{"id":50690,"date":"2019-04-06T11:45:52","date_gmt":"2019-04-06T09:45:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50690"},"modified":"2019-04-08T07:50:50","modified_gmt":"2019-04-08T05:50:50","slug":"spanien-eindruecke-eines-prozessbeobachters-von-eckart-leiser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50690","title":{"rendered":"Spanien: Eindr\u00fccke eines Prozessbeobachters. Von Eckart Leiser."},"content":{"rendered":"<p>Am 11. Februar 2019 begann in Madrid der Prozess gegen die &ldquo;Katalanisten&rdquo;. Die von <strong>Eckart Leiser<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50690#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] beschriebene Vernehmung von Oriol Junqueras fand am 14.2. statt, die von Jordi Cuixart am 26.2. und die Zeugenvernehmung von Trapero am 14.3.. Der Prozess wird&nbsp;wom&ouml;glich bis Ende Mai dauern, denn es sind Hunderte von Zeugen geladen. Professor Leiser beschreibt f&uuml;r die NachDenkSeiten seine Eindr&uuml;cke von diesem Prozess, der insgesamt in der deutschen Medienwelt so verschwunden ist, dass man denken k&ouml;nnte, diesen bedauerlichen Vorgang g&auml;be es nicht. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Eindr&uuml;cke eines Prozessbeobachters<\/strong><\/p><p>Nach gut einem Monat empfindet der Beobachter eine permanente &bdquo;kognitive Dissonanz&ldquo;  zwischen den klaren und koh&auml;renten Aussagen der Angeklagten und der Erinnerung daran, dass alle seit langem in Untersuchungshaft sitzen &ndash; einige seit &uuml;ber 500 Tagen. Die Phantasie reicht nicht, sich vorzustellen, welche Gefahren und Risiken &ndash; au&szlig;er ihrem &ouml;ffentlichen Auftreten &ndash; mit ihrer Freilassung verbunden sein k&ouml;nnten.<\/p><p>Ein erstes Beispiel ist Oriol Junqueras: Er war der einzige Angeklagte, der jedes Verh&ouml;r abgelehnt hat, sei es durch die Staatsanwaltschaft,  durch die &bdquo;Abogac&iacute;a de Estado&ldquo; (Juristischer Dienst des Staates) oder gar durch die &bdquo;acusaci&oacute;n popular&ldquo;, einer Art aus der Bev&ouml;lkerung kommender Nebenanklage, betrieben von der rechtsextremen Partei VOX. Er antwortete nur seinem Verteidiger. Seine W&uuml;rde, die auf einer absoluten Verpflichtung auf die Gewaltlosigkeit gr&uuml;ndet, kontrastierte mit den lauernden Blicken von Richtern und Ankl&auml;gern, die seinen Auftritt anscheinend als raffinierte Inszenierung eines durchtriebenen Staatsfeindes werteten, der mit seinem Schweigen Schlimmes verbergen will.<\/p><p>Ein anderes Beispiel ist Jordi Cuixart, Expr&auml;sident der B&uuml;rgervereinigung &Ograve;mnium Cultural. Er, der in  den Medien seit der Demonstration am 20. September 2017 als gef&auml;hrlicher Agitator dargestellt wird, &uuml;berraschte als erstes durch sein &Auml;u&szlig;eres: Man erwartet eine Art Militanten, Typ &bdquo;Schwarzer Block&ldquo; und hat vor sich einen hoch kultivierten und souver&auml;nen Mann Mitte Vierzig, Besitzer einer Fabrik f&uuml;r Verpackungstechnik. Er beeindruckt durch seine Klarheit und Integrit&auml;t, die auf einen lauernden Staatsanwalt treffen, der stundenlang vergeblich darauf wartet, dass er in seine Fallen tritt. Dieses Fallenstellen ist so monoton und ersch&ouml;pfend, dass der Vorsitzende Richter Marchena mehrere Male seine Fragerei abschneidet. Im Mittelpunkt der Aussagen von Cuixart steht nicht das Thema Unabh&auml;ngigkeit f&uuml;r Katalonien, sondern die Verletzung des Rechts der Katalanen auf eine selbstbestimmte Regierung. Dieses wurde zuerst 2010 vom Verfassungsgericht &bdquo;mit F&uuml;&szlig;en getreten&ldquo;, als es das zuvor mit der