{"id":51155,"date":"2019-04-25T10:33:33","date_gmt":"2019-04-25T08:33:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51155"},"modified":"2019-04-25T14:04:05","modified_gmt":"2019-04-25T12:04:05","slug":"wohnungsnot-und-mietexplosion-wir-muessen-die-verteilungsfrage-diskutierten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51155","title":{"rendered":"Wohnungsnot und Mietexplosion \u2013 wir m\u00fcssen die Verteilungsfrage diskutierten"},"content":{"rendered":"<p>Wenn sich nicht nur Gering-, sondern mittlerweile sogar Normalverdiener in den Ballungsr&auml;umen keine Wohnung mehr leisten k&ouml;nnen, ist dies ein Alarmsignal und es ist gut, dass dieses Problem im Kielwasser des Berliner Volksbegehrens wieder &ouml;ffentlich diskutiert wird. Leider fehlt es der Debatte jedoch h&auml;ufig an Substanz und sowohl von der liberalen als auch von der linken Seite wird mit Idealvorstellungen gearbeitet, die so nicht haltbar sind. Bevor man in die Detailfragen der Wohnungspolitik geht, sollte man erst einmal eine sehr grunds&auml;tzliche Frage ernsthaft diskutieren: Wie will unsere Gesellschaft knappe G&uuml;ter der Daseinsvorsorge verteilen? Denn wenn wir dies nicht diskutieren, ist die Entt&auml;uschung vorprogrammiert. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6260\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-51155-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250425_Wohnungsnot_Mietexplosion_und_die_Verteilungsfrage_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250425_Wohnungsnot_Mietexplosion_und_die_Verteilungsfrage_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250425_Wohnungsnot_Mietexplosion_und_die_Verteilungsfrage_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250425_Wohnungsnot_Mietexplosion_und_die_Verteilungsfrage_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=51155-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250425_Wohnungsnot_Mietexplosion_und_die_Verteilungsfrage_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250425_Wohnungsnot_Mietexplosion_und_die_Verteilungsfrage_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die gerechte Verteilung von Grund und Boden und dem darauf geschaffenen Wohnraum ist eines der interessantesten Problemfelder der politischen &Ouml;konomie. Denn Grund und Boden sind nun einmal zweifelsohne knappe Ressourcen, die sich auch nicht vermehren lassen und selbst beim Wohnraum gibt es abseits von &Auml;sthetik und politischem Gestaltungswillen Grenzen, wie beispielsweise ein Blick auf die Hochhausschluchten von Hong Kong trefflich demonstriert. Wenn die Nachfrage nach Wohnraum gr&ouml;&szlig;er ist als das Angebot, muss es einen Verteilungsmechanismus geben, der festlegt, wer zum Zuge kommt und wessen Wunsch nicht in Erf&uuml;llung geht. Wie k&ouml;nnte man beispielsweise die Vergabe von Wohnraum in einer attraktiven Gegend wie dem Hamburger Schanzenviertel gesellschaftlich regeln? Wer soll nach welchen Kriterien festlegen, wessen Wunsch auf Wohnraum in Erf&uuml;llung geht und wessen Wunsch nicht?