{"id":50627,"date":"2019-04-02T12:03:16","date_gmt":"2019-04-02T10:03:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50627"},"modified":"2019-04-02T14:36:09","modified_gmt":"2019-04-02T12:36:09","slug":"disput-zum-brexit-winfried-wolf-feiert-ihn-als-zeichen-demokratischen-lebens-die-nachdenkseiten-wundern-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50627","title":{"rendered":"Disput zum Brexit. Winfried Wolf feiert ihn als Zeichen demokratischen Lebens. Die NachDenkSeiten wundern sich."},"content":{"rendered":"<p><strong>Winfried Wolf<\/strong> ist ein sehr produktiver Autor und ein vielseitig engagiertes politisches Talent. Er schreibt zum Beispiel als Verkehrsexperte gute Essays zu den Bahnchefs, so <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46138\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46608\">hier<\/a>. Er streitet gegen Stuttgart 21 und ist friedenspolitisch engagiert. Usw. &ndash; Winfried Wolf h&auml;lt die bisher auf den NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlichten Texte zum Brexit f&uuml;r einseitig. Wir haben ihm freigestellt, seine andere Position auf den NachDenkSeiten zu ver&ouml;ffentlichen. Das tun wir hiermit. Ich muss allerdings gestehen, dass ich seine Sicht der Dinge in vielerlei Hinsicht fragw&uuml;rdig finde. Deshalb gibt es dazu in K&uuml;rze einen kurzen kommentierenden Text. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der Brexit, die EU und ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Demokratie<\/strong><\/p><p><strong>Oder: Es gibt ein Recht auf einen Austritt Gro&szlig;britanniens aus der EU. <\/strong><br>\n<strong>Br&uuml;ssel verweigert dies &ndash; u.a. mit dem Austrittsvertrag<\/strong><br>\n<em><strong>Von Winfried Wolf<\/strong><\/em><\/p><p>Am 29. M&auml;rz 2019 stimmte das britische Unterhaus mit deutlicher Mehrheit ein drittes Mal gegen den &bdquo;Deal&ldquo; zum Austritt aus der EU, den die konservative Premierministerin Theresa May dem Parlament unterbreitete und der zuvor mit der EU ausgehandelt worden war. Es hei&szlig;t, die Premierministerin wolle ein viertes Mal den Austrittsvertrag im Unterhaus zur Abstimmung stellen. Doch das wirkt eher l&auml;cherlich. Es gilt das Motto, so lange abstimmen, bis das Ergebnis stimmt. Ein Vorgehen, dem wir noch auf h&ouml;herer Ebene begegnen werden. <\/p><p>Derweil w&auml;chst die Wahrscheinlichkeit, dass Gro&szlig;britannien einfach austritt &ndash; ohne Austrittsvertrag.<\/p><p>Und das erscheint mir in der gegebenen Situation und im Sinne einer fortschrittlichen Politik die beste L&ouml;sung.  Dies aus den folgenden vier Gr&uuml;nden: <em>Erstens<\/em> w&auml;re ein Austritts Gro&szlig;britanniens aus der EU schlicht demokratisch. Es gab dazu in Gro&szlig;britannien eine lange Debatte; das Brexit-Votum ist in erster Linie das Votum der Arbeitenden und der sozial Schwachen gegen die EU, die sie zu Recht als mitverantwortlich f&uuml;r die brutale Austerit&auml;tspolitik wahrnehmen. <em>Zweitens<\/em> widerspricht der zwischen der May-Regierung und der EU ausgehandelte Brexit-Vertrag dem Brexit-Votum. Mit ihm bleibt Gro&szlig;britannien an die EU gefesselt. Der Vertrag enth&auml;lt Vereinbarungen, die f&uuml;r ein souver&auml;nes Land nicht akzeptabel sind. <em>Drittens<\/em> w&auml;re eine solche klare Entscheidung nachvollziehbar, weil sich die EU in den vergangenen 25 Jahren auf den Gebieten Soziales, Demokratie und Militarisierung derart negativ ver&auml;ndert hat, dass sie nicht (mehr) reformierbar ist. Und viertens w&auml;re ein harter Brexit gut, weil es in Gro&szlig;britannien die Chance f&uuml;r eine linke Regierung gibt. Deren fortschrittliches Programm  w&uuml;rde dann, wenn das Land (z.B. in Folge eines zweiten Referendums) EU-Mitglied bleibt oder wenn der ausgehandelte Vertrag G&uuml;ltigkeit erlangt und damit Gro&szlig;britannien an die EU gefesselt bleibt, von dieser weit besser als im Fall eines vollzogenen klaren Austritts gnadenlos bek&auml;mpft.<\/p><p><strong>Was war die Brexit-Entscheidung?