{"id":51034,"date":"2019-04-18T08:45:08","date_gmt":"2019-04-18T06:45:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51034"},"modified":"2019-04-26T12:22:33","modified_gmt":"2019-04-26T10:22:33","slug":"heute-hier-morgen-dort-warum-unsere-digitale-dauer-erregung-kontraproduktiv-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51034","title":{"rendered":"Heute hier, morgen dort \u2013 Warum unsere digitale Dauer-Erregung kontraproduktiv ist"},"content":{"rendered":"<p>In Zeiten der Hashtags, Shitstorms und Online-Petitionen hat sich auch die Art und Weise unserer politischen Teilhabe beschleunigt. Nahezu t&auml;glich wird in den sozialen Netzwerken die n&auml;chste Sau durchs virtuelle Dorf getrieben. Doch im gleichen Ma&szlig;e wie unsere Erregung steigt, sinkt auch unsere Aufmerksamkeitsspanne. Twitter, Facebook und Co. geben den Takt vor &ndash; die Debatte wird schneller, oberfl&auml;chlicher, undifferenzierter und l&ouml;st sich genauso schnell wieder im digitalen Nirwana auf, wie sie entstanden ist. Nicht trotz, sondern wohl eher wegen unseres politischen Hyperaktivismus &auml;ndert sich nichts. Wenn wir wirklich etwas &auml;ndern wollen, muss unsere politische Kommunikation nachhaltiger werden und sich entschleunigen. Ein Debattenbeitrag von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5716\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-51034-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190418_Warum_unsere_digitale_Dauer_Erregung_kontraproduktiv_ist_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190418_Warum_unsere_digitale_Dauer_Erregung_kontraproduktiv_ist_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190418_Warum_unsere_digitale_Dauer_Erregung_kontraproduktiv_ist_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190418_Warum_unsere_digitale_Dauer_Erregung_kontraproduktiv_ist_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=51034-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190418_Warum_unsere_digitale_Dauer_Erregung_kontraproduktiv_ist_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190418_Warum_unsere_digitale_Dauer_Erregung_kontraproduktiv_ist_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>F&uuml;r Menschen, die die sogenannten sozialen Netzwerke auch zur politischen Kommunikation nutzen, war die letzte Woche purer Stress. Am Anfang echauffierte sich das Netz &uuml;ber &bdquo;Enteignungen&ldquo; und in den linken Ecken der Netzwerke wehte gar ein Hauch von Revolution durch die virtuelle Arena. Man lie&szlig; seinen Avatar durch einen Algorithmus mit einem &bdquo;Enteignet Deutsche Wohnen und Co.&ldquo; Sticker versch&ouml;nen und schwor &bdquo;den Kapitalisten&ldquo;, sie diesmal nicht ungeschoren davonkommen zu lassen. Zum Gl&uuml;ck f&uuml;r die Kapitalisten hatte der &bdquo;rote Spuk&ldquo; jedoch schon am letzten Freitag sein Ende.<\/p><p>Nun standen Julian Assange und seine drohende Auslieferung in die USA im Fadenkreuz der Klicktivisten. Die Enteignungs-Sticker wichen in Windeseile #FreeAssange-Soli-Stickern und es wurden Onlinepetitionen angeklickt. So (hyper)aktiv war die Community selten. Bis dann Notre Dame Feuer fing. Nun solidarisierte man sich mit den Parisern, besorgte sich fix Je-suis-Notre-Dame-Sticker und &uuml;berflutete die Netzwerke mit genau den Videos und Bildern, die zeitgleich die TV-Kan&auml;le &uuml;berfluteten; um sich tags drauf dar&uuml;ber zu kabbeln, ob eine brennende Kathedrale schlimmer ist als ein Fl&uuml;chtlingskind, das im Mittelmeer ertrinkt und warum &bdquo;wir&ldquo; so einen Wind um eine Kirche machen. Und wer wei&szlig; &ndash; vielleicht tragen die Sticker der Netzwerke zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels schon neue Slogans und es wird bereits die n&auml;chste Sau durchs virtuelle Dorf getrieben.<\/p><p>Die Karawane der Emp&ouml;rung ist in stetiger Bewegung und verharrt selten so lange an einem Ort, dass es ausreicht, der Emp&ouml;rung auch einmal Nachdruck zu verleihen. Und das ist der Punkt, an dem aus politischem Klick-Aktivismus Belanglosigkeit wird. Welche Onlinepetition wurde doch gleich 500.000-mal &bdquo;unterzeichnet&ldquo;? Welche Kampagne l&auml;uft gerade auf change.org oder bei Campact? Das Netz und erst recht die sozialen Netzwerke eignen sich nat&uuml;rlich ganz hervorragend daf&uuml;r, um Menschen unter Umgehung der Torw&auml;chter in den Medienkonzernen f&uuml;r Themen zu sensibilisieren und ihnen gute Argumente mit auf den Weg zu geben, sodass sie sich bestm&ouml;glich ihre eigene Meinung bilden und dementsprechend handeln. Diese Aufgabe nehmen ja auch wir bei den NachDenkSeiten gerne wahr.