{"id":5139,"date":"2010-04-12T08:54:50","date_gmt":"2010-04-12T06:54:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5139"},"modified":"2014-08-07T14:39:38","modified_gmt":"2014-08-07T12:39:38","slug":"urteil-im-bankentribunal-von-attac","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5139","title":{"rendered":"Urteil im Bankentribunal von Attac"},"content":{"rendered":"<p>Die Richterinnen und Richter haben die Anklage beim Bankentribunal von Attac in wichtigen Punkten best&auml;tigt. In ihrem am heutigen Sonntag in der Berliner Volksb&uuml;hne verk&uuml;ndeten Urteilsspruch stellten sie folgendes fest.<br>\n<!--more--><\/p><p>&ldquo;Die Jury kommt zu der &Uuml;berzeugung, dass die Finanzkrise nicht wie eine Naturgewalt &uuml;ber die deutsche Wirtschaft hereingebrochen ist. Es gibt klare Verantwortliche. Dazu geh&ouml;rt die Politik, hier vertreten durch Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Durch ihre Arbeitsmarkt-, Sozial- und Finanzpolitik haben sie dazu beigetragen, dass sich die Finanzm&auml;rkte von der Realwirtschaft abl&ouml;sen konnten und hochriskante Spekulationsgesch&auml;fte m&ouml;glich wurden.<br>\nSie haben wiederholt die &ouml;ffentlichen Interessen an private ausgeliefert. Sie haben die Demokratie untergraben. Sie haben die Gl&auml;ubiger geschont und nicht f&uuml;r die Kosten der Bankenrettung herangezogen. Sie haben die Milliardensummen den &ouml;ffentlichen Haushalten aufgeb&uuml;rdet. Sie setzen sich nicht entschieden f&uuml;r die &uuml;berf&auml;llige Regulierung der Finanzm&auml;rkte ein. Sie lassen es ferner geschehen, dass Milliarden von Menschen im globalen S&uuml;den noch tiefer in Armut gest&uuml;tzt werden.<\/p><p>Die Jury widerspricht den Banken, hier vertreten durch Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann, sie seien nur &lsquo;Getriebene der M&auml;rkte&rsquo;.<br>\nVielmehr haben sie durch ihr bedenkenloses Gewinnstreben den Grundsatz grob verletzt, dass &lsquo;Eigentum verpflichtet&rsquo; und auch dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen hat.&rdquo;<\/p><p>In ihrer Urteilsbegr&uuml;ndung monierten die Richter insbesondere, dass die Profiteure der Staatshilfen nicht angemessen an den Rettungsaktionen beteiligt wurden und die Gl&auml;ubiger der Banken bisher gar keinen Beitrag leisten mussten. <\/p><p>Der derzeitigen Bundesregierung sei vor allem anzulasten, dass noch immer keinerlei Regulierung der Finanzm&auml;rkte erfolgt sei. Zwar der Einwand der Verteidigung berechtigt, dass die Einflussm&ouml;glichkeiten Deutschlands in internationalen Gremien begrenzt sind. Dennoch trage die derzeitige Bundesregierung eine Mitschuld, dass die internationale Finanzmarktregulierung nur schleppend in Gang kommt. &ldquo;Kanzlerin Merkel ist erkennbar bem&uuml;ht, die Standortinteressen der deutschen Kreditinstitute zu verteidigen&rdquo;, hei&szlig;t es in der Begr&uuml;ndung. So habe etwa der Zeuge Sven Giegold als Mitglied des Europaparlaments glaubhaft belegen k&ouml;nnen, dass Deutschland eine st&auml;rkere Bankenaufsicht auf europ&auml;ischer Ebene verhindert und eine bessere Regulierung von Hedge-Fonds blockiert hat. <\/p><p>Das Gericht folgte auch der Darstellung des Zeugen Harald Schumann, dass bei der Rettung der Hypo Real Estate unn&ouml;tig Steuergeld verschwendet wurden, weil das Bundesfinanzministerium trotz bekannter Liquidit&auml;tsengp&auml;ssen keinerlei Notfallplan aufgestellt hatte.<\/p><p>Zudem sei es falsch gewesen, die Fusion von Commerzbank und Dresdner Bank zuzulassen und mit Steuermitteln zu finanzieren. &ldquo;Die Aufgabe der Bundesregierung w&auml;re es gewesen, kleinere Banken zu schaffen, statt gigantische Zusammenschl&uuml;sse zu organisieren&rdquo;, stellten die Richter fest. <\/p><p>Nicht der Anklage folgten die Richter hingegen in ihren Schlussfolgerungen aus der Beweisaufnahme zum Thema Griechenland.