Zentralregierung ausgehandelte und in einer Volksabstimmung von 74% unterst&uuml;tzte neue Statut f&uuml;r verfassungswidrig erkl&auml;rte. Das markierte nach Cuixart einen Wendepunkt in der Geschichte Kataloniens. Ein weiterer Stich in das Herz der Katalanen waren f&uuml;r ihn die Ereignisse am 20. September 2017, als auf Anweisung von&hellip; keiner wei&szlig; bis heute genau wem&hellip; 40 f&uuml;hrende katalanische Politiker verh&ouml;rt, 14 von ihnen in Polizeigewahrsam verbracht und die B&uuml;ros und Wohnungen von weiteren Hunderten durchsucht wurden &ndash; alles um das Referendum vom 1. Oktober 2017 zu verhindern.<\/p><p>Im Verh&ouml;r von Cuixart tut sich ein Abgrund auf zwischen seinem Grundrechtsverst&auml;ndnis und dem des Staatsanwalts. Cuixart erkl&auml;rt immer wieder den Unterschied zwischen &bdquo;legal&ldquo; und &bdquo;legitim&ldquo;, konkret das Recht gewaltloser Bewegungen, durch Gesetzes&uuml;bertretungen f&uuml;r die &Auml;nderung von Gesetzen zu k&auml;mpfen, und er nennt als Beispiel Gandhi und Martin Luther King. Dagegen fragt der Staatsanwalt hartn&auml;ckig, ob die Demonstration vor dem Geb&auml;ude  der Abteilung Wirtschaft und Finanzen der katalanischen Regierung genehmigt gewesen sei. Dass Demonstrationen nach der spanischen Verfassung wenn m&ouml;glich angek&uuml;ndigt werden sollten, aber keineswegs einer Genehmigung bed&uuml;rfen, &uuml;bersteigt anscheinend sein demokratisches Vorstellungsverm&ouml;gen. Erst recht l&auml;sst sein Kopf spontane Demonstrationen ohne F&uuml;hrer oder R&auml;delsf&uuml;hrer offensichtlich nicht zu.<\/p><p>Das Verh&ouml;r spitzt sich immer wieder auf die Frage zu, ob der Durchsuchungstrupp von den Massen am Verlassen des Geb&auml;udes gehindert wurde. Pr&auml;zise Videos, die beweisen, dass Cuixart zusammen mit seinem Kollegen Jordi S&aacute;nchez von der B&uuml;rgervereinigung ANC mit Hilfe freiwilliger Ordner die meiste Zeit einen bis zu drei Meter breiten Gang f&uuml;r das freie Passieren der Beamten freihielten, bringen den Staatsanwalt nicht von seinem Vorwurf der N&ouml;tigung und Freiheitsberaubung ab. Er versucht zu retten, was zu retten ist und verlagert das Verh&ouml;r auf die &bdquo;Gewaltexzesse&ldquo; der Demonstranten gegen die Polizei. Wie die sp&auml;tere Zeugenvernehmung des Chefs der katalanischen Polizei (Mossos de Esquadra) ergibt, bestanden die Gewaltexzesse im Werfen einiger mit Wasser gef&uuml;llten Plastikflaschen auf einige Polizisten.<\/p><p>Kurz und gut:  Hunderte von &bdquo;Schleimbeuteln&ldquo; (Heinrich B&ouml;ll) zusammengetragene Beweise und unerm&uuml;dliche Manipulationen k&ouml;nnen das Bild eines der Gewaltlosigkeit verpflichtetem Jordi Cuixart nicht ins Wanken bringen. Seine Verteidigung korrigiert am Ende seiner Vernehmung eine besonders dreiste Manipulation. Von der Anklage ausgelassene Video-Mitschnitte zeigen, wie Cuixart &ndash; mit Megaphon auf dem Dach eines Polizeifahrzeugs &ndash; die Demonstranten eindringlich zur Gewaltlosigkeit aufruft und zum Isolieren von eingeschleusten Provokateuren. Am Ende der Vernehmung verfolgt einen die Frage: Wie ist es m&ouml;glich, dass dieser Mann seit &uuml;ber 500 Tagen in Untersuchungshaft sitzt?<\/p><p>Zum Schluss eine letzte Vernehmung, des als Zeuge geladenen Josep Luis Trapero, entlassener Chef der katalanischen Polizei &bdquo;Mossos de Esquadra&ldquo; und selbst vor den Nationalen Gerichtshof wegen Aufruhr und Mitgliedschaft in einer &bdquo;kriminellen Organisation&ldquo; angeklagt. Wie er in seiner Vernehmung &uuml;berzeugend darlegt &ndash; selbst nach Meinung der systemtreuen Zeitung &bdquo;El Pa&iacute;s&ldquo; &ndash; war er zu jedem Zeitpunkt und bis zum Schluss der Legalit&auml;t und der Befolgung der Anordnungen von Richtern und Staatsanw&auml;lten verpflichtet. Er hatte sogar den Extremfall vorbereitet, Puigdemont und den Rest der katalanischen Regierung festzunehmen, falls der Befehl dazu erteilt worden w&auml;re.