<\/p><p>So sinnvoll das Netz f&uuml;r die Information und Kommunikation ist, so sinnlos ist es jedoch als isolierte Aktionsplattform. Es ist einfach, hier und da zu klicken, sich zusammen mit der eigenen Echokammer auf Facebook zu emp&ouml;ren und diese oder jene Petition online zu zeichnen &ndash; &auml;ndern wird man durch derartige Meinungskundgebungen im virtuellen Raum aber nichts. Die US-Regierung wird nicht deshalb auf Assanges Auslieferung verzichten, weil Michael Schmidt aus Herne dies in einer Petition auf change.org fordert. So gesehen hat der Klick-Aktivismus eine systemstabilisierende Funktion. Unzufriedene und Emp&ouml;rte reagieren sich an ihren Computern und Smartphones ab und haben danach zumindest das Gef&uuml;hl, Teil eines wie auch immer gearteten Widerstands oder gar eines partizipativen demokratischen Prozesses zu sein. Den M&auml;chtigen kann dies nat&uuml;rlich nur Recht sein.<\/p><p>Die Debatte in den sozialen Netzwerken krankt jedoch auch strukturell. Wer heute online &uuml;ber den Klimawandel, morgen &uuml;ber die Perspektiven des pal&auml;stinensischen Widerstands und &uuml;bermorgen &uuml;ber die Frage der Regulierung der Finanzm&auml;rkte debattiert, wird &ndash; sofern die an den Debatten Beteiligten keine Universalgelehrten sind &ndash; bei allen drei Themenfeldern an der Oberfl&auml;che bleiben m&uuml;ssen. Selbst wenn man die Themen intellektuell durchaus greift, reicht alleine der zeitliche Horizont nicht aus, um sie auch vertieft und differenziert zu debattieren. Was dabei dann herauskommt, sieht man jeden Tag in den sozialen Netzwerken &ndash; differenzierte Positionen haben es sehr schwer, w&auml;hrend einfache und m&ouml;glichst radikale L&ouml;sungen schon zu Beginn der Debatte den Weg vorgeben. Was in der eigenen Echokammer dann Konsens ist, ist gesamtgesellschaftlich jedoch wom&ouml;glich eine exotische Au&szlig;enseitermeinung. So prallen dann Positionen aufeinander, die nur sehr schwer auf einen Nenner zu bringen sind. Auf diese Art und Weise zu konstruktiven Kompromissen zu finden, scheint unm&ouml;glich. Nur wer miteinander debattiert, kommt weiter. Im Netz wird vor allem aneinander vorbei debattiert.<\/p><p><strong>Am wichtigsten ist es aber, die Emp&ouml;rung und den Protest vom virtuellen in den realen Raum zu &uuml;bertragen.<\/strong> 10.000 Demonstranten vor der US-Botschaft sind weitaus wirkm&auml;chtiger (und eindrucksvoller) als 100.000 Klickaktivisten, die eine Onlinepetition mitzeichnen. Auf K&ouml;lsch w&uuml;rde man wohl sagen &hellip; &bdquo;Arsch huh, Z&auml;ng ussenander&ldquo;. Warum gehen Sie Ostern nicht mal auf einen Ostermarsch der Friedensbewegung? Warum nicht mal zum 1. Mai auf eine Maikundgebung? Sinnvoller als ein Soliklick auf Facebook w&auml;re dies allemal. H&auml;tten es die Gelbwesten in Frankreich beim virtuellen Protest in den sozialen Netzwerken belassen, w&auml;ren sie schon l&auml;ngst in Vergessenheit geraten und das Netz vergisst sehr schnell.<\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit der konstruktiven Debatte. Twitter und Facebook sind toll, um Hintergrundinformationen weiterzuverbreiten. Nutzen Sie doch diese Informationen, um sich mit Freunden, Verwandten oder Kollegen im &bdquo;echten Leben&ldquo; &uuml;ber diese Themen auszutauschen. Oder schauen Sie einmal bei einem unserer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=3921\">Gespr&auml;chskreise<\/a> vorbei, um sich abseits der schnelllebigen Onlinewelt mit Gleichgesinnten auszutauschen. Oder engagieren Sie sich bei einer der unz&auml;hligen Gruppierungen, die unsere Gesellschaft bessermachen wollen &ndash; egal ob es sich um einen Verein, eine NGO, eine kirchliche Organisation, ein loses Aktivistenb&uuml;ndnis oder gar eine Partei handelt. Informieren Sie sich online und demonstrieren Sie offline.<\/p><p>Titelbild: just dance\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/b797ccbd54834e779aa0f7c9ac7377c9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten der Hashtags, Shitstorms und Online-Petitionen hat sich auch die Art und Weise unserer politischen Teilhabe beschleunigt. Nahezu t&auml;glich wird in den sozialen Netzwerken die n&auml;chste Sau durchs virtuelle Dorf getrieben. Doch im gleichen Ma&szlig;e wie unsere Erregung steigt, sinkt auch unsere Aufmerksamkeitsspanne. 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