{"id":5134,"date":"2010-04-12T08:45:49","date_gmt":"2010-04-12T06:45:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5134"},"modified":"2014-08-07T14:39:05","modified_gmt":"2014-08-07T12:39:05","slug":"alain-faujas-adrien-de-tricornot-die-neugeburt-oekonomischen-denkens-aus-der-asche-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5134","title":{"rendered":"Alain Faujas \/ Adrien de Tricornot: Die Neugeburt \u00f6konomischen Denkens aus der Asche der Krise"},"content":{"rendered":"<p>Wesentliche Inhalte eines in der &Ouml;konomie-Beilage der frz. Tageszeitung Le Monde vom 7.4.2010 erschienen Artikels. Originaltitel: <a href=\"http:\/\/www-org.lemonde.fr\/cgi-bin\/ACHATS\/acheter.cgi?offre=ARCHIVES&amp;type_item=ART_ARCH_30J&amp;objet_id=1120074\">&bdquo;Comment la pens&eacute;e &eacute;conomique rena&icirc;t des cendres de la crise&ldquo;<\/a>. &Uuml;bertragen von Gerhard Kilper.<br>\n<!--more--><\/p><p>Im Gefolge des im Jahr 1976 an Milton Friedman verliehenen Wirtschafts-Nobelpreises  setzte sich global das neoliberal-monetaristische Dogma als Main-Stream &ouml;konomischen Denkens durch. Der mit der Nobelpreisverleihung eingeleitete Dogmenwechsel wurde in den Industriel&auml;ndern von  Margret Thatcher (1979 bis 1990) und Ronald Reagan (1981 bis 1989) zuerst wirtschaftspolitisch umgesetzt. Der amerikanische Pr&auml;sident verk&uuml;ndete, f&uuml;r das Funktionieren der Wirtschaft sei der Staat &bdquo;das Problem&ldquo;, staatliches Handeln k&ouml;nne Wirtschaftsprobleme nicht l&ouml;sen. <\/p><p>Kampf gegen Inflation, Unabh&auml;ngigkeit der Zentralbanken, Deregulierung, Flexibilit&auml;t des Arbeitsmarktes etc. waren die neuen Schlagworte der konservativen (Konter-)Revolution, die auch von den Weltorganisationen Weltbank und IWF &uuml;bernommen wurden. Der von Beamten des US-Finanzministeriums zusammen mit Vertretern von Weltbank und IWF formulierte &bdquo;Washington consensus&ldquo; forderte u.a. auch f&uuml;r Entwicklungsl&auml;nder totale Markt&ouml;ffnung, Reduzierung der &ouml;ffentlichen und Sozialhaushalte, Abschaffung bestehender Regulierungsinstitutionen und Exportorientierung als wirtschaftspolitische Priorit&auml;t.<br>\nDa die Umsetzung der neoliberalen Rezepte (wieder wie von 1815-1929) zu schweren Finanzkrisen f&uuml;hrte (Lateinamerika, Fernost, Russland etc.), regte sich Widerspruch von renommierten, ebenfalls mit Nobelpreisen ausgezeichnete &Ouml;konomen (der Franzose Allais, der Inder Amartya Sen, die Amerikaner Stiglitz, Krugman, Ostrom und Oliver). Kritik und Denken dieser &Ouml;konomen fand durch die in der aktuellen Weltwirtschaftskrise praktizierte staatlich-konjunkturelle Steuerungsintervention Anerkennung und Best&auml;tigung.<br>\nDas klassisch\/-neoklassische Denkmodell der sich &ndash; &uuml;ber den Eigennutz rational agierender Wirtschaftssubjekte &ndash; am Besten selbst steuernden M&auml;rkte war lange Zeit zur &bdquo;offensichtlichen&ldquo; Wahrheit (in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung) geworden. Dasselbe galt f&uuml;r die neoklassische Vorstellung vom Geld als &bdquo;Schleier&ldquo;, dessen  Menge zwar Einfluss auf das Preisniveau, nicht aber auf die Produktion selbst haben k&ouml;nne.<\/p><p>Die j&uuml;ngste &ouml;konomische Krisen-Realit&auml;t zerst&ouml;rte gr&uuml;ndlich die neoklassischen Thesen bzw. die Krise zeigte deren ideologische Bedingtheit und Begrenztheit. Daher stellen heute &Ouml;konomen wieder ganz grunds&auml;tzlich neue Fragen. Der j&uuml;ngst ernannte Chefvolkwirt des IWF, Olivier Blanchard, und andere &Ouml;konomen entwickelten etwa, ausgehend von Keynes wirtschaftstheoretischer Konzeption, vergleichsweise realistischere und vern&uuml;nftigere wirtschaftspolitische Modelle als die neoliberale Utopie.