{"id":50633,"date":"2019-04-02T15:38:22","date_gmt":"2019-04-02T13:38:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50633"},"modified":"2019-04-03T16:40:54","modified_gmt":"2019-04-03T14:40:54","slug":"der-brexit-soll-ein-fortschrittliches-projekt-sein-und-die-aermeren-schichten-in-gb-sollen-davon-profitieren-der-glaube-muss-auch-hier-wohl-berge-versetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50633","title":{"rendered":"Der Brexit soll ein fortschrittliches Projekt sein? Und die \u00e4rmeren Schichten in GB sollen davon profitieren? Der Glaube muss auch hier wohl Berge versetzen."},"content":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten haben heute <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50627\">einen Beitrag von Winfried Wolf<\/a> ver&ouml;ffentlicht &ndash; mit gro&szlig;en Bauchschmerzen. Autor Wolf hat schon viele gute Sachen geschrieben. Aber der Artikel von heute stimmt hinten und vorne nicht. Er wirft jedenfalls viele Fragen auf. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nGleich am Anfang des Textes steht eine Art Zusammenfassung, die ich hier der Einfachheit halber wiedergebe.<\/p><p>Winfried Wolf schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Derweil w&auml;chst die Wahrscheinlichkeit, dass Gro&szlig;britannien einfach austritt &ndash; ohne Austrittsvertrag.<br>\nUnd das erscheint mir in der gegebenen Situation und im Sinne einer fortschrittlichen Politik die beste L&ouml;sung. Dies aus den folgenden vier Gr&uuml;nden: Erstens w&auml;re ein Austritts Gro&szlig;britanniens aus der EU schlicht demokratisch. Es gab dazu in Gro&szlig;britannien eine lange Debatte; das Brexit-Votum ist in erster Linie das Votum der Arbeitenden und der sozial Schwachen gegen die EU, die sie zu Recht als mitverantwortlich f&uuml;r die brutale Austerit&auml;tspolitik wahrnehmen. <em>Zweitens<\/em> widerspricht der zwischen der May-Regierung und der EU ausgehandelte Brexit-Vertrag dem Brexit-Votum. Mit ihm bleibt Gro&szlig;britannien an die EU gefesselt. Der Vertrag enth&auml;lt Vereinbarungen, die f&uuml;r ein souver&auml;nes Land nicht akzeptabel sind. <em>Drittens<\/em> w&auml;re eine solche klare Entscheidung nachvollziehbar, weil sich die EU in den vergangenen 25 Jahren auf den Gebieten Soziales, Demokratie und Militarisierung derart negativ ver&auml;ndert hat, dass sie nicht (mehr) reformierbar ist. Und viertens w&auml;re ein harter Brexit gut, weil es in Gro&szlig;britannien die Chance f&uuml;r eine linke Regierung gibt. Deren fortschrittliches Programm w&uuml;rde dann, wenn das Land (z.B. in Folge eines zweiten Referendums) EU-Mitglied bleibt oder wenn der ausgehandelte Vertrag G&uuml;ltigkeit erlangt und damit Gro&szlig;britannien an die EU gefesselt bleibt, von dieser weit besser als im Fall eines vollzogenen klaren Austritts gnadenlos bek&auml;mpft.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dazu und zum gesamten Text in K&uuml;rze ein paar Fragen und Kommentare:<\/p><ol>\n<li>Ein Austritt ohne Austrittsvertrag soll im Sinne einer fortschrittlichen Politik die beste L&ouml;sung sein? Hat Wolf schon einmal bedacht, was das f&uuml;r die Industriearbeiterschaft Gro&szlig;britanniens bedeuten kann und wahrscheinlich bedeuten wird? Schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Mehr Druck von oben.