{"id":51014,"date":"2019-04-17T11:47:16","date_gmt":"2019-04-17T09:47:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51014"},"modified":"2019-04-17T13:01:08","modified_gmt":"2019-04-17T11:01:08","slug":"runtergewirtschaftet-wie-die-politik-das-bafoeg-ueber-jahrzehnte-entwertet-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51014","title":{"rendered":"Runtergewirtschaftet. Wie die Politik das BAf\u00f6G \u00fcber Jahrzehnte entwertet hat."},"content":{"rendered":"<p>CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek hat eine Novelle der Bundesausbildungsf&ouml;rderung aufgelegt. Was in Zahlen wie ein gro&szlig;er Wurf anmutet, ist bestenfalls ein &bdquo;Ref&ouml;rmchen&ldquo;. Weder machen die Aufschl&auml;ge bei Freibetr&auml;gen und Bedarfss&auml;tzen vergangene Vers&auml;umnisse wett, noch bringt die Regierung das Instrument auf die H&ouml;he der Zeit. Mit der verhie&szlig;enen &bdquo;Trendwende&ldquo; und 100.000 mehr Leistungsbeziehern wird es deshalb nichts werden. Eher droht sich der allgemeine Trend zum Verzicht auf die F&ouml;rderung weiter zu verfestigen. Vorsorglich hat SPD-Kassenwart Olaf Scholz schon mal den Bildungsetat gek&uuml;rzt. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nBei der Frage, was aus dem BAf&ouml;G wird, muss es immer auch darum gehen, was das BAf&ouml;G einmal war. 1971 unter Willy Brandt in sozial-liberaler Regentschaft eingef&uuml;hrt, stand das Bundesausbildungsf&ouml;rderungsgesetz ein Jahrzehnt lang f&uuml;r drei Selbstverst&auml;ndlichkeiten: Erstens kam es als rechtsverbindliche Sozialleistung einer gro&szlig;en Breite der Studierendenschaft zugute. 1972 erhielten 44,6 Prozent aller Hochsch&uuml;ler in Deutschland F&ouml;rdergelder, ein danach nie wieder erreichtes Level. Zweitens stellte die Hilfe sicher, dass diejenigen, die die Maximalf&ouml;rderung erhielten, davon auch tats&auml;chlich leben konnten. Und drittens wurden die Zuwendungen als Vollzuschuss gew&auml;hrt, kein Pfennig musste sp&auml;ter zur&uuml;ckerstattet werden.   <\/p><p>Verglichen mit dem Hier und Jetzt muten die damaligen Zeiten geradezu m&auml;rchenhaft an. Ein paar Zahlen zum Beleg: Heute betr&auml;gt die F&ouml;rderquote, bezogen auf s&auml;mtliche der aktuell &uuml;ber 2,85  Millionen Studierenden, unter 13 Prozent. Sogar das elit&auml;re, vom BAf&ouml;G abgel&ouml;ste Honnefer Modell hatte mit bis zu 19 Prozent mehr Menschen begl&uuml;ckt. Nach der vom Deutschen Studentenwerk (DSW) vorgelegten &bdquo;21. Sozialerhebung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Deutschland&ldquo; gingen 68 Prozent der Studierenden im Erhebungszeitraum 2016 einem Nebenjob nach, vier Jahre davor waren es noch sechs Prozentpunkte weniger. Der Student als &bdquo;Erwerbsarbeiter&ldquo; wird immer mehr zum Normalfall, weil er anders nicht &uuml;ber die Runden kommt, egal ob mit oder ohne BAf&ouml;G.    <\/p><p>Vor drei Jahren beliefen sich die Ausgaben eines ledigen und allein wohnenden &bdquo;Normalstudenten&ldquo; im Schnitt auf 819 Euro. Dagegen betrug der BAf&ouml;G-H&ouml;chstsatz blo&szlig; 735 Euro. Laut DSW-Studie erhielten Angeh&ouml;rige der Herkunftsgruppe &bdquo;niedrig&ldquo; nur zu 27 Prozent staatliche Unterst&uuml;tzung, im Jahr 2012 waren es immerhin noch 40 Prozent. Dabei stellten 37 Prozent der jungen Menschen mit einkommensschwachen Eltern deshalb keinen Antrag, weil sie nicht auf einem Schuldenberg ins Berufsleben starten wollen. Seit 1990 werden die Leistungen zur H&auml;lfte als zinsloses Darlehen bei einer H&ouml;chstverschuldung von 10.000 Euro bewilligt. Erwiesenerma&szlig;en schreckt dies gerade Menschen aus &auml;rmeren Schichten davon ab, die staatliche Hilfe zu beanspruchen. Das alles zeigt: An der gro&szlig;en Mehrheit derer, f&uuml;r die das BAf&ouml;G eigentlich gedacht ist, geht die F&ouml;rderung vorbei. <\/p><p><strong>Karliczek verspricht &bdquo;Trendumkehr&ldquo;<\/strong><\/p><p>Aber jetzt soll ja alles besser werden. Zumindest verhei&szlig;t das Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Mit ihrer Gesetzesvorlage f&uuml;r die 26. BAf&ouml;G-Novelle, die vor elf Tagen in erster Lesung im Bundestag behandelt wurde, leite die Bundesregierung eine &bdquo;Trendumkehr&ldquo; ein, behauptet sie. 100.000 Gef&ouml;rderte mehr sollen es demnach bis zum Ende der Legislaturperiode sein, wof&uuml;r die gro&szlig;e Koalition 1,2 Milliarden Euro zus&auml;tzlich in die Hand nehmen wolle. &bdquo;Mit dieser Reform nehmen wir die Mitte der Gesellschaft in den Blick&ldquo;, betonte die Ministerin im Parlament. Damit l&ouml;sten Union und SPD ein Versprechen ein: &bdquo;Wir st&auml;rken Familien mit Kindern und Leistungstr&auml;ger und investieren in die Zukunft.&ldquo;<\/p><p>Keine Frage: Karliczek klotzt mit Zahlen, wie es sie zuvor selten bis nie gegeben hat. Nach ihren Pl&auml;nen sollen die Elternfreibetr&auml;ge in drei Schritten um insgesamt 16 Prozent angehoben werden, die Bedarfss&auml;tze in zwei Etappen um sieben Prozent und der H&ouml;chstf&ouml;rderbetrag sogar um 17 Prozent auf k&uuml;nftig 861 Euro. Auch die Verm&ouml;gensfreibetr&auml;ge sollen steigen, von 7.500 auf 8.200 Euro. Erleichterung sollen &uuml;berdies h&ouml;here Zuschl&auml;ge f&uuml;r die Krankenversicherung mit bis zu 155 Euro und die Pflegeversicherung mit bis zu 34 Euro verschaffen. Obendrein soll die BAf&ouml;G-Wohnpauschale von 250 auf 325 Euro heraufgesetzt werden, um bed&uuml;rftigen Studierenden, die nicht bei ihren Eltern wohnen, wegen der horrenden Mieten beizustehen. <\/p><p>Aber: Was nach viel klingt, ist zu wenig, um die gesteckten Ziele zu erreichen, und bei weitem zu wenig, um die Vers&auml;umnisse der Vergangenheit wettzumachen. Wollte die Koalition wahrhaftig eine Wende zum Besseren, also eine Wiederkehr des BAf&ouml;G im Geiste seiner Erfinder, dann br&auml;uchte es mehr als nur eine pauschale Erh&ouml;hungsrunde. Kritiker von Opposition, Gewerkschaften und Studierendenverb&auml;nden bem&auml;ngeln den v&ouml;lligen Mangel struktureller Erneuerungen. Beispielsweise soll es keine &Auml;nderung bei den Altersgrenzen geben. Wer &uuml;ber 30 Jahre alt ist, hat vom Grundsatz her keinen Leistungsanspruch. Dasselbe gilt f&uuml;r