<br>\nBisher l&auml;gen keine belastbaren Beweise vor, inwieweit die Banken &ndash; und insbesondere die Deutsche Bank &ndash; von dem drohenden Staatsbankrott profitieren, auch wenn die Vernehmung des Zeugen Harald Schumann Hinweise erbracht habe, dass die Fehler bei der HRE-Rettung wiederholen und die Gl&auml;ubiger erneut geschont werden k&ouml;nnten. <\/p><p>Als G&auml;nzlich unvereinbar mit demokratischen Grunds&auml;tzen bezeichnete die Jury, dass selbst von Regierungsseite manche Finanzakteure als &ldquo;too big to fail&rdquo; angesehen werden. Dies konstatiere einen unertr&auml;glichen Zustand staatlicher Ohnmacht, der mit dem Demokratieprinzip unvereinbar sei. &ldquo;Daraus folgt der zwingende Beweis f&uuml;r die Notwendigkeit der Zerschlagung solcher Institute&rdquo;, hei&szlig;t es in der Urteilsbegr&uuml;ndung.<\/p><p>Mehr als 800 Menschen aus ganz Deutschland hatten am Samstag in der ausverkauften Berliner Volksb&uuml;hne die Verhandlung verfolgt, die sich &uuml;ber den ganzen Tag &ndash; von 9 bis 22 Uhr &ndash; erstreckte. Zahlreiche Attac-Ortsgruppen nutzten zudem den Livestream im Internet f&uuml;r &ouml;ffentliche Public Viewings. Die Auseinandersetzung zwischen Anklage, Verteidigung und Zeugen glich zeitweise einem regelrechten Gerichtskrimi. Dabei nahm das Publikum lebhaften Anteil an der Verhandlung &ndash; immer wieder gab es Buhrufe, Zwischenrufe und Beifall bis hin zu Standing Ovations. Vor allem die wechselseitige Befragung der Zeugen Harald Schumann, Sven Giegold und Lucas Zeise f&ouml;rderte f&uuml;r Anklage und Verteidigung neue und &uuml;berraschende Erkenntnisse zutage. <\/p><p>Zu den Angeklagten des Tribunals geh&ouml;rten die aktuelle Bundesregierung und ihre zwei Vorg&auml;ngerinnen, vertreten durch Gerhard Schr&ouml;der, Angela Merkel und Peer Steinbr&uuml;ck; die Deutsche Bank und der Bundesverband deutscher Banken, beide vertreten durch Josef Ackermann; sowie Hans Tietmeyer, ehemaliger Aufsichtsrat von Depfa und HRE, Chef-Kurator der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und fr&uuml;herer Bundesbankpr&auml;sident. Ihnen warf die Anklage &ldquo;Aush&ouml;hlung der Demokratie und Vorbereitung der Krise&rdquo;, &ldquo;Zerst&ouml;rung der &ouml;konomischen Lebensgrundlagen in Nord und S&uuml;d&rdquo; sowie &ldquo;Versch&auml;rfung der Krise&rdquo; vor. <\/p><p>&ldquo;Mit dem Tribunal ist uns ein wichtiges St&uuml;ck politischer Aufkl&auml;rung gelungen, von dem ein starkes politisches Signal ausgeht&rdquo;, sagte Jutta Sundermann vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis. Durch die Form des Tribunals sei es gelungen, viele Menschen zu erreichen, die sich in dieser Tiefe noch nicht mit der Finanzkrise besch&auml;ftigt hatten. Als Mitwirkende habe Attac Menschen mit enormem Fachwissen zusammengebracht, die sich f&uuml;r das Tribunal erstmals in eine intensive intellektuelle Auseinandersetzung &uuml;ber die Ursachen und Konsequenzen der Finanzkrise miteinander begeben haben. &ldquo;Deshalb verstehen wir das Urteil als Startpunkt f&uuml;r eine dauerhafte kritische und kompetente Einmischung der Zivilgesellschaft f&uuml;r einen Bankensektor, der dem Allgemeinwohl dient.&rdquo;<br>\nDas Urteil im Wortlaut.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.attac.de\/fileadmin\/user_upload\/Kampagnen\/casino\/Aktionen\/Bankentribunal\/Urteil.pdf%20\">attac [PDF &ndash; 127 KB]<\/a><\/p><p><em><strong>Anmerkung WL:<\/strong> Es war jedenfalls ein hochinteressantes Tribunal mit vielen guten Argumenten und spannenden Kontroversen. An diesem Wochenende fanden gleichzeitig auch die Wahlkampfauftaktveranstaltungen von CDU und SPD in Nordrhein-Westfalen statt. Aus der Medienberichterstattung entnehme ich, dass keine der zahlreichen Rednerinnen und keiner der Redner auch nur ein Wort &uuml;ber die Bankenkrise verloren hat. Es ist geradezu eine Bankrotterkl&auml;rung f&uuml;r die Parteiendemokratie, dass das wichtigste und alle Menschen betreffende Thema totgeschwiegen wird. Es geht nur noch um Koalitionsbildungen und um Spiele um die Macht der Parteien &ndash; sie sind nur machtversessen, die tats&auml;chlichen Probleme interessieren sie nicht.