{"id":51137,"date":"2019-04-24T12:24:09","date_gmt":"2019-04-24T10:24:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51137"},"modified":"2019-04-25T15:11:00","modified_gmt":"2019-04-25T13:11:00","slug":"politisch-korrekte-moralapostel-gesinnungsschnueffler-und-denunzianten-rezension-eines-wichtigen-buches-mit-falsch-gewaehltem-titel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51137","title":{"rendered":"Politisch korrekte Moralapostel, Gesinnungsschn\u00fcffler und Denunzianten. Rezension eines wichtigen Buches mit falsch gew\u00e4hltem Titel."},"content":{"rendered":"<p>Gesinnungsschn&uuml;ffelei und Denunziantentum &ndash; das ist eines der Kennzeichen totalit&auml;rer Staaten. Was hat es zu bedeuten, wenn sich genau diese Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft ausbreiten? Und dies insbesondere in dem gesellschaftlichen Milieu, das sich selbst f&uuml;r den Hort der Demokratie h&auml;lt &ndash; das aber gleichzeitig immer &ouml;fter seine Unf&auml;higkeit beweist, andere Meinungen als die eigene zu ertragen. Und das geradezu lustvoll aggressiv und feindselig Menschen verfolgt, die politisch anders denken. Die Rede ist vom linksliberalen Milieu. Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten ein interessantes Buch zu diesem Thema gelesen. Im Folgenden seine Rezension. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Und dann musste der Schauspieler &bdquo;Beep&ldquo; sagen<\/strong><br>\n<strong>Die Absurdit&auml;ten der Politischen Korrektheit<\/strong><\/p><p><em>Eine Rezension von Udo Brandes<\/em><\/p><p>Mai 2017: Beim Berliner Theatertreffen wird auch das St&uuml;ck &bdquo;89\/90&ldquo; aufgef&uuml;hrt. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman von Peter Richter und spielt in der Wendezeit 1989\/90. Thema ist der aufkeimende Rechtsradikalismus in der DDR. Bei so einem Thema ist es nat&uuml;rlich nicht zu vermeiden, dass ein Nazi auftritt und sich auch wie ein Nazi verh&auml;lt und spricht. Aber die Regisseurin Claudia Bauer und das ganze Ensemble mussten die Erfahrung machen, dass genau das nicht mehr m&ouml;glich ist in Zeiten Politischer Korrektheit. Das St&uuml;ck kam in Berlin gut an. Bauers Team erhielt nach der ersten Auff&uuml;hrung den Theatertreffen-Preis des Festivals. Aber schon bei der zweiten Auff&uuml;hrung war es vorbei mit der Harmonie. Der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, schlug Alarm: Das b&ouml;se N-Wort (gemeint ist das Wort &bdquo;Neger&ldquo;) d&uuml;rfe auf keinen Fall mehr gebraucht werden. Der Schauspieler, der den Nazi spielte, musste bei den weiteren Auff&uuml;hrungen allen Ernstes immer dann, wenn in seinem Text &bdquo;Neger&ldquo; stand, &bdquo;Beep&ldquo; sagen. Offensichtlich sind die Politisch Korrekten nicht dazu in der Lage zu verstehen, dass eine literarische Figur als Rassist gezeigt wird, um den Rassismus anzuklagen. Dass die Verwendung rassistischer Begriffe in einem Theaterst&uuml;ck also keineswegs eine Unterst&uuml;tzung von Rassismus ist, sondern das Gegenteil. Das Beispiel des Berliner Theatertreffens ist nur eines aus einer F&uuml;lle von Beispielen zu den Absurdit&auml;ten der Politischen Korrektheit aus dem Buch &bdquo;Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerst&ouml;rt&ldquo; von Daniel Ullrich und Sarah Diefenbach. Die beiden Autoren sind Forscher bzw. Professorin an der Universit&auml;t M&uuml;nchen. <\/p><p>Dieses Buch k&ouml;nnte aktueller nicht sein. Denn wenn man erst einmal angefangen hat, sich mit diesem Thema