{"id":51047,"date":"2019-04-22T09:30:45","date_gmt":"2019-04-22T07:30:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51047"},"modified":"2019-04-22T11:06:13","modified_gmt":"2019-04-22T09:06:13","slug":"aleppo-nicht-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51047","title":{"rendered":"Aleppo nicht vergessen"},"content":{"rendered":"<p>Syriens Christen erinnern an den Ostertagen an zwei verschleppte Bisch&ouml;fe. Mor Gregorius Yohanna Ibrahim,&nbsp;Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche, und Boulos Yazigi, Erzbischof der griechisch-orthodoxen Kirche, waren am 22. April 2013 auf dem Weg zu Verhandlungen &uuml;ber die Freilassung eines entf&uuml;hrten Priesters bei Aleppo entf&uuml;hrt worden. Nach sechs Jahren bangen Wartens gibt es immer noch kein Lebenszeichen von den beiden. Der Bamberger Erzbischof&nbsp;Ludwig Schick bittet nach seiner R&uuml;ckkehr von einer Syrien-Reise darum, die Menschen in dem kriegszerst&ouml;rten Land nicht zu vergessen. Von <strong>R&uuml;diger G&ouml;bel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAls Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz war Schick erst in der vorvergangenen Woche mit einer Delegation in Syrien, um Kriegsopfern und den Kirchen in dem Land ihre Solidarit&auml;t auszudr&uuml;cken. Vier Tage war er mit dem f&uuml;r internationale Angelegenheiten zust&auml;ndigen Bischof der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Tadeusz Wojda, in dem vom Krieg gezeichneten und zerst&ouml;rten Land. Zur Reisegruppe geh&ouml;rten auch der Leiter von Caritas International, &nbsp;Dr. Oliver M&uuml;ller, und der Direktor der Caritas Polska, Pfr. Marcin Izycki. Die Gruppe hat vor Ort mehrere Caritas-Projekte besucht, f&uuml;r die die Bischofskonferenzen beider L&auml;nder eine gemeinsame Schirmherrschaft &uuml;bernommen haben. Durch die Hilfsma&szlig;nahmen erhalten Familien im stark zerst&ouml;rten Ostteil von Aleppo Nahrungsmittel und G&uuml;ter des t&auml;glichen Bedarfs. Kinder, die w&auml;hrend der jahrelangen milit&auml;rischen K&auml;mpfe um die von islamistischen Kampfgruppen besetzten Bezirke keine Schule besuchen konnten, bekommen die M&ouml;glichkeit, erg&auml;nzenden Unterricht zu besuchen, um Grundkenntnisse in elementaren F&auml;chern Arabisch, Englisch und Mathematik zu erlangen. Ein Mikrokredit-Projekt vermittelt Darlehen f&uuml;r den Aufbau von Handwerksgewerbebetrieben.<br>\n&nbsp;<br>\nAuf der <a href=\"https:\/\/erzbistum-bamberg.de\/nachrichten\/wie-kann-man-nur-jetzt-nach-syrien-reisen\/c0ad43a6-5a7b-4104-98b4-743acfa3fd71?mode=detail\">Homepage des Erzbistums Bamberg<\/a> und <a href=\"https:\/\/weltkirche-blog.katholisch.de\/on-tour\/2019\/04\/16\/erzbischof-schick-moege-syrien-auferstehen\/\">im Weltkirche-Blog von&nbsp;katholisch.de<\/a> hat Ludwig Schick seine Eindr&uuml;cke aus Syrien ausf&uuml;hrlich geschildert. Die kirchlichen Nachrichtenagenturen KNA und epd haben in mehreren Meldungen und Interviews &uuml;ber die Reise berichtet. Eine einfache Google-Recherche zeigt: Nicht eine deutsche Zeitung hat die Informationen des Bamberger Erzbischofs aufgegriffen und die Informationen aus erster Hand weitergegeben.<br>\n&nbsp;<br>\nZu den pr&auml;gendsten Eindr&uuml;cken in Syrien habe geh&ouml;rt, so Schick, &bdquo;wie stark sich die Christen vor Ort f&uuml;r die &auml;rmsten und schw&auml;chsten Menschen im Land einsetzen&ldquo;. Die Projekte, die er und seine Gruppe in Aleppo h&auml;tten besuchen k&ouml;nnen, &bdquo;lassen eine tiefe N&auml;chstenliebe sp&uuml;ren, die in die ganze Gesellschaft ausstrahlt. Dar&uuml;ber hinaus haben wir geh&ouml;rt, wie Pfarrer, Ordensfrauen und Ordensm&auml;nner auch in extremen Situationen w&auml;hrend des Krieges bei ihren Gemeinden ausgeharrt haben. Einige von ihnen, wie der Jesuit Frans van der Lugt, haben daf&uuml;r mit ihrem Leben bezahlt.&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\nErsch&uuml;ttert haben Erzbischof Schick &bdquo;aber vor allem das Elend, in dem besonders Frauen und Kinder in der weitgehend zerst&ouml;rten Stadt hausen und ums &Uuml;berleben k&auml;mpfen. Sie brauchen viel Hilfe. Die M&auml;nner fehlen, weil sie im Krieg gefallen, beim Milit&auml;r eingezogen oder im Ausland sind.