jene, die ein Teilzeit- oder Zweitstudium absolvieren, &uuml;ber die Regelstudienzeit hinaus studieren oder nach einem Studienabbruch einen Studienfachwechsel vornehmen. Nicht einmal 50 Prozent der Studierenden machen heute ihren Abschluss innerhalb der zeitlichen Vorgaben, gut ein Drittel schmei&szlig;t das Erststudium vorzeitig hin und die Zahl derer, die aus famili&auml;ren oder beruflichen Gr&uuml;nden nicht in Vollzeit studieren k&ouml;nnen und wollen, nimmt stetig zu. Ihnen allen will die Regierung auch weiterhin eine F&ouml;rderung vorenthalten, w&auml;hrend sie sonst zu jeder Gelegenheit das hohe Lied des &bdquo;lebenslangen Lernens&ldquo; anstimmt. <\/p><p><strong>Scholz f&ouml;rdert &bdquo;schwarze Null&ldquo; <\/strong><\/p><p>Das passt nicht zusammen, aber leider ins Bild. Laut 21. BAf&ouml;G-Bericht des Bundesministeriums f&uuml;r Bildung und Forschung (BMBF) vom Dezember 2017 galten 2016 nur 61,3 Prozent aller Studierenden als anspruchsberechtigt, <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwjWpcKcuNThAhVQdhoKHeZYCAcQFjAAegQIBhAC&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.bmbf.de%2Ffiles%2F21%2520bafoeg%2520bericht.pdf&amp;usg=AOvVaw3M-9LB-ASGxNMXmKmX2Pvi\">w&auml;hrend es zehn Jahre davor noch 70,5 Prozent waren<\/a>.<br>\nBergab geht seit Jahren auch die Quote der &bdquo;gef&ouml;rderten F&ouml;rderf&auml;higen&ldquo;. 2011 l&ouml;sten immerhin noch 28,4 Prozent ihre Anspr&uuml;che ein, 2016 mal eben 22,1 Prozent. W&uuml;rde man das BAf&ouml;G f&uuml;r besagte Gruppen durch wirklich attraktive Angebote &ouml;ffnen, k&ouml;nnte sich der Kreis m&ouml;glicher Anw&auml;rter und Gef&ouml;rderter auf einen Schlag um Zehntausende erweitern, wobei dann freilich auch die Ausgaben die H&ouml;he schnellen w&uuml;rden. Aber nicht mit dieser Koalition. Wo der politische Handlungsspielraum von &bdquo;schwarzer Null&ldquo; und &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; eingehegt wird, muss eine echte und im besten Sinne kostspielige BAf&ouml;G-Reform tabu bleiben. <\/p><p>Apropos: Vor vier Wochen hatte SPD-Finanzminister Olaf Scholz mit seiner Ank&uuml;ndigung f&uuml;r Wirbel gesorgt, den Bildungsetat f&uuml;r 2020 im Vergleich zum laufenden Jahr um eine halbe Milliarde Euro zu k&uuml;rzen. Dazu sieht seine Finanzplanung bis 2023 Einbu&szlig;en von 2,4 Milliarden Euro gegen&uuml;ber einem fr&uuml;heren Entwurf vor. Keine Aufmerksamkeit erregte dagegen eine darauf gem&uuml;nzte Verlautbarung des bundesweiten studentischen Dachverbands fzs. Unter Berufung auf eine &bdquo;sichere Quelle&ldquo; rechnete dieser vor, dass sich das Minus f&uuml;rs n&auml;chste Jahr lediglich aus der Anpassung an die F&ouml;rdervolumina der Jahre seit der 2016er-BAf&ouml;G-Novelle ergebe. Das Bildungsministerium habe es schlicht vers&auml;umt, das ihm zur Verf&uuml;gung stehende Geld auszugeben, und es &bdquo;billigend in Kauf genommen&ldquo;, dass die Gef&ouml;rdertenzahlen weiter abgeschmiert w&auml;ren. Also h&auml;tte der Finanzminister den alten Haushaltsansatz durch eine <a