zu besch&auml;ftigen, begegnet es einem auf Schritt und Tritt. So war vor Kurzem in den Nachrichten zu h&ouml;ren, dass die Stadt Frankfurt alle Verkehrsschilder auswechselt, auf denen &bdquo;Fu&szlig;g&auml;nger&ldquo; oder &bdquo;Radfahrer&ldquo; steht. Zuk&uuml;nftig werden Fu&szlig;- und Radwege in Frankfurt nur noch f&uuml;r &bdquo;Radfahrende&ldquo; und &bdquo;Zu Fu&szlig; Gehende&ldquo; reserviert. Viele werden sich vielleicht auch noch an die Protestaktionen an der Alice Salomon-Hochschule in Berlin erinnern. Auf der Wand des Hochschulgeb&auml;udes war in gro&szlig;en Lettern ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer zu lesen. Es hatte den Titel: &bdquo;Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.&ldquo; Studentinnen f&uuml;hlten sich angeblich von diesem Gedicht sexistisch bel&auml;stigt. Soweit mir bekannt ist, beklagten sich auch m&auml;nnliche Studenten &uuml;ber das Gedicht. Und die Hochschulleitung hat es dann tats&auml;chlich entfernen lassen. Man fragt sich angesichts dessen: Was ist eigentlich schlimmer? Das Verhalten der Studenten oder das &uuml;berkonformistische Verhalten der Hochschulleitung? Schlie&szlig;lich sollten doch gerade Hochschulen ein Ort geistiger und argumentativer Auseinandersetzung und gedanklicher Freiheit sein, und nicht ein Ort, an dem rigoros eine bestimmte Sichtweise durchgesetzt wird. Ist also dieser peinliche Konformismus das, was Linksliberale immer so gerne als &bdquo;Haltung&ldquo; bezeichnen?<\/p><p><strong>Manipulation mit Adjektiven<\/strong><\/p><p>Welche Folgen solche und andere Aktionen f&uuml;r das gesellschaftliche Klima haben und was die st&auml;rker zunehmenden Zensurma&szlig;nahmen im Interesse Politischer Korrektheit f&uuml;r die Demokratie bedeuten &ndash; das ist Thema des Buches. Es bietet eine F&uuml;lle von Beispielen und interessanten Analysen und beschr&auml;nkt sich nicht nur auf das Thema &bdquo;Politische Korrektheit&ldquo;. Auch Leser, die sich f&uuml;r das Thema &bdquo;Meinungsmache&ldquo; bzw. &bdquo;Manipulation durch Medien&ldquo; interessieren, finden hier in einem Kapitel sehr interessanten Lesestoff. Ein Abschnitt darin ist den Adjektiven (Eigenschaftsw&ouml;rtern) gewidmet, die von den Medien als Interpretationsvorgabe eingesetzt werden:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ein weiteres Standardwerkzeug tendenzi&ouml;ser Berichterstattung ist die gezielte Voranstellung von Adjektiven. Viele Adjektive bewirken eine Art Vorsortierung in gedankliche Schubladen. Sie wirken als Interpretationsvorgabe f&uuml;r den Leser, der die Welt dann so sieht, wie vom Berichterstatter gew&uuml;nscht. &sbquo;Alternativlose Rettungspakete&rsquo; m&uuml;ssen nicht mehr gerechtfertigt werden, &sbquo;umstrittene Forderungen&rsquo; haben einen schweren Stand. Schon dadurch, dass etwas als &sbquo;umstritten&rsquo; beschrieben wird, bekommt der Leser die Interpretationsvorgabe mitgeliefert, das nun die folgenden Ausf&uuml;hrungen kritisch zu hinterfragen sind. Die Frage nach der Grundlage der vorangestellten Adjektive, also warum etwas als alternativlos oder umstritten gilt, stellt sich gar nicht mehr. Das Prinzip der Adjektive als Interpretationsvorgabe ist somit einfach, aber sehr wirksam&ldquo; (S. 53).