{"id":50967,"date":"2019-04-15T12:31:06","date_gmt":"2019-04-15T10:31:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50967"},"modified":"2019-04-16T07:35:45","modified_gmt":"2019-04-16T05:35:45","slug":"die-angebliche-destabilisierung-des-westens-ist-doppeldenk-in-reinkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50967","title":{"rendered":"Die angebliche \u201eDestabilisierung des Westens\u201c ist Doppeldenk in Reinkultur"},"content":{"rendered":"<p>Clintons Wahlniederlage, der Brexit und der Aufstieg der Rechten im gesamten Westen &hellip; glaubt man den Spin-Doktoren, haben all diese Ph&auml;nomene eines gemein: Sie sind Folgen einer weitreichenden Strategie Russlands, deren Ziel die &bdquo;Destabilisierung&ldquo; des Westens sein soll. Wer dies &bdquo;nur&ldquo; als fadenscheinige Taktik abtut, um Russland zu d&auml;monisieren, erkennt die perfide Genialit&auml;t dieser PR-Strategie nicht: Gem&auml;&szlig; dieser Logik st&uuml;nde dann n&auml;mlich vor allem jegliche Kritik an der Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik des Westens im Verdacht der Interessensteuerung durch Moskau. Auch andere potentiell destabilisierende Kritik w&auml;re dann als &bdquo;fremdgesteuert&ldquo; gebrandmarkt. Ein R&uuml;ckfall in die l&auml;ngst &uuml;berwundene McCarthy-&Auml;ra, dem wir uns mit aller Macht entgegenstellen m&uuml;ssen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Artikel ist auch als gestaltete, ausdruckbare PDF-Datei verf&uuml;gbar. Zum Herunterladen klicken Sie bitte auf das rote PDF-Symbol links neben dem Text. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>. 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Einer Nachrichtenagentur werden von nicht n&auml;her spezifizierten &bdquo;Geheimdienstkreisen&ldquo; angebliche &bdquo;Erkenntnisse&ldquo; &uuml;ber &bdquo;russische Kampagnen zur Wahlbeeinflussung&ldquo; mitgeteilt, die dann in einem Artikel als Tatsachen weitergegeben werden. Das gipfelt in der Feststellung, dass &bdquo;die politische F&uuml;hrung in Moskau strategische Ziele ausgegeben&ldquo; habe, die &bdquo;zum Beispiel lauten [k&ouml;nnten], russlandfreundliche Kr&auml;fte zu f&ouml;rdern oder Streit innerhalb der EU oder NATO zu sch&uuml;ren&ldquo;. Russlands Instrumente bei dieser Strategie sollen demnach nicht n&auml;her genannte Akteure in den &bdquo;sozialen Netzwerken und Medien&ldquo;, nicht n&auml;her genannte &bdquo;russlandfreundliche Parteien&ldquo; und nat&uuml;rlich der russische Nachrichtensender RT sein. Belege oder gar Beweise? Fehlanzeige. Willkommen im Zeitalter des postfaktischen Qualit&auml;tsjournalismus. <\/p><p><strong>Hat Putin Griechenland hungern lassen?<\/strong><\/p><p>Es ist erstaunlich, dass dieser irreale Narrativ derartige Verbreitung findet und Redakteure ihn pausenlos gebetsm&uuml;hlenartig wiederholen. Dabei muss man doch seinen Verstand nur im Leerlauf laufen lassen, um zu erkennen, dass derartige Aussagen komplett absurd sind. <\/p><p>Warum hat Hillary Clinton denn die Wahl verloren? Die NachDenkSeiten hatten schon nach Trumps Wahlerfolg bei den Vorwahlen eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31738\">kritische Analyse<\/a> erstellt, die die Gr&uuml;nde f&uuml;r Trumps Erfolg beim Namen nennt. War es Moskau, das daf&uuml;r gesorgt hat, dass sich ein gro&szlig;er Teil der amerikanischen Mittelschicht abgeh&auml;ngt f&uuml;hlt und Angeh&ouml;rigen des politischen Establishments nicht mehr &uuml;ber den Weg traut? Waren es die Russen, die es vers&auml;umt haben, im &bdquo;Rostg&uuml;rtel&ldquo; der USA neue Jobs zu schaffen, nachdem die produzierende Industrie in Billiglohnl&auml;nder abgezogen ist? War es Putin, der der Wall Street den Schl&uuml;ssel zum Wei&szlig;en Haus auf dem Silbertablett gereicht hat? Wer Trumps Wahlerfolg monokausal mit den geleakten Mails seiner Konkurrentin erkl&auml;rt, ist dumm &ndash; und wer daf&uuml;r dann auch noch Russland verantwortlich macht, ist dummdreist.