href=\"https:\/\/www.fzs.de\/2019\/03\/27\/bmbf-kuerzung-durch-sparkurs-beim-bafoeg-selbst-verursacht\/\">&bdquo;neue, realistische Sch&auml;tzung um 800 Millionen Euro nach unten korrigiert&ldquo;<\/a>. <\/p><p>Trifft die Darstellung zu, dann baut Scholz f&uuml;r die Zeit nach der anstehenden Reform, die zum Wintersemester 2019\/20 in Kraft treten soll, mitnichten auf die proklamierte Trendwende, sondern kalkuliert allenfalls mit einer Konsolidierung auf dem durch die Novelle von vor drei Jahren hinterlassenen Niveau. Diese hatte Karliczeks Amtvorg&auml;ngerin Johanna Wanka (CDU) mit denselben Vorschusslorbeeren aufs Gleis gesetzt wie jetzt ihre Parteifreundin: Auch Wanka beschwor seinerzeit 100.000 neue BAf&ouml;G-Berechtigte, woraus dann was wurde? Nichts. Im Gegenteil sackte die Zahl der Gef&ouml;rderten bis Herbst 2017 laut Statistischem Bundesamt um weitere 4,6 Prozent ab. &Uuml;bers Jahr betrachtet wurden mit 556.000 in etwa so viele Studierende bezuschusst wie 2009. Nur waren damals rund 800.000 Menschen weniger an den Hochschulen eingeschrieben. <\/p><p><strong>GEW bef&uuml;rchtet &bdquo;Ref&ouml;rmchen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Was aber, wenn auch der neue Anlauf ein Rohrkrepierer wird? Andreas Keller, Vizevorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und zust&auml;ndig f&uuml;r den Vorstandsbereich Hochschulen und Forschung, strahlte j&uuml;ngst in einem Gastbeitrag f&uuml;r die Frankfurter Rundschau (FR) wenig Zuversicht aus. Sollte der Bundestag den Gesetzentwurf nicht &bdquo;gr&uuml;ndlich gegen den Strich b&uuml;rsten&ldquo;, dann werde es <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/meinung\/bafoeg-rauf-zwar-schnell-11870235.html\">&bdquo;keine Reform, sondern allenfalls ein Ref&ouml;rmchen&ldquo; geben<\/a>. Der Grundbedarf und die Wohnpauschale m&uuml;ssten an die &bdquo;tats&auml;chlichen Lebenshaltungs- und Mietkosten&ldquo; angepasst, das F&ouml;rderinstrumentarium auf die H&ouml;he der Zeit und die Hilfen &bdquo;endlich wieder zu 100 Prozent als nicht zur&uuml;ckzuzahlender Zuschuss&ldquo; gew&auml;hrt werden, forderte der Gewerkschafter. &bdquo;Und es muss Schluss sein mit dem jahrelangen Betteln um eine BAf&ouml;G-Erh&ouml;hung, die dann nach einer Serie an Nullrunden g&ouml;nnerhaft als Wahlkampfgeschenk serviert wird.&ldquo; <\/p><p>Hier st&ouml;&szlig;t Keller auf des Pudels Kern und nimmt zugleich vorweg, dass es auch diesmal nichts werden wird mit dem gro&szlig;en Wurf: &ldquo;Denn im letzten halben Jahrhundert ist das BAf&ouml;G heruntergewirtschaftet worden&ldquo;. Stationen des Niedergangs: Bereits in der &Auml;ra Helmut Schmidt (SPD) gerieten die F&ouml;rderquoten ins Rutschen, dann setzte mit der Macht&uuml;bernahme durch Helmut Kohl (CDU) und der Umstellung der F&ouml;rderung auf ein Volldarlehen ein tiefer Absturz ein. 1998 bezogen noch knapp &uuml;ber zw&ouml;lf Prozent aller Studierenden staatliche Hilfen. Unter Gerhard Schr&ouml;der (SPD) berappelte sich das BAf&ouml;G zwar, erreichte aber in der Folgezeit nie wieder nur ann&auml;hernd den Versorgungsstand der 1970er Jahre. In die 2000er Jahre fallen allein