<\/p><p><strong>M&ouml;glichkeiten gibt es viele &hellip;<\/strong><\/p><p>Vertreter des Naturrechts, wie beispielsweise der libert&auml;re &Ouml;konom Murray Rothbard, w&uuml;rden die Verteilung knapper G&uuml;ter der Natur &uuml;berlassen. Konkret hie&szlig;e dies dann, dass der St&auml;rkste oder besser durchsetzungsf&auml;higste Bewerber zum Zuge k&auml;me, der seine Konkurrenten um den begehrten Wohnraum mit Gewalt vertreibt. Zum Gl&uuml;ck haben Rothbard und seine Anh&auml;nger, wie der deutsche &Ouml;konom Hans-Hermann Hoppe, abseits radikaler Zirkel der Tea-Party-Bewegung in den USA kaum eine politische Bedeutung, so dass eine K&uuml;ndigung des Gesellschaftsvertrags und eine R&uuml;ckkehr zum Naturzustand eigentlich nicht weiter diskutiert werden muss.<\/p><p>Ersetzt man physische durch finanzielle St&auml;rke kommt man &uuml;ber kurz oder lang zum heute global weitverbreitetsten Verteilungsmechanismus f&uuml;r knappe G&uuml;ter &ndash; den Markt. Wie bei einer Versteigerung erh&auml;lt hier derjenige den Zuschlag, der bereit ist, f&uuml;r Grund und Boden beziehungsweise dem darauf errichteten Wohnraum am meisten zu zahlen. Dieses Verteilungssystem hat den gro&szlig;en Vorteil, dass es gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glich transparent und ungemein flexibel ist. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Problematisch ist jedoch, dass bei diesem Verteilungsmechanismus Menschen im Vorteil sind, die finanziell &uuml;ber gr&ouml;&szlig;ere Mittel verf&uuml;gen. <strong>Die Verteilung von Wohnraum &uuml;ber den Markt ist also sehr effizient, aber auch sehr ungerecht.<\/strong><\/p><p>Es gibt jedoch auch noch das andere Extrem. Das Gegenteil von Rothbards &bdquo;Entstaatlichung&ldquo; ist die alleinige Zuteilung von Wohnraum durch den Staat. Und auch hier gibt es zahlreiche Mischformen und vor allem zahlreiche unterschiedliche Kriterien, anhand derer der Staat &ndash; also die Gemeinschaft &ndash; knappe G&uuml;ter wie Wohnraum zuteilen kann. So genossen in der DDR beispielsweise verheiratete Paare mit Kindern bessere Chancen bei der Zuteilung einer der begehrten Neubauwohnungen und im kommunistischen China der 80er und 90er Jahre war die Mitgliedschaft in der Partei eine Grundvoraussetzung, um eine attraktive Neubauwohnung zu beziehen. Mittlerweile ist China jedoch dabei, sein Auswahlverfahren f&uuml;r die Verteilung von Wohnraum gewisserma&szlig;en zu perfektionieren. Regional wird bei der Zuteilung von Wohnungen bereits heute das umstrittene &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/36210026\/Das_chinesische_Social_Credit_System_-_Totalit%C3%A4re_Kontrolle_und_das_Ende_der_Freiheit_oder_der_Weg_zu_einer_ehrlichen_Gesellschaft\">Social-Credit-System<\/a>&ldquo; als Verteilungsschl&uuml;ssel verwendet &ndash; in einigen Jahren soll dieses System landesweit umgesetzt werden. Die Idee: <strong>Wer sich im Sinne der Gesellschaft positiv verh&auml;lt, hat bessere Chancen bei der Zuteilung als diejenigen, die nach den Ma&szlig;st&auml;ben dieses Punktesystems destruktiv agieren<\/strong> &ndash; dazu geh&ouml;rt dann beispielsweise auch die &ouml;ffentliche Kritik am Staat und am chinesischen System in Onlineforen. Am Ende hat also derjenige die besten Chancen, der stets opportunistisch agiert und seine Individualit&auml;t radikal der Gemeinschaft unterordnet. Dies ist die totalitaristische Alternative zum unregulierten Markt oder zum Naturrecht, die jedoch kaum auf europ&auml;ische Verh&auml;ltnisse &uuml;bertragbar ist, da in unserer Gesellschaft individuelle Freiheiten einen hohen Stellenwert genie&szlig;en.