\n<\/p><\/blockquote><p>Als h&auml;tte die taz beweisen wollen, dass die Autoren Recht haben, stie&szlig; ich dort noch w&auml;hrend meiner Lekt&uuml;re auf einen Artikel, der exakt nach dem geschilderten Muster aufgebaut ist. Inhaltlicher Aufh&auml;nger des Berichtes ist eigentlich, dass das Unternehmen &bdquo;Alnatura&ldquo;, das mit Bioprodukten handelt, versucht, in der Bremer Filiale des Unternehmens einen Betriebsrat zu verhindern &ndash; und daf&uuml;r entsprechend spezialisierte Juristen beauftragt hat. Doch das interessierte die taz-Autorin Simone Schnase offenbar nicht. Ihr Thema war etwas anderes, was schon in der &Uuml;berschrift des Berichts deutlich wird: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Alnatura besch&auml;ftigt AfD-nahen Anwalt<br>\nFragw&uuml;rdige Hilfe im Arbeitskampf<br>\nChristian Winterhoff h&auml;lt Erziehung zur Akzeptanz sexueller Vielfalt f&uuml;r verfassungswidrig.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Weiter hei&szlig;t es im Bericht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Im Rechtsstreit &uuml;ber <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Arbeitnehmer-bei-Bio-Kette-Alnatura\/!5574661\/\">die Gr&uuml;ndung eines Betriebsrats<\/a> in einer Bremer <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Alnatura\/!t5009796\/\">Alnatura<\/a>-Filiale muss sich das Unternehmen eine fragw&uuml;rdige juristische Vertretung vorwerfen lassen: Neben dem Arbeitsrechtler Christof Kleinmann lie&szlig; es sich im Februar vor dem Bundesarbeitsgericht auch von dem Verfassungsrechtler Christian Winterhoff vertreten. Dieser ist Autor eines <em>umstrittenen<\/em> (Hervorhebung von mir UB) Gutachtens, das die schulische Erziehung zur Akzeptanz sexueller Vielfalt f&uuml;r verfassungswidrig erkl&auml;rt&ldquo; (Alnatura besch&auml;ftig AFD-nahen Anwalt. Fragw&uuml;rdige Hilfe im Arbeitskampf, taz.de 26.3.2019).\n<\/p><\/blockquote><p>Aus Sicht der taz und ihrer Autorin Simone Schnase besteht der Skandal also nicht darin, dass ausgerechnet ein modernes &bdquo;Bio-Unternehmen&ldquo; versucht, das legitime Recht der Belegschaft auf einen Betriebsrat auszuhebeln. Sondern darin, dass das Unternehmen es doch tats&auml;chlich gewagt hat, damit einen Juristen zu beauftragen, der &bdquo;umstrittene&ldquo; Gutachten verfasst, die nicht-tazkonforme Thesen enthalten. Und das ist nat&uuml;rlich ein schwerwiegendes Verbrechen, das unbedingt an den Pranger gestellt werden muss.<\/p><p><strong>Zeugt dies von einem demokratischen Ethos?<\/strong><\/p><p>Ich bin weder AFD-Anh&auml;nger noch teile ich die Ansichten von Christian Winterhoff &uuml;ber Sexualp&auml;dagogik (Man muss heutzutage so etwas ja schon ausdr&uuml;cklich feststellen, um nicht selbst denunziert zu werden). Aber das, was die taz-Autorin in Bezug auf die berufliche T&auml;tigkeit von Winterhoff f&uuml;r Alnatura macht, ist meines Erachtens nichts anderes als Gesinnungsschn&uuml;ffelei und Denunziantentum, und ich frage mich: Zeugt dieses Verhalten von einem demokratischen Ethos? Und vor allem: F&ouml;rdert es eine demokratischen Kultur? Oder ist es nicht eher Ausdruck einer autorit&auml;ren, intoleranten, dogmatisch-inquisitorischen Haltung? Kurz: Das Gegenteil von liberal? Denn dieser Artikel ist zweifellos der Versuch, jemandem beruflich zu schaden, weil er eine politisch ungenehme Meinung vertritt. Und diese in linksliberalen Kreisen beliebte Praxis beschr&auml;nkt sich keineswegs nur auf Personen, die AFD-nahe oder irgendwie geartete extremistische Positionen vertreten. So wurde zum Beispiel NachDenkSeiten-Redakteur Jens Berger von der Landeszentrale f&uuml;r politische Bildung Brandenburg, die ihn zu einem Vortrag eingeladen hatte, wieder ausgeladen. Warum? Weil einige Landespolitiker der Linkspartei wegen