<\/li>\n<li>Das Brexit-Votum sei &bdquo;in erster Linie das Votum der Arbeitenden und der sozial Schwachen gegen die EU&ldquo; gewesen. Erstens haben ganz andere und zwar teilweise reaktion&auml;re Kr&auml;fte in Gro&szlig;britannien f&uuml;r den Austritt geworben. Das schreibt Wolf sogar selbst im vierten Absatz seines Textes.<\/li>\n<li>Zweitens ist die &bdquo;brutale Austerit&auml;tspolitik&ldquo;, der die britischen Arbeitnehmer und breiten Schichten genauso ausgesetzt sind wie jene auf dem Kontinent, ja nicht die Erfindung der EU. Wolf macht aus Margret Thatcher und Tony Blair, den Rammb&ouml;cken der neoliberalen Entwicklung und damit auch der Austerit&auml;tspolitik, so eine Art Vertreter der Europ&auml;ischen Union. Das ist ein ziemlich starkes St&uuml;ck. Alles Unheil kommt aus Br&uuml;ssel, alles Heil aus London &ndash; eine beachtliche Beobachtung! &ndash; An einer Stelle im Text beklagt der Autor auch noch, dass es aus der EU oder seitens Br&uuml;ssels keine Kritik an der vom Vereinigten K&ouml;nigreich durchgezogenen brutalen Austerit&auml;tspolitik gegeben habe. Donnerwetter: Die anderen sind also schuld, weil sie die Urheber des Elends nicht vor dem Elend gewarnt haben. So kann man&lsquo;s nat&uuml;rlich auch sehen.<\/li>\n<li>Die Europ&auml;ische Union wurde mit dem Lissabon-Vertrag und anderen Regelungen zu einer wirklich reaktion&auml;ren Vereinigung entwickelt. Aber die Briten haben daran kr&auml;ftig mitgearbeitet.<\/li>\n<li>Kritik an der Europ&auml;ischen Union zu &uuml;ben, ist sehr berechtigt. Es ist auch legitim, die Frage zu stellen, ob die EU &uuml;berhaupt noch reformierbar ist. Aber: Die EU wird weder durch den Austritt Gro&szlig;britanniens noch durch andere Austritte im guten Sinne reformiert. Was Wolf nicht versteht: Man kann ein harter Kritiker des Zustandes der EU sein und dennoch keinen Sinn darin sehen, diese Wirtschafts- und politische Gemeinschaft aufzugeben. Der Glaube, dass aus m&ouml;glichst vielen Austritten Besseres erw&uuml;chse, ist durch Nachdenken und durch Tatsachen nicht gest&uuml;tzt.<\/li>\n<li>Winfried Wolf berichtete an anderer Stelle davon, dass er seine serbischen Freunde davor gewarnt habe, der EU beizutreten. Das kann ich gut verstehen. Ich habe meinen Freunden auf dem Balkan auch gesagt, sie w&uuml;rden falsche Erwartungen mit dem EU-Beitritt verbinden. Da sind wir uns also einig. Aber wenn man drin ist und entt&auml;uscht ist, weil all die Erwartungen nicht eingetreten sind, dann ist die Lage eine ganz andere. Dann ist man n&auml;mlich drin und nicht noch drau&szlig;en. Dann auszutreten, w&uuml;rde wahrscheinlich im Falle vieler V&ouml;lker die Nachteile noch vermehren. Diese Differenzierung macht Winfried Wolf nicht.<\/li>\n<li>Zu glauben, dass sich durch den Brexit, noch dazu durch einen harten, die Lage f&uuml;r die Lohnabh&auml;ngigen und die &auml;rmeren Schichten in Gro&szlig;britannien bessern w&uuml;rde, ist ohne Basis und nicht sehr wahrscheinlich. Das ist ein Traum des Autors Winfried Wolf und vermutlich auch einer Gruppe von Gleichgesinnten. Eher werden wir feststellen m&uuml;ssen, dass die bessergestellten Kreise sich auch mit den Folgen eines Brexit leichter und geschmierter arrangieren werden.<\/li>\n<li>Auch der Glaube, ein ungeregelter Austritt w&auml;re gut, weil es dann in Gro&szlig;britannien die Chance f&uuml;r eine linke Regierung g&auml;be, ist gewagt. Die Folgen eines solchen Brexit werden so hart sein, dass davon mit Unterst&uuml;tzung reaktion&auml;rer Medien vor allem reaktion&auml;re Kr&auml;fte, auch politische Kr&auml;fte profitieren werden und nicht Corbyn. Das ist zumindest eine sehr wahrscheinliche Einsch&auml;tzung.