich auf der Br&uuml;cke vorgefallen war? Selbstverst&auml;ndlich wird ein Gniffke das nicht machen.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Das Beispiel, das Sie anf&uuml;hren, ist weitreichend. Wie kommt es zu dieser Berichterstattung?<\/strong><\/p><p>Volker Br&auml;utigam: Die Falschmeldung war ganz im Sinne der feindseligen Merkel\/Maas-Politik gegen die Regierung Maduro in Venezuela. Sie war quasi &bdquo;systemkonform&ldquo;. Widerriefe man sie, dann tr&auml;te man zugleich der Bundesregierung ans Schienbein.&nbsp;Und jetzt noch ein Sahneh&auml;ubchen: Die Falschdarstellung wurde vom SWR-Studio Mexico verbreitet, sie geht voll auf das Konto von dessen Leiterin Xenia B&ouml;ttcher. W&uuml;rde Gniffke seine Hamburger Redaktion einen Widerruf senden lassen, w&auml;re das auch seiner Sympathiekurve als Intendantenkandidat beim SWR sehr abtr&auml;glich. Schweigen ist also Gold &ndash; und karrieref&ouml;rderlich. Merken Sie was?<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Sie haben gemeinsam mit Ulrich Gellermann in einem Buch reichlich Kritik an der Tagesschau zusammengetragen. Gibt es einen besonders krassen Fall, den Sie hervorheben m&ouml;chten?<\/strong><\/p><p>Volker Br&auml;utigam: Zu Beginn der Ukraine-Krise warnten Dutzende namhafte Pers&ouml;nlichkeiten des &ouml;ffentlichen Lebens in einem Offenen Brief vor einer Gef&auml;hrdung des Friedens aufgrund der antirussischen Politik des Westens. Sie mahnten, die Beziehungen zu Russland nicht zu besch&auml;digen und Pr&auml;sident Putin nicht zu d&auml;monisieren, sondern nach friedlicher Konfliktl&ouml;sung zu suchen. Unterzeichner waren unter anderem ehemalige Bundespr&auml;sidenten, Philosophen, Kirchenvertreter, Schriftsteller. Ihr partei&uuml;bergreifendes Schreiben stie&szlig; in der ARD-aktuell auf pure Ignoranz, sie unterschlug einfach den au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Vorgang, und das in einem Augenblick konkret gewordener Kriegsgefahr. Aus meiner Sicht war das der krasseste Fall von journalistischem Versagen in der Geschichte der ARD-aktuell in diesem Jahrhundert. Aber es ist anzumerken: Das war kein Einzelfall.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Ist es wirklich so schlimm um das Nachrichtenflaggschiff der ARD bestellt?<\/strong><\/p><p>Volker Br&auml;utigam: Es gab zahlreiche, beinahe ebenso schlimme Fehler, jeder einzelne eine grunds&auml;tzliche Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht und Fairness. Der aktuellste Vorgang ist die Unterschlagung der Nachricht, dass laut zweier Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages die Einmischungspolitik der Bundesregierung in Venezuela v&ouml;lkerrechtswidrig ist. Der zur Selbstverst&auml;ndlichkeit mutierte politische Rechtsnihilismus hat seine Entsprechung in der journalistischen Missachtung v&ouml;lkerrechtlicher Prinzipien. Darin ist die ARD-aktuell zu einem absto&szlig;enden Vorreiter geworden.<\/p><p>Friedhelm Klinkhammer: Ich darf daran erinnern: Den erw&auml;hnten Offenen Brief, einen Appell zur politischen Befriedung im Umgang mit der Ukraine und Russland, richteten seinerzeit 60 Prominente an die Bundesregierung und an den Bundestag. Unterzeichner waren unter anderem Alt-Bundespr&auml;sident Roman Herzog, Alt-Kanzler Gerhard Schr&ouml;der, Alt-Bundestagsvizepr&auml;sidentin Antje Vollmer und weitere namhafte Pers&ouml;nlichkeiten des &ouml;ffentlichen Lebens, darunter Mario Adorf, Manfred Stolpe, Horst Teltschik, Edmund Stoiber und Eberhard Diepgen. Es gehen tats&auml;chlich viele viele krasse F&auml;lle