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst sollte man ein realistisches Bild von dem Brexit-Votum zeichnen. Am 23. Juni 2016 stimmten knapp 52 Prozent der Bev&ouml;lkerung in Gro&szlig;britannien f&uuml;r einen Austritt aus der EU. Das erschien den Beobachtern &uuml;berwiegend verwunderlich und bizarr. Immerhin hatten die F&uuml;hrungen <em>aller<\/em> gro&szlig;en Parteien &ndash; Konservative, Labour und Liberale &ndash;, hatte der Gewerkschaftsbund TUC, hatte der Industriellenverband, hatte die City of London, die &bdquo;Finanzindustrie&ldquo;, f&uuml;r das &bdquo;Remain&ldquo;, f&uuml;r ein Verbleiben in der  EU argumentiert  &ndash; und massiv in diesem Sinn geworben und Geld eingesetzt. Die Kampagne f&uuml;r einen Austritt aus der EU war von Rechten und Rassisten &ndash; in starkem Ma&szlig; von der Boulevard-Presse dirigiert &ndash; dominiert. Allerdings gab es damals bereits relevante Teile in den Gewerkschaften (so die sehr k&auml;mpferische Gewerkschaft der Hafenarbeiter und der Bahnbesch&auml;ftigten RMT), in der Labour Party und bei der unabh&auml;ngigen, radikalen Linken (Tariq Ali, Costas Lapavitsas), die mit linken und sozialdemokratischen und sozialistischen Argumenten f&uuml;r &bdquo;Leave&ldquo; argumentiert hatten.<\/p><p>Das Ergebnis war dann soziologisch &ndash; oder auch klassenpolitisch &ndash; erstaunlich: Die Mehrheit der Armen und der arbeitenden Menschen stimmte f&uuml;r Leave. Entsprechend der Ashcroft-Auswertung stimmten 64 Prozent der Facharbeiter, der Arbeiter ohne Ausbildung, der Geringverdiener, der Leute mit Gelegenheitsjobs und der Menschen, die von Sozialhilfe abh&auml;ngig sind, f&uuml;r den EU-Austritt. Im Gegensatz dazu stimmten die Leute, die der h&ouml;heren und mittleren F&uuml;hrungsebene und der Verwaltung angeh&ouml;ren (Angeh&ouml;rige der Mittelklasse und der gehobenen Mittelklasse) f&uuml;r den Verbleib in der EU. Je h&ouml;her die Einkommen waren, desto gr&ouml;&szlig;er der Anteil der Stimmen f&uuml;r ein &bdquo;Remain&ldquo;.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Das ging soweit, dass Menschen in gewissem Sinn gegen ihre direkten &bdquo;materiellen&ldquo; Interessen stimmten. Ein Beispiel ist die Stadt Sunderland.  Dort leben knapp 200.000 Einwohner. Die Gegend war fr&uuml;her von Bergbau und Werften gepr&auml;gt; die letzte Werft machte 1988 dicht, die letzte Grube schloss 1994. Doch es gibt inzwischen eine neue, relativ stabile Industrie. Der franz&ouml;sisch-japanische Autohersteller Nissan hat hier sein modernstes europ&auml;isches Werk. Nissan ist eng mit Renault verflochten. 70 Prozent der Pkw-Produktion gehen in den Export. Die H&auml;lfte (der gesamten Fertigung) geht zollfrei in die &uuml;brige EU. <\/p><p>Die Werksleitung hatte die Besch&auml;ftigten aufgefordert, mit Remain zu stimmen. Doch 61,3 Prozent in der Stadt und in der Region Sunderland stimmten f&uuml;r einen Brexit. Das Abstimmungsverhalten der direkt bei Nissan Besch&auml;ftigten l&auml;sst sich nicht ermitteln. Da die Gegend jedoch eindeutig von Nissan und den Autozulieferern dominiert wird, spricht viel daf&uuml;r, dass auch dort die Brexit-Position zumindest sehr stark vertreten war. Der Nissan-Werksleiter &auml;u&szlig;erte nach der Wahl konsterniert: &bdquo;Die stimmten gegen die eigene Interessenslage&ldquo;.<\/p><p>Die NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlichten j&uuml;ngst einen Artikel von Mike Carter mit der &Uuml;berschrift &bdquo;Die Wurzeln der Wut&ldquo;, in dem das, was oben beschrieben wurde, best&auml;tigt wird.<\/p><p>Zu behaupten, dass dieses deutlich mehrheitliche Votum der sozial Schwachen, der Arbeitenden und der Arbeitslosen vor allem rechte, gar rassistische Stimmen waren, w&auml;re k&uuml;hn. Dass es solche &ndash; rassistische &ndash; Stimmen auch gibt, ist unbestritten. Dass sie in der Kampagne selbst auf der politischen Ebene vorherrschten, trifft zu. Doch dass die Menschen, die so stimmten, ganz oder &uuml;berwiegend Rassisten w&auml;ren, ist nicht zutreffend. Zumal es sich oft um Bezirke handelte, die mehrheitlich Labour w&auml;hlten &ndash; und die weiter hinter Labour, auch hinter Jeremy Corbyn, mit dem die Labour Party weit nach links r&uuml;ckte, stehen.<\/p><p>Womit ich bei meiner <em>ersten Schlussfolgerung<\/em> bin: Ein klarer Schnitt, ein Austritt Gro&szlig;britanniens aus der EU w&auml;re demokratisch. Er entspricht der Umsetzung des Referendums.<\/p><p><strong>Welche Art Vertrag wird da zur Abstimmung gestellt?<\/strong><\/p><p>Der Vertrag, den das britische Parlament drei Mal ablehnte, ist im Grunde kein EU-Austrittsvertrag, sondern ein Text mit m&ouml;glichst wenig Brexit und m&ouml;glichst viel EU. Dem EU-Austrittsvertrag liegt das Ziel zugrunde, Gro&szlig;britannien in den kommenden Jahren so nahe an der EU wie m&ouml;glich zu halten.  Das wurde im Detail von Geoffrey Cox, dem Generalanwalt der britischen Regierung, herausgearbeitet.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Er ist Tory; und er analysierte den Vertragsentwurf wohlgemerkt im Auftrag von Premierministerin Theresa May. Die Sprengkraft dieser Analyse war dann allerdings derart, dass die britische Regierung nichts unversucht lie&szlig;, um ihre Ver&ouml;ffentlichung zu verhindern. Es brauchte eine Revolte des britischen Unterhauses, um die Ver&ouml;ffentlichung zu erzwingen. Erstmals in der britischen Nachkriegsgeschichte hat ein Parlamentsbeschluss die amtierende Regierung der &bdquo;Verachtung gegen&uuml;ber dem Parlament&ldquo; beschuldigt.  <\/p><p>Cox widmete sich insbesondere den Auswirkungen des Austrittsvertrages auf Nordirland. In der Bilanz soll sich Gro&szlig;britannien EU-Regeln und Gesetzen unterwerfen, gleichzeitig aber als Drittstaat behandelt werden. <\/p><p>Hier nun einige der von Geoffrey Cox herausgearbeiteten Punkte: Gro&szlig;britannien als Ganzes (einschlie&szlig;lich Nordirland) soll f&uuml;r eine &Uuml;bergangsperiode eine Zollunion mit der EU bilden. Diese Zollunion wird aber f&uuml;r Nordirland und den Rest Gro&szlig;britanniens jeweils unterschiedlich gehandhabt. Demnach bleibt Nordirland f&uuml;r die Dauer der &Uuml;bergangszeit in der derzeit bestehenden Zollunion mit der EU. Die EU-Kommission und der Europ&auml;ische Gerichtshof haben somit Gerichtsbarkeit &uuml;ber Nordirland. So sollen G&uuml;ter zwischen Nordirland und der Republik Irland transportiert werden k&ouml;nnen, ohne dass eine EU-Au&szlig;engrenze n&ouml;tig wird. Gleichzeitig kann Nordirland w&auml;hrend der &Uuml;bergangsperiode G&uuml;ter via Republik Irland in die EU exportieren, ohne sich Kontrollen oder Z&ouml;llen zu unterwerfen, wie sie normalerweise f&uuml;r Drittstaaten gelten w&uuml;rden. F&uuml;r den Rest Gro&szlig;britanniens gilt dies in dieser Form nicht. Zwar soll zwischen der britischen Hauptinsel und Nordirland Zollfreiheit herrschen. In allen anderen Belangen werden jedoch die au&szlig;erhalb Nordirlands liegenden Teile Gro&szlig;britanniens als Bestandteile eines Drittstaats behandelt. Somit stehen England, Wales und Schottland ab dem Wirksamwerden eines Brexits zwar nicht mehr unter der direkten Aufsicht der EU-Kommission und des Europ&auml;ischen Gerichtshofes. Wollen diese Landesteile aber nach Nordirland exportieren, m&uuml;ssen sie sich dennoch an EU-Regularien und Einfuhrbedingungen halten. Das bedeutet, dass es f&uuml;r G&uuml;ter, die von der britischen Hauptinsel nach Nordirland exportiert werden, Inspektionen und Kontrollen durch Zollbeamte geben wird. <\/p><p>W&uuml;rde der Austrittsvertrag so implementiert, wie Cox dies beschreibt, w&uuml;rde dies einer Ann&auml;herung Nordirlands an die Republik Irland und im Umkehrschluss einer schleichenden Entfremdung Nordirlands vom Rest Gro&szlig;britanniens gleichkommen. Gleichzeitig erh&auml;lt Nordirland damit Privilegien, wie sie Schottland nicht zugestanden werden. W&auml;hrend der Austrittsvertrag also Gift f&uuml;r nordirische Unionisten ist, ist er gleichzeitig f&uuml;r die auf den europ&auml;ischen Exportmarkt schielenden schottischen Industriellen problematisch. Deshalb sind sowohl nordirische unionistische Parteien als auch die schottische Unabh&auml;ngigkeitspartei SNP gegen den Vertragstext. <\/p><p>Cox spricht in seiner Analyse davon, dass das Austrittsabkommen eine &bdquo;potentiell unendliche G&uuml;ltigkeitsdauer&ldquo; hat. Zwar geht der Vertragstext von der Notwendigkeit der Aushandlung von Folgeabkommen aus. Allerdings warnt Cox davor, dass im Austrittsabkommen bereits Vorbedingungen f&uuml;r ein erfolgreiches Folgeabkommen festgelegt sind. Dazu geh&ouml;ren offene Grenzen zwischen Nordirland und der Republik Irland. Offene Grenzen zwischen der EU und Drittstaaten sind aber eigentlich nicht vorgesehen, wie man am Umgang mit Fl&uuml;chtlingen im Mittelmeer gut erkennen kann. Die Irlandfrage bleibt also ungel&ouml;st. <\/p><p>Cox argumentiert dar&uuml;ber hinaus, dass die beschriebenen Grenzregelungen f&uuml;r Nordirland laut Austrittsvertrag so lange bestehen bleiben, bis ein neuer Vertrag beschlossen wird. Kommt es aufgrund der komplexen Lage zu keinem neuen Vertrag, <em>beh&auml;lt der Austrittsvertrag seine G&uuml;ltigkeit<\/em>. Cox verweist darauf, dass ein Ausstieg aus dem Vertrag nach seiner Ratifizierung nur &bdquo;durch gemeinsamen Konsens&ldquo; m&ouml;glich ist. Man braucht sich nur den bisherigen Verhandlungsverlauf anzuschauen, um zu sehen, wie unwahrscheinlich ein solcher Konsens ist. Cox stellt au&szlig;erdem fest: &bdquo;Der derzeitige Vertragsentwurf bietet Gro&szlig;britannien keine legale M&ouml;glichkeit, um einseitig aus der Zollunion mit der EU auszutreten.