{"id":5128,"date":"2010-04-10T10:09:28","date_gmt":"2010-04-10T08:09:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5128"},"modified":"2014-08-07T14:37:33","modified_gmt":"2014-08-07T12:37:33","slug":"das-bankentribunal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5128","title":{"rendered":"Das Bankentribunal"},"content":{"rendered":"<p>Vom 9. bis 11. April 2010 veranstaltet Attac Deutschland in Zusammenarbeit mit der Berliner Volksb&uuml;hne ein &ouml;ffentliches Tribunal, das die Ursachen des Finanzcrashs, die Beugung der Demokratie durch fragw&uuml;rdige Rettungsma&szlig;nahmen und die fahrl&auml;ssige Vorbereitung neuer Krisen &ouml;ffentlichkeitswirksam beleuchten soll. Die Er&ouml;ffnungsrede von Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\nWir sind hier zusammengekommen, um das Finanzsystem und die mit ihm eng verflochtenen Politiker, Experten und Meinungsmacher f&uuml;r ihre Verfehlungen anzuklagen. F&uuml;r Machenschaften durch die weit gr&ouml;&szlig;ere und schwerer zu behebende Sch&auml;den verursacht worden sind als durch alle anderen &bdquo;Kapital&ldquo;verbrechen zusammen. Im Vergleich zu den weltweiten verheerenden Auswirkungen der Finanzkrise erscheinen die schon schlimmen Sch&auml;den, die durch organisierte Kriminalit&auml;t oder Mafia verursacht werden, nur noch wie Mundraub. <\/p><p>Es sind nicht nur Verm&ouml;genssch&auml;den in drei- oder gar vierstelliger Milliardenh&ouml;he entstanden, die Existenz von Millionen von Menschen wurde bedroht, ihre Arbeitspl&auml;tze und ihre soziale Sicherheit wurden aufs Spiel gesetzt, Familien wurden zerst&ouml;rt und die k&ouml;rperliche und seelische Gesundheit zahlloser Kinder und Erwachsener gesch&auml;digt. Noch ist nicht abzusehen wie hoch &uuml;ber die schon geleisteten Milliardenzusch&uuml;sse und unfassbar hohen Kreditgarantien hinaus die &ouml;ffentlichen Kassen in den n&auml;chsten Jahren ausgepl&uuml;ndert werden, doch schon jetzt ist klar, dass der gr&ouml;&szlig;te Teil der Schuldenlast von denjenigen abgetragen werden muss, die mit der Finanzwirtschaft allenfalls dadurch in Ber&uuml;hrung kamen, dass sie einen Kredit aufnehmen mussten. Noch viele Generationen werden an den Schulden und  Zinslasten zu tragen haben.<\/p><p>Leider erheben weder die Volksvertretungen, noch Gerichte im Namen des Volkes Anklage. Offenbar muss das Volk selbst Anklage erheben. Und welcher Ort w&auml;re dazu passender als eine &bdquo;Volks&ldquo;b&uuml;hne. <\/p><p>Wir f&uuml;hlen uns aufgefordert und erm&auml;chtigt anzuklagen durch unser Grundgesetz. Dort hei&szlig;t es im Artikel 20: &bdquo;Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.&ldquo; Angesichts des Versagens der zur Kontrolle und Abhilfe berufenen Institutionen, ja noch mehr, ihrer Mitt&auml;terschaft oder Beihilfe zu den kriminellen Machenschaften, bleibt nur der Weg, dass das Volk selbst seine Souver&auml;nit&auml;t zur&uuml;ckholt und selbst Anklage erhebt. Es gibt ihn noch, den Aufstand des Volkes. Dieses Signal soll vom attac-Bankentribunal ausgehen.<\/p><p>Die Veranstalter haben mich zwar gebeten, keine Redezeit mit Danksagungen zu vergeuden, aber ich denke, ich spreche in Ihrer aller Namen, wenn ich attac, der Volksb&uuml;hne und allen Unterst&uuml;tzerinnen und Unterst&uuml;tzern f&uuml;r ihre monatelange Vorarbeit herzlich daf&uuml;r danke, dass sie dieses Tribunal m&ouml;glich gemacht haben. Und ich danke allen Zeuginnen und Zeugen und allen Sachverst&auml;ndigen f&uuml;r ihre Teilnahme.