{"id":50727,"date":"2019-04-07T11:45:17","date_gmt":"2019-04-07T09:45:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50727"},"modified":"2026-01-27T11:31:35","modified_gmt":"2026-01-27T10:31:35","slug":"diese-schleichenden-entwicklungen-sind-schlimmer-als-mancher-skandal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50727","title":{"rendered":"\u201eDiese schleichenden Entwicklungen sind schlimmer als mancher Skandal\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Sehen, denken und handeln: Darauf wird es ankommen, wenn wir als B&uuml;rger nicht Opfer einer Medienberichterstattung werden wollen, die nach zweierlei Ma&szlig; misst. Sehen, denken und handeln: Darauf kommt es an,  wenn wir als B&uuml;rger verstehen wollen, was sich um uns herum wirklich an politischen Entwicklungen vollzieht.  Das findet <strong>Alexander Unzicker<\/strong>, Physiker und Jurist, der sich Gedanken dar&uuml;ber gemacht hat,  wie es uns gelingen kann, von der Flut an Informationen, die sich jeden Tag ihren Weg durch die Medien bahnt, nur das wirklich Relevante aufzunehmen. Im Interview mit den NachDenkSeiten verweist auf Unzicker auf die Gefahr, dass wir als B&uuml;rger die &bdquo;langsamen Verschiebungen des Wertesystems&ldquo; nicht wahrnehmen und er stellt einen &bdquo;besorgniserregenden Zustand&ldquo; im Hinblick auf die Irrationalit&auml;t im Denken fest. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1965\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-50727-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190408_Diese_schleichenden_Entwicklungen_sind_schlimmer_als_mancher_Skandal_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190408_Diese_schleichenden_Entwicklungen_sind_schlimmer_als_mancher_Skandal_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190408_Diese_schleichenden_Entwicklungen_sind_schlimmer_als_mancher_Skandal_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190408_Diese_schleichenden_Entwicklungen_sind_schlimmer_als_mancher_Skandal_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=50727-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190408_Diese_schleichenden_Entwicklungen_sind_schlimmer_als_mancher_Skandal_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190408_Diese_schleichenden_Entwicklungen_sind_schlimmer_als_mancher_Skandal_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Unzicker, Sie bezeichnen den Zustand unserer Medien als &bdquo;besorgniserregend&ldquo;. Warum?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst gibt es eine unglaubliche Verflachung und Emotionalisierung in der Berichterstattung, es wimmelt von &Uuml;berschriften &bdquo;Skandal, Emp&ouml;rung, Eklat, Entsetzen&ldquo; und so weiter, ohne Substanz. Es ist furchtbar. Viele Meldungen drehen sich nur darum, dass irgendjemand etwas gesagt hat und jemand anderes sich dar&uuml;ber aufregt. Generell sehe ich eine Tendenz zur Irrationalit&auml;t.<\/p><p><strong>Was stellen Sie noch fest?<\/strong><\/p><p>Die Medien versagen bei der Auswahl der relevanten Informationen, aber noch schlimmer ist, dass die Auswahl der politischen Nachrichten danach erfolgt, was gerade in die Geschichte passt, die sie erz&auml;hlen wollen. Die doppelten Ma&szlig;st&auml;be, auch in der Sprache, kann ja jeder t&auml;glich mit H&auml;nden greifen. Insofern sind viele Medien schon in einem verkommenen Zustand, so dass man sich &uuml;ber manche Absurdit&auml;ten, wie etwa im Fall Skripal, schon nicht mehr wundert.