zwei Sechs-Jahres-Phasen, in denen die Bedarfss&auml;tze und Elternfreibetr&auml;ge komplett eingefroren waren &ndash; von 2002 bis 2008 sowie zwischen 2010 und 2016. Leicht entspannt hat sich die Lage ausgerechnet unter Mitverantwortung der FDP im Kabinett II von Angela Merkel (CDU), als die heimliche BAf&ouml;G-Gegnerin Annette Schavan (CDU) das Bildungsressort anf&uuml;hrte. Seit 2012 und verst&auml;rkt nach der Wiederkehr der gro&szlig;en Koalition unter Beteiligung der selbsternannten &bdquo;BAf&ouml;G-Partei&ldquo; SPD kannte der Kurs dann wieder nur eine Richtung: nach unten.  <\/p><p>Kai Gehring von der Bundestagsfraktion der Gr&uuml;nen-Partei bezifferte in seinem Redebeitrag im Bundestag am 5. April den Schwund an Leistungsempf&auml;ngern allein zwischen 2013 und 2017 mit 200.000. Die Verluste teilen sich in zwei Gruppen auf. Die eine stellen diejenigen, die wegen jahrelang gar nicht und 2016 nur unzureichend angepasster Einkommensfreibetr&auml;ge an die allgemeinen Lohn- und Preissteigerungen aus der F&ouml;rderung gepurzelt sind. Sie b&uuml;&szlig;ten ihre Anspr&uuml;che ein, da ihre Eltern zu viel Geld verdienen, wenngleich nur scheinbar, schlie&szlig;lich war die BAf&ouml;G-Bemessungsgrundlage &uuml;ber Jahre von der realwirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt. <\/p><p><strong>Hungern f&uuml;rs Studium<\/strong><\/p><p>St&auml;rker noch schl&auml;gt allerdings ins Kontor, dass immer mehr junge Menschen auf eine F&ouml;rderung verzichten, die ihnen eigentlich zusteht. Wenn heute nur noch jeder f&uuml;nfte Anspruchsberechtigte BAf&ouml;G beantragt, erkl&auml;rt sich das gewiss auch mit Verschuldungs&auml;ngsten. Viele und immer mehr stellen aber einfach f&uuml;r sich fest: &bdquo;Das Geld, das mir zusteht, reicht sowieso nicht zum Leben. Dann jobbe ich lieber 15 Stunden mehr im Monat, spare mir den Antragsstress und abstottern muss ich sp&auml;ter auch nichts.&ldquo; Dieser Haltung lie&szlig;e sich nur mit einer wirklich gro&szlig;angelegten Strukturreform beikommen, die insbesondere deutlich h&ouml;here F&ouml;rdersummen verspricht als das, was Ministerin Karliczek zu bieten hat. <\/p><p>Das Berliner Forschungsinstitut f&uuml;r Bildungs- und Sozial&ouml;konomie (FiBS) hat ihre Pl&auml;ne in einer Studie im Auftrag des Deutschen Studentenwerks auf ihre Realit&auml;tstauglichkeit gepr&uuml;ft. Demnach m&uuml;sste der Regelsatz sofort auf 500 bis 550 Euro bzw. um bis zu 37 Prozent erh&ouml;ht werden, <a href=\"https:\/\/www.fibs.eu\/fileadmin\/user_upload\/Literatur\/Lectures\/FiBS_DSW_Studentischer_Warenkorb_2018_190108.pdf\">um die tats&auml;chlichen Ausgaben von Studierenden neben den Wohnkosten zu decken<\/a>. Im Schnitt h&auml;tten diese schon im Jahr 2016 ohne Miete 496 Euro f&uuml;r ihren Lebensunterhalt ausgegeben. Die Regierung peilt dagegen eine Aufstockung von 399 auf 427 Euro an, ein Niveau &bdquo;unterhalb der Armutsgrenze&ldquo;, wie Nicole Gohlke von der Bundestagsfraktion Die Linke im Bundestag beklagte. Dazu passend haben die Bildungsforscher Ausgabenr&uuml;ckgange beim Posten Ern&auml;hrung ermittelt, insbesondere bei einkommensschwachen Studierenden. Diese h&auml;tten im Schnitt weniger als vier Euro t&auml;glich f&uuml;rs Essen &uuml;brig, die unter 25j&auml;hrigen nicht einmal drei Euro. Das liege &bdquo;unterhalb des physiologischen Existenzminimums&ldquo; und &bdquo;weit unterhalb&ldquo; dessen, was Hartz-IV-Beziehern zugestanden wird.  <\/p><p>Auch in punkto Wohnkostenzuschuss bleibt die Gesetzesvorlage mit den avisierten 325 Euro weit hinter den Erfordernissen zur&uuml;ck. Gem&auml;&szlig; der FiBS-Untersuchung haben die Mietausgaben zwischen 2012 und 2016 in der Spitze um bis zu 55 Prozent zugelegt. In Ballungszentren, in Gro&szlig;- und klassischen Universit&auml;tsst&auml;dten muss man heute mitunter 500 Euro und mehr f&uuml;r ein WG-Zimmer berappen, in M&uuml;nchen sogar &uuml;ber 600 Euro. Selbst die einkommensschw&auml;chsten  Studierenden im Alter zwischen 18 und 24 Jahren hatten laut Analyse schon vor drei Jahren im Mittel 359 Euro f&uuml;r ein Dach &uuml;ber dem Kopf hingelegt. Dabei wird der Schnitt noch durch diejenigen gedr&uuml;ckt, die einen der raren staatlichen Wohnheimpl&auml;tze innehaben. Auf dem freien Markt findet man mit 325 Euro allenfalls an kleineren Hochschulstandorten oder in manchen ostdeutschen St&auml;dten ein WG-Zimmer.<\/p><p><strong>Privatwirtschaft hilft gerne aus <\/strong><\/p><p>Gr&uuml;ne und Linke setzen sich f&uuml;r eine Investitionsoffensive beim staatlichen Wohnheimbau sowie eine nach &ouml;rtlichem Niveau gestaffelte Wohnpauschale ein. Wer in der teuren Metropole lebt, erhielte so mehr Geld als derjenige, der in der Provinz studiert. Karliczek tickt anders. Sie lie&szlig; zuletzt verlautbaren, Studierende m&uuml;ssten ja nicht unbedingt in den teuersten St&auml;dten unterkommen, schlie&szlig;lich w&auml;re es &bdquo;&uuml;berall in Deutschland sch&ouml;n&ldquo;. Dies sei &bdquo;bemerkenswert kaltschn&auml;uzig&ldquo;, z&uuml;rnte Linke-Abgeordnete Gohlke im Plenum, weil man sich den Studienort in vielen F&auml;llen gerade nicht frei ausw&auml;hlen k&ouml;nne. Das m&uuml;sste auch die Ministerin wissen, es sei denn, sie wollte sich damit herausreden, dass sie ihr Studium zur Diplom-Kauffrau fernab an der Fernuni Hagen absolviert hat. <\/p><p>Zur Politik der nachhaltigen Rufsch&auml;digung des BAf&ouml;G geh&ouml;ren schlie&szlig;lich noch die b&uuml;rokratischen Zumutungen: Wegen personell ausgebluteter BAf&ouml;G-&Auml;mter k&ouml;nnen heutzutage von der Antragsstellung &uuml;ber die Bewilligung bis zur Auszahlung mehrere Monate ins Land gehen. Aber Abhilfe l&auml;sst weiter auf sich warten. Schon vor drei Jahren hatte die Bundesregierung verk&uuml;ndet, &bdquo;medienbruchfreie Prozesse, die zu vollst&auml;ndig auf elektronischem Weg durchgef&uuml;hrten Verwaltungsverfahren f&uuml;hren&ldquo;, zu etablieren. Von wegen: Noch heute wartet jedes der 16 Bundesl&auml;nder mit seiner eigenen Online-L&ouml;sung auf &ndash; die aber praktisch nichts l&ouml;st. Im Zeitraum von Juni 2017 bis April 2018 hat die Bundesregierung bundesweit 590 Onlineantr&auml;ge gez&auml;hlt, was sich laut