<\/p><p>Die hier Versammelten repr&auml;sentieren keine Staats- oder Wirtschaftsmacht, aber wir haben einen unsch&auml;tzbaren Vorteil: Wir sind frei von finanziellen und sonstigen Interessen. Wir sind unabh&auml;ngig. Wir sind Mitbetroffene. Das gibt uns die Legitimit&auml;t das Komplott von Finanzkapital, Politik und ver&ouml;ffentlichter Meinungsmacht zu Lasten von Abermillionen von Menschen aufzukl&auml;ren. Wir wollen Sachverhalte an- und aussprechen, die von den Machteliten verschwiegen oder verschleiert werden. Wir verstehen uns als Anw&auml;lte der Opfer und wollen der gro&szlig;en Mehrheit der Betroffenen eine Stimme verleihen, damit diese Mehrheit ermutigt wird, ihre Interessen gegen die nur vermeintlich M&auml;chtigen durchzusetzen. Wir wollen zeigen, wie unser Land und der allergr&ouml;&szlig;te Teil der anderen L&auml;nder in der Welt in die F&auml;nge einer skrupellosen Finanzwirtschaft geraten ist, die der Logik der Mafia folgend  ihren wahren Charakter verbirgt.<\/p><p>Das Kriminalst&uuml;ck spielte sich nicht in einer zwielichtigen Unterwelt ab, sondern in den feinsten Kreisen der Chefetagen dieser Welt. Die Leute, die bis zum 400-fachen eines Durchschnittsverdieners absahnten, wurden als &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; sogar insgeheim bewundert und h&ouml;chste Repr&auml;sentanten des Staates richteten f&uuml;r sie Geburtstagspartys aus. Die mafi&ouml;sen Gesch&auml;fte konnten florieren, weil gerade die verm&ouml;genden Eliten ein Interesse am &bdquo;schnellen Geld&ldquo; haben und hatten. <\/p><p>Die &bdquo;Schurkenwirtschaft&ldquo; verbarg sich unter dem Deckmantel der &bdquo;freien Marktwirtschaft&ldquo;. Einer Marktwirtschaft, die sich gest&uuml;tzt auf das Dogma der Deregulierung aller Regeln entledigt hat. Gro&szlig;e Teile der Bankenwelt haben sich von den demokratischen Institutionen und von der Gesellschaft abgekoppelt und jenseits des Zugriffs der Gerichtsbarkeit eine geradezu neofeudale Herrschaft der hemmungslosen Profitgier etabliert. Banker verrichteten &bdquo;Gottes Werk&ldquo; meinte der Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein. Uners&auml;ttliche Zocker stilisierten sich zu &bdquo;Meistern des Universums&ldquo;, die keinerlei Unrechtsbewusstsein mehr plagte und die der arroganten Auffassung sind, dass Regeln nur noch f&uuml;r &bdquo;die da unten&ldquo; gelten. <\/p><p>Es wird die schwierige Aufgabe dieses Tribunals sein, die Charaktermasken herunter zu rei&szlig;en und das wahre Gesicht der T&auml;ter und ihrer Helfershelfer sichtbar zu machen. <\/p><p>Es fehlt zwar nicht an einzelnen kritischen Analysen und aufkl&auml;renden Einzelstimmen, aber <strong>das Bankentribunal ist unersetzlich<\/strong>, weil es der bisher erste gemeinsame Versuch ist, der Moral und der Gerechtigkeit auch in der &Ouml;ffentlichkeit wieder zum Durchbruch zu verhelfen.<br>\n<strong>Jemand muss es ja tun<\/strong>, denn bei der Aufkl&auml;rung dieses Komplotts und schon gar bei seiner Bek&auml;mpfung haben bisher nahezu alle versagt: Die Banken ohnehin, die Politik, die Justiz, die Wissenschaft und auch die Medien.<\/p><p><strong>Das Bankentribunal ist unersetzlich, denn den Bankern geht es fast ausschlie&szlig;lich ums Vertuschen.