des &bdquo;umstrittenen Rufs&ldquo; der NachDenkSeiten intervenierten. Da haben wir es wieder. Umstritten. Ein Adjektiv, das als Manipulationsinstrument eingesetzt wird, um eine politisch unerw&uuml;nschte Meinung zu unterdr&uuml;cken. <\/p><p><strong>C. G. Jung l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en<\/strong><\/p><p>Bei diesen Verhaltensweisen des linksliberalen Milieus kann man gar nicht anders, als an C. G. Jungs psychologische Schattentheorie zu denken. Jung vertrat die These, dass jeder Mensch verschattete Pers&ouml;nlichkeitsanteile hat, die seinem bewussten Selbstbild widersprechen und deshalb von ihm verleugnet oder verdr&auml;ngt werden. Der sich st&auml;ndig ereifernde Moralapostel bek&auml;mpft nach dieser Vorstellung seinen eigenen unmoralischen Schatten, indem er ihn auf andere Menschen projiziert und diese verfolgt und anklagt. Besonders sch&ouml;n zu beobachten ist dieses psychologische Ph&auml;nomen bei den Antirassistinnen des linksliberalen Milieus, die so gerne &bdquo;alte, wei&szlig;e M&auml;nner&ldquo; anklagen &ndash; und gar nicht merken, dass sie damit Menschen aufgrund von Eigenschaften, f&uuml;r die sie nichts k&ouml;nnen (Alter, Hautfarbe und Geschlecht) kollektiv schlechte Eigenschaften zuschreiben. Mit anderen Worten: Sie denken und sprechen exakt nach dem Denkmuster von Rassisten. C. G. Jung und die Psychoanalyse lassen gr&uuml;&szlig;en. <\/p><p><strong>Parallelen zu Orwells &bdquo;1984&ldquo;<\/strong><\/p><p>Zu welcher Schlussfolgerung kommen die Autoren hinsichtlich der Wirkungen des Ph&auml;nomens Politische Korrektheit? Sie beschreiben zun&auml;chst zwei Szenarien. Das eine Szenario beschreibt einen &Uuml;berwachungsstaat, das andere die totale Eskalation. Ihr Res&uuml;mee:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die beschriebene Dystopie (fiktionale, in der Zukunft spielende Fiktion mit negativem Ausgang; UB) &auml;hnelt in vielfacher Hinsicht dem totalit&auml;ren &Uuml;berwachungsstaat aus George Orwells &sbquo;1984&rsquo;. Tats&auml;chlich sind die &Auml;hnlichkeiten zum Wirken der PC-Ideologie frappierend: Sowohl in Orwells Welt als auch in der PC-Ideologie spielt die Sprache eine zentrale Rolle als Werkzeug, um Macht auszu&uuml;ben und das gew&uuml;nschte System zu stabilisieren. In beiden Kontexten wird die Realit&auml;t so beschrieben, wie man sie gern h&auml;tte, wobei auch vor F&auml;lschung der Vergangenheit nicht haltgemacht wird &ndash; B&uuml;cher werden nachtr&auml;glich umge&auml;ndert und Fakten umgedeutet, als w&auml;re die Sicht schon immer so gewesen.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] Ein weiterer zentraler Aspekt in Orwells Roman ist die Vision eines &Uuml;berwachungsstaates, in dem seine B&uuml;rger in st&auml;ndiger Angst lebten, sie k&ouml;nnten bei einem Fehlverhalten oder Gedankenverbrechen ertappt werden. Dieser Zustand ist gl&uuml;cklicherweise noch nicht in dem in &sbquo;1984&rsquo; beschriebenen Ausma&szlig; erreicht, aber wir sind mit gro&szlig;en Schritten dabei, das dystopische Vorbild einzuholen&ldquo; (S. 269).