Gehring &bdquo;im l&auml;cherlichen Promillebereich&ldquo; bewege. <\/p><p>Nach der neuesten Ansage des BMBF soll ein fl&auml;chendeckendes und einheitliches Angebot im Jahr 2022 stehen. Ex-Kanzler Schr&ouml;der hatte dies schon einmal f&uuml;r 2005 angek&uuml;ndigt. Die Unt&auml;tigkeit hinterl&auml;sst Spuren. Inzwischen tummeln sich im Internet gleich mehrere kommerzielle Anbieter, die Studenten, Sch&uuml;lern und Praktikanten die BAf&ouml;G-Beantragung gegen Bezahlung abnehmen &ndash; &bdquo;ganz ohne Amtsdeutsch und Papierkram&ldquo;. Die Pl&auml;ne gehen sogar dahin, Anspruchsberechtigten ihre BAf&ouml;G-Leistungen &uuml;ber eine Zwischenfinanzierung vorab auszuzahlen. So wiederholt sich das, was man aus anderen gesellschaftlichen Bereichen schon kennt, im Gesundheitssektor, Stra&szlig;en- und Wohnungsbau oder in der Bildung: Wo der Staat versagt, sto&szlig;en zuverl&auml;ssig die Privaten in die L&uuml;cke. <\/p><p><strong>H&auml;ngepartie programmiert <\/strong><\/p><p>Aufs Verschleppen setzt die Koalition auch bei der BAf&ouml;G-Berichterstattung und begeht damit einmal mehr &bdquo;Rechtsbruch&ldquo;. Laut Gesetz muss die Bundesregierung im Zweijahrestakt dokumentieren, wie sich der Gef&ouml;rdertenkreis in Art und Umfang vor dem Hintergrund ver&auml;nderter L&ouml;hne und Preise entwickelt hat. Auf dieser Basis sind dann gegebenenfalls zeitnahe Nachsteuerungen vorzunehmen, womit die Bestandsaufnahme zum m&ouml;glichen Impulsgeber f&uuml;r die n&auml;chste Novelle wird. Eigentlich h&auml;tte Karliczek in diesem Jahr liefern und damit wohl eingestehen m&uuml;ssen, dass ihre &bdquo;neuesten&ldquo; Pl&auml;ne schon jetzt wieder &bdquo;veraltet&ldquo; sind. Daraus wird nichts: Die Ver&ouml;ffentlichung wurde kurzerhand auf 2021 verschoben, vier Jahre nach Erscheinen der letzten Ausgabe. <\/p><p>Der Fahrplan stellt obendrein schon jetzt sicher, dass bis zur n&auml;chsten Novelle wieder eine lange H&auml;ngepartie bevorsteht. Weil die Steigerungen bei Bedarfss&auml;tzen und Elternfreibetr&auml;gen schrittweise bis 2020 bzw. 2021 greifen sollen, ist eine weitere Reform in der laufenden Legislaturperiode faktisch ausgeschlossen. Mit der n&auml;chsten ist fr&uuml;hestens 2022 zu rechnen. Realistischer ist das Jahr 2023, weil jede neu gebildete Bundesregierung &ndash; die n&auml;chste konstituiert sich voraussichtlich Ende 2021 &ndash; noch immer mindestens ein Jahr verstreichen l&auml;sst, bis sie eine Novellierung in Angriff nimmt. In der Zwischenzeit werden zwar die L&ouml;hne und Preise weiter kr&auml;ftig anziehen, das BAf&ouml;G aber auf dem schon heute nicht mehr zeitgem&auml;&szlig;en Planungsstand des Jahres 2019 verharren. Das F&ouml;rderplus &bdquo;auf Raten&ldquo; liefert der Politik &uuml;berdies Argumente f&uuml;r die Zeit, in denen Studierende wieder neue Begehrlichkeiten anmelden. Dann hei&szlig;t es wohl: &bdquo;Was wollt ihr denn, ihr hattet doch erst einen riesigen Schluck aus der Pulle.