<\/p><p><strong>Wie haben Sie denn die Berichterstattung zum Fall Skripal konkret wahrgenommen?<\/strong><\/p><p>Bizarr. Einerseits, wie gesagt, eine Irrationalit&auml;t, bei der von offizieller Seite bzw. deren medialer Wiedergabe &uuml;berhaupt nicht mehr der Versuch gemacht wird, eine logisch koh&auml;rente Geschichte zu erz&auml;hlen. Unabh&auml;ngig von diesen Details, die man etwa auf dem Blog von Craig Murray, einem britischer Ex-Diplomaten, nachlesen kann, gibt es aber einen noch gravierenderen Aspekt. Das Ganze ist, n&uuml;chtern betrachtet, ein Kriminalfall. Ihm mit den Begriffen &bdquo;milit&auml;rischer Kampfstoff&ldquo; oder &bdquo;Einsatz von Massenvernichtungswaffen auf NATO-Territorium&ldquo; eine politische, ja milit&auml;rische Dimension anzudichten, ist meines Erachtens geisteskrank. Aber diese Haltung der westlichen Regierungen haben die Medien kritiklos &uuml;bernommen.<\/p><p><strong>Was ist mit Medien los, die auf diese Weise berichten?<\/strong><\/p><p>Vor dieser Frage stehe ich auch ziemlich ratlos. Der britische Pazifist Sir Arthur Ponsonby hat schon vor hundert Jahren die &bdquo;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Prinzipien_der_Kriegspropaganda\">Prinzipen der Kriegspropaganda<\/a>&ldquo; beschrieben , die man heute so oft wiederfindet, dass man sich fragt, ob wir uns nicht schon halb im Krieg befinden.<\/p><p><strong>Ist die Situation so schlimm?<\/strong><\/p><p>Jedenfalls ist es befremdlich, mit welcher Selbstverst&auml;ndlichkeit zum Beispiel Milit&auml;rstrategien in Mitteleuropa diskutiert werden. So als w&auml;re ein konventioneller Krieg nicht auch schon kompletter Wahnsinn. Vor allem aber fragt man sich: ist den Leuten eigentlich klar, dass wir in einer atomar hochger&uuml;steten Welt mit einem nuklearen Winter die Ausl&ouml;schung unserer ganzen Art, genannt Homo sapiens, riskieren? Nach Milliarden Jahren von Evolution w&auml;re dies schon ein besonderer Fall von kollektiver Bl&ouml;dheit. Die Naturwissenschaften haben, wenn Sie so wollen, die Voraussetzungen daf&uuml;r geschaffen, und so sp&uuml;re ich als Physiker eine gewisse Verantwortung, dar&uuml;ber aufzukl&auml;ren. Ganz ernsthaft: wir brauchen f&uuml;r die Zukunft ein Denken, das Kriege unm&ouml;glich macht &ndash; eine Forderung von Albert Einstein.<\/p><p><strong>Sie sehen Probleme aber nicht nur bei den Medien. Sie sprechen in Ihrem Buch &uuml;berhaupt von einer Krise unserer Zivilisation. Woran machen Sie diese fest?<\/strong><\/p><p>Es gibt verschiedene Aspekte. Ganz sicher &uuml;berfordert zum Beispiel die moderne Informationsgesellschaft unsere Gehirne. Es gibt vieles, bei dem sich unser Denkapparat nachweislich irrational verh&auml;lt, etwa bei der &Uuml;berbewertung aktueller Ereignisse der Gegenwart. Das ist auch einer der Punkte, wo es auffallende Parallelen zwischen Gesellschaft und Wissenschaft gibt. Der &uuml;berm&auml;&szlig;ige Fokus auf die Gegenwart f&uuml;hrt dazu, dass langsame Verschiebungen des Wertesystems nicht wahrgenommen werden. In der Politik erkennt man dies, wenn man ehemaligen Insidern zuh&ouml;rt, sei dies nun Willy Wimmer, Albrecht M&uuml;ller oder auch Ray McGovern. Die finden die gegenw&auml;rtige Politik oft gleicherma&szlig;en absurd. Die Wissenschaft ist aber von solchen Ph&auml;nomenen nicht ausgenommen. Daher pl&auml;diere ich daf&uuml;r, Einstein, Dirac oder Schr&ouml;dinger zuzuh&ouml;ren, auch wenn man Ihre Ansichten aus Biographien ermitteln muss. Die Wissenschaft hat l&auml;ngere Zeitskalen, aber &auml;hnliche Muster.