<\/p><p><strong>Der regulierte Markt ist die einzig denkbare Alternative f&uuml;r Deutschland<\/strong><\/p><p>Auch wenn im Zusammenhang der Debatte um bezahlbaren Wohnraum viel vom &bdquo;Markt&ldquo; gesprochen wird, wird dieser Begriff nur selten korrekt verwendet. So hei&szlig;t es beispielsweise oft ausgerechnet von linker Seite, der &bdquo;Wohnungsmarkt in Berlin, Hamburg oder M&uuml;nchen funktioniere nicht mehr richtig&ldquo;. Doch das ist komplett falsch und zeigt, wie marktgl&auml;ubig viele &bdquo;Kritiker&ldquo; schon sind, ohne dass es ihnen wirklich bewusst ist. <strong>Selbstverst&auml;ndlich sind M&auml;rkte kein per se gerechter Verteilungsmechanismus, solange das Budget der Marktteilnehmer derart ungleich verteilt ist. Ein Wohnungsmarkt, der auf Knappheit mit Preissteigerungen reagiert, funktioniert genau so, wie ein Markt funktionieren muss.<\/strong> Wenn es im Hamburger Schanzenviertel 5.000 Wohnungen gibt, aber gleichzeitig bei aktuellen Preisen eine Nachfrage nach 15.000 Wohnungen besteht, wird in einer nicht regulierten Marktwirtschaft die Vergabe wie bei einer Auktion &uuml;ber die Zahlungsbereitschaft oder in der Realit&auml;t wohl eher &uuml;ber die Zahlungskraft der Interessenten ausgefochten, was naturgem&auml;&szlig; zu massiven Preissteigerungen f&uuml;hrt. <strong>Die Preise steigen so lange, bis Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht sind. Genau so funktionieren M&auml;rkte. Ob dieses Gleichgewicht gerecht oder gesellschaftlich tolerierbar ist, ist keine Frage, die der Markt zu beantworten hat. Das ist Aufgabe der Gesellschaft.<\/strong> Daher ist es auch sehr kritisch, die Daseinsvorsorge den M&auml;rkten zu &uuml;berlassen. <\/p><p><strong>Wenn wir dies als Gesellschaft so nicht akzeptieren wollen &ndash; und daf&uuml;r gibt es ja zahlreiche gute Gr&uuml;nde &ndash; dann m&uuml;ssen wir den Markt oder den Zugang zum Markt teilweise oder komplett regulieren.<\/strong> Daf&uuml;r gibt es zahlreiche M&ouml;glichkeiten und eigentlich muss die Gesellschaft nur definieren, welche Kriterien sie ansetzen will. Ein freies Recht auf Wohnen am Ort der Wahl kann es jedoch nicht geben &ndash; Wohnraum ist nun einmal eine begrenzte Ressource und wenn es regional oder lokal mehr Nachfrage als Angebot gibt, kann die Nachfrage nun einmal nicht vollst&auml;ndig bedient werden. Man darf den Menschen keinen Sand in die Augen streuen, sondern sollte lieber machbare Alternativen diskutieren, die das Problem wenn auch nicht beseitigen, dann doch zumindest lindern k&ouml;nnen.<\/p><p>Denkbar w&auml;re beispielsweise eine &bdquo;Zwangsvergabequote&ldquo; an Interessenten mit begrenztem Budget, also beispielsweise Arbeitnehmer mit geringeren Einkommen, Erwerbslose, Rentner oder Studenten mit Baf&ouml;g-Anspruch. &Auml;hnlich funktioniert(e) ja die heute in Deutschland leider kaum noch vorkommende Mietpreisbindung im sozialen Wohnungsbau. Aber man muss sich nat&uuml;rlich auch im Klaren dar&uuml;ber sein, dass auch diese L&ouml;sung keine Patentl&ouml;sung f&uuml;r die Verteilungsfrage ist. Wenn es eine Nachfrage nach 15.000 Wohnungen in einem Stadtteil gibt, aber nur 5.000 Wohnungen zur Verf&uuml;gung stehen, wird immer nur ein Drittel der Interessenten bei der Zuteilung zum Zuge kommen. Eine Regulierung des Marktes kann jedoch dazu f&uuml;hren, dass diese