&ldquo;<\/p><p>Die Forderung nach einer dynamischen und gesetzlich verbrieften Anpassung der Anspr&uuml;che und F&ouml;rdersummen im Zweijahresturnus ist fast so alt wie das BAf&ouml;G selbst. Bisher hat sich noch jede Regierung, egal ob CDU- oder SPD-gef&uuml;hrt, dagegen gesperrt, selbstredend auch die amtierende. Dabei w&auml;re dies das einzig tragf&auml;hige Rezept, die Bundesausbildungsf&ouml;rderung zu einer wirklich verl&auml;sslichen und zukunftssicheren Sozialleistung zu machen. In seinem fragilen Istzustand liefert das BAf&ouml;G hingegen nur verl&auml;ssliche Angriffsfl&auml;chen f&uuml;r interessierte Kreise in Politik, Industrie und Bankenwelt (&bdquo;Deutschlandstipendium&ldquo;, Studienkredite), die auf seine Abwicklung hinarbeiten. <\/p><p><strong>Kahlschlag mit der FDP<\/strong><\/p><p>Da w&auml;re zum Beispiel die FDP: Die trommelt aktuell f&uuml;r ihr &bdquo;Baukastenmodell&ldquo;. Danach st&uuml;nden grunds&auml;tzlich jedem, also elternunabh&auml;ngig, 200 Euro zu, weitere 200 Euro denen, die zehn Wochenstunden jobben gehen, Kinder erziehen oder Angeh&ouml;rige pflegen. Das, was dann noch zum Leben fehlt &ndash; ganz sch&ouml;n viel &ndash; soll man man sich bei einer Bank als flexibles Darlehen leihen. Ganz nebenbei wollen die Liberalen auf diesem Wege auch noch das Kindergeld abschaffen. Das ist sogar Anja Karliczek zu viel bzw. zu wenig: &bdquo;Wer jeden unterst&uuml;tzen will, unterst&uuml;tzt niemanden mehr&ldquo;, befand sie im Bundestag. Nicht mit ihr &ndash; sie unterst&uuml;tzt lieber zu wenige zu wenig.<\/p><p>Titelbild: rusty426\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek hat eine Novelle der Bundesausbildungsf&ouml;rderung aufgelegt. Was in Zahlen wie ein gro&szlig;er Wurf anmutet, ist bestenfalls ein &bdquo;Ref&ouml;rmchen&ldquo;. Weder machen die Aufschl&auml;ge bei Freibetr&auml;gen und Bedarfss&auml;tzen vergangene Vers&auml;umnisse wett, noch bringt die Regierung das Instrument auf die H&ouml;he der Zeit. Mit der verhie&szlig;enen &bdquo;Trendwende&ldquo; und 100.000 mehr Leistungsbeziehern wird es deshalb nichts<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51014\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":51015,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,145,132],"tags":[524,998,430,308,434,2634,831,392],"class_list":["post-51014","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-bafoeg","tag-buerokratie","tag-bildungsausgaben","tag-existenzminimum","tag-gew","tag-karliczek-anja","tag-scholz-olaf","tag-schuldenbremse"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/shutterstock_551168923.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51014","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=51014"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51014\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51024,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51014\/revisions\/51024"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/51015"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=51014"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=51014"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=51014"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}