<\/strong> Die Finanzinvestoren haben im landl&auml;ufigen Sinne belogen und betrogen und sie haben es geschafft, uns alle zu berauben, in dem sie ihre Riesengewinne privatisierten und ihre Verluste zu sozialisieren versuchen. <\/p><p>Viele Finanzberater wussten oder ahnten von den Risiken der Zertifikate, die sie als Vertrauenspersonen f&uuml;r ihre Kunden anboten, aber sie lebten von den Verkaufsprovisionen und vielfach standen sie wie Dr&uuml;ckerkolonnen unter massivem Verkaufsdruck ihrer Bosse. Sie nutzten ihre Autorit&auml;t und spiegelten falsche Sicherheit vor und sie verschafften sich und anderen damit Vorteile.<br>\nDas erf&uuml;llt den Tatbestand des Betrugs. <\/p><p>Die Banken haben faule Hypothekenkredite zusammen gepackt und als rentierlich innovative Finanzprodukte gehandelt. Und wieder andere haben diese geb&uuml;ndelten faulen Forderungen, von denen sie eigentlich wissen mussten, dass sie ihren Preis nicht wert waren, weiterverkauft.<br>\nIn der Umgangssprache nennt man das Hehlerei.<\/p><p>Dass die Banker genau wussten, was sie taten, zeigte sich sp&auml;testens als die von ihnen ausgebrachten Kettenbriefe aufgeflogen sind. Pl&ouml;tzlich haben sie sich selbst nicht mehr &uuml;ber den Weg getraut und sich nicht einmal mehr untereinander Geld geliehen. <\/p><p>Dem Betrug und der Hehlerei folgte die Erpressung.<br>\nWie etwa im Protokoll der zum Drama hochgespielten Nachtsitzung anl&auml;sslich der Rettung der Hypo Real Estate nachzulesen ist, drohte der Deutsche Bank-Chef Ackermann mit dem &bdquo;Tod des deutschen Bankensystems&ldquo; als er und die versammelten Top-Banker der Kanzlerin und dem Finanzminister &uuml;ber Telefon die erste Rate von 8,5 Milliarden Staatsgelder abpresste. Dass das nur die erste Abschlagszahlung war, das wussten die versammelten Banker mit ziemlicher Sicherheit schon an diesem Abend.<\/p><p>Sich durch Androhung eines empfindlichen &Uuml;bels zu Lasten eines anderen zu bereichern, das erf&uuml;llt den Tatbestand der Erpressung.<\/p><p>Den weiteren Verlauf kennen wir: Im Hau-Ruck-Verfahren unter ma&szlig;geblicher Anleitung der Banker wurde ein sog. Bankenrettungsschirm aufgeklappt mit 400 Milliarden als Refinanzierungsgarantie, 80 Milliarden Kapitalhilfen und einem Stabilisierungsfonds von bis zu 100 Milliarden.<\/p><p>Das Parlament hat sich bei diesen epochalen Entscheidungen selbst entmachtet und bis heute ist der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung &ndash; SoFFin &ndash; einer echten demokratischen Kontrolle entzogen. &Uuml;ber eine halbe Billion an Steuergeldern &ndash; das ist mehr als das Anderthalbfache des Bundeshaushalts und mehr als ein F&uuml;nftel der Jahresleistung unserer gesamten Volkswirtschaft &ndash;   wird quasi ohne &ouml;ffentliche Kontrolle von einem Netz von Verursachern der Krise verf&uuml;gt.  <\/p><p>Eine kurze Weile backten die Banker kleine Br&ouml;tchen. Man r&auml;umte &bdquo;Fehleinsch&auml;tzungen&ldquo; und &bdquo;Irrt&uuml;mer&ldquo; ein, von individueller Schuld oder gar kriminellen Handlungen war allerdings nie die Rede. Nach dem ersten Schock wurde das havarierte System bald wieder verteidigt &ndash; zumal die deutschen Banker es schafften, den &ouml;ffentlichen Eindruck zu erwecken, dass sie selbst mit dem Entstehen der Finanzkrise nicht das Geringste zu tun hatten.<br>\nAckermann protzt schon wieder mit zweistelligen Renditezielen und kassiert 9,4 Millionen Euro im Krisenjahr.<br>\nEinige wenige Vorst&auml;nde traten zur&uuml;ck oder wurden zur&uuml;ckgetreten, aber mit der faulen Ausrede, sie tr&uuml;gen keinerlei pers&ouml;nliche Schuld, kassieren sie schamlos ihre &bdquo;Erfolgstantiemen&ldquo; und ihre millionenschweren Abfindungen &ndash; teilweise sogar finanziert aus den staatlichen Hilfsgeldern.