<\/p><p>Das Interessante an seiner Vernehmung: sie macht das Degenerieren von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Spanien bis zum Prozess hin sichtbar. Der erste Teil, die Vernehmung durch Javier Ortega Smith, Vertreter der von der rechtsextremen Partei VOX betriebenen Nebenklage, der  &bdquo;acusaci&oacute;n popular&ldquo;, soll weggelassen werden. Schon das Gesicht und die Stimme dieses Herrn sind kaum ertr&auml;glich. Im zweiten Teil, der Vernehmung durch den Staatsanwalt, muss auch Trapero diesen mehrfach daran erinnern, dass Demonstrationen nach Verfassung keine Genehmigung brauchen. Interessant sind die detaillierten Ausf&uuml;hrungen Traperos zu den Vorbereitungen der Justiz und Polizei zur Verhinderung des Referendums vom 1. Oktober 2017. Diese waren ohne eine enge Kooperation und Koordination zwischen Mossos de Esquadra, Guardia Civil und Nationalpolizei unm&ouml;glich. Als schlie&szlig;lich Trapero von der Justiz die Anordnung erh&auml;lt, um jedes denkbare Wahllokal einen Polizeikordon von mindestens 100 m Radius zu bilden, war schnell klar, dass die daf&uuml;r erforderlichen 40000 Polizisten die Ressourcen der  Mossos de Esquadra weit &uuml;berstiegen.  Der Grund f&uuml;r diese unsinnige Anordnung lag, wie sich bald herausstellte, in einer v&ouml;lligen Untersch&auml;tzung der Mobilisierung der B&uuml;rger f&uuml;r das verbotene Referendum: &uuml;ber zwei Millionen Katalanen eilten zu den Wahllokalen. Die M&ouml;glichkeit, das polizeilich zu bew&auml;ltigen, h&auml;tte in einer &uml;sanften&uml; Kontrolle durch eine beschr&auml;nkte Zahl von Polizisten und der Minimierung des Gewalteinsatzes durch Mediationseinheiten der  Mossos de Esquadra bestanden. Die Madrider Regierung und konkret der verantwortliche Innenminister Zoid&oacute; (der als Zeuge die bisher kl&auml;glichste Figur abgab) war auf ihre eigene Propaganda vom Nicht-Stattfinden des Referendums hereingefallen. Ab diesem Moment brachen Guardia Civil und die Nationalpolizei die Kontakte zu den Mossos de Esquadra ab und griffen auf das zur&uuml;ck, was sie traditionsgem&auml;&szlig; am besten k&ouml;nnen: rohe Gewalt, mit allen Mitteln draufschlagen. Da bis heute die Realit&auml;t von &uuml;ber zwei Millionen Katalanen geleugnet wird, die bereit sind, f&uuml;r ihr Recht auf Abstimmung den Kopf hinzuhalten, mussten von da ab die Schuldigen, die R&auml;delsf&uuml;hrer, die Hochverr&auml;ter, die skrupellosen Agitatoren dingfest gemacht werden. Und diesen wird jetzt in Madrid der Prozess gemacht. Die Frage ist, ob diese Rechnung angesichts der desolaten Beweislage aufgeht.<\/p><p>Titelbild: Xavi Lapuente \/ Shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Eckart Leiser<\/strong>, Prof. Dr., ist Privatdozent an der Freien Universit&auml;t Berlin und arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis in Saragossa (Spanien). Seine Arbeitsschwerpunkte sind die epistemologischen Grundlagen der Psychologie sowie strukturale Anthropologie und Psychoanalyse. Lehrt&auml;tigkeit in Frankfurt, Berlin, Mexiko-Stadt, Wien, Madrid, Saragossa und Buenos Aires.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. Februar 2019 begann in Madrid der Prozess gegen die &ldquo;Katalanisten&rdquo;. 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