<\/p><p>Christian Walter, Wirtschaftsforscher am Forschungszentrum zur Analyse finanzieller Risiken (Cefra) in Lyon, meint, die Neoklassik habe zwar in ihren Modellen auf wirtschaftlich-finanzielle Risiken hingewiesen und versucht, sie mit Hilfe von Wahrscheinlichkeitsrechnungs-Modellen einzugrenzen. Aber schon in den 1920-Jahren habe Keynes auf den Sachverhalt m&ouml;glicher v&ouml;lliger Unsicherheit (wirtschaftlicher Entwicklung) hingewiesen, der sich nicht als Wahrscheinlichkeitskalk&uuml;l erfassen lasse. Walter berichtet weiter, Keynes habe im Kapitel 12 seiner &bdquo;General Theory&ldquo; als Konsequenz des Unsicherheits-Sachverhalts die Erm&ouml;glichung wirtschaftlichen Handelns durch Schaffung eines stabilen Umfelds gesellschaftlicher Vereinbarungen (&bdquo;conventions&ldquo;) vorgeschlagen.<br>\nNeue, auf diesem Keynesschen Ansatz basierende wissenschaftliche Denkrichtungen w&uuml;rden k&uuml;nftig zweifellos an Bedeutung gewinnen. Zun&auml;chst m&uuml;sse jedoch die Vorherrschaft der am &bdquo;kalkulierbaren Risiko&ldquo; ausgerichteten Praxis und Theorie neoliberaler Wirtschaftspolitik gebrochen werden. So beruhten die j&uuml;ngst beschlossenen internationalen Regulierungs-Vereinbarungen zum Bankensystem, zum Versicherungswesen oder zum Unternehmens-Management immer noch auf dem Risikogedanken bzw. den Modellen rationalen Verhaltens der Neoklassik und blendeten den von Keynes hervorgehobenen Unsicherheits-Sachverhalt v&ouml;llig aus. Damit h&auml;tten sich die Regulierer faktisch auf Regeln f&uuml;r genau dasjenige pathogene Spiel verst&auml;ndigt, das die Ursache der Krise sei.<br>\nNach Walter schrecken die Staaten davor zur&uuml;ck, ihre wirtschaftspolitischen Strategien trotz deren offenkundigen Versagens in Frage zu stellen. Haupthindernis f&uuml;r einen Politikwechsel seien die politischen Machtverh&auml;ltnisse &ndash; das beweise etwa das Zur&uuml;ckweichen vor dem Druck der britischen Regierung bei der Regulierung der Hedge Funds oder auch das Hin und Her bei den Entschuldungshilfen f&uuml;r Griechenland durch den Druck der deutschen Regierung.<\/p><p>V&eacute;ronique Riches-Flores, Chefvolkswirtin der Bank Soci&eacute;t&eacute; G&eacute;n&eacute;rale, ist u.a. der Meinung,   Umrisse einer neuen, auch auf die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse einwirkenden Wirtschaftspolitik zeichneten sich schon ab. Jedenfalls sei die seit 20 Jahren global propagierte Wirtschaftspolitik der Preisstabilit&auml;ts-Priorit&auml;t in der Wirtschaftskrise in sich zusammengebrochen. Vorrang m&uuml;sse jetzt staatliches Handeln zur (konjunkturellen) Nachfragesteuerung, zur F&ouml;rderung strukturellen Wachstums, zur Bew&auml;ltigung des Schulden-Krisenerbes und zur Regulierung der M&auml;rkte haben.<br>\nIn die richtige Richtung geht nach Riches-Flores auch die Infragestellung der deutschen Wirtschaftspolitik durch die franz&ouml;sische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde, die wie folgt zitiert wird: &bdquo;Deutschland galt bis vor kurzem als nachzuahmendes Modellvorbild angebotsorientierter Wirtschaftspolitik. Heute sagen wir den Deutschen: schafft Nachfrage!&ldquo;<\/p><p>Weltweit &auml;ndere sich die wirtschaftspolitische Doktrin auch durch die sehr viel st&auml;rker staatlich gesteuerte Wirtschaftspolitik der Schwellenl&auml;nder. Nach Riches-Flores sind Beschr&auml;nktheit und Grenzen neoliberaler Ideologie als &ouml;konomischer Glaube von gestern offenkundig geworden. Sie folgert daraus, das neue &ouml;konomische Denken m&uuml;sse der Dynamik der realen Welt gerechter werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wesentliche Inhalte eines in der &Ouml;konomie-Beilage der frz. Tageszeitung Le Monde vom 7.4.2010 erschienen Artikels. 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