<\/p><p>Und der Brexit? Haben russische Trolle aus Facebook den Briten die M&auml;rchen von Milliardensummen aufgetischt, die nach dem Verlassen der EU in das nationale Gesundheitssystem investiert werden k&ouml;nnten? Haben RT-Redakteure &uuml;ber Jahrzehnte hinweg die Schlagzeilen der britischen Presse geschrieben, mit denen die Ablehnung der EU in den K&ouml;pfen der Briten verwurzelt wurde? War es Putin, der erst osteurop&auml;ische Arbeitsmigranten ohne Auflagen ins K&ouml;nigreich lie&szlig;, um tags darauf Stimmung gegen die Arbeitnehmerfreiz&uuml;gigkeit zu machen? Geh&ouml;ren Sun, Mirror und Mail auch zu den russischen Staatsmedien?<\/p><p>Und wie schafft es Putin genau, die EU zu destabilisieren? Ist das Bekenntnis zur Marktkonformit&auml;t der EU eine Folge des Einflusses russlandfreundlicher Parteien? Hat Putin Griechenland in der Schuldenkrise dazu gezwungen, seine Menschen hungern zu lassen? Sind die schwarze Null, die Maastricht-Kriterien, die Schuldenbremse und die aus all dem resultierende Austerit&auml;tspolitik eine Idee russischer &Ouml;konomen? Sind es Moskaus Vorfeldorganisationen, die jegliche soziale Komponente aus den Vertr&auml;gen von Nizza und Lissabon herausstrichen und daf&uuml;r sorgen, dass die EU dramatische Demokratiedefizite hat? <\/p><p>Ironisch k&ouml;nnte man nun anmerken: Wenn die Russen derartige Teufelskerle sind, die es schaffen, nicht nur die US-Wahlen zu manipulieren, sondern dem gesamten Westen klammheimlich eine selbstzerst&ouml;rerische Doktrin aufzuzwingen, die das Zeug hat, die &bdquo;beste aller m&ouml;glichen Welten&ldquo; von innen zu zersetzen und zu destabilisieren, dann sollte man ihnen dieses Husarenst&uuml;ck in Sachen PR hoch anerkennen. Aber &ndash; Ironie beiseite &ndash; die eigentliche Frage ist doch eher: Glaubt irgendwer tats&auml;chlich diesen Unsinn? <\/p><p><strong>Haltet den Dieb!<\/strong><\/p><p>Wer sich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzt, m&uuml;sste dabei zudem erst einmal die Grundannahme &uuml;berpr&uuml;fen, die im &bdquo;Narrativ&ldquo; von Russlands vermeintlicher &bdquo;Destabilisierungskampagne&ldquo; steckt. Warum sollte Russland eigentlich ein Interesse daran haben, dass Deutschland oder die EU destabilisiert werden? Russlands Wirtschaft hat ein gro&szlig;es Interesse an einem Zugang zu den westlichen M&auml;rkten. Denn langfristig als blo&szlig;er Rohstofflieferant und Absatzmarkt f&uuml;r China zu fungieren, w&auml;re f&uuml;r Russland ein Albtraum. Selbstverst&auml;ndlich hat Russland auch au&szlig;en- und sicherheitspolitische Interessen &ndash; nicht nur in Europa. Sp&auml;testens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion geht es f&uuml;r Russland jedoch prim&auml;r darum, regionale Hegemonialanspr&uuml;che zu verteidigen und Sicherheitsgarantien des in die eigene Interessensph&auml;re expandierenden US-Imperiums zu bekommen. Alleine schon deshalb hat Russland ein gro&szlig;es Interesse an Kontinuit&auml;t und Stabilit&auml;t.<\/p><p>Ein gro&szlig;es Interesse an Destabilisierung haben vielmehr die USA und ihre Juniorpartner des &bdquo;Wertewestens&ldquo;. Wer hat denn seit dem Zusammenbruch des bipolaren Systems in allen Gegenden der Welt Regimewechsel betrieben und mit seiner Au&szlig;en-, Sicherheits- und Geheimdienstpolitik ehemals stabile Staaten ins Chaos gest&uuml;rzt? Waren es die Russen, die im Nahen und Mittleren Osten den Geist des islamistischen Fundamentalismus aus der Flasche gelassen haben? Hat Russland ohne UN-Mandat aus dem ehemals stabilen Irak ein machtpolitisches Vakuum gemacht? Hat Russland die Balkankriege angefeuert und eine europ&auml;ische Hauptstadt bombardiert? Waren es die Russen, die den arabischen Fr&uuml;hling angezettelt und in Syrien mit Waffengewalt die Regierung st&uuml;rzen wollten? <\/p><p>Der Westen wirft Russland paradoxerweise genau das vor, was er selbst vorexerziert. Geradezu gespenstisch ist jedoch, dass die angeblich ach so freien und unabh&auml;ngigen Medien sich daf&uuml;r einspannen lassen. Das &bdquo;unkommentierte&ldquo; Abdrucken von Agenturmeldungen geh&ouml;rt genauso dazu wie der Verzicht auf jedwedes kritische Nachfragen. Stattdessen wird immer wieder die gleiche Geschichte wie ein Mantra gebetsm&uuml;hlenartig wiederholt &ndash; direkt oder indirekt <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/news\/politik\/international-akk-russland-setzt-vieles-daran-eu-zu-destabilisieren-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-190331-99-626297\">durch Politiker<\/a>, verteilt &uuml;ber das gesamte klassische publizistische Spektrum.