<br>\nVon den Bankern Aufkl&auml;rung oder gar Abhilfe zu erwarten, hie&szlig;e die Fr&ouml;sche zu befragen, ob der Sumpf trocken gelegt werden darf.<\/p><p><strong>Das Bankentribunal ist unersetzlich, denn mit der Aufkl&auml;rungsbereitschaft der Politik sieht es nicht besser aus. &bdquo;Jemand muss es tun&ldquo;, hei&szlig;t es im Aufruf.<\/strong><br>\nAuch die verantwortlichen Politiker tun so, als h&auml;tten sie mit den Ursachen des Bankenkollapses nichts zu tun, ja &ndash; noch mehr &ndash;  sie lassen sich als Retter feiern. Dabei hatten sie auf vielf&auml;ltige Weise die Roulettemaschine des Casinos erst richtig in Schwung gebracht.<br>\nVon 2001 bis Oktober 2008 wurden insgesamt 35 Gesetze und Ma&szlig;nahmen zur F&ouml;rderung des Finanzsektors durch das Parlament geschleust. Hans Eichel, Peer Steinbr&uuml;ck, J&ouml;rg Assmussen und nicht zuletzt die Kanzlerin haben das hohe Lied auf den Finanzplatz Deutschland gesungen.<br>\nIch verweise auf die Anklageschrift.<\/p><p>Ab 2002 bedurfte die Forderungsverwaltung durch ausgelagerte <strong>Zweckgesellschaften<\/strong> keiner Erlaubnis mehr, ab 2003 wurden <strong>Verbriefungen<\/strong> gef&ouml;rdert und erleichtert, der Ankauf von Kreditforderungen eines Kreditinstituts durch eine Zweckgesellschaft wurde von der Gewerbesteuer und unter bestimmten Umst&auml;nden von der Umsatzsteuer befreit, ab 2004 wurden <strong>Hedgefonds<\/strong> zugelassen oder es wurden die <strong>Gewinne<\/strong> beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen <strong>steuerfrei<\/strong> gestellt und so das Auspl&uuml;ndern gesunder Betriebe geschmiert und  Millionen Arbeitspl&auml;tze vernichtet. <\/p><p>Bei der Gesetzgebung f&uuml;hrte die Finanzwirtschaft die Feder. Mitarbeiter von Finanzinstituten wurden in die Ministerien abgeordnet. Die Gesetzentw&uuml;rfe schrieben oft die Gleichen, die vorher und nachher die Banken berieten.<br>\nIm Standesrecht von Anw&auml;lten nennt man das &bdquo;Parteiverrat&ldquo;.<\/p><p>Die Politik und die etablierten Parteien haben Hand- und Spanndienste f&uuml;r hochqualifizierte Verschw&ouml;rer geleistet. Ja noch mehr, viele Politiker sa&szlig;en w&auml;hrend und nach ihrer Amtszeit mit im Boot der Spekulanten. Der ehemalige Superminister Wolfgang Clement bei der Citigroup, der ehemalige wirtschaftspolitische Sprecher der CDU Friedrich Merz beim Hedgefonds TCI. Die Liste der zu nennenden Namen sprengte meine Redezeit. <\/p><p>Mit dem fr&uuml;heren Chefvolkswirt der Europ&auml;ischen Zentralbank Otmar Issing &ndash; er war sp&auml;ter Berater des gefr&auml;&szlig;igsten Haifischs Goldman Sachs &ndash; machte die Kanzlerin den Bock zum G&auml;rtner: Angela Merkel berief ihn zum Vorsitzenden der Kommission zur Reform der internationalen Finanzm&auml;rkte. <\/p><p>Um von ihrem vorausgegangenen Tun abzulenken, haben uns Politiker den B&auml;ren aufgebunden, die Finanzkrise komme aus den USA, sie habe uns &uuml;berfallen wie ein &bdquo;Springinsfeldteufel&ldquo; &ndash; so redete etwa der Angeklagte Steinbr&uuml;ck. Alle diese Ausfl&uuml;chte waren glatt gelogen: Schon im Februar 2003 berichtete das Handelsblatt, dass Steinbr&uuml;cks Amtsvorg&auml;nger, Hans Eichel zusammen mit Schr&ouml;der und Clement mit den Spitzen von Banken und Versicherungen im Geheimen zusammentrafen, um &uuml;ber die Gr&uuml;ndung einer Bad Bank zu beraten. Schon damals sch&auml;tzten Fachleute den Bestand der deutschen Banken an &bdquo;notleidenden Krediten&ldquo; auf 150 bis 160 Milliarden Euro.