&ldquo; <\/p><p>Wenn nun gesagt wird: Aber diesen Vertrag hat doch die britische Regierung ausgehandelt, dann ist darauf zu antworten: Erstens ist nicht die Regierung, sondern das Parlament entscheidend. Und dem dutzendfachen YES von May zum Vertrag gab es eben dieses dreifache NO-NO-NO des Unterhauses. Es ist peinlich und antidemokratisch, wenn man sich in Deutschland &uuml;ber das parlamentarische Prozedere in Gro&szlig;britannien lustig macht. Die wesentliche Ursache f&uuml;r die komplexe Lage ist Br&uuml;ssel selbst, ist die erpresserische Politik, die Br&uuml;ssel gegen&uuml;ber Gro&szlig;britannien betreibt. Zweitens ist der Vertrag in der beschriebenen Form doch nicht verwunderlich. May war f&uuml;r &bdquo;Remain&ldquo;. Die F&uuml;hrung der Tories argumentierte  f&uuml;r ein Verbleiben Gro&szlig;britanniens in der EU. Seit Jahrzehnten identifiziert sich die politische Klasse Gro&szlig;britanniens mit der EU. Warum sollten diese nun einen Vertragsentwurf ausarbeiten, der sich in offenem Widerspruch zu ihren eigenen Ansichten und Interessen befindet? Personen wie Boris Johnson (Minderheit bei den Tories) und Nigel Farage (UKIP) verfolgen mit ihrem Brexit-Votum h&ouml;chst pers&ouml;nliche Ziele; in jedem Fall sind sie nicht repr&auml;sentativ f&uuml;r die in der britischen Industrie und im Londoner Finanzsektor herrschenden Kreise.  <\/p><p>Womit ich bei meiner <em>zweiten Schlussfolgerung<\/em> bin: Mit dem &bdquo;Nein&ldquo; des britischen  Parlaments hat dieses bislang demokratisch gehandelt. Mit dem Brexit-Vertrag wird versucht, das Brexit-Votum ungeschehen zu machen und ausgerechnet ein Land, das aus der EU austreten will, in besonderer Weise an die EU zu ketten. Das ist undemokratisch &ndash; aber logisch. Siehe unten Punkt 4.<\/p><p><strong>Die EU und Gro&szlig;britannien<\/strong><\/p><p>Hinter der (mehrheitlichen) Entscheidung der britischen Bev&ouml;lkerung zum EU-Austritt steht eine rund f&uuml;nfzigj&auml;hrige Erfahrung mit der EWG\/EG\/EU. Gro&szlig;britannien wollte 1961 in die EWG eintreten. Die EWG hatte dies abgelehnt; Gro&szlig;britannien musste bis 1973 drau&szlig;en bleiben. Grund war in erster Linie das Veto der franz&ouml;sischen Regierung. 1973 durfte Gro&szlig;britannien dann der EG beitreten. Seither treten in Gro&szlig;britannien alle relevanten Parteien mit ihrem Spitzenpersonal f&uuml;r die EWG\/EG\/EU ein. Sie taten dies bis zum Referendum in ihrer &uuml;berw&auml;ltigenden Mehrheit. Cameron UND May waren strikt pro EU. Alle Regierungen in London, die es seit den 1970er Jahren im UK gab, verstanden sich als Teil der EWG\/EG\/EU; viele ihrer Spitzenleute waren Teil der EWG\/EG\/EU-Elite und der entsprechenden Br&uuml;sseler B&uuml;rokratie.<\/p><p>In der Zeit, seit Gro&szlig;britannien EWG\/EG\/EU-Mitgliedsland ist, erlebte das Land einen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Niedergang. 1960 lag das Bruttoinlandsprodukt in Gro&szlig;britannien noch erheblich &uuml;ber demjenigen in Deutschland. Beim Eintritt des UK in die EG war das BIP pro Kopf identisch mit demjenigen in Deutschland. Heute liegt das britische BIP-pro-Kopf um gut 20 Prozent unter demjenigen in Deutschland. Und das sind die Durchschnittswerte. Die Realit&auml;t vor Ort sieht deutlich krasser aus. Siehe der bereits angef&uuml;hrte Artikel auf den NachdenkSeiten.<\/p><p>Sind es die EWG\/EG\/EU, die f&uuml;r diesen sozialen Niedergang die Verantwortung tragen? In diesem direkten Sinn lautet die Antwort: NEIN. Nat&uuml;rlich liegt die Hauptverantwortung f&uuml;r die zerst&ouml;rerische, unsoziale usw. Politik, die in Gro&szlig;britannien betrieben wurde, bei den jeweiligen Regierungen in London. Hier gab es eine brutale Politik von Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung. Und diese wurde unter den Konservativen (Tories), hier vor allem unter Margret Thatcher, aber auch unter Labour (hier vor allem unter New Labour mit Tony Blair an der Spitze) durchgef&uuml;hrt.<\/p><p>Doch all dies erfolgte  im Einklang mit Br&uuml;ssel und parallel zu der allgemeinen  Entwicklung in der EWG\/EG\/EU selbst. Es mag sein, dass die britischen Regierungen bei dem einen und anderen Thema vorgeprescht sind (so im Fall der Antistreikgesetzgebung, beim Angriff auf die Bergarbeiter oder bei der Bahnprivatisierung). Vergleichbares taten ja auch deutsche Bundesregierungen (siehe die Hartz-IV-Gesetze unter dem SPD-Kanzler Schr&ouml;der). Doch es gab im Fall der im Vereinigten K&ouml;nigreich durchgezogenen brutalen Austerit&auml;tspolitik keine Kritik aus der EU oder seitens Br&uuml;ssel.  