von Nachrichtenmanipulation und -unterdr&uuml;ckung auf Gniffkes Kappe. Denken Sie mal an die Unterschlagung von Informationen &uuml;ber Massaker, die Deutschlands Verb&uuml;ndete in Syrien und dem Jemen angerichtet haben. Denken Sie an die absto&szlig;ende Komplizenschaft von ARD-Korrespondenten mit syrischen Dschihadisten, die gegen Geld &ndash; aus Rundfunkgeb&uuml;hren! &ndash; propagandistisches Videomaterial f&uuml;r die Tagesschau produzierten und lieferten. Man braucht wirklich nicht tief zu graben, um wahrlich unglaubliche journalistische Fehlleistungen der Gniffke-Redaktion zutage zu f&ouml;rdern&hellip;<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Was w&uuml;rde denn die Wahl von Gniffke zum Intendanten bedeuten?<\/strong><\/p><p>Friedhelm Klinkhammer: Im Blick auf das Programm im &bdquo;Ersten&ldquo;, soweit vom SWR zugeliefert, w&auml;re Gniffkes Wahl kaum von Belang. Was sollte ihn denn diesbez&uuml;glich auch gro&szlig; positiv vom bisherigen Amtsinhaber Peter Boudgoust unterscheiden? Was sollte sich also &auml;ndern? Im Hinblick auf ARD-aktuell aber w&uuml;rfe es die Frage auf: Wer w&uuml;rde neuer Chefredakteur? Sie ist von Belang f&uuml;r das gesamte Informationsangebot im &bdquo;Ersten&ldquo;. Erstens, weil darin die Nachrichtensendungen mit mehr als 20 Tagesschau-Ausgaben, mit den Tagesthemen, dem Nachtmagazin, mit Morgen- und Mittagsmagazin, mit dem Angebot auf dem Kanal tagesschau24 und den Internet-Angeboten schon rein quantitativ am gewichtigsten sind. Zweitens, weil die Frage nach dem Grad redaktioneller Unabh&auml;ngigkeit vorrangig vom jeweiligen Chefredakteur zu beantworten ist. Er entscheidet, wie frei und sachgerecht seine Qualit&auml;tsjournalisten tats&auml;chlich arbeiten k&ouml;nnen.&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\nVolker Br&auml;utigam: Sch&ouml;nes Stichwort. Es erinnert an die k&uuml;rzlich &ouml;ffentlich gewordene Klage von Tagesschau-Mitarbeitern, in der Redaktion herrsche ein &bdquo;Klima der Angst&ldquo;. Das passt zur aktuellen Lobhudelei &uuml;ber Gniffke wie die Faust aufs Auge. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, k&ouml;nnte bald zum Intendanten des S&uuml;dwestdeutschen Rundfunks (SWR) gew&auml;hlt werden. Die NachDenkSeiten sind schon mehrmals darauf eingegangen. Die Personalie ist wichtig. Deshalb legen wir nach: Zwei der bekanntesten Kritiker der ARD-Tagesschau, <strong>Friedhelm Klinkhammer<\/strong> und <strong>Volker Br&auml;utigam<\/strong>, gehen im NachDenkSeiten-Interview scharf mit der Personalie Gniffke ins Gericht. &bdquo;Diesen Kandidaten f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50507\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,209,182,183],"tags":[1546,2619,313,2260,2005,1362,1544,2261,1919,465,1553,451,260,1333,244],"class_list":["post-50507","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-interviews","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-medienkritik","tag-ard","tag-ard-aktuell","tag-oerr","tag-braeutigam-volker","tag-fake-news","tag-gniffke-kai","tag-kampagnenjournalismus","tag-klinkhammer-friedhelm","tag-lueckenpresse","tag-swr","tag-syrien","tag-tagesschau","tag-ukraine","tag-venezuela","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50507","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50507"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50507\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82529,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50507\/revisions\/82529"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}