{"id":51,"date":"2004-01-14T16:55:06","date_gmt":"2004-01-14T14:55:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=51"},"modified":"2024-10-14T21:30:10","modified_gmt":"2024-10-14T19:30:10","slug":"stiglitz-mit-neuer-spater-einsicht-zum-marktversagen-immerhin-lobenswert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51","title":{"rendered":"Stiglitz mit neuer sp\u00e4ter Einsicht zum Marktversagen \u2013 immerhin. Lobenswert."},"content":{"rendered":"<p>Ein Leser der NachDenkSeiten macht auf die deutsche Herausgabe des neues Buchs von Joseph Stiglitz aufmerksam, dessen Vorabdruck in der <em>Financial Times Deutschland<\/em> heute begonnen hat. Dem Nutzer der NachDenkSeiten verdanken wir auch die Zusammenfassung wichtiger Inhalte des Buches, zum Beispiel das Eingest&auml;ndnis, &bdquo;dass uns das angemessene Gleichgewicht zwischen Staat und Markt aus dem Blick geraten war.&ldquo; <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nJoseph Stiglitz &ndash; wichtiger &Ouml;konom unter Bill Clinton, Vorsitzender des US-Sachverst&auml;ndigenrates, Wirtschaftsnobelpreistr&auml;ger 2001 &ndash; blickt in seinem neuesten Buch selbstkritisch zur&uuml;ck: &ldquo;Wenn ich heute zur&uuml;ckblicke, frage ich mich: Was haben wir falsch gemacht? Ich glaube zun&auml;chst, dass uns das angemessene Gleichgewicht zwischen Staat und Markt aus dem Blick geraten war. Zw&ouml;lf Jahre lang &ndash; w&auml;hrend der Regierungszeit von Reagan und Bush senior &ndash; wurde die Wirtschaftspolitik in den USA von Ideologen der freien Marktwirtschaft gepr&auml;gt, die den Privatsektor idealisieren und staatliche Programme und Regulierungen verteufelten. &hellip; Gleichzeitig war l&auml;ngst bekannt, dass M&auml;rkte nicht immer effizient funktionieren und manches, wie etwa Luftverschmutzung im &Uuml;berschuss produzieren, anderes dagegen vernachl&auml;ssigen, etwa Investitionen in Bildung, Gesundheit und Forschung. Auch regulieren sie sich nicht selbst &hellip; Eine der gr&ouml;&szlig;ten wirtschaftstheoretischen Leistungen des 20. Jahrhunderts &hellip; besteht darin, die Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen Smiths &lsquo;unsichtbare Hand&rsquo; funktioniert. Dazu geh&ouml;ren viele unrealistische: etwa, dass Information entweder vollst&auml;ndig oder zumindest nicht von irgendwelchen &ouml;konomischen Vorg&auml;ngen beeinflusst ist; dass alle &uuml;ber dieselben Informationen verf&uuml;gen; dass vollkommene Konkurrenz besteht &hellip; Meine Forschungen &hellip; haben gezeigt, dass die unsichtbare Hand wom&ouml;glich deshalb unsichtbar ist, weil es sie gar nicht gibt. &hellip; Das Theorem der unsichtbaren Hand bedeutet f&uuml;r Manager eine gro&szlig;e Entlastung, behauptete es doch, dass sie dem Gemeinwohl nutzten, wenn sie f&uuml;r sich selbst gut sorgten. &hellip; Regulierung tr&auml;gt oft in nicht unerheblichem Ma&szlig;e dazu bei, M&auml;rkte effizienter zu machen, indem sie beispielsweise den Spielraum f&uuml;r Interessenskonflikte begrenzt &hellip; Die wichtigste Lektion aus den letzten Jahren ist, dass wir ein Gleichgewicht zwischen staatlichen Eingriffen und Eigendynamik des Marktes brauchen. Aber die Welt muss diese Lektion immer wieder neu lernen. Immer wenn L&auml;nder das richtige Gleichgewicht fanden, erzielten sie hohe Wachstumsraten. &hellip; unsere Strategie war nicht erfolgversprechend. Sie basierte darauf, L&auml;nder in der Dritten Welt dazu zu zwingen, eine Politik zu betreiben, die sich deutlich von unserer eigenen unterschied: n&auml;mlich eine radikal marktwirtschaftliche Politik, die f&uuml;r all das stand, was die Regierung Clinton in den USA bek&auml;mpfte. Wir gaben unsere Prinzipien auf &ndash; soziale Gerechtigkeit, Gleichbehandlung und Chancengleichheit, Prinzipien, die wir im Inland hochhielten -, um f&uuml;r die amerikanischen Sonderinteressen so viel wie m&ouml;glich herauszuholen. Die L&auml;nder der Welt sind wirtschaftlich verflochten, und nur wenn wir gerechte internationale Regelungen finden, k&ouml;nnen wir den Weltmarkt stabilisieren. Dazu bedarf es eines Geistes der Zusammenarbeit, der sich nicht auf rohe Gewalt gr&uuml;ndet, nicht darauf, dass man mitten in einer Krise unangemessene Bedingungen diktiert, dass man andere einsch&uuml;chtert, unfaire Handelsabkommen oktroyiert oder eine doppelz&uuml;ngige Handelspolitik betreibt, wie es sich in den 90er Jahren als hegemoniales Verm&auml;chtnis der USA etabliert hat &hellip;&rdquo; (Joseph Stiglitz, The Roaring Nineties, Der entzauberte Boom, Siedler, Januar 2004, Vorabdruck in <em>Financial Times Deutschland<\/em> 14. Januar 2004)<\/p><p>Nachtrag:<\/p><ol>\n<li>Stiglitz&rsquo; Einsicht war hierzulande vor 30 Jahren politisches Allgemeingut. Entsprechend gut florierte die Wirtschaft und das &ouml;ffentliche Leben.<\/li>\n<li>Stiglitz&rsquo; Hinweis auf den &ldquo;Geist der Zusammenarbeit&rdquo;, der sich nicht darauf gr&uuml;nden sollte, &ldquo;dass man mitten in einer Krise unangemessene Bedingungen diktiert&rdquo;, passt sehr gut zu den heutigen Meldungen, wonach die EU-Kommission in Br&uuml;ssel gegen den Beschluss der EU-Finanzminister zur Aufhebung des Strafverfahrens gegen Deutschland und Frankreich klagen will. Br&uuml;ssel liegt, gemessen an Stiglitz&rsquo; Einsichten, hinterm Mond &ndash; eben ganz auf angebots&ouml;konomischer Linie. Bei Solbes und seinen Helfern &ndash; und leider wohl auch bei Prodi &ndash; hat sich die Einsicht vom Versagen des Marktes in einer Rezessionssituation noch nicht herum gesprochen. Dieser Br&uuml;sseler Dogmatismus, gepr&auml;gt von den &ldquo;Ideologen der freien Marktwirtschaft&rdquo;, kann f&uuml;r Europa sehr gef&auml;hrlich werden.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Leser der NachDenkSeiten macht auf die deutsche Herausgabe des neues Buchs von Joseph Stiglitz aufmerksam, dessen Vorabdruck in der <em>Financial Times Deutschland<\/em> heute begonnen hat. 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