Vorherrschend war eher eine gewisse Dankbarkeit ob dieser Vorreiter-Politik im Sinne einer anti-sozialen Politik. Als die Deutsche Bahn 1994 privatisiert wurde, verwies man auf den Erfolg der Privatisierung von British Rail, die zwei Jahre zuvor stattgefunden  hatte (und damals war das Desaster der britischen Bahnprivatisierung noch nicht so deutlich wie heute). <\/p><p><strong>Die Ver&auml;nderung der EWG\/EG\/EU<\/strong><\/p><p>Die EWG\/EG erschien in den ersten Jahrzehnten des Bestehens vielen fortschrittlich orientierten Menschen als ein &bdquo;neutrales&ldquo; oder auch als ein positiv besetztes Projekt. Es stand f&uuml;r einen Abbau von Grenzen und Z&ouml;llen, f&uuml;r Demokratie und Freiz&uuml;gigkeit. Und vor allem f&uuml;r &bdquo;Nie wieder Krieg&ldquo;. Das hat sich grundlegend ver&auml;ndert.<\/p><p><em><strong>Die Demokratie in der EWG\/EG\/EU:<\/strong><\/em> Demokratie spielte in der EWG\/EG nie eine ernsthafte Rolle. Wahlen und parlamentarische Gremien waren zun&auml;chst gar nicht vorgesehen. Davon steht nichts in den Gr&uuml;ndungstexten, in den &bdquo;R&ouml;mischen Vertr&auml;gen&ldquo;. Fast ein Vierteljahrhundert lang (1956 bis 1979) gab es keine parlamentarischen Strukturen. Als  1979 zum ersten Mal eine Europawahl durchgef&uuml;hrt und ein Europ&auml;isches Parlament etabliert wurde, wirkte dies aufgesetzt. Das ist bis heute der Fall. Dem Europaparlament werden elementare Rechte eines &bdquo;normalen&ldquo; b&uuml;rgerlich-demokratischen Parlaments vorenthalten. Wenn sich die Bev&ouml;lkerung eines Landes gegen ein zentrales EU-Projekt aussprach, galt die Regel: solange neu w&auml;hlen, bis das Ergebnis stimmt. 1992 sagten die D&auml;nen Nein zum Maastricht-Vertrag. 2001 und 2008 gab es zwei Mal ein irisches Nein zum Nizza- und dann zum Lissabon-EU-Abkommen. 2005 gab es ein franz&ouml;sisches und ein niederl&auml;ndisches Nein zur EU-Verfassung. Die EU-Granden reagierten professionell: Man trat den Verfassungsentwurf in die Tonne und verabschiedete stattdessen einen Lissabon-Vertrag, in dem weitgehend das Gleiche steht wie im Verfassungsentwurf. Die Bev&ouml;lkerung in D&auml;nemark und diejenige in Irland durften dann so lange abstimmen, bis das Ergebnis f&uuml;r Br&uuml;ssel passte. <\/p><p>Beim Thema Demokratie muss auch bedacht werden: Dem 2016er Brexit-Entscheid voraus ging 2015 die Griechenland-Krise. In dieser wurden die neu geschaffenen und besonders undemokratischen Euro-L&auml;nder-Strukturen Eurogroup, EZB und Troika (letzteres formal zusammen mit dem IWF) gegen die griechische Bev&ouml;lkerung in einer Weise eingesetzt, dass fl&auml;chendeckend geltendes Recht (griechische Verfassung und Grunds&auml;tze der EU) gebrochen und gegen die Demokratie in krasser Weise versto&szlig;en wurde. Letzteres im Fall des Negierens des Referendums vom Juli 2015, mit dem &ndash; trotz massiver Repressalien (geschlossene Banken) &ndash; mehr als 61 Prozent der griechischen Bev&ouml;lkerung ein neues Memorandum (eine Fortsetzung und Versch&auml;rfung der Austerit&auml;tspolitik) abgelehnt hatten.<\/p><p><em><strong>Die soziale Entwicklung in der EWG\/EG\/EU.<\/strong><\/em> Die EWG hat in den R&ouml;mischen Vertr&auml;gen vereinbart, bestehende soziale Differenzen innerhalb der EWG zu nivellieren. Eine Zeitlang &ndash; in den 1950er und 1960er Jahren wurde die soziale Kluft nicht wesentlich gr&ouml;&szlig;er. Doch seither &ndash; und seit den gro&szlig;en Erweiterungsprozessen der EU in den S&uuml;den und nach Osten &ndash; ist das Gegenteil der Fall. Die soziale Kluft wird von Jahr zu Jahr gr&ouml;&szlig;er. Es entwickelte sich eine abdriftende Peripherie (mit Irland, Portugal, Spanien, Italien, Kroatien, Zypern, Griechenland, Bulgarien, Rum&auml;nien und einem gr&ouml;&szlig;eren Teil der anderen osteurop&auml;ischen L&auml;nder) und einem relativ prosperierenden Zentrum mit Deutschland, &Ouml;sterreich, Luxemburg und den Niederlanden. Nehmen wir als Durchschnittswerte das Bruttoinlandsprodukt je Kopf. Und setzen wir im jeweiligen Jahr das Durchschnittseinkommen in der EWG\/EG\/EU gleich 100. Dann gab es 1960 in der EWG die Spannweite Bundesrepublik Deutschland (als damals das Land mit dem h&ouml;chsten BIP je Kopf) = 117; das in diesem Sinne &bdquo;&auml;rmste&ldquo; Land war Italien mit Index 91. Das BIP pro Kopf in Italien erreichte immerhin 78 Prozent des BIP pro Kopf in der BRD. 2016 sieht es deutlich anders aus. Nun liegt Deutschland bei Index 124 (also um 24 Prozent &uuml;ber dem EU-Durchschnitt). &Ouml;sterreich und die Niederlande liegen &uuml;brigens nochmals besser, bei Index 126 bzw. 130.  Die &auml;rmsten EU-L&auml;nder sind Bulgarien (Index 48), Rum&auml;nien (Index 58) und Kroatien (Index 59). Das BIP pro Kopf in Bulgarien erreicht 39 Prozent des BRD-BIP-Werts. Und es gibt eine Reihe andere L&auml;nder (wie Ungarn, Polen, Slowakei, Griechenland), deren BIP pro Kopf bei weniger als der H&auml;lfte des BRD-Werts liegt. Auch hier gilt: Das sind Durchschnittswerte. Die reale Situation ist im Einzelnen nochmals wesentlich brutaler.