&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\nDie meisten Menschen im Osten Aleppos, einem &bdquo;Tr&uuml;mmerfeld&ldquo;, so Schick, h&auml;tten keine Elektrizit&auml;t und kein flie&szlig;endes Wasser. Die Caritas Syrien versorge mit Hilfe von ausl&auml;ndischen Caritasorganisationen diese Menschen mit Nahrungsmitteln, Hygieneartikel und Medizin, sie k&ouml;nnten sonst nicht &uuml;berleben. &bdquo;Um was sie uns besonders baten, waren Wassertanks, damit sie, wenn Wasser gebracht wird, Gef&auml;&szlig;e haben, in denen sie es f&uuml;r acht und mehr Tage sauber aufbewahren k&ouml;nnen, bis der n&auml;chste Wassertransport kommt.&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\nIn den wenigen noch einigerma&szlig;en brauchbaren Geb&auml;uden habe die Caritas Aufenthaltsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r die Kinder eingerichtet, wo sie auch einen Elementarunterricht in den drei F&auml;chern Arabisch, Englisch und Mathematik bekommen. &bdquo;Alle hoffen, dass in absehbarer Zukunft der normale Unterricht in regul&auml;ren Schulen wieder stattfinden kann. Viele dieser Kinder sind in all den Kriegsjahren nicht zur Schule gegangen. Die Caritas will helfen, dass sie keine verlorene Generation werden.&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\nZDF-Korrespondent Uli Gack hat am Mittwoch abend in einem bewegenden, aber viel zu seltenen Bericht im Auslandsjournal &uuml;ber die Stra&szlig;enkinder von Aleppo die Schilderungen Schicks <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/auslandsjournal\/die-sendung-vom-17-april-2019-102.html\">&uuml;ber das himmelschreiende Elend bekr&auml;ftigt<\/a>. (Ab Min. 14:30)<br>\n&nbsp;<br>\nNoch sei der Krieg nicht ganz vorbei, warnt der Bamberger Erzbischof in seinem Reise-Bericht . Auch wenn der IS offiziell besiegt sei, gebe es doch immer wieder aus Idlib, einer von islamistischen Kampfgruppen gehaltenen Stadt, Raketenbeschuss auf Aleppo. &bdquo;Ich hatte zwar keine Angst, aber doch ein unruhiges Gef&uuml;hl. Denken musste ich aber immer wieder und sagte es auch: Wir werden wahrscheinlich Syrien wieder heil verlassen k&ouml;nnen, aber die Menschen hier ertragen den Krieg seit 2011, der nicht zu Ende ist; Nachhutgefechte gibt es immer wieder und wie es weiter geht, wei&szlig; niemand. Angst und Sorgen bestimmt ihr Leben seit Jahren. Viele sind traumatisiert.&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\nSyriens Wirtschaft liege am Boden und verschlechtere sich weiter. Von b&uuml;rgerlichen Freiheiten sei das Land weit entfernt. Angesichts der mehr als 13 Millionen Syrer, die auf humanit&auml;re Hilfe angewiesen und &uuml;ber elf Millionen, die aus ihrer Heimat vertrieben worden oder geflohen seien,, mahnt Schick: &bdquo;Die Weltgemeinschaft ist gefordert.&ldquo; Konkret: Der Erzbischof fordert eine kritische &Uuml;berpr&uuml;fung der Sanktionspolitik der Europ&auml;ischen Union. &bdquo;Gerade die &Auml;rmsten und Verletzlichsten d&uuml;rfen nicht unter ihren Folgen leiden.&ldquo; Die Weltgemeinschaft d&uuml;rfe das Leid der Bev&ouml;lkerung nicht vergessen, auch wenn mit dem milit&auml;rischen Sieg der Regierung der Krieg zun&auml;chst einmal auf ein Ende zuzugehen scheine. Die Menschen in Syrien &bdquo;brauchen Solidarit&auml;t, um die gro&szlig;e wirtschaftliche Krise zu bew&auml;ltigen. Investitionen in den Aufbau von Wohnungen, der Infrastruktur und der Wirtschaft sind gefordert.&ldquo; Entwicklung und Wiederaufbau w&uuml;rden letztlich aber nur gelingen, wenn sie mit Prozessen gesellschaftlicher Vers&ouml;hnung verbunden werden. &bdquo;Die internationale Gemeinschaft, darunter auch Deutschland, kann und soll sich daf&uuml;r einsetzen, dass solche Prozesse angesto&szlig;en werden.&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\n&Uuml;berproportional viele Christen h&auml;tten das Land in den vergangenen Jahren verlassen, konstatiert Schick. &bdquo;Sie waren oft gut ausgebildet, geh&ouml;rten der Mittelschicht an und verf&uuml;gten &uuml;ber internationale Netzwerke. Sie haben Kapazit&auml;ten f&uuml;r das Land. Auf der anderen Seite treibt sie die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder um. Deshalb verlassen sie das Land. Wenn sich die Lage bald grundlegend verbessert, kommen hoffentlich etliche wieder zur&uuml;ck.