{"id":5123,"date":"2010-04-09T09:07:18","date_gmt":"2010-04-09T07:07:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5123"},"modified":"2014-08-07T14:26:39","modified_gmt":"2014-08-07T12:26:39","slug":"rezension-mythen-der-krise-einsprueche-gegen-falsche-lehren-aus-dem-grossen-crash","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5123","title":{"rendered":"Rezension: Mythen der Krise \u2013 Einspr\u00fcche gegen falsche Lehren aus dem gro\u00dfen Crash"},"content":{"rendered":"<p>Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist noch lange nicht &uuml;berwunden, und der Kampf um die Deutungshoheit der Ursachen ist in vollem Gang. Die Nachdenkseiten haben bereits oft auf verschiedene Legenden hingewiesen, die um das Thema Finanzkrise gesponnen werden. Der Kampf um die Deutungshoheit folgt einem klaren Kalk&uuml;l: Wer soll die Kosten der Krise tragen? Aus diesem Anlass haben der Beirat f&uuml;r gesellschafts-, wirtschafts- umweltpolitische Alternativen (BEIGEWUM) und ATTAC &Ouml;sterreich das Buch &bdquo;Mythen der Krise. Einspr&uuml;che gegen falsche Lehren aus dem gro&szlig;en Crash&ldquo; herausgegeben, das Katharina Muhr f&uuml;r die Nachdenkseiten rezensiert hat.<br>\n<!--more--><br>\nDie &ouml;ffentliche Debatte und die aktuelle Berichterstattung, Diskussionen und Analysen &uuml;ber Ursachen, Verlauf und L&ouml;sungsans&auml;tze der Finanz- und Wirtschaftskrise l&ouml;sen bei vielen Menschen Unbehagen aus: Man sp&uuml;rt die Meinungsmache f&ouml;rmlich. Es fehlen aber oft fundierte Hintergrundinformationen, um die Zusammenh&auml;nge zu verstehen. Die Nachdenkseiten leisten hier seit langem einen Beitrag zur Aufkl&auml;rung. Das nun im VSA erschienene Buch &bdquo;Mythen der Krise&ldquo; tut dies ebenfalls. <\/p><p>Das Buch wurde von einem AutorInnenkollektiv kritischer &Ouml;konomInnen und SozialwissenschaftlerInnen geschrieben und richtet sich bewusst nicht an die scientific community. So wird in der Einleitung das Ziel formuliert zu &bdquo;einer breiteren wirtschaftlichen Bildung beizutragen, die sich gegen vermeintliches ExpertInnenwissen behaupten kann&ldquo;. Ein zentrales Anliegen ist es, vor allem auch Nicht-&Ouml;konomInnen fundiertes Hintergrundwissen und Argumentationslinien f&uuml;r die allt&auml;gliche Krisendiskussion bereitzustellen. <\/p><p>Mythen der Krise will &bdquo;g&auml;ngige Argumentationsmuster der Krise auf ihre Plausibilit&auml;t hin durchleuchte[n] und Gegenargumente&ldquo; suchen, hei&szlig;t es vielversprechend in der Einleitung. Dazu werden im Folgenden 18 kursierende Mythen kritisch hinterfragt, die den drei Themenbl&ouml;cken &bdquo;Krisenursachen&ldquo;, &bdquo;Krisendynamiken&ldquo; und &bdquo;Krisenl&ouml;sungen&ldquo; zugeordnet wurden. <\/p><p>Wenn in der Einleitung darauf hingewiesen wird, dass insbesondere zu Beginn der Krise die herrschenden wirtschaftspolitischen Theorien in Frage gestellt wurden, so darf man sich hier keine Einf&uuml;hrung in eine neue wirtschaftspolitische Theorie erwarten. Dies kann und will das Mythen-Buch nicht leisten. Es geht vielmehr darum kurz und verst&auml;ndlich den theoretischen Hintergrund darzustellen, in dem die aktuellen wirtschaftspolitischen Debatten einzuordnen sind. <\/p><p>Durch das gesamte Buch hinweg wird immer wieder versucht mit dem Opfer-T&auml;ter Schema, das die Finanz- und Wirtschaftskrise beinahe zu einer der spannendsten Kriminalgeschichten des 21. Jahrhunderts gedeihen lassen k&ouml;nnte, zu brechen. Unter anderem folgende Mythen werden in diesem Zusammenhang aufgehoben: &bdquo;Europa ist nur ein Opfer der Krise in den USA&ldquo;; &bdquo;Die &raquo;braven&laquo; Banken sind unschuldige Opfer&ldquo; oder &bdquo;Die Gier der Bankvorst&auml;nde hat die Finanzkrise verursacht&ldquo;. Platte, zum Teil populistische Aussagen im Opfer-T&auml;ter Schema sind im Verst&auml;ndnis der AutorInnen unzureichend. Stattdessen werden systematische Zusammenh&auml;nge aufgezeigt und wirtschaftspolitische L&ouml;sungen angeboten. Die Verkettung des gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems wird als komplexes Ph&auml;nomen analysiert.