\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser Schlussfolgerung kann ich mich anschlie&szlig;en. Es g&auml;be &uuml;ber den weiteren Inhalt des Buches noch vieles zu berichten. Doch das w&uuml;rde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Deshalb abschlie&szlig;end noch eine Bewertung. Dieses Buch bietet eine F&uuml;lle von Informationen, Beispielen, Anregungen und Analysen zum Thema Politische Korrektheit. Deshalb m&ouml;chte ich es empfehlen. Nichtsdestotrotz m&ouml;chte ich doch auch etwas Kritisches anmerken. <\/p><p><strong>Kritik<\/strong><\/p><p>Die Autoren erkl&auml;ren die PC-Ideologie vor allem psychologisch und mit der These, es handle sich dabei um eine Art Ersatzreligion:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Von Dogmen, Verhaltensregeln, Bestrafung im Falle der Glaubensabkehr bis hin zu dem Verhalten ihrer Anh&auml;nger existieren im Kontext der Political Correctness viele Elemente, die auch in religi&ouml;sen Glaubensgemeinschaften zu finden sind. (&hellip;.) Betrachtet man die PC-Ideologie als Glaubensgemeinschaft, erlaubt dies insgesamt einen ganz anderen Blick auf ihr Wirken. Viele scheinbar irrationale Verhaltensweisen ihrer Anh&auml;nger lassen sich eher verstehen, wenn man sie als Ausdruck eines Glaubens mit identit&auml;tsstiftender Wirkung betrachtet und die psychologischen Mechanismen und Gewinne ber&uuml;cksichtigt&ldquo; (S. 79 und 81).\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Sichtweise ist zweifellos richtig. Aber dabei kommen meines Erachtens zwei weitere Aspekte zu kurz: N&auml;mlich <em>erstens<\/em>, dass Politische Korrektheit ein Kampfinstrument zumeist sehr gutsituierter b&uuml;rgerlicher Milieus ist, die ihre Politische Korrektheit wie eine Monstranz vor sich her tragen und sich damit sozial nach unten abgrenzen. Man k&ouml;nnte auch sagen: Liberalismus und Weltoffenheit sind f&uuml;r diese Milieus zum Statussymbol geworden. Und Politische Korrektheit eine M&ouml;glichkeit, sich der Diskussion der realen Probleme, die sich aus der liberalen Ideologie ergeben, zu entziehen. Denn, um ein Beispiel zu nennen, der Linksliberalismus mit seinem Dogma der &bdquo;Offenen Grenzen&ldquo; ist keineswegs f&uuml;r alle Bev&ouml;lkerungsschichten ein Gl&uuml;cksfall. Es gibt durchaus nachvollziehbare Gr&uuml;nde, warum nicht alle Menschen &uuml;ber Einwanderer in Verz&uuml;ckung geraten. Denn f&uuml;r einige Milieus sind Einwanderer eben auch Konkurrenten um materielle Ressourcen. Aber mit dem Vorwurf des Rassismus kann dieser Konflikt ohne echte Argumente einfach vom Tisch gewischt und ein legitimes politisches Interesse an einer Begrenzung von Einwanderung denunziert werden. <\/p><p>Au&szlig;erdem erm&ouml;glicht die Ideologie der Politischen Korrektheit dem linksliberalen B&uuml;rgertum etwas auszuleben, was der franz&ouml;sische Soziologe Pierre Bourdieu als &bdquo;den Rassismus des B&uuml;rgertums&ldquo; bezeichnete: Das Treten nach unten im Namen der Moral und ohne schlechtes Gewissen. <\/p><p><strong>Politische Korrektheit: ein lukratives Gesch&auml;ftsmodell<\/strong><\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus ist Politische Korrektheit <em>zweitens<\/em> ein lukratives Gesch&auml;ftsmodell, mit dem man eine steile Karriere als Funktion&auml;r machen kann, zum Beispiel bei der staatlich subventionierten Amadeu-Antonio-Stiftung. Diese Stiftung hat sich einen Namen gemacht als eine Art Inquisitionsbeh&ouml;rde f&uuml;r Politische Korrektheit. Menschen, die es wagen, &ouml;ffentlich eine von der ideologischen Linie der Stiftung abweichende Meinung zu vertreten, wird von deren Funktion&auml;ren gerne Antisemitismus unterstellt. Auch die NachDenkSeiten wurden schon ein Opfer dieser auch aus Steuermitteln finanzierten Einrichtung (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47801\">N&auml;heres dazu hier<\/a>).