<\/p><p><strong>Wie meinen Sie das? <\/strong><\/p><p>Die Methode des Experimentierens und Beobachtens ist sehr erfolgreich. Dies &auml;ndert aber nichts daran, dass die Interpretation der Ergebnisse innerhalb einer vorherrschenden Erz&auml;hlung &ndash; Thomas Kuhn nannte es Paradigma &ndash; erfolgt, also ein soziologischer Prozess ist.<\/p><p>Wissenschaft, auch wenn sie das gerne vorgibt, ist also auch nicht frei von Modeerscheinungen und Gruppendenken. Man nimmt die Realit&auml;t durch eine bestimmte Brille wahr, die nat&uuml;rlich von dem historischen Rahmen bestimmt ist. Das gilt f&uuml;r die Astronomen im Mittelalter ebenso wie f&uuml;r das CERN heute. Wenn man Naturwissenschaft historisch-methodisch betrachtet, ist es klar, dass die komplizierten Modelle der physikalischen Grundlagenforschung in einer Sackgasse sind und manche Theoretiker sich in einer mathematischen Ideologie verlaufen haben.<\/p><p><strong>Was bedeutet das f&uuml;r uns als Gesellschaft?<\/strong><\/p><p>Man darf nicht vergessen, dass Wissenschaft und Technologie unsere Zivilisation auf lange Sicht mehr bestimmen als Politik oder gar Kriege. Es kann also durchaus sein, dass die &Uuml;berlebenschancen von Homo sapiens auf diesem Planeten davon abh&auml;ngen, wie gut er fundamentale Naturgesetze verstanden hat. Insofern ist hier intellektueller Stillstand schon bedenklich. Aber es gibt nat&uuml;rlich aktuellere Gefahren.<\/p><p><strong>Wie die NachDenkSeiten auch, pl&auml;dieren Sie daf&uuml;r, dass Menschen &uuml;ber diese politischen und gesellschaftlichen Zusammenh&auml;nge verst&auml;rkt nachdenken bzw. ihren Verstand gebrauchen. Welche Vorgehensweise empfehlen Sie?<\/strong><\/p><p>Ihr Magazin hat in der Tat einen sehr passenden Namen gefunden f&uuml;r das, was man mit Nachrichten tun sollte. Mein Bild ist eine Art Pyramide, die schon mit einer dosierten Aufnahme der Information beginnt, diese gr&uuml;ndlich reflektiert und dann auch Konsequenzen daraus zieht. Denn im Verh&auml;ltnis zu dem, was wir am Ende in Handlungen umsetzen, nehmen wir eigentlich viel zu viel Information auf. Das Problem habe ich auch an mir selbst festgestellt und versucht, es systematisch anzugehen. Das Buch gliedert sich daher in drei Teile: Sehen-Denken-Handeln. <\/p><p><strong>Was meinen Sie mit &bdquo;sehen&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Allgemein geht es um Wahrnehmung. Wie formen wir aus unvollst&auml;ndigen, m&ouml;glicherweise falschen, verzerrten Informationen ein Weltbild? Eine Strategie ist, m&ouml;glichst nahe an die Rohdaten zu gehen, die Schwierigkeiten der Wahrheitsfindung anzuerkennen und n&uuml;chtern Wahrscheinlichkeiten zu betrachten, ohne sich zu sehr darum zu k&uuml;mmern, ob etwas m&ouml;glicherweise gelogen ist oder nur unglaubw&uuml;rdig.