<\/p><p>Das rafinierteste Gauklerst&uuml;ck war die Erfindung des Begriffs &bdquo;systemrelevant&ldquo;. Banken, die &bdquo;systemzerst&ouml;rend&ldquo; handelten, wurden f&uuml;r &bdquo;systemrelevant&ldquo; erkl&auml;rt. Unter dem Tarnwort &bdquo;systemisches Risiko&ldquo; organisierte der Staat eigentlich strafbare Insolvenzverschleppungen zahlreicher Banken.<br>\nKaum jemand wagt es zu sagen, dass dem &bdquo;systemischen Risiko&ldquo; eine &bdquo;systemische politische Korruption&ldquo; vorausging.<br>\nBis heute h&auml;lt die Regierung die Namen der Gl&auml;ubiger geheim, die auf Staatskosten bedient wurden. Die B&uuml;rger m&uuml;ssen bluten, aber f&uuml;r wen, das sollen sie nicht wissen.<\/p><p><strong>Das Bankentribunal ist unersetzlich, weil die Justiz ihre H&auml;nde in Unschuld w&auml;scht.<\/strong><br>\nDie origin&auml;re Aufgabe des Rechts ist der Schutz des friedlichen Zusammenlebens der Menschen. Kaum etwas anderes aber hat in j&uuml;ngerer Zeit den inneren Frieden der Gesellschaft so zerr&uuml;ttet wie die Finanzkrise.<br>\nDie Wiedergutmachung eines Schadens geh&ouml;rt zu den grundlegenden Rechtsprinzipien.<br>\nDie Straftatbest&auml;nde der Untreue, des Betrugs, der Hehlerei und der Erpressung sind erf&uuml;llt, doch der &bdquo;h&ouml;lzerne Handschuh&ldquo; des Strafrechts packt nicht zu. Die wenigen bisherigen Strafverfahren lassen nicht erwarten, dass je ein Bankvorstand oder je ein Politiker f&uuml;r eingetretene Verluste bestraft w&uuml;rde, geschweige denn daf&uuml;r haften m&uuml;sste.<br>\nGegen Systemkriminalit&auml;t gibt es offenbar kein Sanktionsrepertoire. Die unerh&ouml;hte H&ouml;he der Sch&auml;den, &uuml;bersteigt die Kraft einzelner Menschen zur Kompensation.<br>\nDem &bdquo;Too big to fail&ldquo; folgt das &bdquo;too big for justice&ldquo;. <\/p><p>Polizei, Staatsanwaltschaften, Richter sind ma&szlig;los &uuml;berfordert, einzelnen Verantwortlichen Rechtswidrigkeit und Schuld nachzuweisen. Die Justiz verirrt sich in einem undurchdringlichen Gestr&uuml;pp von Rechtsvorschriften und sie ertrinkt in einem Meer von Beweismaterial. <\/p><p>Zwischen Strafjustiz und den Bankern besteht ohnehin keine Waffengleichheit. Die Banker r&uuml;cken mit ganzen Kolonnen h&ouml;chstbezahlter Anw&auml;lte an, dagegen sind die Staatsanw&auml;lte meist machtlos. <\/p><p>Und sollte es tats&auml;chlich einmal zu einer Verurteilung kommen, so verweisen die Angeklagten sp&auml;testens in der Revisionsinstanz auf die Gutachten von Wirtschaftspr&uuml;fern, auf die sie sich verlassen konnten, und die Richter greifen dann &ndash; wie im Fall Vodafone bei Ackermann &ndash; auf das Rechtskonstrukt des &bdquo;unvermeidbaren Verbotsirrtums&ldquo;. Das hei&szlig;t, die Richter k&ouml;nnen nicht zweifelsfrei nachweisen, dass den Angeklagten eine Einsicht in ihr unrechtes Tun m&ouml;glich war. <\/p><p><strong>Das Bankentribunal ist unersetzlich, weil die Wissenschaft versagt hat.