<br>\nWie sagte doch die Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannte vor dem Bundesausschuss der CDU am 20.02.2006 so richtig:<br>\n&ldquo;Die Besch&auml;ftigung mit nicht vorrangigen Dingen darf aber kein Ersatz daf&uuml;r sein, dass wir auf die eigentlich bedr&auml;ngenden Fragen keine Antwort haben.&rdquo;<br>\n<\/em><\/p><p>Wenn Sie die <a href=\"?p=5128\">Er&ouml;ffnungsrede von Wolfgang Lieb<\/a> (mit Standbild) wenigstens nachh&ouml;ren wollen:<br>\nQuelle 1: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=p3wtSlUnnuw%20\">YouTube<\/a><br>\nQuelle 2: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iasfpgpGHhs&amp;NR=1%20\">YouTube<\/a><br>\nQuelle 3: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jtN5AF3VTLM&amp;NR=1%20\">YouTube<\/a><\/p><p>Siehe dazu auch: <\/p><p><strong>Anklage auf offener B&uuml;hne<\/strong><br>\nDie Globalisierungskritiker von Attac bringen den Finanzkapitalismus vor Gericht: Ein Show-Tribunal in der Berliner Volksb&uuml;hne. Sie sei hier, weil sie endlich mal verstehen wolle, wie das alles passieren konnte mit der Finanzkrise, sagt eine Zuschauerin. Sie ist Lehrerin aus Berlin. Die Veranstaltung gef&auml;llt ihr, auch wenn sie immer noch etwas entr&uuml;stet ist &uuml;ber die flammende Rede, die der Verteidiger gerade gehalten hat. &bdquo;Der meint das ja wirklich ernst&ldquo;, sagt sie. Sie frage sich, warum man &bdquo;die alle&ldquo; nicht auch im wahren Leben anklage. Die Frage stellen sich viele. Zwar hat diese Veranstaltung wenig mit einem echten Gerichtsverfahren zu tun. Daf&uuml;r aber viel mit demokratischer Kontrolle. Und die geh&ouml;rte eigentlich ins Parlament.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/art271,3082214?_FRAME=33&amp;_FORMAT=PRINT\">Tagesspiegel<\/a><\/p><p><em><strong>Anmerkung Orlando Pascheit:<\/strong> Soweit so gut. Irritiert, beunruhigt hat mich ein kleiner Satz. Im Artikel hei&szlig;t es. &ldquo;Die Volksb&uuml;hne ist mit &uuml;ber 800 Karten restlos ausverkauft. Die Zuschauer sind f&uuml;r dieses Wochenende aus allen Teilen der Republik angereist.&rdquo; Und dann: &rdquo; Das Durchschnittsalter liegt gesch&auml;tzt bei 60 Jahren.&rdquo; Da fragt man sich schon, was an politischer Debatte m&ouml;glich sein wird, wenn diese Generation sich endg&uuml;ltig zur&uuml;ckzieht. Man glaubt dann auch nicht den Leuten von der Shell-Studie 2010,&nbsp; die ein Drittel der heutigen Jugend als politisch einstuft. Ein historischer Tiefpunkt, aber immerhin.<br>\n<\/em><br>\n<em><strong>Erg&auml;nzende Anmerkung WL:<\/strong> Lieber Orlando Pascheit, da ich nun Augenzeuge war, kann ich Sie  beruhigen, selbst auf dem Podium lag das Durchschnittsalter niedriger, zum Gl&uuml;ck gibt es ja Robert von Heusinger, Harald Schumann oder Ulrike Herrmann. Ich selbst wurde jedenfalls von viel mehr j&uuml;ngeren Leuten angesprochen als offenbar die Journalistin vom Tagesspiegel.<br>\nApropos Tagesspiegel: Am Tag nach der Er&ouml;ffnung hatte der Tagesspiegel nichts Wichtigeres als auf Seite eins einen Artikel &uuml;ber einen Berliner Auftritt von Sarrazin. Das Bankentribunal war ihm keine Zeile wert. Und dass (&uuml;brigens ein alter Freund von mir) Wolfgang Kaden von Harald Schumann geradezu blamiert worden ist, das war der Autorin dieses Artikels wohl schlicht zu hoch. Und so schlicht ist der Beitrag auch.<br>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Richterinnen und Richter haben die Anklage beim Bankentribunal von Attac in wichtigen Punkten best&auml;tigt. 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