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p><em><strong>Die EU, die Kriege und die EU-Militarisierung.<\/strong><\/em> Es l&auml;sst sich dar&uuml;ber streiten, ob die Einsch&auml;tzung der EWG als ein Projekt des Friedens jemals zutreffend war. Immerhin gab es von Anfang an mit der EVG und sp&auml;ter mit der WEU den Versuch, eine europaweite Armee aufzubauen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Comecon-Staaten wurde diese Tendenz &bdquo;dynamisiert&ldquo;. Zun&auml;chst in der Art und Weise, wie auf die Krise in Jugoslawien reagiert wurde. Die vorzeitigen diplomatischen Anerkennungen der &bdquo;Ausgr&uuml;ndungen&ldquo; Kroatien, Slowenien und Bosnien-Herzegowina beschleunigten die Krise und beg&uuml;nstigten die Balkankriege.  Schlie&szlig;lich beteiligten sich im Kosovokrieg 1999 die f&uuml;hrenden EU-Staaten aktiv an einem v&ouml;lkerrechtswidrigen Krieg, wobei sie sich dabei gleichzeitig sklavisch den USA unterordneten.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Ende 2017 kam es zu einer neuen Steigerung des Militarisierungsprozesses der EU &ndash; zur Bildung von PESCO (St&auml;ndige Strukturierte Zusammenarbeit). Es handelt sich um ein B&uuml;ndnis innerhalb der EU von 23 EU-Mitgliedstaaten (Malta und D&auml;nemark blieben au&szlig;erhalb), das sich die Militarisierung der EU zum Ziel setzt. Unter anderem verpflichtet PESCO die Mitgliedstaaten &ndash; analog dem 2%-BIP-Ziel der NATO f&uuml;r den R&uuml;stungsetat &ndash; die R&uuml;stungsausgaben in jedem PESCO-Staat von Jahr zu Jahr anzuheben.<\/p><p>Meine <em><strong>dritte Schlussfolgerung<\/strong><\/em> lautet: Es ist an der Zeit, den Glauben an eine Reformierbarkeit der EU aufzugeben. Nat&uuml;rlich unterst&uuml;tzen wir alle Forderungen nach Demokratie innerhalb der EU. Doch wenn ein Land aus dieser EU austreten will, dann unterst&uuml;tzen wir diesen Wunsch nicht allein aus dem demokratischen Prinzip. Diese Entscheidung l&auml;sst sich auch inhaltlich nachvollziehen. Und wir sollten uns gegen alle erpresserischen Versuche der Br&uuml;sseler Demokratie wenden, mit denen ein solcher Austritt erschwert oder verunm&ouml;glicht wird. Die Forderung nach einem neuen Referendum ist abzulehnen. Damit w&uuml;rde genau das wiederholt, was oben bereits skizziert wird: die Menschen so lange abstimmen zu lassen, bis das Ergebnis f&uuml;r die Herren oben akzeptabel ist. Und was kann bei einem solchen Referendum herauskommen? Im &bdquo;besten&ldquo; Fall eine knappe Mehrheit f&uuml;r ein &bdquo;Remain&ldquo; und ein Ja zu dem fatalen EU-Austrittsvertrag. Das Land w&uuml;rde noch mehr zerrissen, als es derzeit bereits der Fall ist. Im &Uuml;brigen w&uuml;rde ein solches Resultat die Demokratie erneut massiv besch&auml;digen. Das Ergebnis w&auml;re f&uuml;r eine fortschrittliche Politik in Europa kontraproduktiv. <\/p><p><strong>Die EU als Bollwerk gegen linke Politik<\/strong><\/p><p>Wir haben in Europa eine f&uuml;r linke Politik einmalige Situation. In dem zweitgr&ouml;&szlig;ten Industriestaat Europas und in der sechstgr&ouml;&szlig;ten Volkswirtschaft der Welt hat einerseits die regierende Partei der Tories abgewirtschaftet. Andererseits gab es in der konkurrierenden Labour-Party, die in den letzten 50 Jahren durchaus eine St&uuml;tze der Herrschenden war, eine radikale Ver&auml;nderung, eine deutliche Positionierung weit links. Diese wurde bewirkt durch den Eintritt von mehr als 200.000 vor allem jungen Menschen, sodann durch die zweimalige Wahl per Mitgliedervotum von Jeremy Corbyn zum Parteivorsitzenden und schlie&szlig;lich durch die Entwicklung eines linkssozialdemokratischen Programms. Labour hat im Fall von Neuwahlen ernsthafte Chancen, eine Mehrheit im Unterhaus zu erringen. Verbunden damit ist die  Chance, die rechte Labour-Gruppe um Tony Blair, die in der Labour-F&uuml;hrung und in der Parlamentsfraktion von Labour weiterhin erhebliches Gewicht hat, zu marginalisieren.  <\/p><p>Nun untersuchte der weiter oben zitierte britische Generalanwalt Geoffrey Cox in seiner Analyse des Brexit-Austrittsvertrags auch das Thema &bdquo;staatliche Beihilfen&ldquo;. Dabei geht es darum, ob der Austrittsvertrag beispielsweise die St&uuml;tzung der britischen Stahlindustrie oder die Verstaatlichung von &ouml;ffentlichen Dienstleistungen erlauben w&uuml;rde. Wohlgemerkt: Cox ist ein Tory. Weder er noch Premierministerin May w&uuml;rden dergleichen tun wollen. Doch die Brexit-Verwerfungen k&ouml;nnten einen Jeremy Corbyn an die Macht sp&uuml;len, dessen Wahlprogramm sehr wohl Verstaatlichungen vorsieht. <\/p><p>Der Generalanwalt macht in seinen Einsch&auml;tzungen deutlich, dass eine Regierung mit Corbynscher Programmatik Probleme mit der EU bekommen w&uuml;rde. Denn der Austrittsvertrag sieht die Schaffung &bdquo;unabh&auml;ngiger Institutionen&ldquo; vor, welche von Vertretern der EU und Gro&szlig;britanniens besetzt werden sollen. Diese &bdquo;Institutionen&ldquo; haben die Autorit&auml;t, EU-Recht gemeinsam mit britischen Gerichten und der EU-Kommission in Gro&szlig;britannien f&uuml;r die Dauer des Austrittsvertrages durchzusetzen. EU-rechtswidrige staatliche Beihilfen w&uuml;rden, so Cox, zu &bdquo;Aktionen&ldquo; der EU-Kommission in diesem Sinne f&uuml;hren. Hier sind &auml;hnliche Szenarien wie in Griechenland unter der Syriza-Regierung vorstellbar. Die EU k&ouml;nnte selbst nach einem formalen Austritt Gro&szlig;britanniens zu einem Instrument werden, um einen linken Politikwechsel zu verhindern. Corbyn ist sich dieser Gefahr durchaus bewusst.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Inwieweit er dem Druck der rechten Labour-Gruppe und des britischen Establishment widerstehen und einen tats&auml;chlich unabh&auml;ngigen Kurs umsetzen kann, muss offen bleiben. <\/p><p>Das ist meine <em>vierte Schlussfolgerung<\/em>: Wer von einer m&ouml;glichen linken Politik in Europa spricht, der sollte sich in erster Linie die Lage in Gro&szlig;britannien anschauen.  Labour ist heute die gr&ouml;&szlig;te Partei in Europa. Das Programm von Labour ist ein ausgesprochen linkes, attraktives Programm. Die Chancen, dass Labour in Neuwahlen gewinnt, sind gro&szlig;. Sicher ist, dass jede Einbindung von Gro&szlig;britannien in die EU die Chancen f&uuml;r eine linke Politik in Gro&szlig;britannien, die ja auch f&uuml;r das &uuml;brige Europa befruchtend sein k&ouml;nnte, deutlich reduziert. Was 2015 mit dem kleinen Land Griechenland passierte, war abschreckend und absto&szlig;end. <\/p><p><strong>Wie passt all dies zur &bdquo;irischen Frage&ldquo;? Was sagen wir zu einer m&ouml;glichen schottischen Unabh&auml;ngigkeit?<\/strong><\/p><p>Ach ja&hellip; Da war noch was. Stimmte die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung in Schottland und in Nordirland nicht  f&uuml;r &bdquo;Remain&ldquo;? Darauf antworte ich: Gro&szlig;britannien ist ein souver&auml;ner Staat; wir als Deutsche (und die EU-Institutionen) sollten sich bei Fragen der innenpolitischen Entwicklung eines europ&auml;ischen Landes zur&uuml;ckhalten. Das gilt nat&uuml;rlich ganz besonders f&uuml;r Leute, die die &bdquo;Abspaltung&ldquo; der Krim von der Ukraine mit dem Argument bek&auml;mpfen, die Krim sei Teil des souver&auml;nen Staates Ukraine gewesen. Und die die Entscheidung der Bev&ouml;lkerung auf der Krim ignorieren. Die vergleichbar im Fall Katalonien argumentieren und akzeptieren, dass die Zentralmacht in Madrid mit ihrem Vorgehen gegen die katalanische Bewegung  elementare demokratische Rechte mit F&uuml;&szlig;en tritt.<\/p><p>Pers&ouml;nlich gestatte ich mir die folgende politische Anmerkung: Kommt es in Irland zu einer Dynamik hin zu einer Wiedervereinigung von Nordirland und der Republik Irland, so f&auml;nde ich einen solchen Prozess nachvollziehbar. Damit w&uuml;rde ein St&uuml;ck Kolonialgeschichte innerhalb Europas korrigiert. Eine Geschichte, die mit der Gro&szlig;en Hungersnot 1845 bis 1849, die von den britischen Herrschern zumindest  geduldet, wenn nicht bewusst beg&uuml;nstigt wurde, ihren traurigen H&ouml;hepunkt fand. Damals verhungerte eine Million Irinnen und Iren; zwei Millionen wurden in die Emigration gezwungen. Diese Hungersnot und die blutige Niederschlagung der Kr&auml;fte, die f&uuml;r die irische Unabh&auml;ngigkeit k&auml;mpften, durch englische Truppen (siehe Easter Rising 1916, Bloody Sunday vom 30. Januar 1972) ist auch heute noch im Ged&auml;chtnis von Millionen Irinnen und Iren verankert. Die Spaltung Irlands, die ja erst am 6. Dezember 1922, also vor knapp einem Jahrhundert , von London aufgezwungen wurde, ist historisch gesehen ebenso k&uuml;nstlich wie es die Spaltung Deutschlands war.  <\/p><p>Sollte es auf der britischen Insel  zu einem neuen Anlauf kommen, dass Schottland sich von London lossagt, dann ist auch dies in Ruhe zu bewerten und dann zu unterst&uuml;tzen, wenn eine solche Entscheidung auf demokratischer Basis gef&auml;llt wird. Wobei es Jeremy Corbyn war, der sich zunehmend offen zeigt f&uuml;r die Forderungen nach einer Losl&ouml;sung Schottlands von London. Auch hier wirkt ein Blick auf die EU-Politik in anderen Regionen lehrreich: Die Abspaltung Montenegros mit einigen hunderttausend Menschen wurde begr&uuml;&szlig;t. Die Aufnahme dieses Landes in die NATO und eine perspektivische Aufnahme des Landes in die EU wird unterst&uuml;tzt. Doch in den F&auml;llen Katalonien, Schottland oder Irland gelten andere Ma&szlig;st&auml;be &ndash; bzw. die &bdquo;Prinzipien&ldquo; der EU sind reinen machtpolitischen Erw&auml;gungen untergeordnet.