<\/li>\n<li>Wolf stellt fest, der Austritt aus der EU sei schlicht demokratisch. Ja, so kann man auch bei 52 % Zustimmung argumentieren, vor allem dann, wenn man au&szlig;er acht l&auml;sst, welche Kr&auml;fte f&uuml;r dieses Votum mobilisiert haben. Es ist komisch, dass beim Autor die sonst &uuml;bliche medienkritische Haltung in diesem konkreten Fall einfach beiseite tritt.<\/li>\n<li> Winfried Wolf beklagt, der ausgehandelte Brexit-Vertrag widerspreche dem Brexit-Votum. Watt soll dat denn? Sollen die restlichen EU-Partner, also von Irland &uuml;ber Frankreich &uuml;ber Deutschland, dem Balkan bis nach Griechenland und von Rum&auml;nien bis nach Spanien und Portugal ihr Verhandlungsangebot den W&uuml;nschen der Briten anpassen? Das ist doch wohl eine ausgesprochen groteske Forderung.<\/li>\n<li>Der Vertrag enthalte Vereinbarungen, die f&uuml;r ein souver&auml;nes Land nicht akzeptabel seien. Der Austrittsvertrag wurde auf der Basis der vorhandenen rechtlichen Bestimmungen ausgehandelt. Daran war als wesentlicher Verhandlungspartner die britische Regierung beteiligt. Jetzt den europ&auml;ischen Verhandlungspartnern einschlie&szlig;lich der Republik Irland Vorw&uuml;rfe zu machen, sie seien den Briten nicht ausreichend entgegengekommen, unfassbar?!<\/li>\n<li>Winfried Wolf geht &uuml;ber das Irland\/Nordirland-Problem ziemlich gro&szlig;z&uuml;gig und wie ich finde leichtfertig hinweg. Er beklagt, dass zwischen Nordirland und der Republik Irland offene Grenzen vorgesehen seien und begr&uuml;ndet seine Klage damit, offene Grenzen zwischen der EU und Drittstaaten seien aber eigentlich nicht vorgesehen, &bdquo;wie man am Umgang mit Fl&uuml;chtlingen im Mittelmeer gut erkennen kann.&ldquo;<\/li>\n<li>Das eigentlich gro&szlig;e Problem im Hintergrund: Sind Vereinigungen wie die Europ&auml;ische Union vorstellbar und sinnvoll, wenn man das Rein und Raus und das Raus und Rein zu einem wesentlichen Grundprinzip und zu einer Grundforderung macht? Aus meiner Sicht ist eine solche Vereinigung so kompliziert und mit so vielen Folgen f&uuml;r die Gesetzgebung und f&uuml;r die Dispositionen von Millionen Menschen und Unternehmen und auch f&uuml;r finanzielle Verpflichtungen der einzelnen Staaten, zum Beispiel gegen&uuml;ber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gemeinschaft, verbunden, dass eine offensichtlich gew&uuml;nschte Rein- und Raus-Praxis damit nicht verbunden sein kann. Man muss sich vor dem Beitritt &uuml;berlegen, ob man so etwas will oder ob man es nicht will. Alle sp&auml;teren Revisionen sind kompliziert. Und sie werden, das wird gerade der Brexit zeigen &ndash; anders als von Winfried Wolf vermutet und erhofft &ndash;, vor allem auf dem R&uuml;cken der Schw&auml;cheren und nicht zu deren Gunsten praktisch vollzogen.<\/li>\n<\/ol><p><em><strong>Nachbemerkung 3.4.2019:<\/strong> Schlussbemerkung gestrichen. Sie war unangemessen.<\/em><\/p><p>Titelbild: Jason Batterham \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten haben heute <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50627\">einen Beitrag von Winfried Wolf<\/a> ver&ouml;ffentlicht &ndash; mit gro&szlig;en Bauchschmerzen. Autor Wolf hat schon viele gute Sachen geschrieben. Aber der Artikel von heute stimmt hinten und vorne nicht. 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