&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\nVor Ort werde das aber von vielen bezweifelt. Auf gro&szlig;en Optimismus, dass das Land seine schwere Krise in n&auml;herer Zukunft &uuml;berwinden kann, sei er nirgends gesto&szlig;en. &bdquo;Die ethnischen und konfessionellen Gruppen, die jahrelang im Kampf gegeneinander gestanden haben, m&uuml;ssen wieder zueinander finden und sich vers&ouml;hnen. Das wird dauern.&ldquo; Zun&auml;chst, so Schick, m&uuml;sse die im freien Fall befindliche Wirtschaft stabilisiert werden. &bdquo;Nur so kann die grassierende Armut abgemildert werden und Hoffnung auf Zukunft aufkeimen. Mittel- und langfristig braucht es aber sehr viel mehr, damit Syrien eine gute Zukunft aufbauen kann: echte Bem&uuml;hungen um eine inklusivere Gesellschaft, in der sich die verschiedenen Gruppen zu Hause f&uuml;hlen und die Einzelnen ein h&ouml;heres Ma&szlig; an Freiheit genie&szlig;en.&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\nDie Reise sei notwendig gewesen, bilanziert Schick, &bdquo;um Solidarit&auml;t zu zeigen und den Syrern aller Ethnien und Religionen zu versichern, dass sie nicht allein sind. Wir nehmen an ihrem Schicksal teil, setzen uns mit ihnen f&uuml;r Vers&ouml;hnung und Frieden ein, wir beten mit ihnen und f&uuml;r sie, wir helfen mit materieller und finanzieller Unterst&uuml;tzung zum Wiederaufbau.&ldquo; Mit Blick auf Ostern bitte und bete er, &bdquo;Syrien m&ouml;ge auferstehen zum neuen Leben, zur Einheit in Vers&ouml;hnung und Frieden und zum Wohlergehen aller f&uuml;r eine bessere Zukunft.&ldquo;<br>\n&nbsp;<br>\nDas Bitten und Beten aus Bamberg wird in Berlin und Br&uuml;ssel nicht erh&ouml;rt. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Au&szlig;enminister Heiko Maas lehnen die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen und Wiederaufbauhilfe f&uuml;r Syrien entschieden ab. Die EU-Sanktionen gegen Syrien traten&nbsp;erstmals am 1. Dezember 2011 in Kraft und werden regelm&auml;&szlig;ig verl&auml;ngert. Erst im M&auml;rz waren die Strafma&szlig;nahmen ausgeweitet worden. Die n&auml;chste &Uuml;berpr&uuml;fung steht bis zum 1. Juni an.<\/p><p>Titelbild: Din Mohd Yaman\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Syriens Christen erinnern an den Ostertagen an zwei verschleppte Bisch&ouml;fe. Mor Gregorius Yohanna Ibrahim,&nbsp;Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche, und Boulos Yazigi, Erzbischof der griechisch-orthodoxen Kirche, waren am 22. April 2013 auf dem Weg zu Verhandlungen &uuml;ber die Freilassung eines entf&uuml;hrten Priesters bei Aleppo entf&uuml;hrt worden. Nach sechs Jahren bangen Wartens gibt es immer noch kein Lebenszeichen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51047\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":51048,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[199,20,171],"tags":[1754,2222,2104,849,1553,335,2474,1019],"class_list":["post-51047","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirchen-religionen","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-energieversorgung","tag-humanitaere-hilfe","tag-kriegsopfer","tag-nahrungsmittel","tag-syrien","tag-wasserversorgung","tag-wiederaufbau","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/shutterstock_1161220687.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51047","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=51047"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51047\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51050,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51047\/revisions\/51050"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/51048"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=51047"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=51047"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=51047"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}