<\/p><p><strong>Und denken? <\/strong><\/p><p>Hier geht es vor allem darum, die eigenen kognitiven Illusionen zu kennen, wie zum Beispiel manche Tabus, die effizienter zensieren als jeder totalit&auml;re Staat. Und nat&uuml;rlich ist es ein Pl&auml;doyer f&uuml;r unabh&auml;ngiges Denken. Das bedeutet nach Immanuel Kant den Mut zu entwickeln, sich seines Verstandes ohne Anleitung anderer zu bedienen. Konkret: wir brauchen zum Beispiel kein Verbot von &bdquo;Fake News&ldquo; &ndash; sondern schlicht Aufkl&auml;rung.<\/p><p><strong>Schlie&szlig;lich gilt es, zu &bdquo;handeln&ldquo;.<\/strong><\/p><p>Zweifellos das Schwierigste! Als einfacher B&uuml;rger hat man wohl den gr&ouml;&szlig;ten Einfluss durch sein Konsum- und Verbraucherverhalten. Bringt man das in Einklang mit seinen Vorstellungen, ist schon viel gewonnen &ndash; obwohl dies nat&uuml;rlich nur eine Variation von Kants kategorischem Imperativ ist. Man muss aber auch einsehen, dass als Nicht-Entscheidungstr&auml;ger die Einflussm&ouml;glichkeiten begrenzt sind. Alles andere w&auml;re irrational.<\/p><p><strong>Wie sollten B&uuml;rger vorgehen, die sich mit politischen Entscheidungen nicht zufriedengeben m&ouml;chten?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst haben wir zumindest in der Theorie noch einen Staat mit einem weltweit fast einzigartigen Individualrechtsschutz. Auf den gilt es aufzupassen, denn die Gefahren f&uuml;r den Rechtsstaat, wie ihn das Grundgesetz vorsah, sind mit &Uuml;berwachung, Einschr&auml;nkung von B&uuml;rgerrechten, beginnender Zensur usw. allgegenw&auml;rtig. Diese schleichenden Entwicklungen sind schlimmer als mancher Skandal.<\/p><p>Im Extremfall wie einer unmittelbar drohenden Kriegsgefahr sind vielleicht ein Generalstreik und Demonstrationen sinnvoll, aber generell bin ich skeptisch, weil derartiger Aktionismus auch wieder in die Fokussierungsfalle des Hier und Jetzt tappt. Das Modell der franz&ouml;sischen Revolution taugt, glaube ich, nicht f&uuml;r die Gegenwart, weil wir gerade bei globalen Problemen intelligentes, &uuml;berlegtes Handeln brauchen. Auf lange Sicht sind positive Ver&auml;nderungen am ehesten durch die Einsicht von Entscheidungstr&auml;gern denkbar. Die Hoffnung darauf sollte man nicht aufgeben, auch wenn es schwerf&auml;llt. N&ouml;tig ist dazu aber eine Kultur, den M&auml;chtigen die Wahrheit ungeschminkt ins Gesicht zu sagen, &uuml;brigens ein wiederkehrendes Thema bei Friedrich Schiller. Ich bin ein gro&szlig;er Fan von ihm. Freiheit, Recht, Frieden und der Gebrauch des Verstandes h&auml;ngen ziemlich eng zusammen.<\/p><p><em>Lestipp: Unzicker, Alexander: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/alle-Buecher\/Wenn-man-weiss-wo-der-Verstand-ist-hat-der-Tag-Struktur.html\">Wenn man wei&szlig;, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur. Anleitung zum Selberdenken in verr&uuml;ckten Zeiten.<\/a> Westend Verlag. M&auml;rz 2019. 256 S., 22 Euro.  <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehen, denken und handeln: Darauf wird es ankommen, wenn wir als B&uuml;rger nicht Opfer einer Medienberichterstattung werden wollen, die nach zweierlei Ma&szlig; misst. Sehen, denken und handeln: Darauf kommt es an, wenn wir als B&uuml;rger verstehen wollen, was sich um uns herum wirklich an politischen Entwicklungen vollzieht. 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