Zuteilung nicht &bdquo;ausschlie&szlig;lich&ldquo; auf Basis der finanziellen M&ouml;glichkeiten erfolgt. Auch andere Verteilungskriterien sind durchaus denkbar. Das f&auml;ngt beim DDR-Modell der Priorisierung von Familien mit Kindern an und geht bis zu &ouml;kologisch fundierten Varianten, die Arbeitnehmer bevorzugen, deren Arbeitsplatz in der unmittelbaren Nachbarschaft liegt. Der M&ouml;glichkeiten gibt es viele, man m&uuml;sste sie aber erst einmal debattierten und dann ausloten, was &uuml;berhaupt politisch umsetzbar ist. <\/p><p>&Auml;hnliches trifft auch auf die Regulierung des Marktes selbst zu. Albrecht M&uuml;ller hatte dazu erst gestern an das Konzept einer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51146\">Bodenwertzuwachssteuer<\/a> erinnert und auch eine versch&auml;rfende Reform der Mietpreisbremse w&auml;re l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig. Last but not least k&ouml;nnte der Staat nat&uuml;rlich auf verschiedene Arten selbst als Akteur auf der Angebotsseite in das Marktgeschehen eingreifen und um dies zu erm&ouml;glichen, d&uuml;rfen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50816\">Enteignungen &ndash; oder pr&auml;ziser &bdquo;Vergesellschaftungen&ldquo; &ndash; kein Tabu sein<\/a>.<\/p><p>Am Grundproblem der Knappheit &auml;ndert die Verteilung aber zun&auml;chst einmal nichts, wenn das Angebot im weitesten Sinne unflexibel ist. Und wer aus der Schanze, Kreuzberg oder dem Glockenbachviertel kein zweites Hong Kong machen will, der kann ehrlicherweise auch nicht den Eindruck erwecken, es g&auml;be einen gerechten Verteilungsschl&uuml;ssel, der alle Seiten befriedigen k&ouml;nnte. Das hat dann auch nichts mit dem Wirtschaftssystem zu tun. Weder Marx, noch Friedman, Hayek, Keynes, Schumpeter, Pareto oder Sen haben eine Antwort darauf, wie man eine knappe Ressource so verteilen kann, dass jeder zufrieden ist. <strong>Wenn das Angebot nicht erweitert werden kann, muss die Nachfrage reduziert werden.<\/strong> Auch wenn man aus der Schanze keine Hochhaussiedlung machen kann, kann man sehr wohl andere Stadtteile so attraktiv machen, dass die regionale Nachfrage sich verschiebt. <strong>Dies sollte die Grundlage der Debatte sein, auf deren Basis weitere &Uuml;berlegungen aufbauen k&ouml;nnen. <\/strong><\/p><p><strong>Wichtig ist auch, dass wir uns von dem Gedanken verabschieden, der Markt k&ouml;nne derlei Probleme mit ein wenig regulierenden Eingriffen schon mehr oder weniger gerecht l&ouml;sen.<\/strong> Das ist leider nicht m&ouml;glich. Wir m&uuml;ssen Kriterien definieren, wie wir k&uuml;nftig dort knappen Wohnraum verteilen wollen, wo der Markt diese Funktion nicht im Sinne der Gesellschaft wahrnehmen kann. Wenn uns dies gelingt, w&auml;ren wir schon mal einen gro&szlig;en Schritt weiter. Doch diese Debatte wird leider nicht gef&uuml;hrt. <\/p><p>Titelbild: ArTono\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f5c61155df0f4463b0130a57cefe19a1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn sich nicht nur Gering-, sondern mittlerweile sogar Normalverdiener in den Ballungsr&auml;umen keine Wohnung mehr leisten k&ouml;nnen, ist dies ein Alarmsignal und es ist gut, dass dieses Problem im Kielwasser des Berliner Volksbegehrens wieder &ouml;ffentlich diskutiert wird. 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