<\/p><p>Was mich ansonsten an diesem Buch etwas st&ouml;rte ist, dass die Autoren sehr viele andere Kritiker der Politischen Korrektheit zitieren, ohne eindeutig zu sagen, wie sie zu dieser Meinung stehen. Dies kam mir bisweilen so vor, als ob die Autoren sich hinter den Zitaten anderer Autoren verstecken wollten, anstatt klar und deutlich Position zu beziehen. Was angesichts ihrer ansonsten eindeutigen Positionierung eigentlich unverst&auml;ndlich ist. Aber vielleicht ist dies nur dem Umstand geschuldet, dass beide Wissenschaftler sind &ndash; und deshalb beim Vertreten einer These etwas &uuml;berkorrekt auf die ersten Urheber derselben hinweisen wollen, um nicht in den Verdacht eines Plagiats zu geraten. <\/p><p>Es h&auml;tte dem Buch f&uuml;r meinen Geschmack auch gut getan, wenn es etwas weniger ins Detail gegangen w&auml;re. Umgekehrt ist es aber gerade deshalb auch eine wertvolle Fundgrube zu diesem Thema. Insgesamt betrachtet ist es ein Buch, das ich nur empfehlen kann und das hoffentlich viele Leser findet. <\/p><p>Und nun noch eine allerletzte Bemerkung: Das Buch hat meines Erachtens einen falsch gew&auml;hlten Titel (&bdquo;Es war doch gut gemeint&ldquo;). Warum? Weil ich glaube, dass hinter der hochmoralischen Fassade der PC-Ideologen eine Menge verschatteter Feindseligkeit und ein elit&auml;res Selbstbild inklusive der dazugeh&ouml;rigen Verachtung f&uuml;r die &bdquo;niederen Klassen&ldquo; steckt &ndash; also ganz und gar nichts Gutgemeintes. <\/p><p><strong>Daniel Ullrich, Sarah Diefenbach: Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerst&ouml;rt, Riva-Verlag, 288 Seiten, 19, 99 Euro.<\/strong><\/p><p><strong><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Alnatura-beschaeftigt-AfD-nahen-Anwalt\/!5580052\/\">Link zum zitierten taz-Artikel<\/a>.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Die Autoren spielen auf &Auml;nderungen von Kinderb&uuml;chern an, wie z. B. bei dem Klassiker &bdquo;Pipi Langstrumpf&ldquo; von Astrid Lindgren, bei dem der Verlag das Wort &bdquo;Negerk&ouml;nig&ldquo; durch &bdquo;S&uuml;dseek&ouml;nig&ldquo; ersetzte. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesinnungsschn&uuml;ffelei und Denunziantentum &ndash; das ist eines der Kennzeichen totalit&auml;rer Staaten. Was hat es zu bedeuten, wenn sich genau diese Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft ausbreiten? Und dies insbesondere in dem gesellschaftlichen Milieu, das sich selbst f&uuml;r den Hort der Demokratie h&auml;lt &ndash; das aber gleichzeitig immer &ouml;fter seine Unf&auml;higkeit beweist, andere Meinungen als die eigene<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51137\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,208,11],"tags":[1929,2554,854,690,1554,2247,590],"class_list":["post-51137","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-rezensionen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-amadeu-antonio-stiftung","tag-linksliberalismus","tag-mittelschicht","tag-neusprech","tag-orwell-2-0","tag-political-correctness","tag-taz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51137","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=51137"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51137\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51177,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51137\/revisions\/51177"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=51137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=51137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=51137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}