<\/strong><\/p><p>Es waren nur ganz wenige Wirtschaftswissenschaftler, die vor einer Krise gewarnt haben, die allermeisten wurden von der Krise v&ouml;llig &uuml;berrascht oder noch mehr: sie wollten von Krisengefahren nichts wissen. <\/p><p>Die radikalsten Marktliberalen unter ihnen blicken bis heute nicht &uuml;ber ihre ideologischen Scheuklappen hinaus und erkl&auml;ren die Finanzmarktkrise schlichtweg als Staatsversagen. Niedrige Zinsen und Geldvermehrung der amerikanischen Zentralbank seien die eigentliche Ursache. <\/p><p>Wie in kaum einem anderen Land galt unter Deutschlands Wirtschafswissenschaftlern die absolut herrschende Meinung, dass die Finanzm&auml;rkte zu einer angemessenen Preisbildung f&uuml;hren, dass sich der Staat sich aus den M&auml;rkten m&ouml;glichst herauszuhalten hat und der freie Wettbewerb zu &bdquo;effizienten&ldquo; Ergebnissen f&uuml;hrt. Seit Jahrzehnten haben die Wirtschaftweisen des Sachverst&auml;ndigenrates, die Konjunkturforschungsinstitute und die allermeisten wirtschaftswissenschaftlichen Lehrst&uuml;hle nichts Wichtigeres zu tun, als dieses Dogma zu verteidigen und der Politik anzudienen. <\/p><p>Die Herde trieb zu Lohndumping, Unternehmenssteuersenkungen, Deregulierung, Flexibilisierung. Privatisierung und  schwacher Sozialstaat galten als die Erfolgsrezepte im Standortwettbewerb. Diese Rezepte galten als &bdquo;alternativlos&ldquo;, ja Bundeskanzler Schr&ouml;der verstieg sich dazu, sie als &bdquo;objektiv notwendig&ldquo; zu erkl&auml;ren. Jedem Scheitern folgte nur eine Erh&ouml;hung der Dosis der alten Rezeptur.<\/p><p>In seinem unbelehrbaren Dogmatismus hat der Mainstream der Wirtschaftswissenschaft nicht nur die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit verraten, viele sog. &bdquo;unabh&auml;ngige&ldquo; Experten h&auml;ngen sogar unmittelbar am Brotkorb der Finanzwirtschaft und ihrer PR-Agenturen.<\/p><p>Die Finanzkatastrophe ist zugleich ein Fiasko ihrer Glaubenslehre. Sie m&uuml;sste die herrschende &Ouml;konomie in eine Sinnkrise gest&uuml;rzt haben. Doch geradezu &uuml;ber Nacht entpuppten sich einige ihrer &ouml;ffentlich herumgereichten Repr&auml;sentanten als Wendh&auml;lse und riefen nach dem vorher verteufelten Staat. Die meisten aus der Zunft der &Ouml;konomen blieben einfach nur ignorant. F&uuml;r sie gilt nach wie vor: Umso schlimmer f&uuml;r die Praxis, wenn sie unserer Theorie nicht entspricht.<\/p><p><strong>Das Bankentribunal ist unersetzlich, weil die Medien versagt haben. Sie waren Lemminge statt Wachhunde.<\/strong><br>\nWir haben die &bdquo;Meinungsmache&ldquo; auf unseren Nachdenkseiten vielfach belegt. Ich beschr&auml;nke mich auf das Fazit einer dieser Tage erschienen, gut belegten <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-kompakt.de\/abgeschlossene-projekte\/zivilgesellschaft\/projekte\/themen-wirtschaftsjournalismus-krise-politik-finanzmarktpolitik-massenmedien-demokratie.html\">Studie von Hans-J&uuml;rgen Arlt und Wolfgang Storz<\/a>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus stand dem globalen Finanzmarkt gegen&uuml;ber wie ein ergrauter Stadtarchivar dem ersten Computer mit einer Mischung aus Ignoranz und Bewunderung, ohne Wissen, wie er funktioniert, ohne Ahnung von den folgenreichen Zusammenh&auml;ngen, die sich aufbauen; im Zweifel schloss man sich der vorherrschenden Meinung an. Die weltweite Krise des Finanzmarktes, die globale Krise der Gro&szlig;en Spekulation, l&ouml;ste auch eine Krise des Wirtschaftsjournalismus aus&ldquo;.<\/p><\/blockquote><p>Wohlgemerkt, die Rede ist von den sog. Qualit&auml;tsmedien und nicht vom Kampagnenjournalismus etwa der Bild-Zeitung oder von Medien mit ausged&uuml;nnten Redaktionen bei denen sich die Grenzen zwischen Journalismus und der &Uuml;bernahme von Public-Relations-Beitr&auml;gen ohnehin zunehmend vermischen.