{"id":51200,"date":"2019-04-28T11:45:16","date_gmt":"2019-04-28T09:45:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51200"},"modified":"2019-04-29T07:39:06","modified_gmt":"2019-04-29T05:39:06","slug":"das-scheinbar-ganz-normale-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51200","title":{"rendered":"Das scheinbar ganz normale Leben"},"content":{"rendered":"<p>Wolfgang Bittners Roman &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo; ist ein St&uuml;ck fesselnd geschriebener Zeitgeschichte. Dem Autor gelingt es, Privates mit gesellschaftlichen Ereignissen zu verkn&uuml;pfen und ein reales Mosaik des gesellschaftlichen Klimas der Kriegs- und Nachkriegszeit entstehen zu lassen. Eine Rezension von <strong>Winfried Wolk<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Banausen und Spie&szlig;b&uuml;rger, wohin man blickt&ldquo;, l&auml;sst Wolfgang Bittner fast am Ende seines Romans den Gro&szlig;vater zu seinem Enkel sagen. Da leben sie schon jahrelang im Westen Deutschlands, weit von der verlorenen Heimat entfernt und das Kind, die Hauptperson des Romans, ist schon zw&ouml;lf Jahre alt. <\/p><p>Im Jahre 1941 in einer gutb&uuml;rgerlichen deutschen Familie in Gleiwitz in Oberschlesien geboren, erlebt es wie die meisten der in Deutschland in diesen Jahren Geborenen eine Zeit, die anfangs noch scheinbar normal, immer weiter au&szlig;er Rand und Band ger&auml;t und letztlich in einer unaufhaltsamen und ewig nachwirkenden Katastrophe endet. Das desastr&ouml;se Kriegsende hat die einstmals eng beieinander lebende Familie weit im Land verstreut, den einstigen Besitz der Angeh&ouml;rigen, Freunde und Verwandten und deren Lebensprogramme vernichtet.<\/p><p><strong>Der Wahnsinn des Krieges &ndash; Aus Sicht eines Kindes<\/strong><\/p><p>Das Kind erlebt den Wahnsinn dieser Zeit, auch wenn es von Vielem die Bedeutung noch gar nicht kennt, gar nicht kennen kann. Es sieht M&auml;nner, denen Gliedma&szlig;en fehlen und die m&uuml;hsam an Kr&uuml;cken gehen, erlebt die Tante, die eine Vergewaltigung erleidet und nur schwer verkraftet, sp&uuml;rt die Angst der Erwachsenen beim Einschlag der Bomben, &uuml;bersteht die heillose Flucht auf dem Zugdach, &Uuml;berfall und Gewalt, Mord und Totschlag. Alles das wird f&uuml;r das Kind das scheinbar ganz normale Leben. Bittner gelingt es auf gro&szlig;artige Weise, Privates mit den gesellschaftlichen Ereignissen so zu verkn&uuml;pfen, dass ein bestechend reales Mosaik des gesellschaftlichen Klimas der Zeit sichtbar wird. <\/p><p>In den vielen, oft kontroversen Diskussionen der Erwachsenen holt der Autor wichtige historische Details ans Licht, die uns heute einen Blick auf die oft wenig bekannten oder gern verdr&auml;ngten Fakten erlauben, und offenbart auf diese Weise oft lange Zeit verborgene Hintergr&uuml;nde der Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Tatsache, dass Viele gern bis zuletzt den optimistischen Prophezeiungen glauben und damit der verbreiteten Propaganda zum Opfer fallen, auch wenn die Fakten ganz andere Erkenntnisse nahelegen, ist ein Ph&auml;nomen, das wahrscheinlich zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft die Durchsetzung noch so absurder Ziele erm&ouml;glicht.<\/p><p>Die unglaubliche Katastrophe dieses Krieges verhinderte auch ganz kurz nach seinem Ende nicht, dass sich die von den westlichen Siegerm&auml;chten neu gegr&uuml;ndete Bundesrepublik Deutschland ohne gr&ouml;&szlig;eren Widerstand in einen neuen, kalten Krieg verwickeln l&auml;sst, von den vielen als &bdquo;Mitl&auml;ufer&ldquo; reingewaschenen Altnazis dankbar bef&ouml;rdert.<\/p><p><strong>Das alte und das neue Feindbild: die Sowjetunion<\/strong><\/p><p>Zwar sind die Wunden noch lange nicht verheilt, die aus den verlorenen Ostgebieten Vertriebenen l&auml;ngst nicht integriert, schon wird gegen alle Logik und wider jede Vernunft ein neues Feindbild projiziert. Es ist bemerkenswerterweise das altbekannte, bereits vom besiegten faschistischen Deutschland propagandistisch verteufelte geblieben: die Sowjetunion, der ehemalige Kriegsverb&uuml;ndete der westlichen alliierten Siegerm&auml;chte.<\/p><p>Vertragsbr&uuml;chig wurde dieses Land im Geburtsjahr des Kindes von der deutschen Wehrmacht &uuml;berfallen. 27 Millionen Tote hat Deutschland dort zu verantworten. Wiederbewaffnung und der Eintritt in die neugeschaffene westliche Kriegskoalition, die sich nun allerdings viel wohlklingender &bdquo;Verteidigungsb&uuml;ndnis&ldquo; nennt, schaffen handfeste Fakten. Die Frontlinie l&auml;uft nun mitten durch Deutschland und macht die verordnete Teilung endg&uuml;ltig. Auch wenn sich im Lande nun das Leben langsam normalisiert und der Hunger kaum noch qu&auml;lt, wird das Kind noch lange die Schimpfworte &bdquo;Polacke&ldquo; und &bdquo;Rucksackgesindel&ldquo; zu h&ouml;ren bekommen.<\/p><p><strong>Altnazis, Trauma, Flucht<\/strong><\/p><p>Die Wendung strammer Nazis zu neudemokratischen B&uuml;rgern erlebt er unmittelbar in seinem Schulalltag. Doch nicht nur das, die Folgen der eigenen Traumatisierung durch erlebten Krieg und Flucht, die auch die Eltern erheblich aus der Bahn geworfen haben, wird das Kind, das mittlerweile ein Junge geworden ist, ein Leben lang pr&auml;gen und begleiten. Den sp&auml;teren Erwachsenen wird das Erlebte empfindsam machen f&uuml;r die L&uuml;gen, mit denen immer wieder noch so abstruse Entscheidungen begr&uuml;ndet werden.<\/p><p>Er wird einen Weg finden, sich zur Wehr zu setzen, seine Erkenntnisse und Wahrheiten zu verbreiten, um Anderen die Augen zu &ouml;ffnen. Er hat das als eine wichtige Aufgabe von Menschen dieses Geburtsjahrgangs verstanden, denn es gibt leider immer noch und immer wieder &bdquo;Banausen und Spie&szlig;b&uuml;rger, wohin man blickt&ldquo;.<\/p><p>Der Roman &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo; von Wolfgang Bittner ist ein St&uuml;ck fesselnd geschriebener, Augen &ouml;ffnender Zeitgeschichte, den man nur ungern aus der Hand legt.<\/p><p>Titelbild: Verlag Zeitgeist<\/p><p><em>Wolfgang Bittner, &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo;, Roman, Verlag zeitgeist Print &amp; Online, H&ouml;hr-Grenzhausen 2019, 352 Seiten, 21,90 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Bittners Roman &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo; ist ein St&uuml;ck fesselnd geschriebener Zeitgeschichte. 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