<\/p><p><strong>Moskaus rote Knechte<\/strong><\/p><p>Wenn Kritik an den Missst&auml;nden potentiell destabilisierend ist und die Destabilisierung des Westens das &bdquo;strategische Ziel Russlands&ldquo; ist, das von der &bdquo;politischen F&uuml;hrung Moskaus&ldquo; vorgegeben wurde, l&auml;uft jeder Kritiker nat&uuml;rlich auch Gefahr, als &bdquo;Handlanger Moskaus&ldquo; dargestellt zu werden &ndash; dann sind wir &bdquo;Moskaus rote Knechte, jedes Wort von uns ein Schuss in das Herz der freien <a href=\"https:\/\/genius.com\/Heinz-rudolf-kunze-in-der-sprache-die-sie-verstehn-lyrics\">Welt gezielt<\/a>&ldquo;. Dies gilt besonders f&uuml;r die &bdquo;Populisten von links und rechts&ldquo;, deren Parteien ja ohnehin unter Generalverdacht stehen, Russlands Marionetten zu sein. <\/p><p>Diese Wiederauferstehung der McCarthy-&Auml;ra ist dann auch der eigentlich geniale Kern der &bdquo;Destabilisierungskampagne&ldquo;. Vor allem im linksliberalen Lager herrscht schon seit l&auml;ngerem die panische Angst vor, einer wie auch immer gearteten &bdquo;Querfront&ldquo; zugerechnet zu werden. Wer heute die Missst&auml;nde des Westens &ndash; vor allem im au&szlig;en- und sicherheitspolitischen Spektrum &ndash; kritisiert, l&auml;uft sogar sehr schnell real Gefahr, als &bdquo;Stimme Moskaus&ldquo; gebrandmarkt und damit &ndash; was f&uuml;r die Beteiligten noch schlimmer ist &ndash; in die Schubladen  &bdquo;rechtsoffen&ldquo; und &bdquo;Querfront&ldquo; einsortiert zu werden. F&uuml;r linksliberale Intellektuelle und Journalisten kann dies nicht nur das Karriereende, sondern auch den materiellen Absturz mit sich bringen. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Und bevor man materiell auf Zwangsdi&auml;t gesetzt wird, verordnet man sich lieber selbst eine intellektuelle Di&auml;t und &uuml;berlegt sich das mit der &bdquo;destabilisierenden Kritik&ldquo; noch einmal. <\/p><p>Und wenn man sich einmal die lange Liste der Tatbest&auml;nde anschaut, die de facto dazu beigetragen haben, dass Clinton nicht gew&auml;hlt wurde, die Briten ihr Kreuzchen bei &bdquo;leave&ldquo; gemacht haben und viele EU-B&uuml;rger die EU mittlerweile kritisch sehen, beginnt man die Tragweite des Ganzen zu erfassen. Hier werden Debatten mit &auml;u&szlig;erster Energie und gro&szlig;em Erfolg kanalisiert. Wann haben Sie zuletzt etwas von den Fehlern der etablierten Politik geh&ouml;rt oder gelesen, die den Wahlerfolg Trumps erst m&ouml;glich gemacht haben? Wann ging es zuletzt um die Ursachen der Gelbwestenproteste? Wann um die Gr&uuml;nde f&uuml;r die Unzufriedenheit mit der EU? Stattdessen h&ouml;rt und liest man nur noch was von Russen und Populisten von rechts und links, die manipulieren und destabilisieren wollen. So langsam f&uuml;hlt man sich, als sei man in einer orwellschen Dystopie aufgewacht, in der Neusprech und Doppeldenk die Regie &uuml;bernommen haben. Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist St&auml;rke! Kritik ist Destabilisierung! <\/p><p>Titelbild: Keith Gentry\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/1d854dec16674105a706cac19b6cc342\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clintons Wahlniederlage, der Brexit und der Aufstieg der Rechten im gesamten Westen &hellip; glaubt man den Spin-Doktoren, haben all diese Ph&auml;nomene eines gemein: Sie sind Folgen einer weitreichenden Strategie Russlands, deren Ziel die &bdquo;Destabilisierung&ldquo; des Westens sein soll. 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