<\/p><p>Eine St&auml;rke des Buches liegt darin, dass neben der Auseinandersetzung mit kursierenden Mythen auch neue bzw. in der Mainstream-Diskussion unterbelichtete Dimensionen in die Debatte um die Krise eingebracht werden. So wird der Finanzsektor nicht als geschlossenes System behandelt, er wird vielmehr als Teil des gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems betrachtet. Zudem lautet eine durchg&auml;ngige Argumentation, dass wesentliche Krisenursachen in der ungleichen Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung und den zu geringen staatlichen Aktivit&auml;ten in der L&ouml;sung der sozialen Frage zu finden sind.<\/p><p>Die Behandlung dieser &bdquo;Wurzeln&ldquo; der Krise spielt unter anderem bei der Aufkl&auml;rung folgender Mythen eine Rolle: &bdquo;Die Einkommensverteilung war nicht das Problem&ldquo;; &bdquo;Zur staatlichen Bankenrettung gab es keine Alternative&ldquo;; &bdquo; Die Zinspolitik der US- Zentralbank war falsch&ldquo;; &bdquo;Die Konjunkturpakete waren riesig und gef&auml;hrden die Staatsfinanzen&ldquo; oder &bdquo;Alle m&uuml;ssen den G&uuml;rtel enger schnallen&ldquo;. <\/p><p>Das Buch bleibt nicht auf der Ebene einer rein deskriptiven Darstellung der Ursachen und des Verlaufs der Krise stehen. Insbesondere im letzten Abschnitt wird nach L&ouml;sungen gesucht und auch intensiver darauf eingegangen, mit welchen Argumenten man sich f&uuml;r die Diskussion rund um die Sparzw&auml;nge, die im Zuge der Krisenfinanzierung propagiert werden, wappnen kann. <\/p><p>Bei der Lekt&uuml;re erh&auml;lt man insgesamt den Eindruck, dass es ein Hauptanliegen des Buches ist, mit dem &bdquo;Generalmythos&ldquo; aufzur&auml;umen, die Finanzkrise habe isoliert auf dem Finanzsektor ihre Wurzeln und deshalb seien ihr Verlauf und die L&ouml;sungsans&auml;tze ausschlie&szlig;lich auf diesem Sektor zu suchen. Es wird massiver Einspruch dagegen erhoben, dass eine alleinige Neuregulierung des Finanzsektors zu einem &bdquo;krisenfesten&ldquo; und ausgeglichenem System f&uuml;hren wird. Ohne eine insgesamt gest&auml;rkte Rolle des Staates, Umverteilung bei Verm&ouml;gen- und Einkommen sowie der Behandlung der sozialen Frage werden wir den Krisenstatus nicht in Richtung eines nachhaltigen Systems verlassen k&ouml;nnen, so der Grundtenor. <\/p><p>Die Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Umverteilung der Einkommen- und Verm&ouml;gen, alternative Konjunkturpakete sowie eine sozial gerechte Budgetkonsolidierung sind im Buch relativ ausgereift. Weitgehend offen bleibt allerdings die Frage, wie konkrete L&ouml;sungsans&auml;tze aussehen k&ouml;nnten, um dem Finanzsektor tats&auml;chlich nach dem Verursacherprinzip zur Kasse zu bitten, welche Elemente eine sinnvolle Bankenregulierung enthalten soll und welche Auflagen bei einer staatlichen Bankenrettung tats&auml;chlich sinnvoll erscheinen. <\/p><p>Das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe finden Sie unter <a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/books.php?kat=ta&amp;isbn=978-3-89965-373-1\">folgendem Link<\/a>.<\/p><p><em><strong>&bdquo;Mythen der Krise. Einspr&uuml;che gegen falsche Lehren aus dem gro&szlig;en Crash&ldquo;<\/strong><br>\nHerausgegeben vom Beirat f&uuml;r gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen und von Attac &Ouml;sterreich<br>\nVSA Verlag, 128 Seiten (Februar 2010)<br>\nEUR 10.80<br>\nISBN 978&ndash;389965&ndash;373-1<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist noch lange nicht &uuml;berwunden, und der Kampf um die Deutungshoheit der Ursachen ist in vollem Gang. Die Nachdenkseiten haben bereits oft auf verschiedene Legenden hingewiesen, die um das Thema Finanzkrise gesponnen werden. Der Kampf um die Deutungshoheit folgt einem klaren Kalk&uuml;l: Wer soll die Kosten der Krise tragen? 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