<\/p><p>Die Kritik richtet sich nicht gegen die vielen Journalistinnen und Journalisten, die sich bem&uuml;hen, gute aufkl&auml;rende Arbeit zu leisten, die Schelte gilt der Verfassung des Journalismus und den Arbeitsbedingungen in den Redaktionen. <\/p><p>Die Medien selbst bieten bisher kein Forum, auf dem die Defizite in der Vergangenheit aufgearbeitet werden k&ouml;nnten. Wer klagt sich schon gerne selber an?                                                                              <\/p><p>Es w&auml;re unangemessen und anma&szlig;end, schon bei der Er&ouml;ffnung unseres Tribunals ein Urteil zu f&auml;llen. Wir sind gespannt auf die Pl&auml;doyers der Ankl&auml;ger und Verteidiger und setzen vor allem auch auf Ihre  Einlassungen  als Zeuginnen und Zeugen. <\/p><p>Unser Ziel muss sein, dass wir alle zu Zeugen der Anklage werden. Dass wir mit unserer Anklage wieder Ma&szlig;st&auml;be setzen, an denen Fehlverhalten gemessen werden kann, dass wir nicht nur auf das moralische Versagen Einzelner hinweisen, sondern dass wir auch tiefer sch&uuml;rfen und dem eigentlichen systemischen Risiko auf die Spur kommen. <\/p><p>Es w&auml;re ein Erfolg, wenn wir am Sonntag aus der &bdquo;Volks&ldquo;b&uuml;hne gingen und dem Volk wieder eine durchdringende Stimme geben k&ouml;nnten. Wir m&uuml;ssen uns und der ruhig gestellten Mehrheit der Betroffenen das Gef&uuml;hl der Ohnmacht nehmen. Denn Ohnmachtgef&uuml;hle lassen bekannterma&szlig;en Initiativen erlahmen, machen depressiv und apathisch. Das d&uuml;rfen wir nicht zulassen. Das w&auml;re ein doppelter Sieg f&uuml;r die Banker und ihre Handlanger. Das w&auml;re t&ouml;dlich f&uuml;r unser demokratisches Gemeinwesen.<br>\nDeshalb muss unser Tribunal das Fanal setzen, das den Menschen Mut macht und Selbstvertrauen gibt, sich zu wehren.<\/p><p>Unser Ziel muss es sein, unsere Kritik zu verdichten, um daraus Alternativen abzuleiten. Wir m&uuml;ssen Vorschl&auml;ge und &bdquo;konkrete Utopien&ldquo; erarbeiten, die die Menschen mitnehmen und ihnen wieder Hoffnung machen. Wir d&uuml;rfen also nach dem Tribunal nicht nachlassen. Es wird darauf ankommen, dass wir an einem Strang ziehen und unsere Netzwerke enger kn&uuml;pfen.<\/p><p>Das Wort &bdquo;Krise&ldquo; stammt ja aus dem Griechischen und bezeichnet den H&ouml;he- oder Wendepunkt einer gef&auml;hrlichen Entwicklung. Sorgen wir daf&uuml;r, dass wir mit dem Bankentribunal das katastrophale &bdquo;Weiter-so&ldquo; aufhalten und eine Wende zum Besseren einleiten. <\/p><p>Die Suche nach besseren Alternativen verlangt Kreativit&auml;t und f&uuml;r sch&ouml;pferische Kraft steht zuvorderst die Kunst.<br>\nLassen Sie uns heute Abend im Sinne Bertolt Brechts episch lernen von den K&uuml;nstlern der Volksb&uuml;hne, von dem genialen Sp&ouml;tter Urban Priol und von den kompromisslosen Wutausbr&uuml;chen Georg Schramms, der die Dinge viel besser auf den Punkt bringt, als eine noch so ausf&uuml;hrliche Rede.<br>\nIch danke Ihnen dennoch f&uuml;r Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit.<\/p><p><strong>Erg&auml;nzung:<\/strong> Die Er&ouml;ffnungsrede nun auch auf YouTube:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=p3wtSlUnnuw\">Teil 1<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iasfpgpGHhs\">Teil 2<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jtN5AF3VTLM\">Teil 3<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 9. bis 11. 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