{"id":51430,"date":"2019-05-04T11:45:10","date_gmt":"2019-05-04T09:45:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51430"},"modified":"2024-09-24T08:07:28","modified_gmt":"2024-09-24T06:07:28","slug":"entwicklung-durch-auswanderung-der-fall-haiti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51430","title":{"rendered":"Entwicklung durch Auswanderung? Der Fall Haiti"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;re es so, dass die R&uuml;ck&uuml;berweisungen von Migranten in ihre Heimat dort entscheidende Entwicklungsimpulse ausl&ouml;sten, dann m&uuml;sste es Haiti pr&auml;chtig gehen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Von Dr. <strong>Alexander King<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51430#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><div class=\"clearBoth\"><\/div><p><!--more--><br>\nHaiti gilt als der &auml;rmste Staat Lateinamerikas. 11 Millionen Menschen leben in dem Karibikstaat. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung betr&auml;gt 60 Jahre und liegt damit erheblich unter der ihrer Nachbarn in Kuba (80 Jahre) und der Dominikanischen Republik (74 Jahre). Die Kindersterblichkeit liegt bei fast 7% und damit so hoch wie nirgendwo sonst in Lateinamerika. Das Prokopfeinkommen lag 2017 bei 765 US-Dollar, zum Vergleich: In den USA lag es bei 59.532 US-Dollar. Ein Verh&auml;ltnis von 1:78. Selbst wenn man die Kaufkraftparit&auml;t in die Gleichung hineinrechnet, lag das Verh&auml;ltnis bei 1:33. Dass eine solche Asymmetrie Migration ausl&ouml;st, liegt nahe. Aber es bedurfte weiterer Faktoren, um aus der Migration, die in &uuml;berschaubarem Ma&szlig;e immer stattgefunden hat, eine Massenabwanderung zu machen. <\/p><p>Noch 1960 lebten gerade mal 5000 Haitianer in den USA, 2015 waren es bereits 676.000. Insgesamt wird die Zahl der im Ausland lebenden Haitianer heute auf 2 Millionen gesch&auml;tzt. Die Massenmigration setzte Mitte der 80er Jahre ein. Damals machte sich die Weltbank an die Umsetzung eines neoliberalen Entwicklungsprogramms. Sie setzte durch, dass die haitianischen Au&szlig;enz&ouml;lle radikal herabgesetzt wurden. Ern&auml;hrungssicherheit sollte nicht mehr durch die eigene Produktion und &uuml;ber lokale M&auml;rkte, sondern durch den Zugang zu g&uuml;nstigen importierten Nahrungsmitteln hergestellt werden. <\/p><p>Dass die Bauern, deren M&auml;rkte in der Folge von Importwaren aus den USA &uuml;berschwemmt wurden, ihre D&ouml;rfer w&uuml;rden verlassen m&uuml;ssen, hatte die Weltbank eingepreist. Sie sollten k&uuml;nftig in kapitalistischer Lohnarbeit ihr Geld verdienen, um die importierten Produkte kaufen zu k&ouml;nnen. Landflucht und ein explosionsartiges Wachstum der Hauptstadt Port-au-Prince waren die Folge. Doch die neuen Sweatshops, die die frei gewordene Arbeitskraft aufnehmen und zu Sonderkonditionen Textilien f&uuml;r den Weltmarkt produzieren sollten, entwickelten sich nicht gut. Die Konkurrenz aus Asien erwies sich als zu stark. Schon bald richtete sich die Migration deshalb auf das Ausland. <\/p><p>Migration muss von Beginn an als Teil der neoliberalen Entwicklungsstrategie begriffen werden. Diese Strategie setzt auf volle Beweglichkeit und &ndash; f&uuml;r das Kapital &ndash; &bdquo;optimale&ldquo; Verteilung aller Produktionsfaktoren, einschlie&szlig;lich der menschlichen Arbeitskraft, &uuml;ber die freien globalen M&auml;rkte. Die R&uuml;ck&uuml;berweisungen der Migranten passen insofern in dieses Konzept, als sie die Familien zuhause, die ihrer Produktionsmittel und ihrer M&auml;rkte beraubt wurden, in die Lage versetzen, die importierten Waren zu kaufen. <\/p><p>Doch diese Sichtweise wurde durch die Realit&auml;t widerlegt. W&auml;re es so, dass die R&uuml;ck&uuml;berweisungen von Migranten in ihre Heimat einen entscheidenden Entwicklungsimpuls ausl&ouml;sten, dann w&auml;re Haiti schon lange auf der &Uuml;berholspur. Haiti geh&ouml;rt seit Jahrzehnten zu den L&auml;ndern, die, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), die h&ouml;chsten R&uuml;ck&uuml;berweisungen empfangen: Mit 29% Anteil der R&uuml;ck&uuml;berweisungen am BIP lag Haiti 2017 an vierter Stelle &ndash; hinter Tonga, Kirgistan und Tadschikistan und vor Nepal, Liberia, den Komoren und Gambia. <\/p><p>Zentralamerikanische Staaten wie El Salvador und Honduras geh&ouml;ren ebenso zu den gr&ouml;&szlig;ten Empf&auml;ngern von R&uuml;ck&uuml;berweisungen wie Pal&auml;stina oder in Europa Kosovo und Bosnien-Herzegowina. Schon diese Auflistung zeigt: Ein positiver Zusammenhang zwischen dem Eingang von R&uuml;ck&uuml;berweisungen und wirtschaftlicher Entwicklung kann nicht angenommen werden. Vielmehr scheint es so zu sein, dass aus L&auml;ndern, die die h&ouml;chsten R&uuml;ck&uuml;berweisungen empfangen, in der Folge eher mehr als weniger Menschen migrieren (m&uuml;ssen).<\/p><p>2002 lag der Anteil der R&uuml;ck&uuml;berweisungen am haitianischen BIP noch bei 20%. Er w&auml;chst und zugleich bleibt die Wirtschaft auf Talfahrt. Das BIP stagniert seit Mitte der 80er Jahre (2017: 1,2% Wachstum) mit einigen krisenhaften Ausschl&auml;gen nach unten und bleibt insgesamt hinter dem Bev&ouml;lkerungszuwachs zur&uuml;ck. Im Verh&auml;ltnis zu den USA fiel die Kaufkraft in den Jahren der Massenmigration erheblich zur&uuml;ck. Allein in den letzten 20 Jahren vergr&ouml;&szlig;erte sich die Kluft von 1:23 auf 1:33. <\/p><p>&bdquo;Haiti produziert nicht, Haiti ist ein Markt&ldquo;, auf diese kurze Formel bringen es haitianische &Ouml;konomen, wenn sie die Ergebnisse dieser Entwicklungsstrategie zusammenfassen. Die Au&szlig;enhandelsbilanz Haitis hat sich in den letzten 30 Jahren (1987 bis 2017) erheblich verschlechtert: von 1:1,5 auf 1:3. Die Produktivit&auml;t geht immer weiter zur&uuml;ck, Ans&auml;tze industrieller Entwicklung sind verschwunden, Landwirtschaft wird nicht mehr f&uuml;r lokale M&auml;rkte, sondern allenfalls noch zur Subsistenz betrieben, die Wirtschaft ist vollst&auml;ndig informalisiert. Einkommen sind nur noch im (&uuml;berwiegend informellen) Vertrieb der importierten Waren zu erzielen &ndash; oder eben per &Uuml;berweisung durch Familienangeh&ouml;rige aus dem Ausland. Durch Importabh&auml;ngigkeit und Inflation kommen die Bev&ouml;lkerungsgruppen massiv unter Druck, die kein Geld aus dem Ausland erhalten. Und das sind vor allem diejenigen mit ohnehin besonders niedrigen Einkommen.    <\/p><p>Mehr als jeder vierte Haushalt empf&auml;ngt R&uuml;ck&uuml;berweisungen von Familienangeh&ouml;rigen, die ins Ausland migriert sind. Doch diese verteilen sich zwischen den Einkommensgruppen sehr ungleich: Zum Gesamteinkommen des oberen F&uuml;nftels tragen R&uuml;ck&uuml;berweisungen rund 25% bei, zum Gesamteinkommen des unteren F&uuml;nftels nur 5%. Die R&uuml;ck&uuml;berweisungen scheinen die sozialen Unterschiede in Haiti also noch zu verst&auml;rken. <\/p><p>Nicht in allen L&auml;ndern ist dieser Zusammenhang gleicherma&szlig;en ausgepr&auml;gt. Wie sehr auch &auml;rmere Haushalte an Wanderungsbewegungen (und R&uuml;ck&uuml;berweisungen) partizipieren, h&auml;ngt von der zu &uuml;berwindenden Distanz, den damit verbundenen finanziellen Aufwendungen und den beruflichen Perspektiven am Zielort ab.  <\/p><p>Je h&ouml;her der Bildungsstand eines haitianischen Haushalts, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Familienmitglied migriert. Unter den Haushalten, in denen die Erwachsenen im Durchschnitt 12 oder mehr Schuljahre absolviert haben, haben fast zwei Drittel Familienmitglieder im Ausland, unter den Haushalten ohne Schulbildung trifft das nur auf ein F&uuml;nftel zu. <\/p><p>Das erkl&auml;rt zum einen die ungleiche Verteilung der R&uuml;ckfl&uuml;sse, zum anderen weist es auf ein weiteres Problem hin: den Braindrain. 80% aller in Haiti geborenen Menschen, die einen terti&auml;ren Bildungsabschluss haben, leben im Ausland. Auch wenn darunter nicht wenige sind, die den Abschluss erst im Ausland, also nach der Migration, erworben haben, wird insgesamt ein hoher Aderlass sichtbar, der insbesondere im medizinischen Bereich verheerende Auswirkungen hat. &Auml;rzte, Krankenschwestern, aber auch Ingenieure, die Haiti f&uuml;r die Entwicklung br&auml;uchte, gehen dem Land verloren. Ausbildungskosten, die die haitianische Gesellschaft aufgewandt hat, kommen den Ziell&auml;ndern zugute, potentielle Steuereinnahmen bleiben aus.<\/p><p>Eine positive Wirkung von Migration und der damit verbundenen R&uuml;ck&uuml;berweisungen auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den Herkunftsl&auml;ndern kann unter den herrschenden Bedingungen nicht automatisch vorausgesetzt werden. Zwar k&ouml;nnen R&uuml;ck&uuml;berweisungen Impulse f&uuml;r die Kaufkraft geben. Und selbstverst&auml;ndlich k&ouml;nnen sie f&uuml;r die betroffenen Familien eine Erleichterung ihrer Situation darstellen. Gesamtgesellschaftlich sind die Wirkungen jedoch stark abh&auml;ngig von den strukturellen Voraussetzungen im Heimatland. Den Aderlass durch Braindrain k&ouml;nnen sie nicht ausgleichen. Im schlimmsten Fall k&ouml;nnen sie sogar entwicklungshemmend wirken, wenn sie die Importabh&auml;ngigkeit verst&auml;rken und die heimische Produktivit&auml;tsentwicklung schw&auml;chen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Dr. Alexander King ist Diplomgeograph. Er hat w&auml;hrend des Studiums und der Dissertation mehrere Forschungsreisen nach Haiti unternommen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;re es so, dass die R&uuml;ck&uuml;berweisungen von Migranten in ihre Heimat dort entscheidende Entwicklungsimpulse ausl&ouml;sten, dann m&uuml;sste es Haiti pr&auml;chtig gehen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. 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