<\/p><p>Daher ist vor allem wichtig: Die EU als Institution und die Regierung in Berlin m&uuml;ssen sich bei diesen Themen strikt heraushalten. Dieses darf nicht instrumentalisiert werden, um die Interessen von Br&uuml;ssel zu bef&ouml;rdern.<\/p><p>Winfried Wolf ist Chefredakteur von Lunapark21, Zeitschrift zur Kritik der globalen &Ouml;konomie. Text verfasst am 31. M&auml;rz 2019 f&uuml;r NachDenkSeiten.<\/p><p>Titelbild: MaDedee \/ Shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Ascroft-Auswertung (&bdquo;How the United Kingdom voted on Thursday &hellip; and why&rdquo;) <a href=\"https:\/\/lordashcroftpolls.com\/2016\/06\/how-the-united-kingdom-voted-and-why\/\">siehe hier<\/a>.<br>\nAusf&uuml;hrlich: Costas Lapavitsas, Warum Brexit?, in: Lunapark21, Heft 34, Sommer 2016, Seiten 36-42.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] In der Darstellung der Inhalte des Austrittsvertrags orientiere ich mich an Christian Bunke, Der Brexit, Symptom des wachsenden kapitalistischen Chaos, in: Lunapark21, Heft 44, Seiten 47-49. Zu Cox siehe z.B. <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/brexit-theresa-may-erleidet-rueckschlag-von-geoffrey-cox-16084798.html\">hier<\/a><br>\nDas Statement von Cox <a href=\"https:\/\/www.parliament.uk\/business\/news\/2019\/march\/attorney-generals-statement-on-joint-instrument-and-unilateral-declaration\/\">zusammengefasst hier<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Zahlen ausf&uuml;hrlich in: Quartalsl&uuml;ge &ndash; &bdquo;Die EU baut das soziale und wirtschaftliche Gef&auml;lle ab&ldquo;, in: Lunapark21, Heft 34,  Sommer 2016. Basis: Eurostat. Aktualisiert in: Nikos Chilas und Winfried Wolf, Die griechische Trag&ouml;die. Rebellion, Kapitulation, Ausverkauf, Promedia, Wien 2018, Seiten 55ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Siehe dazu ausf&uuml;hrlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50435\">mein Artikel zu 20 Jahre Kosovo-Krieg auf den NachDenkSeiten<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Siehe z.B. <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/interview-with-john-mills-on-jeremy-corbyn-tony-benn-and-labour-on-brexit-2019-1?r=US&amp;IR=T\">hier<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Winfried Wolf<\/strong> ist ein sehr produktiver Autor und ein vielseitig engagiertes politisches Talent. Er schreibt zum Beispiel als Verkehrsexperte gute Essays zu den Bahnchefs, so <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46138\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46608\">hier<\/a>. Er streitet gegen Stuttgart 21 und ist friedenspolitisch engagiert. Usw. &ndash; Winfried Wolf h&auml;lt die bisher auf den NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlichten Texte zum Brexit f&uuml;r einseitig.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50627\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":50628,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,22,180,20],"tags":[423,1843,1561,284,1600,380,1555,469,691,1560,452,233,1940,893,2623,2267,1204,1203,842,2103,1464],"class_list":["post-50627","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-europaische-union","category-europaeische-vertraege","category-landerberichte","tag-austeritaetspolitik","tag-brexit","tag-corbyn-jeremy","tag-deregulierung","tag-eu-parlament","tag-export","tag-griechenland","tag-grossbritannien","tag-irland","tag-labour-party","tag-linksrutsch","tag-marktliberalismus","tag-may-theresa","tag-militarisierung","tag-nordirland","tag-pesco","tag-schottland","tag-separatismus","tag-thatcher-margaret","tag-tories","tag-volksabstimmung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/shutterstock_1295260396.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50627","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50627"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50627\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50632,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50627\/revisions\/50632"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50628"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50627"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50627"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}